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Berliner Adteilunq des Wiesbadener Tagblatt,: Berlin 8N. Kl. Blücherstraße 12. Fernsprecher: Amt Moritzplatz 1530«.

Dienstag. 30. Mai 1922.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 249. . 70. Jahrgang.

in neuer Burs in Du polnijdjen PW?

Unser Warschauer Mitarbeiter schreibt uns:

Polens Außenminister Skirmunt, dem man lange Zeit nachsagte, daß er weit mehr unter dem Ein­flüsse der chauvinistisch-nationalistischen Rechtskreise Polens als unter dem des milde gemäßigten Regie­rungschefs P o n i k o w s k i stehe, hat in Genua nicht nur mit den Herren W i r t h und Rathenau ge- frühstückt, sondern er hat auch ebenso liebenswürdige wie verständige Worte über die Notwendigkeit, Nütz­lichkeit und Ersprießlichkeit der Anbahnung eines besse­ren Verhältnisses zwischen Deutschland und Polen ge­sprochen. Genau wie Herr Skirmunt hat auch der stelloe'rtretende Ministerpräsident eine auf ähnlich weiche Töne gestimmte Rede an deutsche Vertreter in Warschau gehalten. Und mehr noch: in der letzten

Rote der polnischen an die deutsche Regierung findet sich die ausdrückliche Versicherung, daß sich die polnische Regierung mit allen Mitteln bemühe, ihre deutschen Untertanen gerecht zu behandeln, da dißs die beste Grundlage für eine Besserung der polnisch-deutschen Beziehungen sei.

Es gibt Optimisten, die annehmen, daß plötzlich die Sonne der Erkenntnis in Polen aufgegangen sei, der Erkenntnis, daß Polen wirtschaftlich durchaus auf Deutschland angewiesen ist. der Erkenntnis, daß nicht das ferne Frankreich, sondern das nahe Deutschland (wenn befreundet) die beste Sicherung der polnischen Wcstgrenze sei, während die Ostgrenze den Bolschewiken ausgesetzt ist. Ich teile diesen Optimismus nicht und glaube, daß der Sonnenaufgang der Erkenntnis noch fern, die Stunde noch tief in der Nacht ist.

Dennoch sind die Versicherungen der politischen Führer Polens, daß man sich jetzt, nachdem die ober­schlesische Streitfrage einstweilen entschieden ist ein wenig bester, korrekter zu Deutschland einstellen wolle und andererseits das gleiche erhoffe, höchst wahrschein­lich durchaus ernst zu nehmen.

Dieser neue Wind blies aus Genua. M<"i muß sich nämlich erinnern, daß Polen nach Genua mir großen Planen ging, kurz gesagt: Kraft feiner geographischen Lage als Transttland zu Rußland internationale An­leihen für den Ausbau keiner Eisenbahnen zu be­kommen und sehr tätig beim wirtschaftlichen Aufbau Rußlands beteiligt zu werden das einzige Mittel übrigens zurzeit, um Polens darniederlieaender (weil seit jeher auf Rußland eingestellter) Industrie wieder auf die Beine zu helfen. Da man Lloyd Georges Interesse für das rustische Aufbaugeschäft kannte, hoffte man in Genua, endlich die seit langem gesuchte An­näherung an das kapitalkräftige, reiche England zu flwden. An sich ein sehr vernünftiger Gedanke! Run ist aber Polens Politik infolge der Herrschaft der chau­vinistischen Elemente gänzlich auf Gedeih und Verderb an Frankreich gebunden. Und als Skirmunt in Genua auch nur den geringsten Versuch machte, in richtiger Erkenntnis der wirtschaftlichen Röte Polens sich (als man dort noch an den rustischen Aufbau glaubte) wenigstens in praktischen Fragen ein klein wenig näher zu Lloyd George und etwas ferner von Poincar^ zu stellen, ging in Warschau der Teufel los. Ehe die wutenden Nationalisten den geschickten Skirmunt zu Falle brachten, sah man in Genua jedoch schon, daß es mit dem rustischen Ausbau vorläufig nichts sei. Damit entgmg Skirmunt der Peinlichkeit. Herrn PoincarS ein wenig zu verstimmen, aber er verlor auch die lange erhoffte Chance, endlich die erwünschte freundlichere Stimmung in England zu erzielen.

Und darum geht's jetzt anders herum. Will Polen Englands Neigung gewinnen (die es zwecks Kapitals für seine Industrie und zur Sicherung der Anerken­nung seiner Ostgrenzen durch die Großmächte braucht), so muß es zeigen, daß es trotz aller Liebe zu Frankreich nicht militaristisch, nicht kriegerisch und nicht ab­rüstungsfeindlich ist. Es muß also laut friedlich süße Melodien zu seinen Nachbarn schallen lasten heute SU den Deutschen; morgen wahrscheinlich zu den Bolschewiken. Nichtneuer Kurs" also, sondernneue Taktik"!

