Verlag Langgasi« 21
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Donnerstag» 8. Juni 1922.
Morgen-Ausgabe.
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Nr 263. ♦ 70. Jahrgang»
Das Gespenst des Mordes.
Zn Offenburg hat der Prozeß gegen die einzige der am Erzberger-Morde verdächtigen Personen, die es nicht vorgezogen hat. ihren Wohnsitz nach Unbekannt zu verlegen, begonnen. Zwei Tage vorher ist gegen den Reichstaftzabgeordneten und Oberbürgermeister Scheidemann em Mordversuch unternommen worden, und auch hier hat es der Täter, nachdem zwei Schüsse des Angefallenen auf ihn ihr Ziel verfehlten, verstanden, sich durch Flucht vorerst in Sicherheit zu bringen. Auf die Sicherheitsverhältnisse politisch mißliebiger Persönlichkeiten wirft jedenfalls dieses neueVerbrechen, das die Kette der Mordversuche und Morde, die seit Haas«, tzareis und Erzberger schier unübersehbar geworden ist, nur ergänzt, ein weiteres, niederschmetterndes Licht. .
Ebenso wie im Falle Erzberger stehen wir auch bei dem Attentat auf Scheidemann offensichtlich vor einer Fanatikertat, wobei es zunächst dahingestellt bleiben mag, ob es sich um den Vollzug eines geheimbündleri- schen Todesurteils handelt oder nur um eine individuelle Unternehmung. Zn bezug auf den Erzbcrger- Mord soll das durch die bevorstehende Verhandlung erst geklärt werden, in bezug auf das Scheidemann- Attentat fehlt vorerst jede Handhabe zur Urteilsfällung. Aber jedenfalls laßt sich das eine sagen: die Namen Erzberger und Scheidemann sind in der politischen Agitation dermaßen miteinander verkoppelt worden, daß eine gewiss« Geneigtheit bestehen muß, die Attentate auf sie als zusammengehörige Unternehmungen zu betrachten, mindestens aber als Folge jener selben begriffsoerwirrenden Propaganda ohne. Maß und Schranken, deren Folgen Deutschland in die Gefahr bringen, in der ganzen Welt als politische Räuberhöhle in Verruf zu geraten.
Ob man Herrn Scheidemann ein langes und gesegnetes Leben und möglichst ausgiebige weitere Tätigkeit wünscht, wird zum großen Teil von der Beurteilung seiner früheren Aktivität abhängig. Seine Gegner sagen, er habe durch sein Eintreten für einen Verständigungsfrieden die deutsche Widerstandsfähigkeit während des Krieges unterhöhlt, er habe aus selbstsüchtigen Motiven die Monarchie gestürzt und uns zu dem Frieden von Versailles geführt. Diese Vorwürfe involvieren das Vorhandensein einer außerordentlichen, wenn auch Schlechtes wirkenden Persönlichkeit, für die aber wenig konkrete Merkmale vorliegen. Herr Scheidemann ist sicherlich ein begabter Mann, aber er trägt in keiner Hinsicht die Züge eines wahrhaft großen Politikers, weder nach der guten noch nach der schlechten Seite. Er hatte allerwege ein gutes Gefühl für Konjunkturen und primitive Tatbestände, aber dies Gefühl hat ihn stets nur dazu befähigt, bereits in der Entwicklung befindliche Schicksale zu unterstreichen oder abzumildern, nicht aber neue Schicksale zu schaffen. Sein Eintreten für den Derständigungs- frieden war weniger Überzeugungssache als Erkenntnis, daß gegen die Übermacht ein Sieg nicht zu erringen sei, und es schuf keine neue Volksstimmung, sondern br-chte eine bereits vorhandene nur zum Ausdruck. Ebenso ist er der Revolution nicht vorangegangen, sondern nachgelaufen, und wie es oft das Schicksal Persönlichkeiten ist, aus ihrer kleinen Perfektive heraus oder sogar aus Selbstsucht in eine weltgeschichtliche Idee hineinzugeraten, hat er schließlich doch, eben durch seine Haltung während der Revolution. Deutschland vor einer sonst ziemlich unvermeidlichen isteriode des Bolschewismus bewahrt. Endlich hat er, was oft vergessen wird, sich geweigert, den Versailler Frieden zu unterschreiben, er ist vom Minister- Präsidium zurückgetreten — und sollte dies selbst nur aus egoistischer Taktik geschehen sein: geschehen ist es immerhin, und es kommt in der Politik oft mehr auf die Tatekr als auf Motive an.
