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Donnerstag, 1. Juni 1922.

Abend-Ausgabe.

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Nr. 254. 70. Jahrgang»

Reichstag und Reparationen.

Am Mittwoch hat diegroße politische Aussprache", die sich an die Erklärungen des Reichskanzlers anlchlotz, ihr Ense gefunden. Der Reichstag hat den deutsch­nationalen Mitztrauensantrag gegen die Stimmen der Deutschnationalen, der Deutschen Volkspartei und der Kommunisten abgelehnt. Es ist in hohem Matze be­dauerlich, dah in letzter Stunde die Deutsche Volks- partei zu der prinzipiellen Opposition der äußersten Rechten und äußersten Linken einschwenkte. Was die beiden Rechtsparteien und die Kommunisten verlangen, ist kein Parlamentarismus mehr. Mitten in einer schwierigen Verhandlung kann die Regierung unmög­lich im Parlament Rede und Antwort stehen. Sie würde damit ihre Verhandlungspasition und somit die Interessen ihres Landes aufs schwerste gefährden. Der Reichstag hat ja in jedem Falle das Recht, ein jetzt in Paris zuftandekommendes Abkommen abzulehnen oder anzunehmen. Die Regierung ist der Vertrauensaus­schutz der Parlamentsmehrheit. Legt sie dem Parla­ment Ergebnisse einer politischen Unternehmung vor, die keine Mehrheit finden, so mutz sie nach der Ver­fassung zurücktreten. Man kann sie gewiß auch vorher stürzen, aber dann mutz die absolute Sicherheit bestehen, daß eine neue Regierung bessere Ergebnisse zustande­bringen wird. Besteht diese Sicherheit nicht und lassen stch die Verhandlungsergebnisse noch nicht übersehen, dann ist es ein unverantwortliches Beginnen, das schwere Geschütz des parlamentarischen Mißtrauens­votums lediglich als Begleitböllerschüsse der Partei­agitation donnern zu lassen.

Nunmehr haben die berufenen Vertreter des deut­schen Volkes ihren Urlaub angetreten und auch die führenden Mitglieder des Kabinetts sind in die Pfingst- ferien gereist. Der Reichstag hat in dieser Acbeits- periode fleißige Arbeit geleistet. Der Etat ist unter Dach und Fach gebracht worden und die Arbeit des Tages ist trotzdem nicht zu kurz gekommen. Die deut­sche Genua-Delegation bat die Zustimmung des Parlaments gefunden für die Art und die Form, in der sie die Interessen Deutschlands auf der Welt­konferenz vertreten hat. wenn es auch im einzelnen nicht an Kritik gefehlt hat und wenn auch die allge­meine Zustimmung nicht ihren Niederschlag in einem Vertrauensvotum fand, wie das in anderen Ländern üblich ist, da die Parteizerklüftung in Deutschland die Einbringung eines solchen Vertrauensvotums fast un­möglich macht, Über das hauptsächliche und vielleicht einzig positive Ergebnis von Genua, den deutsch-russi­schen Vertrag von Rapallo, wird allerdings nach dem Pfingstfest noch im Parlament zu reden sein, da die Regierung den Vertrag dem Reichstag zur Rati­fizierung zuleiten wird. Es steht aber schon heute fest, Latz Schwierigkeiten hierbei nickt mehr entstehen wer­den, da dle Redner aller Parteien sich mehr oder weni­ger mit dem Vertrag einverstanden erklärt haben. Selbst der Sprecher der Deutschnationalen, Professor Dr. Hoetzsch, hielt den Abschluß des Rapallo-Vertrages für richtig und zweckmäßig.

Das deutschnationale Mißtrauensvotum knüpfte denn ja auch nicht an Genua, sondern an die Frage der Reparationen an, d. h. an die Frage, die be­sonders im Hinblick auf den Termin des 31. Mai im Vordergrund des Interesses steht. Ein positiver Anlatz, me Reparationspolitik der Regierung zu mißbilligen, mg zwar im Augenblick nicht vor, da die Verhandlun­gen in Paris noch schweben, mithin also von einer end­gültigen Entscheidung auch nicht die Rede sein kann. Die Regierung hatte darum auch zuerst den Wunsch ge­äußert, die Reparationsfrage jetzt im Reichstag völlig auszuschalten und sich auf Genua und Rapallo zu be­schränken, war aber mit dieser Absicht nicht durchge­drungen. Der Kanzler selbst und auch die "ebner der Koalitionsparteien befleißigten sich aber bei der Erörterung dieses Problems großer Zurückhaltung. Auch in den Reihen der Opposition konnte man sich der Erkenntnis nicht schließen, daß ein Anlatz für ein Mißtrauensvotum mcht gegeben sei, doch erwiesen sich jene Kreis«, die auf ". n solches Mißtrauensvotum nicht verzichten zu können glaubten, als die Stärkeren und so kam schließlich die ll.drmel zustande, die besagt: ,',D,er Reichstag mitz-

