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Samstag, 27. Mai 1922.
Morgen-Ausgabe.
Nr 245. ♦ 70. Jahrgang,
Die internationalen MhsMiW».
Von Dr. Hermann Bachnicke. M. d. R.
Die Welt kommt aus den Konferenzen nicht heraus. Kaum ist Genua zu Ende, da kündet Haag sich an, und inzwischen tagt man in Pari». Die Not Europas «der bleibt bestehen.
In Genua konnte ein sonderliches Ergebnis nicht erzielt werden, weil die Hauptfrage, von deren Lösung alles abhängt, auf Drängen Frankreichs unberührt bleiben mutzte. Man sprach über Wirtschafts- und Verkehrsfragen, über die Regelung des Verhältnisies zu Nutzland, aber man sprach nicht über den Vertrag von Versailles, nicht über das Ultimatum von London, nicht über die Bedingungen einer Weltanleihe.
Zur Erörterung des Anleiheproblems betrachtet sich nur die Reparationskommission und der von ihr eingesetzte Unterausschutz als zuständig, und diese Herren sitzen in Paris. Zu ihnen begeben sich jetzt die Amerikaner Pierpont Morgan und Kahn, die mit der Absicht kamen, eine Kreditaktion einzuleiten, aber wichtige Bedingungen daran knüpfen. Wie die Bank von England auf das Ersuchen um Kredit- Hilfe erwiderte, dah Deutschland solange nicht kreditwürdig sei, als es die Fesseln des Vertrags von Versailles trage, so scheinen auch die Amerikaner eine Abbürdung der Reparationslast als Voraussetzung ihres Eingreifens zu betrachten. Außerdem liegt ihnen an einer Sicherung gegen Sanktionen, welche die Lage Deutschlands völlig ändern würden.
Uns kann diese Auffassung nur erwünscht sein, denn sie trifft den Kern. Die Franzosen aber sträuben sich mit allen Kräften gegen eine derartige Wendung der Dinge. Sie wollen wohl das Geld empfangen, aber keine politischen Zugeständnisse machen. ° Einzelne Stimmen in Frankreich, die zu einer vernünftigeren Haltung raten, wagen sich bereits hervor. Ein Mitglied des nationalistischen Blocks, S a n g u i e 1 , kam sogar dieser Tage nach Berlin und sprach sich im Kreise deutscher Parlamentarier offenherzig und leidenschaftlich für eine Politik der Verständigung aus. Leider ist der Anhang der Vernünftigen noch klein und verhallen ihre Worte wirkungslos. Der nationalistische Block verfügt über die große Mehrheit, und PoincarS ist ihr nur zu williges Werkzeug.
Immerhin darf der eine Erfolg wohl jetzt schon als gesichert gelten, dah das Ruhrgebiet nach dem 31. Mai nicht besetzt wird. Bleibt aber die Ruhr diesmal frei, so spricht vieles dafür, daß die Besetzungsgefahr überhaupt vorüber ist. Die Zeit arbeitet für uns. Jeder Monat, um den wir unangetastet weiter kommen, ist ein Gewinn.
Inzwischen verstärkt sich hoffentlich auch die Überzeugung, daß nur eine unter erträglichen Bedingungen gewährte Weltanleihe die deutschen und die europäischen Verhältnisse bessern kann. Die Engländer und Amerikaner haben sich bereits zu dieser Auffassung bekannt; die Franzosen können sich ihr aus die Dauer unmöglich verschließen. Ohne eine Anleihe steht Deutschland binnen kurzem an der Grenze seiner Zahlungsfähigkeit. Bisher hat es noch' alle Verpflichtungen erfüllt, doch nur auf Kosten seiner Valuta. Die Reichsmark, die schon so tief gesunken ist, würde ins Bodenlose stürzen, Wenn wir weiterhin die fremden Zahlungsmittel mit deutschen Banknoten kaufen müßten. Allein eine Ruhepause von mehreren Jahren, während deren Deutschland von den Zahlungen an die Entente befreit wird, kann die Katastrophe verhüten.
Stehen aber die Dinge so. dann mutz sich ein Weg finden, der zu dem erwünschten Ziele führt. Dabei werden die Garantien die Hauptrolle spielen. Auf Deutschland lastet seit den Tagen von Versailles eine Generalhypothek, die allen Staatsbesitz umfaßt. Wird man aus ihr einzelne Stücke besonders herausheben wollen? Wird man das deutsche Eigentum in Amerika « Unterlage gelten lassen? Oder finden sich, nadjfrem an* diese Versuche mißlungen sind, die Alliierten selbst Kreitz die Garantie zu übernehmen? Ein Druckmittel vat Amerika in den Schuldforderungen, die es den ^legerstaaten gegenüber schon erhoben hat und jeden Augenblick noch nachdrücklicher erheben kann. Der -vcoolichkeiten also gibt es viele, und man wird bald lehen, welche von ihnen zur Anwendung gelangt.
