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Dienstag, 23. Mai 1922.
Morgen-Ausgabe.
Nach Genua.
Bon Dr. Hermann Bachuicke. M. d. R.
Das Erwartete ist eingetreten. Die Konferenz von Genua ist resultatlos auseinandergegangen. Was zuletzt noch geredet und beschlossen worden ist^ soll nur den Mißerfolg verschleiern. Es war ein Schachspiel, bei welchem keiner der beiden Hauptbekeiligren wonnen oder verloren hat. Der eine erreichte den Abbruch der Verhandlungen im Mai, der andere ihr« Fortsetzung im Herbst, so daß sich jeder aus der Aktivseite etwas Kuchen kann.
Der einzige Fortschritt ist der d e u t s ch - r u s s i- sche Vertrag, und er wurde trotz der Konferenz erzielt. Er bedeutete ein Wagnis, aber das Gewagte ist geglückt. Immer deutlicher stellt sich heraus, daß unsere Unterhändler richtig beraten waren, als sie den Entschluß faßten, das längst fertige Abkommen zu unterzeichnen. Wir haben uns damit Rußland nicht tuii wirtschaftlich, sondern auch politisch genähert und somit unsere Machtstellung verstärkt. In der Gegenwart wirkt sich der Vertrag nur wenig aus, denn noch liegt Rußland tief darnieder. Aber für die Zukunft bieten sich Aussichten, die unbenutzt zu lasten, ein schwerer Fehler gewesen wäre.
Die rustische Landwirtschaft beginnt sich wieder zu erholen, und namentlich von der Schwarzerde steht in einigen Jahren Getreideausfuhr zu erwarten. An industriellen Rohstoffen bringt Rußland Flachs und Hanf im Kaukasus und Zentralasien Baumwolle hervor. Flächen, die den Umfang des Deutschen Reiches um das Vielfache Lbertreffen, sind mit Wald bedeckt. In Platin besaß Rußland ein Monopol, in Manganerz und Asbest eine erhebliche Ausfuhr. Aus den Monatsnachweisen über den russischen Außenhandel geht hervor, daß man bereits wieder beginnt, Holz, Flachs, Wolle, Häute und Felle, Holzteer u. a. zu exportieren und dafür namentlich Maschinen einführt. Noch sind die Ziffern im Vergleich zu denen vor dem Kriege Nein. Sie steigen aber in dem Maße, wie sich das rustische Wirtschaftsleben vom Kommunismus abkehrt. Der eigentliche Bolschewismus ist heute bereits überwunden. daher für Deutschland keine Gefahr mehr. Schritt für Schritt kehrt man in dem Riesenreich zur Privatwirtschaft zurück und greift nach Auslandskrücken, um sich wieder emporzuhelfen. Daß sich Deutschland dabei eine Beteiligung gesichert hat. ist nur zu begrüßen. Wir dürfen erwarten, daß die kritischen Stimmen, die sich anfangs äußerten, jetzt verstummen.
Der Wunsch der Sowjetregierung, erhebliche deut- che Kapitalien in Rußland angelegt zu sehen, läßt sich reilich im Augenblick noch nicht erfüllen. Deutschland st arm geworden und muß zunächst an die Aufrichtung einer eigenen Wirtschaft denken. Bei uns vollzieht ich in immer größerem Maß« die Annäherung der Jn- andspreise an die Auslandspreise. Hierauf wirken chon die etwa 30 Milliarden, di« an Marknoten im Kurland vorhanden sind, und die bei deutschen Banken befindlichen Guthaben bin. deren Höhe jetzt auf vierzig Milliarden Mark geschätzt wird. Die Ausländer können naturgemäß sehr viel höhere Summen zahlen als die Inländer und treiben dadurch auch für diese die Preise in die Höhe. Ebenso wirken die ungeheuren Steuern, die wir bewilligen mußten, verteuernd auf den Warenumsatz. Was eintreten wird, sobald der Ausgleich ganz vollzogen ist, läßt sich schwer vorstellen. Schon jetzt macht sich langsam eine sinkende Tendenz der deutschen Ausfuhr bemerkbar.
