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Mittwoch, 3. Mai 1922.
Nr 205. * 70. Jahrgang.
Die schwierigen Russen.
Mit einer Parteirevolte im Rücken ist Lloyd George nach Genua gegangen. Seine Mehrheit und die konser- . vativ-unionistische Partei, die vier Fünftel seiner Mehrheit ausmacht, krachen in allen Fugen. Befestigung, Verstärkung seiner Mehrheit durch die im Herbst fälligen Neuwahlen ist es, was sich Lloyd George als Wirkung der Erfolge verspricht, dre er von Genua heimzubringen gedenkt. Mit dem Friodenspakt, der zehnjährigen TreuZa dei mit Verzicht auf alle militärischen Sanktionen und Demonstrationen, hoffte er auch einen großen Teil der Asguith-Liberalen für sich zu gewinnen. Und ein Vertrag mit Sowjetrutzland ist der dringende Wunsch der Londoner City. Davon aber, wie sich die Londoner City nach der Konferenz von Genua zu Lloyd Georgs stellen wird, hängt sein Schicksal ab. England hat nn Krieg die Enttäuschung verwunden, daß sich business as usual (nur keine Ge- schäftsjtörung!) als sine ganz unmögliche Parole erwies. Aber im Frieden mutz sich buslus«« as usual durchführen lassen, und solange die Eeschästsstörung dauert — das begreift jeder normale englische Kaufmann oder Unternehmer — gibt es keinen wirklichen Frieden. Die englische Kaufmannschaft beherrscht Englands Politik, und ihre einfache, klare Forderung ist: gute Geschäfte — mit Deutschland und mit Rußland. ^mmer sind es die erfolgreichsten englischen Staatsmänner gewesen, die die Nation gleichzeitig bei ihrer nüchternen geschäftlichen Denkungsart und bei ihrem christlichen Gefühl zu packen wutzten, und Lloyd Georges Absicht ist, von Genua mit zwei Gaben heim- zukehren:'„gute Geschäfte" und „Friede auf Erden".
Aber während die City gespannt auf die Sicherung des russischen Geschäftes wartet, erweist es sich in Genua als nicht so einfach, wie Lloyd George geglaubt hatte, mit den Russen zu verhandeln. Diese Sowjetleute zeigen auch nicht die geringste Spt von Sentimentalität. Europa und Amerika wissen, datz in Rußland 30 Millionen Menschen hungern, datz die Produktion, die industrielle wie die landwirtschaftliche, auf einen geringen Teil ihrer Leistungsfähigkeit herabgesunken ist und ohne fremde Hilfe nicht wieder emporgebracht werden kann. Man stellte sich vor, die Russen würden als Hilfeflehende nach Genua kommen und bereit sein, alles zu unterschreiben, ja sich dem Teufel Kapitalismus zu verschreiben, wenn sie Brot für ihre Hungernden und Kleidung und Geräte und sonst das Nötigste erhielten. Aber diese Tschitscherin und Rakowski haben es offenbar gar nicht eilig und sind durchaus nicht zerknirscht, ja sie sind nicht einmal davon überzeugt, datz das Experiment des Kommunismus und Sozialismus kläglich zusammengebrochen ist, sondern während sie dem fremden Kapitalismus einige für die Wiederaufnahme äußerer Beziehungen unerläßliche ZuMtändnisie machen, behaupten sie, datz lediglich die mehr als dreijährige Blockierung und Bekämpfung Rußlands durch die Entente und die Bürgerkriege nach dem großen Krieg mit Deutschland Rußland so tief heruntergebracht haben und datz man eigentlich Rußland Entschädigungen schuldet. Nach der bolschewikischen Auffassung soll zwischen Rußland und Europa ein Kompromiß getroffen werden: Rußland willigt ein, die
Entschädigungen, die ihm gebühren, als Hilfe bezeichnen zu lassen, und will seinerseits zwar nicht Entschädigungen leisten, aber die Tätigkeit der schon früher in seinem Gebiet beschäftigten Ausländer fördern, ihnen Gelegenheit geben, Rußland wieder neue Hilfsquellen zu erschließen, und — vom kommunistischen Standpunkt aus ein großes Zugeständnis — die Vorkriegsschulden, wenigstens soweit es sich um Kleinrentner handelt, bezahlen.
