Einzelbild herunterladen
 

Nr. 289. Samstag, 24. Juni 1922.

INMWWNW I» SMlNWM

Sr. Königsberg. 23. Juni. Die ..OltpreubUcke 3-ituna" meldet: Aus Moskau wird berichtet: Der räterussiscke Ver­

treter in Berlin. Kreczi nski. hat der Räteregieruna einen ausfübrlicken Bericht über die außenv oli til &. : e La ge erstattet. Kreczinski wies nach, daß di-, ö s f e n 11 l.ck> e M e i - nuna inDeutschland dem beutigen Regime in Rußland durchaus ablehnend gegenüberst-bt. Es sei kerne Aussicht vorhanden daß die große Mebrbeit des Volkes in absehbarer Zeit sich mit dem Rätereoime in seiner heutigen Form be­freunden könne. Nicht nur das Bürgertum, sondern auch die große Mehrheit der Arbeiter in Westeuropa mißtraue der Kreml-Regierung. Dre russischen Vertreter im Ausland können infolgedessen keine ersori-.ßlrcke Arbeit lernen. Der Bericht des Berliner Vertreters im Kreml hat in den Kreisen der Rätereaierung grobes Auks.chm erregt. Im Bat der Volks­kommissare erklärten zwei Lolksbeaustrigte. eine Reorga­nisation der bols-bewikischen Verlass uns und ihre Anpassung an westeuropäische Formen wäre nicht zu umgeben. Die Reformen müßten vor allen Dingen dre Stellung und die Aufgaben der allrussischen Zentralerekutrve wie des Rats der Vclksbeauftragten berühren. Nack den Vorschlägen Oiünskis soll die allrussische Zentralexekutive künftig die Aufgaben der westeuropäischen Parlamente über­nehmen und der Sowkom «Rat der Volkskommissare) soll die eigentliche Regierung repräsentieren und die Funktionen der westeuropäischen Mniisierkabiiiette ausüben. Die Legislative und Exekutive sollen also streng oonnnander geschieden wer­den. Der Rat der Volkskommissare trägt gegenüber der Zen- iralerekutive die Verantwortung für die genaue Ausfübrung der Gesetze. Der Vorsitzende der Zentralexekutive. K a l n i n. soll etwa die Stellung des deutfchen Präsidenten haben, wah­rend der Vorsitzende des Rats der Volkskommissare, bisher L e n i n. die Stellung des deutschen Reichskanzlers bekommen lall.

Tschitscherin.

kr. Berlin, 23. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Die B. Z." erfährt zu den Gerüchten über Tschitscherin, Tschitscherin ist weder diplomatisch noch wirklich krank. Er wird nicht abberufen, nicht zurückkehren und nicht durch Rade! ersetzt werden, auch nicht Botschafter in Berlin wird er. Sein verlängerter Aufenthalt in Berlin hängt mit der Vorbereitung der Haager Ver­handlungen und mit diplomatischen Berhand- jungen mit deutschen und Entente-Vertretern zu­sammen.

Das Attentat aus Marschall Wilson.

v. London. 23. Juni. lEia Drahtbericht.) Zum Atten­tat auf Marsckall Wilson werd.'n noch folgende Einzelheiten bekannt. Gestern nachmittag 2 30 Ufer kehrte der Marschall von der Tinweihungsseier eines Denkmals, das zu Ebreii der im Kriege gefallenen Eisenbahn rr errichtet wurde vom Liocr- vooler Babnfeos in cin-m Taxnmet-r nach seiner Wohnung zurück. 2m Augenblick, als der Marschall vor seiner Wohnung cussiieg. sprangen zwei Individuen, die sich hinter dem Wagen versteckt batten, hervor und gaben aus den Marschall zwe, Rcvolvcrlcküsie ab. die aber nickt trafen, da Wilson sich ge­schickt bückte und in einem Satz an die Haustür gelangte um ins Innere des Sauses »» fluchten. Im Augenblick, als er die Tür offnen wollt«, erfolgten neue Schliffe und der Mar­schall taumelte, von drei Kugel r in Brust. Bein und.Arm ge­troffen. nack hinten. Er brach sofort aus dem Buraersteig leblos zusammen, bevor noch lerne Schwester und die Dienst­boten des Sauses berbcigeeilt waren. Auf die beiden Mörder begann eine tolle Jagd. S-chliedsick gela-rg es. ihrer,habhaft zu werden. Die Polizisten konnten dis Menge nur mit Muhe daran bindern, die beiden Mörder ,u lynchen.. Der eine. James Eonnolly. ist aktives Mitglied der irischen republika- nischen Armee. Er ist 2-1 Jahre alt. Sein Kamerad gleichen Alters. James O'Brre,. verweigerte jede Auskunft über, seine Perlon. Dre Polizei von London halte bereits Kenntnis er­halten. das, sich gegen den Marsckall Willon ein Attentat vor- bereite. Die Wohnung Wilsons war infolgedessen^auck >ert einiger Zeit bewackl worden, ohne daß jedoch der Mord ver­hindert werden konnte .

