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Dienstag, 13. Juni 1922.
Abend-Ausgabe.
Nr. 272. » 70. Jahrgang»
Der verpaßte Moment.
Die französische Presse beeilt sich, dem Gutachten des Morgan-Ausschusses die richtige Deutung zu geben. Pertinax nennt im „Echo de Paris" die Kundgebung ein Dokument gegen Frankreich. Das ist es in der Tat. Aber die französische Presse, wie leider auch sonst die französische Öffentlichkeit, vermögen nicht, die Objektivi- tat aufzubringen, die wahren Gründe zu sehen. Sie müßten wissen, daß Herr Morgan kein Politiker ist. Er ist auch kein Freund Deutschlands, ebensowenig, wie das die übrigen Bankiers waren, die in dem Anleihe- Ausschuß saßen. Es sind nüchterne Finanzmänner und Wirtschaftler. Ihr Urteil ist das Urteil der volkswirtschaftlichen Einsicht und der Erkenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge der ganzen Welt. Wenn man will, kann man auch sagen, daß es die Ve r n u n f t ist. die sich in dem Gutachten der Bankiers manifestiert. Und gerade darum sollten di« Franzosen aus diesem historischen Schriftstück die richtige Erkenntnis ziehen.
In Frankreich tröstet man sich mit jenem Selbstbetrug, der während des Krieges die Hoffnung manches Landes gewesen ist. Es gibt tatsächlich Franzosen, die da glauben, daß die Zeit für sie arbeite. Sie sind heute nicht bereit, sich mit Deutschland auf einer Basis 5u verständigen, die schlechthin noch mehr als die Rettung Frankreichs bedeutet. Sie hängen noch an dem Kriegsdogma, daß der Deutsche alles bezahlen werde. Sie schlagen die Verständigung aus, weil sie sich zu dem Standpunkte aller Intransigenten bekennen: Alles oder nichts. Der so früh als Kriegsopfer aus dem Leben geschiedene Ludwig Frank hat diesen Standpunkt, der fniher auch der der sozialistischen Orthodoxie war, einmal heiter dahin deftniert, daß er darin bestehe, daß man alles fordere und nichts bekomme. Es ist die berühmte Geschichte von der Taube auf dem Dache, um derentwillen man den Sperling in der Hand flattern läßt. Wir scheiden hierbei ganz die französischen Imperialisten und Chauvinisten aus Sie sind zahlreich vorhanden, aber das Gros der französischen Bevölkerung dürfte doch so weit politisiert sein, daß ihm nicht verborgen ist, wie sehr Deutschlands Untergang auch den Ruin Frankreichs naturnotwendigerweise nach sich ziehen muß. Die französische Regierung schwankt hin und her, denn es ist eine bekannte Erfahrung, daß die richtige Politik immer unpopulär ist. Btorgan hat ziemlich deutlich ausgesprochen, daß augenblicklich die internationale Temperatur für große Anleihen günstig sei. Roch liegt das amerikanische Kapital brach und sucht nach Anlage. Wenn es die Weltwirtschaft mit seinen Mitteln in Gang setzen kann, so profitiert es aus der Mederbelebung des Handels noch obendrein. Ab-;,, diese Bereitschaft des Kapitals rft nicht ewig. Sie ist ebensowenig aus Flaschen zu ziehen wie die Begeisterung. Das Kapital sucht dann eben nach anderen Anlagernöglichkeiten. Die Welt ist groß und noch mancher Kontinent harrt der Erschließung.
An dem Tage, wo sich der internationale Kapitalmarkt anderweit engagiert hat, wird es vielleicht nicht einmal mehr möglich sein, auch nur eine kleine Anleihe zu bekommen. Mau darf nicht vergessen, daß Amerikas Interesse an Europa nur relativ ist. Gewiß können gerade wir Deichen nicht oft genug betonen, daß Amerika moralisch verpflichtet ist. uns zu helfen Ame- rika hat durch ferne Menschen und durch sein Material den Sieg erfochten. Sein Präsident hat das Dokument von Versailles unterzeichnet. Wenn auch das amerikanische Parlament dann die Ratifizierung abgelehnt hat. so liegt darin doch nur eine Halbheit. Diese nach, trägliche Ablehnung genügt nicht. Aber mit den moralischen Verpflichtungen ist es bei Geschäftsleuten ein eigen Ding. Sie unterscheiden ja außerdem zwischen den Handlungen ihrer Regierung und ihren privaten Unternehmungen. Herr Morgan hat immer nur von den Bankiers seines Landes und nicht von seiner Regierung gesprochen. Das Interesse der amerikanischen Wirtschaft in Europa ist relativ gering. Man darf nie vergessen, daß lediglich ein Zehntel der amerikanischen Erzeugung ausgeftihrt wird. Dieses Land ist in sich eine Autarkie. Was es braucht, hat es selber; und was es erzeugt, wird im eigenen Lande bis auf jenes Zehntel ausgenommen. Zudem besteht die Möglichkeit, daß man der deutschen Wirtschaft auch abseits der Re-' parationsfrage hilft. Der amerikanische Wirtschaftler unterscheidet nicht nur zwischen der Wirtschaft und der Negierung seines Landes, sondern auch zwischen den Wirtschaften und Negierungen der anderen Länder. Ziemlich unverblümt spricht das Gutachten der Bankiers von Handelskrediten, die man dem deutschen Privatunternehmer einräumen will. Kann man Deutschlands Regierung keine Anleihe geben, so kann man doch seinen Kaufleuten und Industriellen Kredite einräumen. Natürlich wird auch diese Hilfe erheblich
eingeschränkt, wenn man Deutschland der Unsicherheit überläßt. Aber immerhin: private Handelskredite sind möglich. Von ihnen profitiert Frankreich aber nichts. Sie schützen die deutsche Wirtschaft höchstens vor dem Zusammenbruch, und die Amerikaner haben alles Interesse daran, sie so zu geben, daß sie vor dem französischen Zugriff gesichert sind.