Die Wurzel des Übels.

W. T.-B. 9?am, 29. Mai. Der ..New Do.rk Herold" meldet aus V.itsburg' Der amerikanische Wäbrungskon- ' ~ (Tr if U ii .

Zankiers von. Penissylvanien. di« A u ( f> ä u f u n a der Soldval rate in den Vereinigten Staat?;i bedrobe das wirtschcftliche Gleichgewicht des Landes. Sie werde den freien Eoldmarkt zerstören und diese Zerstörung werde wiederum den Goldstandard in Mitleidenschaft ziehen, der für das Gedeihen des Landes von wesentlicher Bedeutung sei. Erissinger erkannte an. daß die ungeheure internationale Verschuldung die Wurzel des Übels sei. er ging aber nick: so weit, die Streichung der Schulden der Alliierten bei den Vereinigten Staaten »u verlangen.

D'e Anleih »Verhandlungen.

Br. Berlin. 29. Mai. Slusfiifcten der geplanten ^dglichetfunbidku aus Herold" schreibt, gebt aus ver. daß di« amerikanischen der Reruiation-kommission

(Gig. Drahtbericht.) Uber die Revarationsanleib« erfährt die Paris: Wie der ..New Bork

den bisherigen Beratungen her- und neutralen Bankiers d>e von verlangte Einsetzung einer

uinanzkontrolle über Deutschland als unumgänglich n <? erachten für das Gelingen der Revarations-

anleihe. Morgan und Bisiering hätten sich dabin geeinigt daß eli! großer 7 eil der Anleihe Deutschland aus- Aezoblt werden soll um ibm zu ermöglichen, sein; innonzen zu ordnen. In informierten Bankkreilen steht man. wie die ..B. 3." erfährt, der Entwicklung der An leiheverbardlungen sehr skeotisck gegenüber. Man be­furchtet. daß der amerikanische Sachverständig« nicht bernt !ein wird, klin Votum für die Begebung einer internatio­nalen Anleihe zugunsten Deutschlands angesichts der ietzlgen Lage abzugcben. Insbesondere wendet sich Morgan gegen den R a v a l l o v e r t r a g. der es Amerika unmöglich macke. Deutschland die nötigen Finanz- mrttel zur LKisügung zu stellen.

Br. Berlin. 29. Mai. (Eig. Drahtbericht.) Nach einer Panier D'cbtnng det ..B. 3." machen die Pariser Blätter daraus aufmerksani. daß der Abschluß der Anleibeverhand- lungen noch mehrere Wecken beansvrucken wird und daß d>e Ausschreibung der Anteil« so viel Zeit verstreichen lasten werde, daß die ersten Barmittel der Anleibe unter Umständen erst zu Anfang des nächsten Jahres zu fliehen beginnen könnten.

Interalliierte parlamentarische Konferenzen in Paris.

v. Baris. 29. Mai. (Eia. Drahtbericht.) Vom 31. Mai bis zum 3. Juni werden in Paris interalliierte oarla- mentarisch; Konferenzen tagen, an denen Parlamentarier oller Länder teilnebmen werden. Die Konferenz wird sich vor allem mit der V a l u t a s r n n c sowie mit der An- oasiung der Zollsätze an die Valutaschwankungen de- ickaftigen.

Keine Reise Dr. Herme»' nach bem Haag.

Br. Berlin, 29. Mak. (Eig. Drahtbericht.) Die Meldung, daß Minister Hermes nach dem Haag gereist sei, wird von zuständiger Stelle dementiert. Es liegt anscheinend eine Verwechselung mit dem Staatssekretär Bergmann vor. der von Paris aus feine am Sonntag im Haag weilende Familie besuchte.

Nimmt Amerika an der Haager Konferenz teil?

_ P- Paris, 29. Mai. (Erg. Drabtberickt.) Nach einer Londoner Meldung desPetit Varisien" fall die Regierung von Washington daran denken, an der Konferenz im Haag t e i l z u n e b m « r-. allerdings unter der Bedingung, daß die Nullen die Der.hchrift vom 11. Mai zurückzieben. Die amerikanische Negieruna sche-nt offenbar nicht bereit. Kredite oder ein« ennanzgarautie zu gewähren. In einem Punkt, d. b. an der Teilnahme an der Konferenz, steht man also vor einem Bruck hr bisherigen Abstinen »Politik gegenüber Europa Drei« Anfiassung bat auch der Washingtoner Korre- svend, nt der ..Times aus Verhandlungen zwilchen dem französischen Botschafter rn Washington und dem ameri­kanischen Außenminister geschövft. Diese Auffassung der amerikanischen Regierung ist auch an di« diplomatischen Vertreter Italiens. Englands und Belgiens mitgeteilt worden._

Die deutschen Schiffe in Rußland.