Das Oberhaus nahm auf Antrag Lord Salisburys einstimmig eine Resolution an. die die allgemeine Trauer ausdrückt und energiick gegen das Attentat, protestiert Der englische Premierminister bat an die Witwe des Mar- ickalls gestern sofort ein Beileidstelegramm geschickt

Ermordung britischer Offiziere in Kurdistan.

W. T.-B. London. 23. Juni. Nach einer amtlichen Mel­dung wurden zwei britische Ofiizie-e am 18. Juni in Kurdistan r>on einem eingeborenen S ruvtling erm oroet

Wiesbadener _Morgen-Ausgabe. Erste« Blatt. Seite 3.

Wiesbadener Nachrichten.

T«r Kampf in der Natur.

lErn Rückblick auf den Früblins.)

Von E. N « u h a u e.

Der holde Lenz ist zu Ende. Er streute aller Welt Freuden und Blumen bin ohne Wahl und Za« und nimmt nun Abschied mit seinem schönsten Zauber, den Rosen und durstendem Blumen ilor: und dann folgt Mutter Natur wieder ihrem aiigewo buten Schicksal. Sie erfreut ihre Kinder durch die sommerliche Reif« und sorgt für den Be­stand der Art schüttet im Serbst!egen zum zweitenmal wr Füllhorn aus und sinkt dann durch Welken und Hiusterben in Agonie. den Vorboten des Winterschlafs in dem all ihr Leben erloscht und st« durch eisige, frostige Tage hm wartet aus ihr regelmäßiges Aufersieben. In ihrem ganzen Tun und Walten Ut sie em Vorbild nie rastenden Seins, aber auch des nie endenden Werdens und Vergehens. und für dr« Geschöpfe bleibt ihr Wechsel ein steirr Kamps ums Da­sein von der Wiege bis zum Grab. Sie ist darin streng und schont sich selbst imbt. Was sie geschaffen, mutz sie. den ewisen Gesetzen folgend, auch unerbittlich und rücksichtslos, wieder zerstören. Ja. selbst am Fels nagt ihr Zahn der Zeit. Um im« viel mehr zwingt sie die gesirmte organische Welt, das Pflanzen- und Tierleben sich ibrer unbegreiflichen Weis­heit zu beugen. All das leben wir vor unseren Augen. immer wiederkehrend, doch ihr Keim bleibt unter warmer Schneedeck« geborgen, und neues Leben blüht aus ihren Ruinen. Zu dieser Erkenntnis führt immer ern offenes Auge im Frühlmg au- Schritt und Tr-tt in Feld. Flur und Wald. Folgen wir doch einmal dieser Erkenntnis und bannen unter Dalein nicht in gedankenloses Dam n,laufen und Toure nabrennen oder Rasen nach lukullischen Genüssen, welches so viele Erholung nennen, sondern lenken den Zweck unserer Ausflüge neben Schaffung körperlicher Vor­teil« auch auf damit zu vereinigende geistige Genusie. be­ziehen beispielsweise den ewigen Wechsel im der Natur auch ernmal aut den einzig vernünftigen Zweck unseres gesamten Lebens, die Erke: ntnis alles dessen, warum dt« Natur alles so geschaffen hat und unwandelbar bestehen laßt, warum sie unter Umständen selbst unbarmherzig gegen sich selbst fein muß. und warum so viele« entgegen unserer törichten Meinung gei-hiebt und geschehen muß. warum alles io kommen muß. wie es kommt und nicht anders fern darf. Dl« Natur macht kein« Fehler. Doch dazu gehört als,Grund­lage Gemüt und vor allem ein« gewisse Anlage, ach als zweckmäßigen Menschen zu bilden. ein gewisser Forsche'-- geist Aber ern icder kann sich diesen Geist durch Energie erzwingen.