S 4» die Regierung bei den Verhandlungen über

Reparationsfrage in einer Weise verfährt, die mit ben Rechten und der Verantwortlichkeit des Reichs­tes nicht vereinbar ist." Also: die Deutschnationalen t Hüter des von ihnen so arg befehdeten Parlamen- arirmus. Das Bild war zu absurd, zumal die Regie- _ ..st dem Parlament im Auswärtigen Ausschuß Rede M Antwort gestanden hatte, als daß irgend jemand hereinfallen konnte. Auch der volksparteiliche ^Edner. Becker- Hessen, rückte unter solchen Umstän­

den von den Deutschnationalen ab, denen er zurief, es wäre ein ungewöhnliches Verfahren des Reichstages, in dieser Weise in schwebende Verhandlungen einzu- greifen.

Jedenfalls hat die Regierung nun nach dem Abschluß der allgemeinpolitischen Verhandlungen des Reichstags freie Hand für die Vereinbarungen mit der Repara­tionskommission. Einen Schritt auf diesem Wege be­deutet die neue deutsche Note an die Repara­tiv n s k o m m i s s i o n, die im wesentlichen auf den Vereinbarungen beruht, die der Reichsfinanzminister Dr. Hermes bei seinen Verhandlungen in Paris mit Mitgliedern derReparationskommission und mit dem eng­lischen Mitgliede der Kommission Bradburi) getrof­fen hat. Die Rote bringt, wie schon vorher bekannt- geworden war, die Begrenzung der schwebenden deut­schen Schuld auf den Stand vom 31. März 1922, wo sie 271 935 Milliarden Mark betrug, sie bringt also die so oft geforderte Stillegung der Notenpresse. Für den Fall aber, daß eine Überschreitung dieser Summe nötig wird, wird die Deckung durch neue Steuern erfolgen, über die sich nähere Angaben in der Note nicht finden. Darüber, daß bei einer unerwarteten Verschlechterung der deutschen Mark die Abgrenzung des Höchstbetrages nicht gelten soll, stndet stch in der Rote keine Bestim­mung. Es ist bekannt, dah der Kanzler eine solche forco majeure-Klausel wünschte, daß aber in Paris darauf verwiesen wurde, die Klausel könne nicht aus­genommen werden, da der Rechtssatz der höheren Ge­walt ja allgemein gültig sei. Außerordentlich weit­gehende Zugeständnisse bringt die Rote in der Frage der Finanzkontrolle und man kann der Meinung sein, daß man hier der Reparationskommission oder ihren Vertretern eine zuweitgehende Blankovollmacht für die Durchschnüffelung der deutschen Finanzverwaltung in allen ihren Zweigen und Abstufungen gegeben habe Beigesügt ist der Note schließlich ein Haushaltsentwurf für 1922, der im ordentlichen Etat einen llberschutz von fast 71 Milliarden herausrechnet, gegenüber den 16V» des bisherigen Entwurfs.

Voraussetzung für all die deutschen Zugeständnisse ist aber das Zustandekommen einer Anleihe, wie denn ja auch der Sinn der deutschen Note der ist. den Weg für diese äußere Anleihe frei zu machen. Die Be­ratungen des von der Reparationskommission einge­setzten Anleihekomitees haben inzwischen ihren Anfang genommen, ohne daß sich jetzt schon Bestimmtes über die Aussichten sagen ließe. In England vertritt man ansckieinend in weitenKreisen dieAuffassung. man könne sich an einer solchen Anleihe erst beteiligen, wenn die ganze Reparationsfrage endgültig geregelt sei und auch in Amerika hat diese Anschauung zahlreiche Anhänger, wie auch in Deutschland vielfach die gleiche Ansicht vertreten wird. Das Blatt des 5>errn Stinnes die ..Deutsche Allgemeine Zeitung", hat erst in diesen Tagen ausgeführt, man müsse jetzt die Reparations­frage von Grund auf reaeln. Eine solche Regelung wäre freilich kaum möglich, ohne gleichzeitig das Problem der internationalen Verschuldung seiner Lösung entgegenzufübren. Ob die Zeit dafür heute schon reif ist, muß allerdings bezweifelt werden. Man wird sich daher möglicberweise doch mit einer Lösung begnügen müssen, die Deutschland über die akuten Schwierigkeiten binwegbilft. in der Überzeugung, daß diesmal tatsächlich die Zeit für Deutschland arbeitet!

