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Mittwoch, 14. Juni 1922:

Abend-Ausgabe.

Nr. 274. 70. Jahrgang»

Ein Nachwort zu den Anleihe- Verhandlungen.

Die letzte Woche der gescheiterten Anleiheverhand­lungen hat auf dem internationalen Finanzmarkt er­neute Schwankungen des Dollarkurses gezeigt. Lag aber z. B. bei den Devisenschwankungen im August 1921 die Ursache auf den deutschen Devisenmärkten, da das Reich direkt durch seine Beauftragten Dollar­devisen für mehr als 500 Millionen Goldmark zu be­schaffen hatte, so lag diesmal die treibende Kraft auf dem New Yorker Devisenmarkt. Soll dies etwa ein Zeichen dafür fein, daß das amerikanische Interesse an den internationalen Anleiheverhandlungen eine starke Triebfeder in amerikanischem Markbesitz besaß? So gewiß und selbstverständlich es ist, daß selbstische Inter­essen Amerika zu einer auf die Festigung der europäi­schen Wirtschaftslage und auf die Ordnung des inter­nationalen Finanzmarktes gerichteten Politik veran­lassen, in einer solchen Grundeinstellung dieses amerika­nischen Interesses könnte dann auch eine für Deutsch­land und Europa gefährliche Auswirkung des Anleihe­gedankens eintreten: zunehmendes amerikanisches Des­interessement an Europa und Deutschland. Die zuerst beobachtete Tendenz der maßgebenden amerikanischen Finanzleute auf eine große Anleihe scheint solcher, in deutschenWirtschaftskreisen des öfteren beobachteten Be­urteilung zu widersprechen. Bei einer kleinen Anleihe hätte eine solche Auswirkung an Wahrscheinlichkeit ge­wonnen. Das Komitee hat jetzt für die nächste Zeit auf das Wort verzichtet. Interne finanzpolitische Ver­handlungen innerhalb der Entente werden nun die Vorbereitung für eine etwaige Fortsetzung der Aus­sprache zu schaffen haben. Erfolgen neue Verhandlun­gen. so wird man in Deutschland angesichts des Ein­drucks, den Amerika von dem augenblicklichen Zustand Europas gewinnen mußte, einer solchen Betrachtung der Dinge erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden müssen.

Deutschland steht vor schweren Monaten. Die Ent­wertung der Kaufkraft der im Inland umlaufenden Zahlungsmittel kann durch keine Notenpresse einge­dämmt werden, denn ihr konnte durch Neuausgabe von Zahlungsmitteln schon im letzten Jahre gar nicht mehr entgegengewirkt werden. Jetzt kommen aus Paris die Meldungen, daß die Abmachungen über die Sachleistun­gen mit aller Kraft ausgenützt werden sollen. Die be­vorstehende Ausgabe der Zwangsanleihe wird erheb­liche Teile der liquiden Geldkapitalien der Unter­nehmungen in Deutschland beanspruchen; der voraus­sichtlich zwischen 35 und 40 schwankende Börsenkurs der Zwangsanleihe wird 60 bis 65 v. H. dieser Ver­mögensteile völlig zerstören. Daneben läuft mit un- hemmbarer Zwangsläufigkeit die Steigerung der Lebenshaltungskosten, die sich ebenso wie die sonstigen Eüterwerte der Geldentwertung anzupassen bestreben Schon droht der Produktionsfähigkeit der deutschen In­dustrie ernste Gefahr, da die fremdländischen, unbe­dingt notwendigen Rohstoffeinsuhren bei weiterer Dollarsteigerung nicht zu bezahlen sind, die Preis­bemessung der Fabmkate den Weltmarktpreis über- fchlägt, die Aufnahmefähigkeit des inländischen Absatz­marktes aber fortlaufend zurückgeht. Werden wir überhaupt das für 1922 vorbehaltlich zugestandene Moratorium behalten? Wenn ja, werden wir es er­füllen können? Noch sind 350 Millionen Goldmark im Rahmen des Moratoriums zu zahlen für die Finan­zierung der Sachleistungen muß Sorge getragen wer­den und die Geldentwertung auf dem inneren Markt macht jede Ordnung des Haushaltes des Reiches un­möglich.