Dieser Trieb zur natürlichen Erkenntnis liegt in jedem Geschöpf. Betrachten wir daffir dock nur das nach allge­meiner Ansicht unvernünftige Tier. Das ist es gar nickt. Sein« Mutier Natur bat ibm ein« gewisse Gewahr für dre Sicherheit seines Lebens mit auf den Weg gegeben. Nament­lich kein Raubtier w-rd auch nur einen Schritt ohne vor­herige Überlegung tun Vorsichtiges Abtasten und stete Aus- merklsamkeii zum Ab wenden von Gefahren werden bei ihm zumeist Regel sein, ttberstandenr Gefahren erziehen die noch unvernünftigen, noch tävrischen Jungen bald zur Klug­heit und Vorsicht Und der mit Vernunft begabte gottbe­gnadet« Mensch sollte losch einfachen Naturanlagen nicht fol­gen. seine Allmutter nickt erkennen können?! Nur ein guter Wille gehört dazu denn es ist dock eine bekannte Tatsache, daß sich der Mensch - in allen st inen Lebenslagen immer wieder zur Allmutter Natur bin,gezogen fühlt. In ihr stickt er Nahrung Trost m Krankheit und Linderung m stillem Schmers und barm. Das Band ist allo geknüpft. Lenkm wrr unsere Schritte noch e-nnral am Ende des mm geschiede­nen Frühlings unter solchen leitenden Gedanken mrück. welch wunderbare Weisheit des Schöpfers tui sich uns da auf. Em allaemetnes Erwachen, eine Änderung nach langer Win tee- nackt merkte da auck der denkfaulste, trägste Mensch. Den Eindruck batte er ickon bei einigen Schritten in, unser« lchönen. mannigfaltig gestalteten rind zum Studium der Natur einladenden Kuranlagen Er versetzte sich da­mit schon gleick mitten hinein in die Geburt-stucke der ganzen organischen Natur und fand auch den Leitstern all, ihrer Freuden, aber auch bet fortgesetzter Beobachtung so viel noch harrenden Leids und Wehs, das am Anfang des Frühlings noch ungeahnt im mütterlichen Schoß schlummerte.

Die so manchem unverständlichen, rauhen Aauinoktial- stüvm« batten das Brautgemach der Natur mit eisernem Besen rerngefegt. Doriäbriger Moder, morsche Stamm», schwarze, moosige Rindenstmifen and abgestorbene Zweige, walke, seßhafte Laubreste der Wintereiche und dt« Mufvrln der schwarzen Erlen deckten noch am Bachrand in Masten