Lloyd George zur Erfüllungspolitik.

W.T.-B. London.. 3l Mai. Im Unterhaus laste Llovd George In einer kurzen Darlegung der Revarations- fraae. man könne annebm-m. dah die kritische Vbas«. in der lick die Revaranonsirage vor kurzem befand, auaen- bl ickli ch oorü ber lei. Es b-stehe kein Grund zu einem Zwist zwischen Frankreich und England. Alle Mitteilungen. Me ibm zugegangen seien, drückten die Hoffnung aus dah ein Abkommen Zustandekommen würde, das nicht nur kür dis Schuldner'-, sondern aufi für die Gläubiaerltaaten annehmbar sein würde. Er freue fick saß die deutsche Regierung sich wirklich bemühe, den Wünschen der Reparationskommission entsegcnzukommen. Nach Erwähnung der Schwierig­keiten der deutschen Regierung sagte Llond George weiter, die jetzige deutsche Regierung habe sich ver­pflichtet. ihr Bestes zu tun um den Frjedensvertras auszu­führen. Er glaube, dah sie sich ehrlich um seine Aus­führung bemühe Sie habe erheblichen politischen ' - - nfcit -

Schwierigkeiten entgeaenzutreten. und wenn

ffe°

diesen

Friedensoertrage» würde eine Politik des sofortigen lknheil» für Deutschland sein. Obne Frage würde Frankreich allein norgeben. wenn Deutschland dem Versailler Vertrage gegen­über irgendeine Mißachtung -eigen würde. Wenn eine deutsche Regierung ans Rud-r üime. dir dem Friedens- Vertrag Widerstand leisten wolle, würde Frankreich bei Aus­führung seiner Bestimmungen ni ' ^ -

England und Fra>

ungen nicht allein gelassen, sondern

-- _ nkre,ch wurden zusammen

Vorgehen. Großbritannien trete kür eine Politik der Mäßigung. aber auch für eine Pclitik der Erfüllung de» Vertrages ein. Jedes isolierte Voraebrn seitens eines der Verbündeten würde unheilvoll lei« kür bte rwticken ihnen beltebend, Latent»

Ae Munt der MmtimlmwWm.

Hm. Paris, 1. Juni, Havas veröffentlicht den Wort­laut des Begleitschreibens zu der am 31. Mai von »er Reparationskommission an den Reichskanzler gerich­teten Note. Das Begleitschreiben lautet:

Wir haben die Ebre. den Eingang des vom 28. Mai datierten Schreibens des Reichskanzlers zu bestätigen, in dem die ergriffenen Mahnahmen wie auch die Mahnadmen ?u unserer Kenntnis gebracht werden, die das Reich noch ln der Folge vorzunehmen gedenkt, um den von der Kom­mission in ihren Schreiben vom 21. März und 13. Avril gestellten Bedingungen bezüglich der

teilweise« Stundung der Zahlungen, die Deutschland in Durchführung des Zahlungsplanes im

eutigen Datum zu überreichen.

iNckub best . . ... _

rauben der Entschließung Nr. 1841

iigen Zahlungsaussl des in dem letzten Parpar vom 21. März angegebenen baldige

welche den v o r l ä u - bestätigt in Gemäßheit

daß eine

Verfahrens. Mit Rücksicht

, , .. . Entschließung in der

Frage des Aufschubs von großer Wichtigkeit ist. hielt die Kommission für berechtigt, obgleich

... - ...... mehrere Punkte

der Schreibens, dessen Eingang bestätigt wird, einer voll

tandigen Äuskiärung bedürfen, schon jetzt die obige Ent- chliehung zu treffen, indem sie die Fragen, die sie als noch nicht geregelt betrachtet, für später aufhebt, um dann in der in dem Text der Entschließung angegebenen Weise behandelt zu werden. Diese Fragen werden Gegenstand einer w.eiteren demnach st igen Mitteilung

an den Kanzler Hilden. (Gez.) Dubois.

Zobn Bradbury. Bemelmans

Salvaro Raggi.