Zur Geldentwertung, die sich in den hohen Preisen ausdrückt, trägt auch das Anschnoellen des Lanknotenumlaufs bei. Am 23. Juli 1914 verzeichnet« die Reichsbonk einen Banknotenumlauf von 1,9 Milliarden. Am 6. Mai 1922 waren es 142)4, Milliarden. zu denen noch 9 Milliarden in Darlehnskostenscheinen treten. Als Deckung dienen gegenwärtig hauptsächlich nur die Schatzanweifungen. von denen die Reichsbank im Jahre 1914 nur 0.3, im April 1922 aber bereits 281 Milliarden diskontiert hatte. Demgegenüber spielen die Kriegsanleihen mit etwa 80 Milliarden Kapitalbetrag und 4 Milliarden Zinsen keine wesentliche Rolle mehr.
r ,\? T Notendruck geht immer weiter, und so würde r*"(v te Geldentwertung fortsetzen, wenn auf dieser ab- schussigen Bahn keine Hemmungen eintreten. Eine Hemmung würde durch eine Weltanleihe Seschaffen werden, die uns mehrere Jahre hindurch ^".dlEparationszahlungen befreit. Auf die An- vT" ^ ^shalb alle Bestrebungen unserer fcoc InfaT«** - in Paris und in Berlin. Wir suchen aen nachdrücklicher davon zu überzeu-
’o("i'iJ.hloL i)UTä L eineTl unter günstigen Bedingungen die Gesundung Deutschlands rmd Europas möglich ist. E^z vergebens sind die
eingeleiteten Besprechungen nicht gewesen. Man kann bereits von einer gewisten Weltstunmung für die Anleihe sprechen. ^ _
Schwierigkeiten bereitet nur die Frage der E a r a n- t i e n. Amerika, als der Hauptgeldgeber, steht dre Sache lediglich vom geschäftlichen Standpunkt aus an Es will ein Risiko nicht übernehmen. Nun rst aber Deutschland selbst nicht in der Lage, ausreichend« Bürgschaften zu bieten. Seine Auslandswerte hat es eingebüßt, ferne Einnahmen braucht es zur Beir^r- tung seiner Ausgaben. Die Reichsbahn und dre Retcys- post werfen keine Rente ab, die Zölle sind nur mit acht Milliarden eingestellt. Die Ausfuhrabgaben bilden schon deshalb kein geeignetes Pfandobjekt, weil sie nicht verewigt werden dürfen. Ist aber Deutschland außerstande, die Unterlagen zu beschaffen, so bleiben Amerika gegenüber nur England und die Gläubigerstaaten als Garantien übrig. Werden die,« geneigt sein, in die Bresche zu springen. Das ist die Schicksalsfrage. .. _
Der zweite mögliche Weg wäre dr« alsbaldige Ermäßigung der Reparationslasten. Wenn Vernunft di« Welt regierte, so müßte di« Ermäßigung bewilligt werden; denn Deutschland kann das Geforderte nicht leisten. Roch aber sind namentlich in Frankreich Anzeichen für die Rückkehr zur Vernunft nicht erkennbar, und so wäre dieser zweite Weg bis auf weiteres verbaut. Um so energischerer muß der erste beschritten werden!__
Italiens Ersslge in Genua.
D Rom. 22. Mai. ((Eia. Drabtbericht.) Am besten von allen Staaten t-at wob! Italien aus der Ksnserem von Genua abgcsibnitten. Neben einem engeren Zusammen- geben mit EvglaiK» bat es das Reckt § rb al ten.ungeachtet des Verbi-tes mit Rußland «»brend k^r Saag.r Verhandlungen E e v a r a t v e r tr a « e »bruschlieben uni, das bereits bestebende Handelsabkommen mit Ruhland ni vervollständigen. Ferner gelang es 3*alKn. tn ©mta etiifti Handelsvertrag m i 1 P p v a v.
'itb j« ein weiteres Abkommen mit Finnland und Estland vorzubereiten. Avherdem vernichtete KZ EnÄand zu erner ooblwollendev und ireundichaitlikben ^rückstcktuwng der
vertrauen, das Lianen ncu ourm ferne
Konferenz bet ollen Ländern erworben bat. aui Grund dessen
es überall ans Entgegenkommen zablen darf.
Schauzer über ein italienisch-englisches Bündnis.