Größer denn je wird -in solcher Lage für uns die Pflicht, Klarheit und offene Rechnungslegung über un­sere tatsächliche Wirtschaftslage zu schaffen. Der Nebel der Scheingewinne muß schnellstens zerrissen werden Jetzt hilft keine Vertröstung auf Einberufung großer Sachverständigen-Konferenzen, keine dicken Denk­schriften haben Wert. Vorarbeit ist in privatwirt- schastswissenschaftlichen Kreisen, im Reichswirtschafts- rat, im Steuerausschuß des Reichstages geleistet. Jetzt heißt es, praktisch ans Werk gehen! Die Not der deut­schen Wirtschaft muß mit der weltwirtschaftlichen Not eine Solidarität schaffen, die die politischen Hirn­gespinste zerstört und endlich allen Menschen wieder er­tragreiche Arbeit, allen Völkern staatsfreudige Bürger schafft!

Die Reparattonsdebatte in der französischen Kammer.

W. T.-B. Paris, 14. Juni. Die bereits angekündigte Revarationsdebatte in der Kammer wird am Freitag, den 30. Juni, stattfinden. PoincarS hat gestern den Brief Tardieus. in dem dieser sein« Inter­pellation ankundigt dabin beantwortet, daß er die Absicht habe, die verschiedenen bereits vorliegenden Interpellationen über die Frage der internationalen Anleihe und andere mit der Revarationstrage zusammenhängende Dinge unmittel­bar im Anschluß an die Interpellationen über Tunis zu be­antworten.

Regierungsmechnahmen gegen eine Valutaverfchlechterung.

Beratungen des Reichskabinetts.

. Berlin. 13. Juni. Die Reichsregierung nahm

??ute den Bericht des Staatssekretärs a. D. Bergmann über die Verbandlungen des Anleibekomitees ju 4mris entgegen. Einmütig kam das Bedauern darüber bdruck. das Anleibekomitee sich infolge der augrn- blukbchen politischen Verhältnisse genötigt sab seine Arbeit mirlautig zu vertagen. Es wurde aber befriedigt davon «enatnis genommen.,daß der Bericht des Komitees wich- sv l ? e Hinweise für die praktische Lösung des r a t i o n s p r o b le m s gibt. Bon besonderer Be- deutnng ist -s nach, der Auffassung des Kabinetts, daß das ?uuntee sich ausdrücklich bereit erklärte, zwecks Beratung -ueparationsanlelbe wieder zusammenzutreten, sobald die gegenwärtigen Hindernisse beseitigt ssnd und daß das elIen Verhältnisse der wich- tiMen Weltmärkte für die Ausgabe solcher Anleihen zurzeit gunit'ger beurteilt als zuvor.

. Regierung wird im Interesse der Festigung

der deutschen Wirtschaftslage untz des deutschen Kredits nach wie vor öfles tun. utn die Reichsfinanzen auf eine gesunde Grundlage zu stellen und der V e r m e h - rung der schwebenden Schulden entgegenzu» S> £--A n . r J° uzert dies unter den jetzt geschaffenen erschwerten Verhältnissen möglich ist. In den bevorstehenden Verband- dem Earantiekomitee wird Gelegenheit geboten

lUNgeN Mit

{ein. der Revarationskommission

die

tv* 'j-ii^winmunuu Hk nötigen Ausschlüsse

hierüber zu geben. Die Zahlung der am 15. Juni fälligen M o v a t s ra 1 e v o n 5 0 Millionen Goldmark für :-kvarationskommisslon ist angewiesen worden. Bis zur Wiederaufnahme der Anleibeverhandlungen wird die Regie­rung rbre Aufgabe darin leben, den einschneidenden Ver­änderung en,d er Valutaverhältnisse vorzu­beugen und wird deshalb, falls die Entwicklung der Dinge ee. etwa erforderlich machen sollte, mit der Revarationskom- Amlon..ins Benehmen treten, um durch eine vorläufige Verständigung über die weiteren Zahlungen die un­günstige Entwicklung des Markkuriss zu verbitten.

Di« Gründe für die Entscheidung des Anleiheansschuffes

W. T.-B. Paris. 13. Juni. Ein Berichterstatter des ..Jntranstgeant' will von einer hochstehenden Persönlichkeit aus alliierten Kreisen, die nach ihm in Füblun« sowohl mrt Reve w tionskomm issson als auch mit dem Anleibeaus- schuß gestanden hat. Erklärungen erhalten baben. nach denen stch. der Anleibeausschub von folgenden Erwägungen leiten

Der Friedensvertrag von Versailles bat aus Mangel an bestimmten Unterlagen in einem Zeitvunkt großer Unsicherheit die Ansprüche der Gläubiger Deutsch­lands in Hobe der materiellen Schäden und der Pensionen festgesetzt. Daneben aber enthält der Vertrag eine andere Bestimmung, aus der bervorgeht. daß für die Festsetzung der deutschen Schuld weniger die Ziffer der Schäden und Pen­sionen maßgebend ist als vielmehr die Z a b l u n g s - keit Deutschlands, die von der Revarations- auf 30 oder 36 Milliarden geschätzt

kommission wird.