Die Entschliehung Nr. 1378 A.

lautet:

Die Reparationskommission bat das Schreiben des deut­schen Kanzlers vom 28. Mal aufmerksam geprüft, welch«» die bereits ergriffenen Maßnahmen mittcilt sowie die neuen Maßnahmen die die deutsche Negierung zu er­greifen sich verpflichtet, um den von der Revarationskom- misslon in ihren Schreiben vom 31. Mai und 13. Nn-ii gestellten Bedingungen bezüglich oer _t e i I m e

ril e n

bedauert, daß die deutsche Regierung nickt eher mit der

Ergreifung dieser Maßnahmen begonnen bat. und indem sie die r " ~* -

itiitffid

egierung ..._

u ergreifen sich verpflichtet

... -.-von der deutschen Regierung gegebenen Erklärungen berlicksichtigt. erkennt sie an. daß das. was die deutsche Regierung vorschläat und die neuen Maßnahmen, die sie

eine ern st liche An-

zu ergreiren litt veronittlel. eine erni ..

fiten au na der deutschen Regierung darstellen um den Forderungen der Kommission nachzukommen. Die Kom­mission beschließt daher, das Deutschland am 21. März bewilligte

Moratorium

für einen Teil der im Jahre 1922 in Durchführung des Zahlungsplanes zu leistenden Zahlungen zu bestätigen. Der genannte Aufschub sür das Jabr 1922 wird mitbin am I. Juni in Gemäßheit des letzten Paragraphen der Entschließung Nr. 1811 vom 21. Mürz 1922 endgültig wer­den. Die Krmmisston nimmt Kenntnis davon, daß mehrere der ins Auge gefaßten Regelungen zur Befrie­digung der von der Kommission ausgestellten Bedinmngen nock in den Einzelheiten zwischen der deutschen Regierung und dem Garantieausschuß ausgearbeitet werden müssen. Andererseits bemerkt die Kommission, daß die die lau­sende Schuld betreffenden Vorschläge der deutschen Regierung nur dann als geeignet betrachtet werden, in die Prans umgesetzt zu werden, wenn Deutschland

eine vernünftige Hilfe durch eine auswärtige Anleihe

erlangt. Die Reparalionskommillion muß daran erinnern, daß der augenblicklich bestätigte Aufschub ieden Augenblick annulliert werden kann in Gemäß­beit des letzten Paragraphen der Entschließung Nr. 1811. wenn di« Kommission sväter zu der Überzeugung gelangt, daß Deutschland gegen die Erfüllung der oben vorgeschrie- benen Bedingungen verstoßen bat. Ohne Schmälerung der allgemeinen Reckte, welche sich die Kommission in dem erwähnten Paragraphen Vorbehalten bat. bebält fie sich ausdrücklich das Reckt vor. den Zablungsaufschub in jedem Augenblick zu annullieren, wenn sie nicht von dem zu- staudcgekommenen Fortschritt befriedigt ist in der Rege­lung der noch schwebenden Fragen oder wenn Deutschland falls es die durch eine äußer« Anleihe erwünschte Hilfe nicht erlangt die in dem Schreiben des Kanzlers vom 28. Mai angeführten Maßnahmen bezüglich der lausenden

befriedigen.

Kommission

Line Chefdesprechung Uber das Neparatisnsproblrm.

Sr Berlin. 1. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Gestern fand Ttzeibelvrechung über das R e v a r a t i o n s v r y b l e m statt. Wann der Re r ck s k an , l t r die Erklärung über die Revarations- und Anleiheverhandlungen im Reichstag geben wird, wegen denen er von den Unabhängigen interpelliert worden ist. fiebt bis letzt noch nicht fest, sondern bängt von dem weiteren Verlauf der Pariser Verhandlungen ab Der Reichskanzler wird die Parteien iedock über den Gang der Verhandlungen dadurch auf dem laufenden halten, daß er die Varteimbrer von Zeit »u Zeit unterrichten wird.. Die Besprechungen mit den Parteiführern werden sich jedoch nicht aus die Führer der Koalitionsparteien befchränkeii.

Kurzer Urlaub der Mitglieder des Reichskabinetts.

ot Je. X. Reichsranzl

f 1 16 morgen eine Heile nach Konstanz und Freiburg an. von der er voraussichtlich Mitte nächster Woche zurückkebren wird. Auch Rcichsitium-mtnUter Dr. Serme» gebt einia» Xooe in ItrUmfc