D Rom. 22. Mai. (Ei, Drabtbericht) In einer. Unterredung des italienischen Aickenmi.nist-rsSckanrer mit dem Vertreter des ..Manchester Guard an über die Meldungen vom Abschluß eines italienisch-englischen Abkommens, erklärte Eck, an, er. formelle Dokumente seien nicht ausgetauscht worden. Jedoch sei ein eing'bender Meinungsaustausch über di« Gesamtaeit der P r o b l e m e d e r eurooäischen Politik erfolgt wobei, es stch darum bandelte, dir traditionelle Freundschaft beider Lander ,n etwas Greifbares umzuwandeln. Dabei muhten die Garantien weniger in beschriebenen! Panier als in der freudracn Zustimmung der öffentlichen Meiaung beider Lander gesucht werden. Man könne das Resultat der in Genua gevslo«nen Unterredungen. d«e fick wegen Zeitmangel und wegen uber- dürdung der Konferenz mit anderen dringenden Problemen noch nickt auf alle E^melbrit^n erstrecken konnten als ein« englifch-italieniiche Eniente «ordial« bezeich- ncn. j«d«ch füge fi« üch in den Rabmen der beftebenden Entente ein. «chansei iiigte binzu. er bade »imae der Probleme auchmitParthou erörtert, da auf keinen Fall ein Abkommen Italiens üch gegen Frankreich richten dürft:, und eine gröber« Initiative Italiens mit England üch über- bauvt gegen niemand mchte. E'.iroväifche Fragen seien in Len Unterbaltungen mit den englischen Siaatsmännern nickt angeschnitten worden, dagegen seien die Erörterungen aus d«e wirtschaftlichen Probleme namentlich in bezua auf die Robstosfe . ausgedebnt worden, und in allen Einzelbeiten beraten worden. Italien will niemand das Seine nebmen. ober es beanlvrucht das Recht, in der Robstoffvolltn der Nationen mitiuieden. _
Französische SinwendunUen gegen das Washingtoner Flottenabkommeu.
W. T. B. Pari». 22 Mai. Im ßaafc der bevorstehenden Tldgurw der Kammer wird dieser bekanntlich das in Wülbington getroffen« F l o t t e n a b k o m m : n »ur Rati- firie'uns vorgelrat werden. Di« „Cbicaao Tribun« »laubt. dah d'« franzcfischen Eivwendunaen gegen dr« Fällung des Dutroses lick bauvtlächlich auf folgend« »wei Punkte be- i'ede» weident
1 Di« Welt iei beut« nicht in derselben La« wie ,u der Zeit in der dcr Pakt geicklokfen wurde. So «eit Frankreich in Petracht komm«, könne der d « u t s L - r u > 11 s ch e Vertrag von Ravallo im Kriegsfall e:ne neue Gefqb: dv'ftrllen. In französischen Marinekreisen werde barauf btn= «wiesen, da» der Versailler Vertrag Deutschland verbiete, z-ob- Flltteneinrichtungen zu treffen. Wenn Drutchland gegen den Veisailler Vertrag in dieser Beziebuna verstobe. ieti« es fick Revrrsial'en aus. Aber es werde durch nicht» gebindert, in Äubland ein« starke Flottenm«»cht aufzubauen
2 Staile Kritik werd« di« Gleichstellung mit Italien in Kriegskamvffchiffen ersabren... Eine solche »leichstell ung würde zurzeit nack Ansicht s.ranzasifcher plotten-
Nr. 239. ch 70. Zahrgang.
Sie ioternafioBgi? Weihe für SMiAskS.
__ (Eig. Drabtbericht.) Der ..B. 3."
wird die Meinurlg der englischen Presse »u den deuts-h«
Sr. Berlin, 22. Mai.
amerikanischen Anleibeverbandlungen wie. folgt geschildert. „Morning Post" weist auf die Schwierigkeiten des Pr ob .«ms diu. Die Anleihe würde den MarNurs betrackt- l i ck beben und diese Kursverbessernn» wrderloricht ergeutlich dem Revarationsintereffe gewisser Machte... m. nelche di« Cachlirserungen rum Teil unverwendbar wurden. Andere Schwierigkeiten lägen in den notwendrgen Garaty tiru. Der deutsch-russische V e r t r a g s a bs L l uh bade das Sickerbeitsbedürfnis der Änleibegeber wesentlich verschärft und gesteigert. Die „Times fast. e:n« Anleihe scheine für Deutschland immerhin eine mehr versprechende Hilfe zu bin als der Vertrag von Navallo oder ein militärisches Abkommen (!) mit den Bolschewiken.
Tagung des Auswärtigen Ausschustes.
Br. Berlin. 22. Mai. (Eis. Drabtbericht.) Das Reichs- kabinett war am Montag zu einer Sitzung zusammengetreten. / um die Berichte des Reichskanzlers und desAuhen- ministers Dr. Ratben a u üb»r die Konferenz von Genua entaegenzunebmen. Vorläufig besteht die Absicht, dah Dr. W i r t b am Freitag im Reichstag über Genua ivricht: jedenfalls wird « nicht vor diesem Taae im Reichstage sprechen.
