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Montag, 1. Mai 1922.

Abend-Ausgade.

Nr. 202. 70. Jahrgang»

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Eine Jndustriekrise in Sicht.

Die Verhandlungen in Genu«, so dramatisch sie ver­laufen und so bedeutungsvoll sie für die Entwicklung der politischen Gestaltung werden mögen, sind dennoch an einem Punkt angelangt, an dem sich mit einiger Ge­wißheit sagen läßt, daß sie ihren eigentlichen Zweck, die Inangriffnahme wirtschaftlicher Heilprozeduren mit ' dem kranken Körper Europas, keinesfalls erfüllen wer­den. Um so aufmerksamer müssen gewisse Symptome ! der industriellen Entwicklung ins Auge gefaßt werden,

: die beim Ausbleiben durchgreifender Maßnahmen zu einer schweren Krise des industriellen Absatzes zu . führen drohen, und die uns mit besonderer Eindring­lichkeit in unserem Nachbarstaat« Österreich ent- ! gegentreten.

In Österreich ist nämlich seit einigen Monaten die ! schärfste Industrie- und Absatzkrise im Gange, verbun-

den natürlich mit schwerer Arbeitslosigkeit. Und es hat , den Anschein, als ob diese Krise als ein Vorzeichen auch

für Deutschland aufgefaßt werden müsse.

Bisher kannten wir die Absatzkrise nur in den Län­dern mit hoher oder mindestens ansteigender Valuta, und sie erklärte sich sehr einfach daraus, daß die Waren,

die in diesen Ländern erzeugt werden, für die schwach- ^ valutarische Welt zu teuer sind, und daß sie teilweise ? oon der Produktion der schwachvalutarischen Länder s verdrängt werden. Mit der österreichischen Zndustrie-

krise zeigt sich die Erscheinung nun zum erstenmal auch ] in einem schwachvalutarischen Land. Auch Österreich 1 kann nicht mehr verkaufen, große Werke müssen feiern | ilnd die Zahl der Arbeitslosen hat sich vom Oktober bis I zum März auf das Zehnfache gesteigert. Die Krise i rührt davon her. daß die österreichischen Preise, trotz

furchtbar entwerteter Valuta, das Weltmarktniveau - bereits überschritten haben. Hundert Kronen werden i heute in Zürich mit etwa sechs Centimes bezahlt, aber j für sechs Centimes kann man in Zürich mehr einkaufen,

; als in Wien mit hundert Kronen. Das Ergebnis ist, j daß das Ausland feine Einkäufe in Österreich tatsäch- j sich eingestellt hat, und daß der Anreiz des Auslandes, i in Österreich einzukaufen, sich fast in einen Anreiz ' Österreichs, im Ausland einzukaufen, verwandelt hat.

Daß es zu dieser Übersteigerung des Weltpreis- | Niveaus kam, ist aus dem Zusammenwirken verschiede­ner Umstände zu erklären, und es ist notwendig, darauf hinzuweisen, daß jede dieser Ursachen in vorerst freilich noch geringerem Maße auch in Deutschland bereits wirksam geworden ist. Zunächst sind es die Aufhebung der sogenannten Subsidien für Nahrungsmittelverbilli­gung ufw. und die Lüftung derWohnungszwangswirt- fchaft, die die Preise verteuern, indem sie das Lohn- mveau Hochtreiben. Die Einstellung der Transport- subsidien und die Verteuerung der Kohle wirken in gleicher Weise auf den Preis der Waren direkt ein. Diesen beiden Prozessen, die in Österreich schon durch- gesuhrt, in Deutschland in der Durchführung begriffen sind, gesellen sich weitere Faktoren zu. Erstens be­ginnen die Steuern in verstärktem Maße das Produkt zu verteuern, und bei der üblichen Methode der Ab­walzung auf den Konsumenten ist das sogar bei den direkten Steuern der Fall. Zweitens haben die soge- nannten Riesengewinne der Industrie tatsächlich nicht rm Verhältnis der Geldentwertung zugenommen. Die Erneuerung der alten Produktionsmittel oder gar die Einführung technischer Verbesserungen stößt in steigen­dem Maße auf Schwierigkeiten. Die Preisgestaltung des inländischen Produktes bleibt also in bezug auf Verbilligung hinter den Anstrengungen des kapital­kräftigen Auslandes zurück. Drittens bewirken von dem Augenblick an. in dem di« erste Arbeitslosigkeit sich elnzustellen beginnt, die verschiedenen Demobil- machungsbestimmungen, die der Entlassung überflüssig gewordener Arbeitskräfte Schwierigkeiten entgegen- stellen. eine ungenügende Vermint erung der General- Lnkosten bei starker Verminderung der Produktion, sie ulso ebenfalls preisverteuernd. Und viertens

f lt ^..® on Einem gewissen Entwertungspunkte der Landeswährung an eine so starke Nervosität in bezug

ite krmst'g? Entwicklung ein. die Sorge, ob der ri arenerlcs auch nur dazu ausreichen werde, bei fort- ^reltender Entwertung des Geldes dieselbe Ware Eft »u erstehen, wird so stark, daß dies zu Über- ?°^ungen des Preisniveaus führt/ die den letzten 3Ur Überschreitung des Weltpreisniveaus ab-