Zwei Punkte find es, auf die das Gutachten der Bankiers das Hauptgewicht legt. Einmal wird eine „endgültige Regelung" der Reparationszahlungen verlangt. Das ist eine sehr zurückhaltende Umschreibung der Forderung nach einem Schuldennachlaß. Aber sie ist so unmißverständlich, daß fie von jeder französischen Zeitung begriffen worden ist. Die Forderung ist eine güitte Selbstverständlichkeit. Kein Geldgeber in der Welt wird einem Schuldner etwas leihen, dessen Verpflichtungen unbegrenzt sind. Zum andren verlangen die Bankiers die Beseitigung des „Elements der Unsicherheit". Darunter verstehen fie einmal die Sanktionspolitik und zum anderen die Beseitigung der Gefahr des deutschen Zusammenbruchs. Beide Dinge hängen ursächlich miteinander zusammen Die weitere Entwickelung ist dunkel, absolut klar aber lauten bi« Forderungen der Vernunft: Heruntersetzung der
Schuldsumme, Verzicht auf die Sanktionen!
Sie »Me» inlfitn Mmn leflKtti
Br. Berlin, 13. Juni. (Ei«. Drahtbericht.) Wie »er- lautet. tft die am 15. Sani jratttoe Dekadenzabluna von 5 Q Sn 1 11. t o nen Goldmark an die Resarationskom-
" Y-r" ' * v «r *\ v v 'r Tvwatwiwmsmrms
Million gesichert. so daß die Zahlung termingemäß erkoren kann. Nach dem B. T. soll die Zahlung sogar schon erfolgt Dir .Boll.Ztg^" meldet, datz auch die am
15. Juli fällige Dekade bereits gekichert sei.
..D- Paris. 13. Juni. «Eia Drall tbericht.) In den französischen Blattern «>rd die von verschiedenen englischen Zeitungen, besonders aber von den Berliner Korresvon- denten des „Daily Erpreß" abgegebene Erklärung sebr beamtet. daki nach genauen Erkundigungen in Berlin die Ab- senduna einer neue.n deutschen Note unmittelbar l-evorstebe. in der Deutimland Rft außerstande erklären werde, infolge des Scheitern; der Anleiheverbandlungen wertere Nevarationsleiktungen ru vollbringen. Der Korreivon- dent der Daily Ervreh will di-fr Erkundigung von einer hochgestellten deutschen Persönlichkeit erhalten haben, die in den Nevarationsverdandlunaen eine wichtige Rolle «elvielt bade und in Abwesenheit Wirtbs und Rathenaus »u einer autoritativen Erklärung geeignet scheine.
Auch in dem Kommentar de- .Mornin, Post" sehen die Franzosen eine Unterstützung der Ansicht. das, Deutschland, da; am 31. Mar nur unter der ansdrücklichrn Vorbedingung einer Renalatlansanleibe die Forderungen der Revarationsknm- milllan «u erfüllen oerlvr-rch. Rch nunmehr an seine damalig: Zusage mcht mehr gebunden hält. — Der „Temos" beeilt sich demgegenüber gestern rbead zu versichern, nichts gebe zu der ^Ermutung Anlab daß Deutfchland di:s im Schild; führe.
Ä* e V eule * 1Tfs ^ r \ u , f dab am 15 Juni also »« nächsten Donnerstag D:-tts.bla-,d dem am 31. Mat ge- gemäß »ünktlich eine Zahlung von 59 Millionen Eoldmark leiste.