die gepflegten Spazierwege uffd Boden. dt« große Müll­

grube der Natur. Dieser Mulm war aber schon nicht mehr leblos. In seinem seuchtwarmen Innern regten sich «nt Avril allerlei Gewürm. Larven und Jniekten, eine fürsorg­lich gedeckte Tafel für di« nun heim kehrende Fangirwelt. Di« ersten Blumen (Löwenzahns und Blatter (Bohne) reck­ten Blüten und Blatter der lichtlvendenden Sonne zu und schlossen abends ibr« Blüten. Auf den SonrgLluten wregtm sich die ersten bunten Schmetterlinge. Muckenschwarme und Käieichen füllten die Luit, und in den bluteschweren » bäumen und süß duftenden Linden summte das Heer nektar- berauichter. fleißiger Bienen. Ein wunderbares und w«. es schien - schönes Bild süßer Eintracht - Aberi all drefe Vorboten des Frühlings waren schon als dir ersten Opfer bestimmt in dem nun schon besinnenden Kamof ums Dasein. Die farbenprächtigen Schmetterlinge und das Summen oes Jmmenschwavms verrieten,durch ihren Schmuck die Maste die leckere Nahrung, ihren ärgsten Femden. den Bügeln. Einzelne unter den Infekten (das grüne Blatt. Hornisienich wärmer u. a, blieben ia sonderbarerweise durch ch« Mimikri vor solchen Nachstellungen geifchutzt. Aber, warum gerade diese Ausnahme sonst ganz unnützer kve- schövse. Dre Natur gibt uns darauf genügende Antwort:. Weil des Aussterben ihrer Art durch große Produktions- säh'gkait weniger gefährdet ist. Ander« Insekten.ruhen, bor trüber Witterung tim tiefem Gras oder an gleichfarbigen Pflanzenteilen (Weidenbohrer. KoblwEmg). io daß sie st'lbst vom Ickrarfen Vogelauge nicht von diesen zu unierschel- den sind. Aber auch die V o g e l w e l t unterlagt m der f or retircnfb^cTi nxinr eir tnfbr uttlb me.hr vem UIN-

crl)ittHid>en Au-sgleuti im der Natur. Die <m Ende 3 u tt t ansfli-eigiende rurnige Brut w^rld duvch NMÄbseflnvÄ, Regen« süsse ui®, stark dezilmi'ert' d<rs furbenuruchtrse Hoch-ertMem der Mänrnchen entdeckt sie besser ibren Femden uls v« schmucklos geÄ-ederten We'-bchern. d;e dadurch von Muster Natur mehr getckutzt und für die Nachzucht erhalten blechen, während dre Männchen in überffuffiger Zahl Vorkom­men. Die hitzigen Buchfinken u. a. fallen rn heißen 1« kämpfen, in denen sie alle Vorsicht außer acht lasten, lerchi ihren Feriiden mm Opfer. Die Meisen «rzcugen schon rm Frühling durch mehrere Bruten eine Maste Nachkommen.: aiber nur deshalb, weil sie infolge ihres schlechten Flugveir- mögens die Hauvtnabrung der Sperber- und Falken mwen,- Aber auch andere Gesichtspunkte kommen bei dem, aufmerk­samen Beobachter in Betracht. Es sind z. B. Sicherherts-- muhnsabmern. dir sicki bet dem in dem Anitus^n m-asseMyE oorkommendvn Wendedats lei«bt beobacki dem lussem. Be*m Erblickm eines Feindes ze>igt er sich hier in den unglaublich­sten Derwandlungskünsten. um diesen zu täuschen.