Nicht bloß mit Krediten und Warenlieferungen wollen die Sowjetvertreter nach Petersburg und Kiew zurückkehren. Sie wollen auch verkünden können, daß sich der Sozialismus als verhandlungsfähig gegenüber » Kapitalismus erwiesen hat. Der deutsch-russische Vertrag mit Deuffchlands grundsätzlicher Erklärung, zum Verzicht auf Entschädigung für sozialisiertes, deutsches Eigentum bereit zu fein, ist ein außerordentlich großer Erfolg, auf den der rusiische Sozialismus pochen kann, und er sucht diesen Vorteil jetzt gegenüber den anderen ry Genua vertretenen Staaten auszunützen. Man wird vielleicht in nichtsozialistischen deutschen Kreffen die Frage aufwerfen, ob wir Ursache hatten. ^5" rusiischen Sozialismus zu stützen, und* ob unsere Geschäfte mit Rußland nicht darunter leiden werden, daß die Sowjetregienrnqsgewalt Einfuhr uttb. Ausfuhr reguliert. Und man wird vielleicht über- rascht sein wenn wir, die wir uns wahrlich keiner Vorliebe für das Sowjetregime bewußt stnd, erklären: allerdings haben wir unter den gegebenen Verhält- nisien alles ^ntereffe daran, daß Rußland nicht zu freier (kapitalistischen) Wirtschaft übergeht, sondern
datz die Entwicklung der letzten Monate, der Übergang vom Kommunismus zum Staatssozialismus, in Rußland konsequent zu Ende geführt wird. Di« Ursache ist klar: Boi freier Wirtschaft würde ein Ausverkauf Rußlands eintreten. Die Kapitalisten und Unternehmer der ganzen Welt würden sich auf Rußland stürzen und wie weit würden wir wohl mit unserer Papiermark im freien Wettbewerb mit Dollar und Pfund Sterling kommen? Wenn Deutschland den Aly teil, der seiner industriellen Leistungsfähigkeit, feiner organisatorischen Tätigkeit und seiner alten Erfahrung im Handel mit Rußland entspricht, am'Wiederaufbau Sowjetrußlands erhalten will, muß es mit dem russischen Staatssozialismus zusammenarbeiten. .
Tie Russen haben jetzt rn Genua einen neuen Zwischenfall hervorgerufen, indem sie — offenbar unter dem Eindruck, daß Lloyd George den Franzosen nachgeben könnte und die bereits gemachten Zugeständnisse wieder zurückgenommen hätte — auch ihrerseits die Erklärung abgegeben haben, ihre letzten Zugeständnisse seien nur bedingt und sie müßten sich den Rückzug auf ihren ursprünglichen Standpunkt, auf ihr Memorandum, welches sie nunmehr auch offizkell der Konferenz vorgelegt haben, Vorbehalten. Es handelt sich bloß um einen taktischen Eegenzug, aber er beweist, daß Lloyd George mit den Russen nicht weniger Schwierigkeiten als mit den Franzosen haben wird, wenn er zu einem guten Vertrag kommen will!
Rußland braucht 2 Milliarden Dollar.
W.T.-B. London, 2. Mai. In einer Unterredung mit dem Sonderberichterstatter des Reuterschen Bureaus in Genua erklärte Tschitscherin, daß die in der Presse veröffentlichte Fassung der Präambel über das Abkommen mit Rußland für die russische Delegation in der Art und Weise, in der die Streiffrage behandelt wird, unklug und unbefriedigend,sein müsse. Dir russische Regierung brauche eine Anleihe. Es scheine jedoch, als ob die Anleihe der Regierung nur gewährt würde, um ausländischen Unternehmungen eine Wie- derauftrahme ihrer Tätigkeit in Rußland zu ermöglichen. Die russische Regierung werde eine b e st i m m- tere Zusage verlangen als die in dem geplanten Übereinkommen angekündigte. Auf die Frage, wie hoch der Betrag der Anleihe wäre, die die russische Regierung brauche, erklärte Tschitscherin: 2 Milliarden Dollar.,,
de Facta an Tschitscherin.
U. Genua. 2. Mai. (Drahtbericht unseres Sonderberichterstatters.) Die Agenzia Stefani veröffentlicht den Wortlaut des Briefes des Präsidenten de FMa an Tschitscherin. Dieser lautet: Herr Vizepräsident! Ich beeile mich, auf Ihren Brief vom 28. April zu antworten und teile Ihnen mit, daß die Zusammenkünfte, die in den letzten Tagen stattfanden, den Zweck hatten, im Zusammenhang mit den in .Gang befindlichen Verhandlungen die Präzisierung einiger Punkte zu erzielen und den Meinungsaustausch mit Ihrer Delegation zu erleichtern. Bevor ich an die Prüfung der Erwägungen, die Sie im zweiten Teile Ihres Briefes darlegen und von denen ich nicht zugeben kann, daß sie begründet find, herantrete, bitte ich Sie, mitteilen zu wollen, ob Sie angesichts der Unrichtigkeit der Informationen, die Ihnen bezüglich der erwähnten Zusammenkünfte zugegangen sind, noch auf Ihrem Standpunkte verbleiben und auf Ihrer Forderung bestehen, daß das Memorandum verteilt werden soll.