W. T.-B. Baris. 14. Juni. Der ..Petit Parissen" tritt den in einigen Blattern veröffentlichten Behauptungen ent- gegen . wonach das Anleihekomitee nicht nur eine Reduktion der deutschen Schuld vorgeschlagen, sondern dafür Ziffern genannt habe, die für Frankreich völlig un­annehmbar seren. Behauptungen dieser Art würden von autorisierter Seite aufs energischste bestritten. Alle Zablen. die von dem Bankierausschuß, wenigstens in den offiziellen Sitzungen, genannt worden seien, seien von der Hypothese ausgegangen. das die Schuld Deutschlands nicht vermindert werde: demgemäß seien Me Anleibe-

vroiekte auf der Grundlage der nach dem Londoner Zab lung! *

der 5_

verweigert __

Dankierausschnb alle diese Projekte für nicht 'durch I u r<? r v£ a * befunden. Allerdings sei es möglich, daß außer- balo der offiziellen Sitzungen in offiziösen Aussprachen auch präzise Ziffern ffir die Begrenzung der deutschen Schuld genannt worden seren, und es^i möglich, daß die Bankiers rbrex Meinung dabin Ausdruck gegeben batten, daß dw deutsche Schuld 2-, Milliarden nicht über- schreiten duffe. Doch sei festrustellen. daß Morgan in

Mn "En» hi«,

Dar belgische Ministerpräsident über die Vorgänge im Anleiheausschuß.

W. T.-B. Brüssel. . 14. Juni.

Senat erklärte Ministerpräsident wortung einer Anfrage über die Vorgänge im internatio­nalen Anleibeausschuß, der Vertreter Belgiens. Dela- croir. habe sick bemuüt den Arbeiten des Ausschusses eine Richtung auf tatsächliche Leistung zu geben. Der Minister­präsident sprach s«m Bedauern

Präsident sprach jftn iBebauem über gewisse Indiskretionen aus, durch die dre Rolle des belgischen Delegierten völlig entstellt worden sei. 3 'actoix habe insbesondere erklärt, daß Belgien niemals eine Verstümmelung selner Forderungen ohne Kompensationen rulasse. Die Bankiers batten ru emer Einigung zu kommen gesucht. Es fei eine k l e in er eEinfubranleibe angeboten wollen., deren Ertragnis Belgien zugeführt werden sollte. Delacroix babe das Angebot abgelebnt und erklärt, es sei zulässig, daß Belgien allein aus einer Maßnahme Nutzen ziehen solle, aus . der ssffankreich den gleichen Vorteil haben müsse wre Belgien Die Interessen Frankreichs und Belgiens seien unlöslich verknüpft. In der R e v a r a t l o n s f r a g e habe übrigens erklärte der Ministerpräsident weiter, der Bankierausschub keines

(Agence Beige.) Im . Tbeunis in Beant-

wegs di e Tür geschlossen: man dürfe boffen. daß das Studium der Revarationsfrage wieder ausgenommen

Frieden geben

Eme franzöMche Wirtschaftskommission für dis Haager Konferenz.

D. Paris, 14. Juni. (Erg, Drahtbericht.) Der französische M i n i st e r r a t hat gestern vormittag den Beschluß gefaßt, eine Wirtschaftskommission nach dem Haag zu senden, gestützt darauf, daß die eiiglischs Antwort die Zusicherung gibt, daß die Haager Verhandlungen einen rein technischen Charak­ter haben sollen und ihre Beschlüsse nur eine Emp­fehlung darstellen, die erst nach Anerkennung durch die einzelnen Regierungen bindende Kraft erhalten wer­den. Zugleich wurde entschieden, daß der Kammer Gelegenheit geboten, werde, sich zu dieser Angelegenheit zu äußern, und zwar wird eine finanzielle Ab­stimmung dafür zum Anlaß genommen. Dem Parla­ment wird ein Gesetzentwurf vörgelegt werden, der vorschlägt, den übriggebliebenen Rest der für Genua gev-ährteu Kredite für die Entsendung einer französi­schen Abordnung nach dem Haag zu verwenden. Der Kammer wird es obliegen, auch die Rolle der französi­schen Sachverständigen festzulegen, da der Ministerrat sich gestern daraus beschränkt hat, die prinzipielle Ent­sendung einer Studienkommission zu beschließen. Der Ministerrat konnte jedoch über die Wahl der fran­zösischen Sachverständigen zu keiner Einigung gelangen, obwohl die Delegierten schon heute nach dem Haag abreisen sollten. Es wurde dem Ministerpräsidenten freie Hand gelassen, die Abordnung zusammenzustellen.