Bei gerechtem Urteil wird man also sagen müssen, daß die ganz» Hetze gegen Scheidemann ebenso borniert war wie diejenigen gegen Erzberger. Aber selbst, wenn das nicht der Fall wäre, müßte man sich doch mit äußerster Schärfe gegen jene Methode des Mordes und des Mordversuchs wenden, die unglücklicherweise noch immer nicht von allen Seiten stark genug als verbrecherisch und einer Kulturnation unwürdig gekennzeichnet wird. Zm Gegenteil, jetzt eben wieder, im Verfolg des Sckeidemann-Attentats, schlägt eine Presse, non der man nur sagen kann, daß sse sittlich verwahrlost ist. Töne an. die jedem Anständigen die Schamröte ins Gesicht treiben müssen. Die „Tägliche Rundschau" erklärt, nachdem das Attentat erfolglos geblieben sei^ „erscheint bei dem ganzen Vorgang nur das eine noch erwähnenswert, daß Scheidemann sich offenbar im Besitz eines Waffenscheins befunden hat. und daß er von seiner Waffe bedenkenlos und blindlings Gebrauch gemacht hat". Und die .^Deutsche Tageszeitung", die
sich der geschmackvollen Überschrift „Der Mord mit der Klystierspritze" bedient, spinnt diesen Faden noch dicker weiter, indem sie ausführt: „Herr Scheidemann kann wahrscheinlich von Glück sagen, daß er zweimal vorbeischoß und daß die ins Blinde gefeuerten Kugeln auch unbeteiligte Dritte verschont haben. Hätte er etwa den dummen Zungen, der ihn bespritzte, erschossen, so hätte er einen Totschlag auf dem Gewissen . . . Mit anderen Worten: ein Scheidemann darf sich nicht einmal gegen Mörder wehren, und wenn er es tut, so begeht er einen Totschlag. Weiter kann die politischmoralische Verwahrlosung nicht mehr getrieben werden. Was aber soll geschehen, wenn nun die Gegenpartei ihrerseits zu gleichen Methoden übergeht, und auf Ludendorff, Hergt, Westarp und Helfferich zu knallen und zu spritzen ansängt? Das Gespenst des politischen Mordes muß endlich aus Deutschland verjagt werden. Daran sollten die anständigen Leute aller Parteien wirklich aufrichtig Mitarbeiten!
Der Erzberger-Prozstz.
Br. Offenbar«, 7. Juni. (Erg. Drabtbericht.) Unter ganz besonderen Vorstcktsm titeln bat beute vormittag vor rem diesigen Schwurgericht di« Verhandlung gegen den Kaoitänleutnant v. K i l l i n g e r weaen B c i b i I f e an der Ermordung Erzbergers begonnen. Ein erböbtes Aufgebot an Gendarmerie ücbert lowobl das Amtsgericktsaefangnis. in dem Killinger seine Untersucbunasbait verbringt, als ouck das Landgerickitsaebänd« und insbesondere den «ckwur- gericktssaal. Die Ursache zu diesen Dorsicktsmabnabmen liegt darin, daß in der lebten Zeit kick Anzeichen gezeigt haben, die auf den Plan einer gewaltsamen Befreiung Killingrrs deuten lassen. Im Lause der Vor- mittagsverbnndlllnaen gab Killinger eine ausführliche Bebilderung seines Lebens, bei der er betont«, da« er mrt Schulz und Tillesten keinen Freundschaktsverkebr grvfioeen. sondern beide nur in München kennen gelernt bvbe. Die Verteidigung Killinaers liegt in den Händen der Recktsan- walte Krieg (Offenburg) und Schlein (München). Im Gerichts!«»«! ilt eine groß« tiberstchtstabelle angebracht, auf der die (Seqend des Schwarzwaldes von Griesbach und Ovpenau genau verzeichnet ist Es ist genau die Mordstelle angezeigt und der Keg. aus dem die mutmaßlichen Mörder nach der Tat geflohen lind sowie diejenigen Stellen, an Lener die Zeugen sie gesehen oder gesvrocken haben. Auf dem Tisch des Gerichtes liegen dir Garderobe stucke Erzbergers die von etwa fecks Kugeln durchbohrt sind, außerdem die Scbädrldecke Erzbergers, di« zwei Scküste aulweist. Patronen und Kugeln, die man am Tatort fand. Briefschaften Urkunden u?w Die Zeugen find noch nibt alle zum Beginn der Verhandlungen bestellt worden. sondern es sind immer nur dir Leute geladen, die an dem betreffenden Taae in Frage kommen. Der Vorsitzende wies in seiner einleitenden Red« darauf bin. daß es sich zivar um einen Prozeß mit politischem Beigeschmack bandle, daß aber die Verhandlungen jetzt eine reine Verstandesangelegenheit lein mühten, di« mit der volitischen Überzeugung nichts zu tun babe.