Frankreich und Rußland.
W.T.-B. Baris, 2. Mai. Zum Briefe Tichi- jscherins an Bartbou schreibt der „Petit Varisien". man würde gerne in Frankreich an die Aufrichtigkeit des Cbeis der russischen Delegation glauben, aber man bade geweint. keinem Klarblick und dem seiner Kollegen zu nntz- tramn. und wie könne das republikanische Frankreich Sym- vaibien einer Regierung »eigen, die. nickt damit, zufrieden. Frankreick im Kriea verraten zu baden, oiien damit drobe. die sozial« Revolution in allen den Ländern zu entfachen, die schon durch den Einfall stark mitgenommen worden seien, unter dem schönen Dorwavd man wisse nickt, welches Paradies anfzurickten. Dem russischen Volk babe Frankreich nie aufgebört. seine alte Freundschaft zu be- wabren. Man babe cs nicht vollkommen für dis traurige militärische Schwäche von 1917 verantwortlich gemacht, wobl wissend. bis zu welchem Grade seine Entkräftung und seine Unwissenheit gegangen seien. Wenn Rubland wieder eine Demokratie der kleinen Bauernbesitzer geworden sei. eine bescheidene demokratische Republik wie Frankreich, dann würde es allen denen Vertrauen einffötzen. die imstande bien, ihm iinanziell und politisch ru betten.
Der Abba« der deutschen Delegation in Genua.
U. Genu». 2. Mai. (Drabtmelduna unseres Sonderbe- riLterstatters.) Die Arbeiten der Ausschüsse. &ie lick mit wirtschaftlichen. finanziellen ^md politischen Fragen beschäftigen. dürften im Laufe der Woche zu Ende geben. Voraussichtlich wird ein Teil der deutschen Delegation und ler Sachverständigen in den nächsten Tagen nach Deutschland zurückkebren und ein allmählicher Abbau der deutschen Detroatton von Genua durchgefübrt.
PoirrcarßZ Standpunkt. -
D. Baris. 2. Mai. (Eis. Drabtbericht.) In biefisen volitischen Kreisen wird der Reise Bartbous. der am Mittwochmorgen iu Paris erwartet wird, entscheidende Bedeutung beigelegt. Der Senatsausschuh und , der Kammerausschutz für auswärtige Angelegenbeitckn sind auf Donnerstag ernberufen. Ministerpräsident Poincars bat sich über die Fragen, die der Kabinettsrat am Donnerstag in Gegenwart Bartbous erörtern wird, bei dem gestrigen «resseempfang im Quai d'Orsay geäußert. Zur vauptkrase. dem europäischen Pakt, bemerkt der Ministerpräsident. die französische Regierung sei zur Unterzeichnung des in Genua vorgeschlagenen Paktes bereit, falls er mit dem Artikel 10 der Völkerbu ndsstatuten im Einklang siebe. und das Recht der verbündeten Regierungen auf evtl.
V « rbängun.g von Sanktionen im Falle einer Verletzung des Versailler Vertrages durch Deutschland nickt entastet. In der Frage des Obersten Rates vertrat Poincars seine alte Auffassung, datz es nach Frankreichs Meinung vor- zuzreben wäre, wenn die Verbündeten ihre Meinungen auf normalem diplomatischem Wege austauscken. und datz eine Tagung des Obersten Rates auf jeden Fall vor dem 31. Mai nicht nötig erscheine. Sollte der Wiedergut- machungsausschu« mit Stimmenmehrheit am 31. Mai eine Verfehlung Deutschlands festsiellcn. so würde der Oberste Rat. nach BoincarSs Meinung, -zusammentreten können, um me erforderlichen Mahnahmen zu diskutieren. Poincars betonte weiter in diesem Zusammenhänge, es sei keineswegs ausgeschlossen, datz der Wiedergutmachungsausschutz am jd. Mai ein Versehen Deutschlands proklamiere. Man müsse mit der Möglichkeit rechnen, daß der Ausschub das provisorische Moratorium um einig« Monate verlängert.
Die Abreise Barthaus.
ff. Genua. 2. Mai. (Drabtmeldung unseres Sonderberichterstatters.) Der Führer der französisch«: Delegation. Bartbou. ist am Dienstanmorgea 10.40 Ubr von Genua nach Parrs a b g e r e ist. Die führenden Mitglieder der frar,rökischen Delegation batten sich beute früh in Bartbous Villa begeben, um sick noch einmal mit ihm zu besprechen, bevor E o l r a t vertretungsweise die Leitung der fmnzösi- schen Politik m Genua übernimmt. Je ein Vertreter der englischen und leer italienischen Delegation waren am Babn- dof anwescud. Sowohl in englischen wie in italienischen Kreisen legt man heute Wert darauf, die Abreis« Bartbous jedes sensationellen Charakters zu entkleiden. Seine Abreise «alt. sagt man. die Arbeiten der Konferenz nicht im geringsten auf. Bartbou braucht nicht versönlich seine Unterschrift unter das Dokument zu sehen, das man beute abend der. Russen übergeben wird.