P-inc «6 will Deutschland Zeit ge»«-»«».
h-- ° Pariser Berichterstatter
..Daily CFxprpji nrtTbet. SSoincatä txtbc in 8tn<t mit Pariser Berichterstattern Londoner Blättern ^art dre Ban k, e r ko n fe re n, habe so geendet, wie
&SÄ.'ÄJSS Ste*:- »«»•«
Allererkt seine Finan^n in Oidnuni" bringen. Ä'ber'tt'ver"
und" ikbt nicht zahlen könne
uuo..daß e u tlch la n d Zeit gewahrt werden
Ä»» ied^h.dah tmer öerabseAang der deutschen Zahlungen «u>
stimmen.
/* rn S* ^*5 E>aa«r Konievenz zu erörtern. Es mübten an-
StÄ ÄÄ e n tben - 64001
Beratun«en der RePnrati.n»k.««issi.» «der ei«e neue Note an Deutschland.
,P<"i». 13. Juni. Die Reoarationskom» Mission ist.Sestern zu einer offiziellen Sitzung »usammen- getrtten. um über den Tert einer neuen Note an Deutschland zu beraten, di« als Ergänzung des am 31- Mai als,Antwort auf bie Note der deutschen Regierung vom 28. Mai nach Berlin gerichteten Memorandums dienen diesem Memorandum hat die Reoarationskom- mtllian stch vcrbrhalten. einige noch ungeklärte Punkte, wie die Frage der Autonomie der Reich-bank und die Matz- »mbmen Segen die Kavitalklucht. zum Gegenstand einer be- sotüeren Mtiteilung zu machen. Die Kommillion. di« gektcln noch zu keinem endgültigen Beschluß gekommen ist. wird beute ibr« Beratungen fortsetzen.
Der ..Petit Parisien" teilt in diesem Zusammenbana mit. es sei wahrscheinlich, daß der Gedankenaustausch fischen der Revoratwnslommillion und der deutschen Regierung In der nächsten.Zeit sich wieder sehr lebhaft gestalten nteide da das Scheitern der internationalen Anleihe eine neue Jnslationswelle in Deutschland vorau»- stben lalle, der die RMrationokammillia» schon heute teste Gr« »an »u »'eben bvabjiLtia«.
Ein politischer Erfolg Deutschlands.
- ,2r. Berlin. 13. Juni. (Eia. Drabtbencht.) Der Pariser Berichterstatter des ..B. T." batle eine Unterredung mit einer Bersonlichkert. die den Besprechungen des Anleibs- romite.es beiaewobnt bat. In dieser Unterredung erklärte der. Gewährsmann. Deutschland babe in dem Komitee einen politischen Erfolg zu verzeichnen, der durch keine Unvorsichtigkeit tn Frage gestellt werden dürfe. Ts wäre ein großer v e e r - ?. fnn ikßt Schwierigkeiten in der Frage der von der Revarationskommisston geforderten Finanzreform gemacht wurden. Diese Reform sei für Deutschland unerläb- lich. .1. wnl Deutschland Re brauche, und 2. aber weil di; amerikanischen, englifchen und neutralen Bankiers, die für die Zeichnung der. Anleihe rn Betracht kommen, sie als eine Vor- aussetzun. kur rede Verhandlung ansehen. Eine alldeutsche Obstruktlonsvolitik werde oie deutsche Sache, die im Augen- bllck gut stehe, aufs schwerste schädigen.
Die Besprechungen des Reichskabinetts.
. Berlin. 15. Juni. (Eia. Drahtbericht.l In der Reichs- kanilel fand gestern nachmittag eine Ebefbesvrechung statt. Man befaßte sich mit der varlamentarischen x. a a t sowie mit der Revarationsfragr. Der inzwischen emgetioffene Staatssekretär Bergmann wird heute dem Reichskabinett über seine Eindrücke bei den Panier. Verhandlungen Bericht erstatten. Für Mittwoch ist eine Sitzung des Ältestenausschusses vorgesehen.
- , B. r - Berlin. 13. Juni. (Eia. Drahtbericht.) Staatssekretär Bergmann ist gestern abend aus Paris in Berlin eingetroffen In einer Kabinettslitzung. die beute vor- mitiaa S.3<> Uhr beginnt, wird er der Reichsregierung über den Verlavf der. Pariser Anleiheverhandlunaen be- rlchten. Wann der Reichskanzler die Regierungser- ilarung über die Verhandlungen mit der Revarations- kommillion abglbt. wird stch erst in der morgigen Sitzung des «ltestenaurschulles des Reichstags entscheiden. Bei der Be- spreckun« der Lage, wnd in unterrichteten Kreisen daraus hingewlesen. daß die A u f r e ch t e r h a l t u n g gewisser Zusagen, die in der letzten Note oemacht wurden, im Interesse der Gesundung der deutschen Finanzen notwendig sei. Die Reichsregierung wird insbesondere vrüfen. wie weit d;e von ihr beabsichtigten Maßnahmen durch den Abbau der Anlerbererhandlur.aen erschwert werden.