Ur Berlin, 29. Mai. (Eig. Drahtbericht.) Der Ebef der Seetransrortabtkilung der Marineleitung. Kapitän zur See Lobmonn. begibt sich auf Grund des im Dezember 1921 abgeichststenen deutsch-russischen Abkommens mit einem Regierungstrarsplitdampfer nach Petersbura. um die dort noch liegenden deutschen Embargoschiffe in Emvfcmg rn riefimen ftrufirenbe D?rsönl i it<n aus fax deutschen Industrie Handel. Schiffabrt und Dreste schlossen sich >bm an. um sich über die Möglichkeit der wiri­sch ^ -I? t' g I e l t in Rußland an Ort und

Stelle zu unterrichten.

Der Abtransport der russischen Kriegsgefangenen.

^ Estrlin 29. Mai. (Erg. Drabtbericht.) Nach der D. Alls. 3tg.. wurde zwischen Deutschen Reich und der russischen Sowietrignrung vereinbart, daß der Äbtr ans- rort der nock in Deutschland befindlichen russischen Kriegs­gefangenen. 3 rrlinteinierten und Internierten der Roten Armee noch ors zum 30. Juni 1922 fortgesetzt werden soll. Sammelstelle für die sich zur freiwilligen Rückkebr nach Rußland Meldenden ist das Lazarett in Altdamm.

Die grotze Reich karrzlrrr.de.

Br. Berlin, 29. Mai (Eig. Drahtbericht.) In einer heute vormittag abgehaltenen Sitzung wurde von sei­ten des Ältestenrates beschlossen, die Reichstags- sitzung am Montag, die auf 1 Uhr angesetzt war, auf 2 Uhr zu verschieben. Der Reichskanzler hat die Absicht in der Sitzung nur über Genua zu sprechen. Die weitere aktuelle Frage der Festsetzung der sinan- Z - eilen Verpflichrungen gegenüber den Alliierten wird er vielleicht insofern berühren, als er erklären wird, daß die Verhandlungen auf der in der samstagssitzung gutgeheißenen Grundlage Vradbury- Dr. Hermes noch nicht abgeschlossen sind. Damit scheint den Deutschnationalen die Spitze für ein M i ß- trauensvotum genommen zu sein, zum mindesten entspricht es nicht den parlamentarischen Gepflogen­heiten. ein noch nicht abgeschlossenes Abkommen zu mißbilligen. Die Unabhängigen ihrerseits scheinen alles vermeiden zu wollen, was die Bestäti­gung der Pariser Abmachungen gefährden könnte. In der Debatte, die sich an der Kanzlererklärung an­schließen wird, wird natürlich die Kritik überdie Pariser Verhandlungen scharf zum Ausdruck kommen. Gegenwärtig halten die Fraktionen noch Be­sprechungen ab. Deshalb läßt sich Endgültiges über ihre Haltung noch nicht sagen, doch weiß man, daß neben den wirtschaftlichen Einwänden von Stinnes sich gegen die Vereinbarungen auch Dr. Becker gewandt bat, der von unerträglicher Bindung sprach.;Die Sammlung der Dokumente über die Vertzmös lungen in Genua, deren Erscheinen bald nach der «ück- kebr der deutschen Delegation in Aussicht genommen wurde, ist heute bei der Erörterung^«! Genua-Ver­handlungen im Reichstag noch fertiggDellr worden.

Ein belgischer Ministrrrat.

w. T.-B. Brüssel, 29. Mai. (Drabtbericht.) Unter dem Vorsitz des Königs wird heute ein Ministerrat stattsinden Er wird die > n t e r tt c. t i o n a 1 1 Lage, insbesondere den von der Rcparationskommission eingesetzten Termin des 31. Mai und die sta daraus ergebenden Möglichkeiten be- ivrecken.

Die Wahlen zue ungarischen Ratienalversammlung.

IV.T.-B Budapest, 29. Mai. (Drabtbericht.) Bis gittern abend 10 Ubr waren bei den Wablen. zur ungarischen Jiatio- nalversnmmlung 74 Abgeordnete der Regierungsvarteien und 6 Onoosttionelle gewählt. In 18 Bezirken wird e>ne Stichwahl rcrgencmmen werden. Aus 4? Bezirken stebt das Ergebnis noch aus. Die Rübe wurde nicht gestört.

Kabinettskrifis in Persien.