Französische Meldungen über eine «ngebliche »rutsche Kabinettskrise.
W. T.-B. Berlin. 2. Mai. (Drabtbericht.) Die Havas- Asentur veröffentlicht folgendes Telegramm aus Berlin:
In deutschen volitischen Kreisen sei man skeptisch wegen des Ergebnisses der Konferenz von Genua gerüor- den. Der deutsch-russische Vertrag, der anfangs günstig ausgenommen worden sei. werde jetzt lebbaff kritisiert und als ungeschickt bezeichnet. In Abwesenbeit des Reichskanzlers und Rotbenaus sei di« Kampagne gegen das Ministerium seit einiger Zeit wesentlich lebhafter geworden. Die Zeitungen sprechen davon, scheinen aber den Beschluß, die Regierung nicht offen anzugreiien. Folge zu leisten. Trotzdem fatzt man die Möglichkeit eines Sturzes des Ministeriums nab der Rückkehr der D e - legierten aus Genua ins Auge. Eine Persönlichkeit, die die Nachfolgeschaft antreten könne, sei keine andere als Sermes.. Wenn er die Regierungssewalt übernehmen wird, wird er sich natürlich auf Koalitionsvarteisn nützen, denen sich die Deutsche Bottsvartri anschlretzen wird.
(Anmerkung des W. T.-B.: Augenscheinlich bandelt es sich bier mn eine Phase des französischen Kampfes mit neuen Waffen. Wenn bis jetzt Paris vergeblich versuchte. Deutschland von dem deutlck-russtschen Bcrträg abzu- briusen. so soll dies jetzt durch Aushöhlung der inneren Front und durch Propbezriung von Kabinettskrisen sowie durch «ine ganz haltlose Verdächtigung des Relchsfinanrministers erreicht werden. Datz bicrru nickt einmal passenoe deutsche Zeitungsstimmen vor- lieaen. scheint der französtschen Propaganda das Handwerk wesentlich zu erschweren.)
Die ReistbeKünstigungsfrsge.
„Br. Berlim 2. Mai. (Eis. Drabtbericht.) Die .,B. 3." labt sich aus Genua drahten: In der gestrigen Sitzung der erst en U n t er ko mm iss i o n des Wirtschaftsausschusses t die Debatte über die Frage der Meistbegü »- iguns begonnen, Sie bat einen sebr interessanten Ver- .genommen. Nach ,einer einleitenden Rede des Staats- Kkretars Dr. S i r s chj der nochmals die Gesichtspunkte für den deutschen Antrag barlegte, sprach sich der javanisch« Vertreter in der Begründung seines Antrages gleichfalls für weitgehende Anerkennung des Prinzips der Meistbesünt- siigung aus. Auch der italienische Wirtschaftsminister Rossi aab w einer formellen Erklärung di« Zustimmung sein« Regierung zu Protokoll. Die Überraschung der Sitzung aber war dr« Rede des Vertreters der englischen Delegation, der in einer Weise, die an die beste Tradition des englischen Liberalismus erinnerte, das Prinzip der allgemeinen M e i st b e g ü n st i s u n g für die Grundlage oes europäischen Wiederaufbaus und der Überwindung der Weltkrise darlcgte. Der englische Redner sagte, die Nationen mutzten sich darüber klar werden, datz sie an einem Scheideweg sieben. Es bleibe nur die Wahl zwischen einer Rückkehr zu der liberalen Politik gegenseitiger Meistbegünstigung oder einer dauernden Spaltung der Welt me me Unzahl von Staaten, die einander trotz formeller Frredensarutze mit Deskriminationen. Einfuhrverboten und den übrigen Rüstzu-gen des Protektionismus bekämpften. Der en» lÜcke Delegierte erklärte in aller Offenheit, datz er eme Wiederkehr normaler wirtschaftlicher Beziehungen nur ber einer Anerkennung der Grundsätze einer liberalen Wirtschaftspolitik für möglich halte.. Er säbe m einer Rückkehr rum Grundsatz der allgememen Meistbegünstigung nichts anderes als dr« logische Folge der brsb« in der Wirtschaftskommission, gefaxten Beschluss- zur Erleichterung des Handels. Die Krönung des Wecks so« Genua mutzte feia; -JSau*l txmda<