Sogar auösvsorocken ich«« Waldvögel haben sich 'chon zur größeren Sicherheit in unsere Anlagen, geilucktet. (Kirschkernbeißer. Pirol und DompfaffZ Wer der Kampf ums Leben spielt noch werter. Di« Vogelwelt .bildet di« L>-auo1'N>abruinig des kt ein ern Raiubgcsinldr'ls. Bet Tag und ^acht dräut chr (öe 7 <rhr. IMert so st i l l e n K u ra n l aS « n sind dem Forschenden ein- stets blutiges Schlechffeld. Am schlinimsten wüten die berumstretfenden. alles würgenden Katzen. Di« mörderische Wander- und Wasterratte raubt di« den Bach entlang wandernden und dem KursaalwEsr zustrebenden jungen Wildenten: und in letzterem selbst ist die Brut der Schwäne nickt sicher vor ihnen. Der so harm­los aussehend« Igel läßt sich di« am Boden hockend« mr Jum ausgeflogen« Brut der kleineren Singvögel gut schmecken., und das geschmeidige Wiesel bewegt sich scheinbar harmlos unter der Schar junger Stieglitze, di« im blumigen Wresen- grund den Samen der DoNkövle von Gräsern und Disteln sorglos klauben. Mit einem sicheren Satz übenascht es vlotz- lich sein armes Opfer. Dos sind nur einige wenig« Szenen des Kampfes in der Natur, der schon in den Anlagen ju beobachten ist. und betrifft nur die Kleintierwelt. , Gewaltt-, ger gestaltet sich derselben ia im größeren Tierreich anderer Erdterl«. Im Grund genommen ist es aber dasselbe sie« Ringen um die Eristenz. denn überall gilt dasselbe Gesetz: die Natur regelt ibren Bestand aus sich seWt. Ern Geschöpf dient im steten Kampf dem anderen zur Beute und Erhal­tung. Und trotzdem kommt es am wenigsten bei uns dazu daß ein« Tiergattung verschwindet. Das vollbringen nur di« aewaWamen Eingriffe des Herrn der Sckwvfring. des Menschen, od-rr kontincnial« oder elementare Natur­ereignisse (Überfchlvemmiingen. Witterungs- und Wärrm- wechfel). Dock nickt allein der Kampf ums Dafein, der ia gevad-e vm EeburtÄinonrni ber orgarnilsch-ern Stell, imt 3uni. und seinen beiden Vorgängern eine Hauptrolle spielt, erregt in der Natur unier dauerndes Jnteresie. Auch di« Kunst rn der Tierwelt fand in dieser schönen Zeit Vertreter in der oft so seltsam gestalteten Form der Blätter und Blüten, sowie in dem Formenreichtum der Jnsektenwohnnngen (Bienen. Wespen uta>.) und Nestern der Vögel der Hänge- wieo« des Mrol«. den ckeutel- und sackförmigen kunstoollen

L. T. A. ^offmaitn.

(Z u seinem 10 0. To des tag)

Von Dr. Paul Landau.

Es gibt Künstler, denen man ganz oder gar nickt erliegt. Sie besitzen eine klein« Gemeinde leidenfchastlircher Derebrer. die in ihnen das Höchste erblicken: der großen Masse blmben sie itumm. Trotz der allgemeinen Bekanntheit.E. T. A. Hoff­man ns. trotz der Derbreitung seiner Werke mochte man auck ihn zu diesen Dichtern rechnen, zu denen etwa. Baiudelanre -n Frankleich, BrrMning in England Leovardi m Italien gebären. Es war eigentlich ein Zufall, der di« Homnann- Mode der letzten Jahr« entfesselte' das.Wiederaufleben de-r Offenibachschen Oper, di« wieder anf ein ziemhrck w*»; hartes Fortwrrken seiner Geschichten rn der ffamzosisaien Literatur zurückgebt. Seitdem ist des dämonischen Kammer- gerrchtsmts faszm.erende Figur, längst umzuckt von oen bengalischen Blitzen der Legende, zum Helden eines Tbea tsr- siüäs ««worden, und dem Kino wird er-gewiß nicht emdgeoe.i.

Dieser oberflächlichen Popülaritöt steht aber ern« rmimr tiefer schürsende. immer emdringlicher seme Weserbert er- kenuend« Beschäffigung mit dem Dichter gegenüber, di« von seinen Bewunderern ansgegangen ist Don früh am war ern ..falscher" Hoffmann in das Publikum «edrungen ^ uamlch derGespenster"- undTeufels"-. Soffmaml- der dte greur- iisen. unheimlichen, spukhaften Züge der.Ronmntff am schicktesten ausnützl« und spannend« historische Ge ick.ichkr epziMte. Und auch sein Leben erbreli etwas Gespenstisches. Unwirkliches, wurde mit dem Fluch des Krankhaft«! um> Anormalen belMei. So entstand der mrwimende K^ffck. den di« Kunz. Eubitz und Rochlitz ausstreuten, den Walter Scott in einem viel beachteten Auffatz wiederholt«, ondaut den Goethe sich stützt«, als er fern Urteil über den ..Dwckter m Eallots Mwnrer" sprach. Das schlasrvort von der ..^aza- rett-Poesre" hat denn di« zünffrge Llteraturgechrchte auf­genommen. von Eervrmis an. Erst dr« eckte und aufopfe.nde Begeistemn« Eduard Grisebacks brach dre Babn für ern tieferes Begreifen und Genießen dieses selffomen uns m n- rigartigen Dickters: Ricarda Huck widmete mm rn idrsln RomantMuch klug« Worte, und schließlich Hans von

Müller und Earl Georg v. Maaßen uns fern wahres W^n erlennen lasten, sein« Merk« in reiner Gestalt Müllers zahlreiche Arbeiten räumten die Irrtum«r und Lügen beiieite. dtc fick du>vck ein Jahrhundert * .'"J gehäuft hoffen, veröffentlichten feine Tagebücher und Brüte. Maaßens Monumeirtalausgabe wird, wenn sie ernmal »ollendet ist. das schönste Ehrendenkmal Hoffmamrs lern.