0. Paris. 29. Mai. (Eig. Drabtberickt.) Aus Teheran wird tzomrldet. daß Rothstein der bolicbewtknche Agent, de: früher in London war. die persische Hauptstadt auf dem AKge nach, Moskau verlassen habe. Di« oerstsche Kabi­nettskrise ist erneut ausaebrocken' Muichir-Ed-Dowieh hat ein neues Kabinett «bildet, das wiederum »urück- treten mußte.

Die Reife des ReichsprLsibenten nach München.

Br. Berlin, 29. Mai. (Eig. Drahtbericht.) Das Gerücht, daß der Reichspräsident seine beabsichtigte Reise nach München in Anbetracht des provokatorischen Auftretens gewisser Münchener Elemente unter­lassen will, ist, wie wir erfahren, durchaus u n- richtig.

Die diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes.

W. T.-B. Berlin. 29. Mai Bon der zwanzigbändigen Sammlung der diolomatiscken Akten des Aus­wärtigen Amtes, die Johannes Lepfius. Alhrecht Mendelsiohn-Bartholdu und Friidrich Timme im Auftrag« des Reiches unter dem Titel; ..Die große Politik der euro­päischen Kabinette von 1871 bis 1914" veröffentlichen, liegen nunmehr die ersten vier Kavitel in Aushängebogen vor. Sie enthalten 118 Aktenstücke, die vom Versailler Präliminar- Iricden vom 26. Februar 1871 bis zu: Räumung des fran- joMchen Territoriums im September 1873 reichen, über die Arbeitsmethode der drei Herausgeber schreibt Professor Mohn - B a r t b o l d n in ..Vossifchen 3tg.". bei der Dokumentenvubllkation Tct nicht io verfahren worden wie es manche Patrioten zu wünschen scheine.:, nämlich aus der ^ussecher weicntlichen Aktenstücke es werden von 1870 bis 1914 über 5000 sein - - nun eaiüh ein Weißbuch mit den die teulsche Politik rechtfertigenden oder die anderen Großmächte wmoromittierenden Stücken zuiammenzustellen. Die drei Herausgeber wollen vielm-br eine Darstellung der euro- LLsschen Politik vom Frankfurter Frieden an durch die Akteustucke selbst so vollitänd-g als die Akten das tun können ohne verbindenden T-rt geben lassen. Di« Herausgeber wollen für die Leser nicht mehr sein als der Archivar der ibm die Urkunden, die er eirs-chm will, geordnet vorlegt, und dessen Pilickt es ist für die Echtheit und für die Lücken­losigkeit des Dorgelegten einzutteben.

Stegerwald über die Stellung der Beamten.

Br Essen. 29 Mai (Eig. Drabtbericht.) Auf dem ersten Kongreß oes Geiamtverbandes deutscher Beamter und Staatsange,telltcr..hielt Ministeroräsident a. D. Steger- w a l d eine Rede über die Stellung der Beamten. Er sagte u. a.. Die gegenwärtigen Vorgänge im Beamtenlager seien von allergivßter staatspolitisch?r Bedeutung Den Staats- bobeitsbeamten (Verwaltungsbeamten/ Steuerbeamttn

stlbiperstänkriF?^ unö - >en Schullehrern) könne grnber» r u e - V" r e 1 f r ® cf) t zugestanden werden.

w » l n Beamten der wirtschaftlichen Unter- nehmunge.' des Reiches, insbesondere der Eisenbahn und ein ^toninni^^ stelle des Strcikrecktes den Beamten S ch? n n n?Eboten werden durch ein einheitliches

ih,i u «u J -p* i. Beamten müßte wieder ein

S k 1 .? ehemaligen Ebrenitell ing eingeräumt werden. Nnki> i?^;n7^«densvertrag von Versailles sei das deutsch- Bott rn seinen Entschlüssen gebunden

Der Rahmentarif für den RuhrSergba«.

.^-T.-B Essen 29. Mai. Tie Vertreter der Hauvl- leirungen der vier vertragschließenden Bergarbeiterverbünde nahmen :n einer gemeinsamen Beratung in Essen »u dem Ergebins der Verhandlungen des Cchlichtunasausschuss»s über den Rahmentarif für den Ruhrbergbau Stellung Sie waren einmütig der Auffassung, daß der Schiedsivruch nicht befriedigen könne. Es wurde in Aussicht gcncvlmcii. ihn? nötigenfalls größeren Konferenzen ZU unterbreiten, ferner wurde ausgedrückt, daß eine gereckte Regelung der Lohn- und Arbeitsverbältnisse die wirkvmstc Vcrauss'tzung für oie Hebung der Koblenproduktion und zur Vermeidung von Schäden in der Volkwirtschait sei.