Die Verhandlungen über das oberschlefische Räumungsabkommen.
Nr. Berlin. 7. Juni. (Eig Drabtbericht.) Di« Der- bandlungen über d,'» obersckleüsche Räumunasabkommen. die in Ovveln gegenwärtig zwilchen Deutschland und Polen und der interalliierten Kommission geführt werden, sind nock' uichr zum Abschluß gelangt. Wie wir von zuständiger Stelle erfahren, reist Gesandter v. Eckardt morgen nach Berlm. um nochmals nnt den beteiligten deutschen Restarts Rücksprache zu nehmen. Bei den strittigen Punkten, die eine tzinauszogerung der Verhandlungen verursacht haben, bandelt es st>h um die E e k a n g e n e n f r a g e. die Regelung der A u fst a n d s l ch ä d e n und um den Vertri- lungsschlüstel der De r w a l tu n gs kosie n für di« Besatzung.
Unruhen im Kreise Lublinitz.
W.T.-B. Lublinitz. 7. Ju.ri. Im Kreise Lublinitz. besonders in Jawadzki, ist es gestern zu Unruhen gekommen. Deutschgesinnte wurden verprügelt und mißhandelt.
Für die Revision des BetriebsrStegefetzes?
Br. Berlin. 7. Juni. (Eig. Drabtbericht.) Auf der Taqueis der deutschen Gewerbe v er« bnigung wuvde em Antrag, der em« Revision des Betrieibsnäte»:- setzcs fordert, der Verbandsleitung als Material überwiesen. »Angenommen wurde seiner ein Antrag, der für Erhobungs- red'en wähnend des Arbeitsurl-aubs Fahrpreisermäßigung fordert Am Mittwoch werden di« Beratungen fortgesetzt.
Eine Anfrage über die Ausfuhr von Zeituagsdrnck- papier.
Br. Berlin. 7. Juni. (Eig. Drahtbericktü Die demokratische Fraktion des Reichstags bat eine Anfrage an die Negierung gerichtet, in der darauf bin»ewi«i«n wird, daß die Produktion von Zeitunasdruckvcwier in Deutlckland im Jahre 1921 530 000 Tonnen, der Jnlandsoerbrauch aber nur 300 000 Tonnen betrug. Im laufenden Jahre !«> die Produktion erheblich gestiegen und der Verbrauch erbeblich zurückgegangen. Es bestehe demnach der Verbackt, daß ein febr wesentlicher Überschuß verbanden lein muste. obwohl am Paviermarki zurzeit selbst bei märcken^ften Preisen kaum noch Zeitungsdruckvaoier zu haben lei. Die Regierung wird deshalb aufgeiordrrt. di« Ziffer k L r' die Aus. fuhr von Zeitungsdruckvaoier im Jabre 1921 und die Zahlen kur Produktion und Inlandsbedarf in d«n ersten vier Monaten dieses Jahres bekanntrngeben sowie Aufklärung zu schaffen, wo der offenbar iebr beträchtliche Überschuß verbleibt.
Die Herabsetzung der deutschen Kriegsschuld beschlossen?
D. Paris, 7. Zum. (Eig. Drahtbericht.) Die Pariser Zeitungen müssen heute ihre Nachrichten, die von einem Scheitern der Anleiheverhandlungen sprachen, dementieren, und zwar auf Grund persönlicher Informationen Poincarss. Es handelt sich um die Anfrage des Morgan-Komi- tees, ob Deutschland an der Summe des Londoner Ultimatums gebunden bleiben müsse. Frankreich wollte den Bankiers das Recht zu einer solchen Fragestellung abstreiten, um eine unbequeme Beantwortung zu vermeiden. Es ist aber in der gestrigen, sehr erregten Sitzung der Reparations- kommission von allen Mächten überstimmt worden und blieb isoliert. Die Vertreter Englands, Italiens, Japans und Belgiens erklärten, daß die Frage des Mo rgan-Komitees beantwortet werden müsse. Alle, auch der belgische Vertreter sprachen sich für eine Schuldenherabsetzung, also für eine Widerrufung des Londoner Ultimatums. aus. Zn der heutigen Sitzung wird dieser Entschluß durch Mehrheitsbeschluß formuliert werden.
W. T.-B. Paris, 7. Juni. Die „Chicago Tribüne" berichtet, P o i n c a r 4 habe der Repatationskommif- sion durch Vermittlung von Dubois kategorisch erklärt. daß Frankreich in keine Herabsetzung der Reparationsziffer einwilligen werde.