Die Verhandlungen, die der Reichsminister Dr. Derm es mit der Reparationskommission geführt hat. wnnen dabei förderlich wirken. Herr Hermes legte «em Vorsitzenden der Kommission. Dubais, immer S?* neuem dar, wie sehr Deutschland bestrebt ist. seine mnanzen zu ordnen. Er hat auf die Zwangsanleihe angewiesen, die sich vielleicht noch mit einer freien Anleihe verbinden läßt und somit auch ohne neue Steuern die Mittel schafft, um die Notenpresse all- lnlchlch stillzulegen.
Der Entwurf zur Zwangs anleihe ist in- ! zwischen fertiggestellt. Sie soll bis zum 1. November ? 1925 unverzinslich sein und wird von da ab bis zum £1. Oktober 1930 mit 2 y 2 v. H., später mit 4 v. H. des Nennwertes jährlich verzinst. Tilgen will man sie vom 1. November 1925 an durch Rückkauf zum Börsenkurs oder durch Auslosung zum Nennwert. Der Betrag. der auf den einzelnen Zeichnungspflichtigen entfällt, bemitzt sich nach dem Vermögen, das bei der ersten Veranlagung zur Vermögenssteuer festgestellt ist. Eine Zeichnungspflicht besteht nicht, wenn das Vermögen den Betrag von 100 000 M. nicht übersteigt. Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Freigrenze noch erhöht werden. Je nach der Größe des Vermögens erhöht sich der zu zeichnende Betrag. Die Obergrenze wird bei 10 v H. des Vermögens erreicht. Den Ertrag schätzt die Reichsregierung auf 70 Milliarden Papiermark. Sie erfüllt also die Bedingung des Mantelgesetzes, das einen Gegenwert von einer Milliarde Eoldmark in Aussicht nahm. Die damit verbundene Kapitalentziehung ist namentlich für die Industrie, die unter Kapitalnot leidet, besonders empfindlich. Aber Deutschland mutz und will den Beweis liefern, daß es bis an die Grenz« des eben noch Erträglichen geht, um seinen Verpflichtungen gerecht zu werden. Die Wirkung einer Anleihe im Innern Deutschlands würde vermutlich ein Fallen der Preise sein. Hört die Nachfrage des Reichs nach fremden Zahlungsmitteln auf. so sinkt der Dollar und steigt die Mark. Dies kann zu einer Krisis führen und den Scheinglanz der Konjunktur zu raschem Schwinden bringen. Es mutzte aber um der Reichsfinanzen willen hingenommen werden, weil andererseits bei einer völligen Entwertung der Reichsmark die Erschütterungen noch viel schwerer wären!
Dle emscyeroenor Wiche.
m f or ] 9 ' .-2 Mai. ((Eis. Drabtbericht.) Der ..Peti, Ultmfteri schreibt beute: Die kommend« Woche wi"d viel' I/icht die entsch e: dendste lein, die wir seit dem Mafien ftibstand erleb, haben. Die Entente versucht durch die Revm icttfn5fmmt|TT£m und die Hochfinanz versucht durch Ber mittlimo der Bankierkonferenz augenblicklich Deutschland eine Notbrücke m «blagen. um ju verbindern. dah da- Rerch im Konkurs unterseht.
8 Wochen Bankierberatung.
u. Paris. 26 . Mai. Drahtbericht.) Der ..Ch'cag
Trrbune zufolge rechnen die Bankiers auf sechs Wochen, ur die Beratungen über di« R e v a r a t i o n s a n 1 r; 1 ^ * n beendinen Vor Ablauf von 6 Wochen wird ma des Vrosvektes der Anleibe nicht; er fabirn. Die Bankiers sollen Dr. Bergmann mitaeteil hoben, dab man von der Reichsregierung d-e Einstellung de K^^ung des Notenumlaufes und eine Ausgleichung in Rcichsbaushalt verlange. Die Bankers studieren folgend Frogen im einzelnen:
1. Der genaue Umfang des deutschen Reich tu MS und der deutschen Erzeugung.
_ .he? ReoarationSbetrages dei
das Lnudene^Mmm ° iat)Untann - obne Rücksicht au
3. Der Einstuh der. En te n t ev o I i t i k auf die deut !£* Erzeugung. ,. R. mit der Aufrechterbaltung ber starke, Ent«ntegarn,sonen im Rheinland.
der *** deutschen Absatzgebiete ii
Beaäfcren C fann r 0 n * * e n • die Deutschland für die Anleih.