Seine Dichtung wird jetzt als ein künstlerischer Hohe- v-unkt der Ramaniik gewertet, sein« Bedeutung als Musiker ist entdeckt: als genialer Psycholog« als NaEou^r musib^ lifcher Eindrücke nrnt Worten liebt er uueruiÄt da. -ia«

allen Richtungen sind sein Leben und Wenk durchforscht wor­

den. und seit kurzem besitzen wir auch eine birgraphrsäie Meäterleiitung. dre die neue Wertung seiner künstlerisbm Bersönlichkett begründet, cs ist das bei Erich Reiß erfch'.e- weme Werk van Walter Harich.. in besten Vorrede die Stellung der Jugend zu Hoffmann vortrefflich charakterisiert ist:Heute, hundert Jahr«, nachdem monatelanges Sckmer- zensilager mit enfffetzMem Sterben endete, ist Hoffmann aktuell seworden. Eine neue Welle wirft seinen Namen e.nwor. Me damals wenige verlorene Künstler, so wächst häute ein« ganz« Zeit zur reinen Ansickauung des Urphäno- mens' Leben heran. Die memichlicken Jnsfftutionen gerieten ms Wanken und droben mrt Sturz. Der Mythos de« Lebens liKt die historischen Bindungen auf. und sie schmelzen zu­sammen. Ein« erschrockene Menschheit sckwut dieser Erd- rrnden-EvschciNlung. Leben zu und begreift in Krieg. Hunger und Pesttlem« den Abgrund, über dem di« histovischcn Be­gebenheiten in ihrem engen Kulturring schwanken,. Heute wisten wir. daß der deritsch« Idealismus di« Unwirtlichkeit des rationalistischen 18 Jahrhunderts Wucht überwand, viel­mehr zu seiner letzten Stufe emvortrieb. In Hölderlin. Je.rn Paul. KleA und Hoffmann erkennen wir di« ersten abseiti­gen Gestalten unseres, des neuen und doch so Jahrtcuisende alten Lebensgefühls., das uns aus ihren Dickffuingen. über die Lrteratur des 19. Jahrhunderts hinweg, mff feelM- erpreUiver Gewalt entgeeenifchlägt. Wir wfftern im Kavell- metiter Kreisler den efftatifcken Akenschrn. der uns verwandt ist. imgoldnen Topf". ..Klein-Zach««" und im ..Meister Floh" die vOonäre Anschauung der Wirklichkeit als des kosmischen Mvtdcs. und in derPrinzessin Brambilla" den tollen Svuk des Daieins, wie er uns umgeistert. Nachdem Hoffmann hundor: Jahr« in Deutschland fast vergesten war iwährend er in Frankreich zu den gelesensten Klassikern ge­hörte). feiert er baute sein« Auferstehung.

Harich bat di« einsame Lebenswande-ruir« dieses hell- dunklen Genies aufs engste mit seiner Umwelt und seiner Zeit verknüpft. Er. der die Theorien und Phantosien der anderen kühn in di« Wirklichkeit ückertrug, der die Roman­tik in ihrem traaffchen Zwie'pakt lebte, ist von Kindheit an von spukboft-grotesken Figuren umgeben und bedarf nicht erst des Wmmes. der seine Visionen später beflügelte, um in di« erstaunlichsten Wunder und Märchen verstrickt zu werden. Man hat darauf hm gewiesen, daß in feinen Erzählungen manchmal unscheinbare grotesk« Gestalten mit skurrilem Lächeln steckenden Augen, seltsamen Gebärden ein« Rolle spielen, die dann vlohlch zu mächtigen Märchenkönigen und weifen Zauberern werden. In diesen Archivaren. Rektoren urtd Räten bat sich der bebende, nervöse, klein« Mann selbst geschiildert. der alles um sich her. wenn er den Zaubrrstab der Dkusik oder den Zaubertrank des Weines wirken ließ, m dr« überirdische Sphäre ewiger Naturmächte und «ebeiim- nisvoller Elementargeistor rückte. Hoffmann ist der erste ge­