Segen die Loslösung der Rheinland«. X
Wd. Mainz. 22 Mai. (Eig. Drabtbericht.) Die sozialdemokratischen Vertreter aus etwa 50 Orten des rbeinbessischen Bezirks nahmen in einer stark besuchten Konferenz am gestrigen Sonntag unter starkem Beifall in stlsender EntlckliehunM Stellung gegen di« Sonderbündler:
Die am Sonntag. 21. Mai. tagende Beiirkskonferenz der sozialdemokratischen Partei Rbeinbessens protestiert Segen di« in letzter Zeit auftaucheaden Loslölunasb^- iltbungen der Smeets und Konsorten. Sie lehnt, alle
rung. di« stck untrennbar mit dem Deutschland irn- leits des Rbeines verbunden Mlt. ab. Allen Losiölungs- versucken die ausgeben von Smeets oder Dorten oder sonst woher, wird di« Bevölkerung des Rbeinlandes. rn
erster Linie die Arbeiterschaft, mit allen ihr zu Gebote stthevdcn Mitteln enigeaentreten. Das Rheinland ist deutsch und will deutsch bleiben, beute und immerdar! Die Autonomie der Rheinlande bedeutet die Ausgabe der Versirsfuns der deutschen sozialen Republik, die die freicfte der Welt ist und für die ein Ersatz »u bieten weder die selbständige rheinische Republik noch ein Patronatsstaat in der Lase sein wird. Aber von den rein nütz lullen Erwägungen ranz abgesehen, ist das rheinische Gefühl allein Io fest an die deutsche Einbeitsrevublik gekettet dah ihm eine Loslösung vom Vaterland und von der Heimat als schädlich erscheinen mühte. Den Sonderbündlern und allen anderen an der Abtretung des Rhein- landes Interessierten rum Trutz erneuern die Sozialdemokraten Rbeinbessens das Treuaelöbnis zum Reick und werden alle Abtrennungsversuche und Manöver rechtzeitig zu bindern wissen.
Ein weißer Rabe.
Br. Berlin. 22. Mai.
Es ist er-
(Eis. Drabtbericht.)
freulich. die verständigen Worte der Versöhnung zu hören. d>e der franzdstsch« Devutierte Marc E a n gu i e r. gelegentlich seines Aufenthaltes in Berlin sprach. Sanguier ist der P>äsident des Internationalen demokratischen Kongresses, der sein« erste Tagung im Dezember v. I. in Paris abge- balten bat und dessen nächst« Zusammenkunft kur Ende Sevtcn'ber d. I. in Wien geplant ist. Im Anlckluh an die Pariser Tagung ist ein: Berliner Abteilung des Kongresses gegründet worden, deren erster Borsttzender der Zentrum»- otgeeidnete, Loos dester, »weiter Borsttzender der demokratische Reichstagsabgeordnete Seile ist. Sanguier sprach in einer stattlichen, von Darlamentarrern und Brrstever- trelern der Demokraten, des Zentrums und der Sozialdemokratie betuchten Versammlung in den Räumen der Deutschen GebMchoft ru Berlin. Er führte aus. dah die Völki rvesöbnung nicht von den Parlamentariern und den Politikern, sondern aus den Nationen selbst heraus kommen müste und werde und dah die Grundbedingung dafür sei. dah der gute Wille nach Schwinden des gegenseitigen Mih- trauevs geweckt werde.
k»e i l e. der die Zusammenkunft leitete, betonte, dah auch Deutschland zur Versöhnung bereit lei. Aus die Frage des ftanzölitchen Abgeordneten, ob es möglich lein werde, im nächsten Jahr den Kongreh in Berlin tagen zu lasten, erklärte er. dies würde von dem wetteren Vorgehen der Franzosen «egen Deutschland abhängig sein.
Die Rede Sanguier» ist um so bemerkenswerter, als er auf der Liste des nationalen Blocks gewählt worden ist. die ictzise Pclitik Frankreichs aber nickt billigt und demnächst eine Inteivollation gegen das Verhalten auf der Genua- Konierenz einbringen wird.
Das Ende der gefürchteten deutschen Kvnkurrenz.
v. Lond«n, 22. Mai. (Eig. Drabtbericht.) Der politische Mitarbeiter der ..Svndau Times" schreibt, man suble rn Deutschland allmäüick di« Reaktion des entwerte t e v. Geldes. E-n« Zeitlang bat d«s« Geldentwer- tu iw Deutschland in di« Mö.lrckke't versetzt, die englischen Fabr-kanten und Kausleute »».unterboten. Aber dr«^ Kl'nknrrrn, ist jetzt ,u Ei^e. Brsher hat Deutschland noch mit k ; ner. Vorräten an Robstoften arbeiten kormen. aber
irrt muh^es all7Robstoffe.ru hoben Vr^Uen^neu rben
e o o in» i i v »v « v .. .-
erwerben Infolgedessen lei es als Konkurrent nickt mehr so furcktbar als vorher. So z. B. war bei einer Eubikrivtion von Lokomotiven für Rumanten das
Aulgebol wesentlich höher als dag engl ticke