Reif« de» englischen Botschafters kn Berlin nach London
Br. Berlin, 7. Zum. (Eig. Drahtbericht.) Die „N. B. Z:" meldet, die englische Regierung habe den Berliner Botschafter Lord d'Abernon nach London berufen, da Morgan großes Gewicht darauf legt, die An s i ch t Lord d'A bernons Lberdie Lagein Deutichland zu hören, ehe er seine endgültige Entscheidung in der Anlethefrag« treffe.
Frankreich und die Haager Konferenz.
v. Baris. 7. Juni. (Eia. Drahtberickt.) Frankreich scheint gegenüber der vanaer Konferenz etwas e i n 1 1 n! e n zu wollen. Darauf deutet wenigstens ein« beute veröffentlichte offiziöse Havasmcldung bin die besagt, daß die fran- zöstscke Regierung zwar über die Beschickung der Koieseren» von Haag mock keinen Entschluß gefaßt habe, daß es aber wahrscheinlich fei. daß Frankreich auf der vom 18. bis 25. Juni zwischen den All'ierten und den Neutralen unter Ausschluß der Sowjetrenierung stattfindenden Zulammen- kunft durch Finanz- und Wirtschaftssachverständige vertreten sein wird Frankreich wird stck aber immerhin Vorbehalten, an der Fortsetzung der Diskustion nickt mebr teilzunebmen, wenn es im Verlaufe der Vorverbandlungen den Eindruck gewinnen lollte. daß man nickt gewillt ist. di« Bedingungen des französischen Memorandums vom 1. Juli einru- balten.
Di« französisch-englischen Pakt-Berhandluungea.
v. London. 7. Juni. (Eig. Drabtbericht.) Die ..Morning Post" b-ricktet. daß die Verhandlungen über die Frage eines enalUch-iranzönicheg Paktes keineswegs abgelblofsen lind, sondern nur ruben. Beide Regierungen haben beschlosten, daß di-s erst in Angriff genommen werden soll, sobald -ein Übereinkommen über dir Politik der beid-m Alliierten im nahen Osten erzielt ist. Es ist klar geworden, dag ein lolch-s Übereinkommen nichr erfolgen kann. Die engliibe Regierung üt der Ansicht, daß der Abicklug de; Paktes von solch ungeheurer Bedeutung lei. daß es außerordentlih bedauerlich lei. wenn diele Frage einer baldigen Ilegeluna durch untergeordnete Dispute ver» »cgert wird.
Die französische Orienkpolitik.
den Blättern veröffentlichten Erlange - Meldung aus Kairo zufolge besagen dort eingegangene unbestätigte Gerüchte. daß Frankreich einen Vertrag mit dem Herrscher von Neid. Jbn Saud. abgeicklosten habe. Der Vertrag kbe wt, da« Frankreich Ihn Saud Waffen. Munition und Geld liefern und iede militärische Unterstützung gewähren wird, wenn er von den Hedlchas von Melovotamien oder vom Grand Jordansland anqearrfsen werde. Der Vertrag dehn« das Gebiet Jbn Sauds ln der Richtung Devaa aus und lebe die Erweiterung des französischen Mandat, über den Haram vor. Außerdem bestimme der Vertrag, daß sich Jbn,-nnud in leder möglichen Weis« der Bildung einer amerifanilchen Föderarron unter der Ägide Großbritannien, Wldersetze' Jbn Saud verpflichtet sich'. Frankreich in Sorien »mlttariich zu unterstützen, wenn es von Grand Jordanslaüd oder von Melovotamien angegriffen werden sollte.
..Daily Edronlrl«" weist darauf bin. daß SroßbritamrirA Jbn Caud jährlich 600 Pfund Strrlina »adle.
Die Ausgaben der Kriegsmobilmachung in der Schmeiz.
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v. Bern. 7. Juni. (Eig. Drabtbericht.) Die Gesamt, ausgaben der Schwei» für die Kriegsmobilmachung von 1914 bis 1920 betragen nach der vom Bundesrat genebmioten Zahlung 1563 Millionen^ davon kommen in Abzug 407 Millionen für Ausgaben kür die Zivilverlorgung. Am 1. Januar 1922 waren' von der eigentlichen Kriogsmobil- machungsichuld 503 Millionen noch ungedeckt. , Von dielen werden 23 Millionen durch nock aussteh«nde Krieassteuerein- gänge gedeckt. Der Rest von 480 Millionen wird durch dt« reichsgenostilche Kri«ssteu.«r in den nächsten zwölf Jahren auigevracht werden.