.Paris. 14. Juni. Nack dem ..Matin" bat die aus Sackvefftandmen zusammengesetzte- Stndienkom- mission. deren Entsendung nack dem Haas der Minister­rat gestern beschlossen, bat. den Arbeiten der Konferenz zu folgen und die französische Regierung über die Verhand­lungen zu unterrichten. Wenn im Laufe der Vorarbeiten, die nach dem ...Matin. unter den Alliierten statffinden. eine Verständigung über die allgemeinen Richtlinien der mit den Sowjets zu.pflegenden^ Verhandlungen möglich sein werde, so wurden die franzostschen Sachverständigen ermächtigt wer­den.. daran teilzunebmen: andernfalls würden sie stch wäbr- scheinlich auf die Rolle von Referenten beschränken. Da die framostschen Sachverständigen zur Eröffnung der Konferevzarbe.iten. im Haag nicht rechtzeitig eintreffen können., so wird in der Een Sitzung der französische Ge­sandte im Haag. Charles B e n o i ft. Frankreich vertreten.

Kein offizieller amerikanischer Beobachter im Haag.

Daris. 14. Juni. Nach einer Blättermelduag

aus Washington soll der amerrkamiche Staatssekretär Hughes angMmdiat haben, daß die Regierung der Ver­einigten Staaten beMossen babe. keinen offiziellen Beobachter der Konferenz vom Haag ,u entsenden. Dre Vereinigten Staaten wurden stch mit den Berichten be­gnügen, die ihnen die amerikanische Gesandtschaft in Amster­dam über die T)ebatte der Konferenz geben könne.

Reue Schwierigkeiten bei den oberschlefischen Übernahmeverhandlungen.

Br. Breslau, 14. Juni. lEig. Drahtbericht.) Dis über-

nssche Bevollmächtigte sich von ihren Regierungen neue Instruktionen holen müssen.

Nach einer Katlowitzer Meldung sollen im Lauie dieser Woche Eisenbahn. V o st u n d P o l i z e i in die neue voln isch« Berwaltung übergeben und vermutlich

Beamtenavvarat der neuen polnischen Eifenbähndsrektson übernommen werden. 3>a nur ein kleiner Teil der ober-

ona

gearbeitetes "Personal bat. gefaßt.

ist man auf

eiten

Die Öffmlug der deutsche« Archive.

W T.-B Berl,n.14. Juni.. Anläßlich des Erscheinens der efften sechs Bande der diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes veranstaltete die ..Deut­sche Gesellschaft von 1914" in ihren Räumen eine 3usammcnkunff fubrender. Persönlichkeiten des öffentlichen ^ebens. ll..a. ergriff Reichsmimster Dr. Ratbenau das Wort und führte aus: Der Anlaß der uns beute »usamm^ üi tos unmittelbar bevorstehende Erscheinen der ersten sechs Bande , aus den diplomatischen Akten des Auswärtigen W«. Bei der Herausgabe dieser Aktensammlung ist die deutsche Regierung von dem Gedanken geleitet worden, daß

t m... . .UL». _

Archiven des Auswärtigen Amtes rubenden Akten ans Taaeelicht gezogen worl^n. Das deutsche Volk will an seinem Teil d i e g a n z e W a b r b e i t über die Genesis des Welt- krieg« enthüllen. deutsche Volk, das durch das Diktat von Versailles auf die Anklagebank gezwungen wurde, bat mit dem vorltegeiiden Werke seinen Beitrag geliefert zu der ewaltrgen Ausgabe des geistigen W.iederauf- -,oues. Unser Suchen und nicht ruhen bis im Namen Tribunal seinen Spruch gefäll Nach Dr. Ratbenau spr

Serben um die Wahrheit wird der Geschickte ein befugtes bat.

m verschiedene hervorragende

*X V4UUJVIIUU IVtUWVIl 4H.UUMWV11V tf V *. WW L J.

Kenner der Schuldfrage, die den verschiedensten politischen Richtungen nabestehen. Ihre Ausführungen mündeten in

me Aunorderuml an das Ausland, die Öffnung der deutschen

Archiv« auf alle europäischen Geheimarchive auszudeüne».