Die ..Cticaflc Tribüne“ fügt hinzu, dah die Reva ratieusanleche zu einer Konvertron der deutschen Krie« schuld in gewöhnliche Handelsanleibe führen müsse.
Die Aufnahme Deutschlands in den «ölkerbun».
W.T.-B. London, 25. Mai. Chamberlain teilte im Unterhaus« aus eine bezügliche Frage mit datz die Frage der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund in der Hauptsache von dem Wunsche und der Initiative Deutschlands selbst abhänge. Es würde für die britische Regierung verfrüht sein, in dieser Hinsicht einen Entschluß zu fassen, bevor darüber etwas bekannt geworden sei.
Rerse PorncarZs nach England?
w 7 ^ 2 -ndo«. 26. Mai. (Drabtbericht.) Der Var lamentsk^rrchterstatier des ..Daily Erpress“ schreibt. Poin car* werde m der kommenden Woche zur Teilnahme an den Verdun-Eisen nach London kommen. Er werde hier bei mit L l o ii d E e o rge di« Frage der Reparationen uni andere trrankrelck und Grohbritannien berührende Frager erörtern. — Der Darlamentsberichterstaiter des ..Daily Tel«' gravd meint, in kiesigen amtlichen Kressen sei von der bt vorstehenden, Zusammenkunft zwischen Lloyd Georg« unt PoincarS n l cht s l-e k a n n t. Andererseits wird es abei als lehr w a b r s a> e i n l i ch angesehen, dah Poincar«. der wie man glaubt. zu der Verdun-Feier demnächst nach London kommen wird, falls Lloyd Georg« sich zu dieser Zeit »ich, auherbalb London befindet, ihm begegnen wird, uw Fragen von grundlegender Bedeutung beide Lander. zu erörtern. — ..Daily Mail“ zukoll» soll britische Reg>enii^ Andeutungen erbalten baben. die dabi da« Frankreich beabsichtigt. " '
geben. —» V...-.——
nickt ru besetzen.
das Rubrgebi«
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. Br. Berlin. 26. Mai. ((Eie. Drabtbericht.) 2m volkswirtschaftlichen Ausschuh des Reichstags gab der Reichswirtschaftsminiiter Schmidt einen eingehenden Bericht über die Verhandlungen der wrrtschafilrchen Kommission der Konferenz von Genua Di« politische Erregung habe die wirtschaftlichen Beratungen dort durchaus nickt ungünstig beeinflubt. In den wirtschaftlichen Beschlüssen der Konferenz sei ein« Fülle grundsätzlicher Auffassungen niedergelegt, di« bei den bevor- si> konden Verbau dlungen über Handelsverträge wertvolle Grundlagen geben würden. Die Beschlüsse seren rreit mehr als blohe Redewendungen.
Der Minister sab einen Überblick über die wirtschaftliche Loge der einzelnen europäischen Staaten und Amerikas. Er unterschied nach den vroduktionsvolitischen Bedingungen fr« einzelnen Länder. Die südeuroväiscken Staaten als Agrarstaaten lägen im ganzen in ihrer Wirtschaft günstig. Die grohen Industrieländer dagegen seien besonders emv- frndiich. Österreich würde, da ihm eine ausreichend« Er- näbrung-basss fehle, auch bei ungleich günstigeren Daluta- verhältnisscu immer schwer zu ringen haben. Rubland werde sich aus den furcktbaien Verhältnissen nicht mehr allein auf- raffeu können. Der wirtschastliche Wiederaufbau Ruhlands werde ungeheuer schwierig sein, obwohl die Sowietregie- nina praktisch, zur kapitalistischen Methode zurückgekehrt sei. Für ein« neue industrielle Entwicklung Russlands sei die erste Brrausletzung eine Ordnung des Verkehrswesens. Russland wisse, dass es von dcn WeMaaten Geld und Produktionsmittel brauche. Die Sowretregierung sei daher bereit. Konzessionen so weit zu machen, als es die innervolitilche Stimmung erlaube. Deutschland unterstütze das Bestreben Ruhlands. nickt kr Ionisiert »u werden. Die Konferenz von Genua sei grundlätzlick darüber einverstanden, dah der Wirtschaftskrieg in Eurova beendet werden müsse und dah cin Abbau rer Erschwerungen des Warenaustausches möglichst bald erfolgen solle. Die überwältigend« Mehrheit der Kenferenzteilnebmer. insbeiondece auck England, baten die Deutschen unterstützt, als sie die einseitigen Meist- brgünstigungeu des Versailler Vertrages als eines der Haupiübel der Weltwirtschaft in den Vordergrund gestellt haben. Die Beschlüsse von Genua batten vorläufi« allerdings nur moralische Kraft.