Die Reife de» Sarantieausschusses nach Berlin.
Hm. Varis.12, Juni Der . Temvs" meldet, daß sich der Carantieausschuß Endedcr nächsten Woche nach Berlin begeben und mindestens 1t Tag« dort aufhalten wird.
Die Anleiheprojekte.
m da»i». 13. Juni In einem Rückblick über die
Berbandlunaen des Anleibckomitees bebauvtrt das ..Ecko de Paris, daß im ganzen drei große Anleihe- v.ave den Gegenstand der Prüfung gebildet hätten.
»r ?Ee. der deutschen Ursprungs gewesen sei. habe eine Anleihe im Betrage von vier Milliarden Eold- m a rk vergeiehen. die Deutschland eine Atempause von zwei ^abren ermöglichen sollten. Diese vier Milliarden sollten nach dem deutschen Vorschlag in folgender Weise verteilt werden. 1300 Millionen sollten der deutschen Regierung ->ur Bezahlung der ersten Annuität dieser Anleibe und zur Durchführung lyres finanziellen Sanierungsvrogramms zur Ver- fngiing gestellt werden: eine weitere Milliarde war« durch die belgisch« Priorität, absorbiert worden und ebenfalls eine Milliarde sollte Amerika für sein« rückständigen Besatzungs- kosten erhalten: der Rest von 750 Millionen sollt« nach dem in Spa aMmommenen Verteilungsschlüssel zwischen den übrigen Allnertea ausgeteilt werden. Frankreich batte danach ganze. 375 Millionen erbalten.
Das zweite Anleibevroivkr habe den französtschen Dels- glerten Cergent rum Urheber gehabt. Dieser habe vor- gesch.lagen. daß dl« deutsche Schuld im Betrage von 132 Milliarden In »ve, Teile »erlegt werden solle: die 82 Milliarden, die nach dem Londoner Zablunqsvlan in Obligationen der «ene 0 der Reparationskommission übergeben werden illten. so lange Deutschland nickt imstande sei ihren öin'end'enst,u stchern. vorläufig ausscheiden. Di« restlichen 50 Millmrden sollten zur Grundlage einer Serie von An- le'ben die auf einen Zeitraum von 10 oder 12 Jahren verteilt werden sollten dienen. Gegen diesen Plan bat stch ledoch in dem Anleikekomrtee lebhafter Widerstand 5« Schon bei der Nennung der Ziffer von
50 Milliarden bat Morgan erklärt, daß diefer Betrag absolut und, skuti erb-r sei, Es könne nicht einmal von der Salkte des von dem französttchen Delegierten genannten Betrages die Rede sein, und auch dann sei Borbe- »insun«. daß die franzostsche Regierung offiziell in eine end- zuliige.Reduktion der deutschen Schuld einwilliae. und daß sie tiir immer auf den Gedanken an Sanktionen verrichte
Das dritte Protekt. das von dem belgischen Delegierten D e l a c r o, r stammte, babe ledial'ch die Auflegung einer ?I?illmne» Anleihe in. chöbe von etwa 1300
Millionen zum Ziele gehabt. Sve se, offenbar nur dazu bestimmt gewesen, dw brlgrsche Priorität ru stchern.
Kapp f.
n? »« ***> nF* 0- Drahtbericht.) Die ..Leivz.
”VÄ rÄ ^-^^"Erallandschaffsdirrktor a. D. Ottern Pf’t“* 6 seiner Selbststellun, in einem d-eipziger Krankenbau.se einer schweren Auaen-
L°e 4 st°o °b e n'mußte, an den Folgen der Operation
DefTodbat den Urbeber de« Märzvuffche, im Jahre a-.^erregiei-ungsrat Dr. Wolfaana Kapp, seinen tntzoaen. Äaao »atoe in New Äork «-
1920
boren. Don 1855, bis 1890 war er Hilfsarbeiter im vreußi- fftuanzmiiiisterium. von 1891 bis 1899 Landrat des Kreises Guben und Dr-chbauvtmann. von 1900 bis 1906 Vortragender Ritt im Ministerium für Landwirtschaft und seit Avril 1906 Generaldirektor der oktvreußischen Landschaft.
Al» der Putsch mißglückte, floh Kavp nach Pommern und von da mit einem Flugzeug nach Schweden. ~
fehrie er nach'Deutschland zurück, u richten, zu stellen, mußte sich aber
overatioo
storchen ist
untermehen. an
- Am 17 Avril d. 3.
um sich den deutschen Gs- sogleich einer Augen- deren Folgen er setzt ge-