wesen. der den Gegensatz zwischenIdeal und Leben", die

urdeutsche Dovvelvelt von Spießbürgertum und Schwär­merei. die Jean Paul bumorisffsib geschildert hatte, im Feuer seiner Phantasie orgauisich verschmolz, während Wtl- pelm Raabe diese Kontrast« dann in feiner Weltanschauung harmoniüch verbunden hat.

Di«Nachtserlen der Natur . di« Tieck in die Dichtung cmgeführt und Sckubert naturphilosopckrsch geschaut, bilden fern wichtigstes Stoffgebiet. Nkagneffsmus und Sanmambu- lismus. Elementargeister und Doppelgänger. Elektrizität und Sphärenmusik Träume und Geistererscheinungen wirren durcheinander. Jene dämonische Naturauffastun« der ersten Ti etlichen Märchen, die dve Landschaft mit dunklen Uffholden erfüllt, durchwogt sein« Welt. Seine Märchen sind di« kon- seaucnte ForM'ldung und Ausgestaltung des PhantastM- philosophlschen. unnarv-ironrfcken Stils, den die Früh- romantik geschaffen. Seine geschichtlichen Novellen dagegen, die den Ton Kleists und Scotts eigenartig fortsetzen und den märkrscken Gefckichtsroman von Alerts vorbereffen. verraten einen scharf beobachtenden WirMchkertssinn. der auch seinen erotischsten. Geschichten nicht fehlt und in seinen letzten Werken, besonders der tiefsinnigen SkizzeDes Detters Eck­fenster". rum Realismus überleitet. Freilich rst Hoffman,ns vielfälttg schillernde, resth instrumentier,te Kunst überhaupt auf keinen bestimmten Strl sestzuleqen. Sie erhält ihre Eigenart durch eine gesteigerte Feinheit und Schärfe der Siinnesemvffndungen. di- Farben bört und Tön« schmeckt. Dies« Verwischung der Grenzen paßt zu dmr Unendlichkeits- drana ferner Kunst, zu ihrem Hinauswachsen m überirdDche Sphären, zu ihrer musikalischen Bildlichkeit und leitmotim- rchen Derrveibunig der Themen. Jedenfalls hat HrffmaiM die fpMnq,hoffe bizarre Erzählungstechnik Jean Pauls ganz eigenartig und bewußt umgeformt und geläutert.

War dieser zauberhafte und grandios« Geist, der als Zeichner und Musiker auch Hervorragendes vollbracht«, ein großer Dichter? Ricarda Huch besffeitet es'Er durchmaß den Strom des Lebens nicht- in deiner ganzen Tief« und Breite, so daß er sein« (bewalt und Erhabenheit, feinen Glanz, sein Rauschen hätte offenbaren können " Aber er war ein echter und genialer Künstler. Man muß scharf mt» tevscheiden zwischen den vielen Spukgeschichten und ge'chicht- lichen Erzählungen, die er um des Brotes willen fchrickb.. die fein ..Vize-Koof erdachte", wie er f«Wt sagt, und den unsterblichen Meisterwerken, di«, vffe di« Akeuschbeitsdichtun» Kater Murr" alleKreislexana". wi« das iiberschänmende EavriccioPrinzessiir Bramibilla". wie die Märchen vom ..Goldenen Topf" bis .Nieister Flob' fetne mrsoulV-kten Betenniniste sind. Diese Dichtungen bilden das unst«bAch« Teil seines Werkes, sind Schöpfungen, di« stets vsn ve,. wa,ndten Seelen über alles geliebt und bewundert wer-sn düvitlen. _____