Press-slimmen zur Reds Moyd Georges.
W. T.-B. London. 26. Mai. (Drabtbericht.) Zur Rede Lloyd Georges im Unterhaus schreibt die ..Dimes“, das Interessanteste sei. dah die Konferenz von Genua ein F e b l! ck l a g war. Lloyd George habe eine befriedigende Erklärung abgegeben, dah das Zusammenwirken mit Frank- rrick eine der Säulen des euroväilchen Friedens sei.
..Dativ Herald“ schreibt. Solidarität mit Frankreich war das Hauvttbrma der verhängnisvollen zweiten Rede Lloyd Georges. ■ Solidarität mit der Regierung, die Genua zum Scheitern brachte und die auch die Haager Kon- ierenz »um Scheitern bringen würde: Solidarität mit der Regierung, deren Revarationsoolitik eine Bedrohung des Friedens ist und bleibe und ein Hindernis für den Wiederaufbau Europas. Wir wisse» jetzt, wo Lloyd George stebt. er ft« fit jederzeit dort, wo PoincurS ihm zu sieben befiehlt. Europa wird keinen Frieden finden bevor Grohbritannien nickt einen Premierminister bat. der sich nicht vor PoincarS fürchtet.
..Westminster Gazette“ überschreibt ihren Artikel mit den Worten: Asauitb als Friedcnsbriuger. Der deutsch- russische Vertrag sei das einzig Gute, was aus der Konferenz von Genua beroorgegangen sei. Dieser Vertrag wird vielleicht die Geschickte Eurovas ändern. Die Konkernz bat indessen nichts getan, um feiner Wirkung ent- »egenzutreien. Zu Beginn der Konferenz wie auch rum Schluss waren Deutschland uud Russland die Parias. Lloyd George verivrach. die Frage der deutschen Reparationen und der Beziebungen zwischen Grohbritannien und Frankreich nächste Woche zu behandeln, als ob diese Fragen von den Fragen, die in Genua behandelt wurden, losgelöst werden könnten.
..Daily News“ erklärt, die gestrigen Ausführungen Lloyd Georges erschienen im Vergleich zu seinen frühere» Äuherun- gen fast harmlos im Ton. Lloyo George habe in Genua eine verlorene Schlackt gekämpft. Die Konferenz muhte feblicklagen. und zwar deshalb, weil die vitalen Fragen, das Revarationsprablem. von der Konferenz ausge- scklossen waren.
..Moruing Post“ schreibt: Lloyd George hat gestern im Unterbauie keine Märkte, sondern den Burgfriedens- vakt anseboten. Das Unterhaus habe das Gekckenk mit Zurückhaltung angenommen.
..Dailn Ebronicle“ führt aus: Lloyd Georg« babe mit Reckt Russland in oen Vordergrund seiner Erörterungen gestellt: Russland sei der Schlüssel zum Frieden.
..Daily Ervreh" bezeichnet die Rede Lloyd Georges als eine gute Verteidigung Er habe zuq-geben, dah die greifbaren Ergebnisse der Konferenz non Genua maoer seien.
..Daily Telcgravb, sagt, bas Werk der Konferenz von Genua sei. wie Lloyd George bervorgehoben habe, nicht vollends. Das zweite Kaoitel. die Haager Konferenz, muss- noch aufgeschlagen werden Es leien jedoch die Fundamente geleat worden, und mit Wohlwollen auf allen Seiten könne das grosse Gebäude der euroäifchen Eintracht und des europäischen Vertrauens langsam errichtet werden.
Rücktritt L«rd Curzons?
„ , W. T.-B. London, 26. Mai. (Drabtbericht.) Die Ärzte haben Lord Eurzoa eine 4- bis 6uöchige Ruh: verordnet. Lord B a l f o u r bat sich bereit erklärt. Lord Curron zeitweise als Staatsierketär des Buhern zu vertreten und bat glstern drsien Tätigkeit iiber iommen. Der diplomatische Berichterstatter der ..Daily -Mail“ schreibt: In den Wandel- Längen des Parlaments wird die Vertretung Eurrons durch Balfour als eine Möglichkeit für ben Rücktritt Curzons und seine Ersetzung nurch Balfour anneicben. Bereits seit einiger Zeit batten ausgesprochene Meinungs- verschiedenheiteu zwischen vem Foreign - Officie und der Downingitreet bestanden. Der Febllckiag der Konferenz vou Genua dade die Laue keineswegs gebessert.