L® s . Zusammenwirken all dieser Faktoren hat in Ultra! ^'E ^lusfuhr gelähmt, wozu dann noch hin- »«ft die Abnahme der inländischen Kaufkraft auai den Binnenverbrauch ständig zusammenschrumpfen »bn-n;»ergab sich die Jndustriekrise, die das schwer notleidende Land in eine verzweifelte Situation stoßt. Aber weder die «msfuhvschädigenden

Elemente, noch die Erlähmung der inneren Kaufkraft beschränken sich offenbar auf Österreich. Es ist offen­sichtlich, daß sich auch in vielen Branchen der deutschen Produktion schon ähnliche Ansätze bemerkbar machen. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, steuern auch wir nach der Periode der sogenannten Hochkonjunktur auf eine in ihrer Tragweite noch unabsehbare Baisse zu, und es ist ratsam, die Situation mit hohem Ernste zu betrachten!

Vor der Entscheidung über das Schicksal der Konferenz.

W. T.-B. London, l. Mai. Die Sonntassvreste hebt her­vor. dast die nächsten Tase das Schicksal der Genueser Kon­ferenz entscheiden werden. Ein Teil der Blätter nimmt bei der Behandlung der englisch - französischen Meinunesverschiedenbeiten in Genua in sehr scharfer Meise gegen die Pariser Politik Stellung.

-.Sundav-Times" berichtet aus Paris, trotzdem sich dre französische nationalistische Presse bemühe, auf die Vor- teile einer unnachgiebigen Haltung hinzuweisen, herrsche unter mm bedeutenden Teil des Publikums die Ansicht. W es M.üeiÄt vorteilhafter sein werde, einen versöhn­licheren Geist zu zeigen.

.. Drr Sonderberichterstatter derTimes" in Genua schrerbt. dre nächsten Tage mühten die Genueser Konferenz entweder toten oder heilen. Der deutsch-russische Vertrag tonne eine Gefahr nur bilden, wenn Genua seblicklage. Der Vertrag muhte rn ein allgemeines Abkommen zwischen Rutziand und Westeuropa ausgenommen werden. Poincar« straube sich mit Händen und Fühen gegen die Behandlung der Revarationsfrage rn Genua. Di«e Fräse müsse jedoch werden, bevor irgend ein wirklicher Fort- Ichrrtt der dem Wiederaufbau gemacht werden könne.

«uv+iür u' n £F l vrm der ..Suntmy-Times" veröffeutlichten Artckel Hecht es. in Genua widerstritten sich zwei fuiida- mental entgegengesetzte Ansichten über den eurooäjichen Mlederausbau ore tranrösisch« und die britische Ansicht der Amickt verer. die nickt vom Versailler Vertrag ab- Lerchen wollten und die Ansycht derer, die seine Abäirde- kuug.undzwar drastische Abänderung, für den ersten Schritt ^s..vol'.t:kchen Friedens und der kommerziellen Sicherheit fstiaben Alle, britischen Wirtschaftler und die meisten büti- ^d^aatsmann« bereuten den Versailler Ver- trag und sahen, dab er den vom Krieg geschaffenen Ruin

hK r Ä r -n t 0 «i er J 6 aBe. und dah die Bestimmungen des Versailler Vertrages und noch mehr der Deist, der in ihm stecke, verhängnisvoll für alle britischen und europäischen st.slLen gewesen seren und dre Wiederherstellung jenes kommerziellen Gleichgewichts verhindere, an bem Grohbritannien mehr als irgend ein anderes Land Der Verfaffer fragt: Können wir es N,-'. n"en... Frankreich noch langer ans unserem Rücken »u tragen? Können wir es uns leisten. Frankreich weiterhin ber einer^Pol:tik zu unterstützen, die - wie wir Een - voll ist? un ^ AZohliahrt Eirrsvas verhänsnis-

. Öblerver" schreibt G a r v i n. es sei unerträglich

PomcarS rn die Genueser Konferenz einmische, ebne ihr anzugehoren. Der Vormarsch der Franzosen l>C.das Ruhr gebt et ohne vorherige Beratung mit den Alliierten würde eine Verletzung des Versailler Bertrages bedeuten. Kern einziges Land auher Frankreich weder ein allimtes noch em neutrales Land, billige das Ultimatum D:e Genueser Konferenz werde entweder der Beginn eines neuen Europas sein oder das Ende Entente zwischen Grohbritannien und Frankreich Lloyd Geri ge habe aus Genua keine ganze Zukunft gesetzt. Der Premiermlnnter gestehe ein. dah es der schwierigste .«anzen Lebens sei. Europa und die Welt mochten klar, missen... was BomcarS beabsichtige: dir Politik Erohbrltaninens wurde unwiderruflich danach bestimmt werden. Beabsichtige PorncarS. nach dem 31. Mai in das Ruhrsebret einzudringen.? Bevor dieser Zweifel geklärt sei werde keine Macht Frankreich die wiederbergestcllten Grenzen von 1869 garantieren, auf der Grundlage eines wie es die britische Regierung in Eannes abzuM.ehen wünschte. ^ Entwed^mMe d^ Ultimatum W b « 1,c - widerrufen werden, was den v o l i t i s ch en ^ " l" carSs bedeuten würde, oder die Entente auf erörter?'wer^,?'^ Revarationsfrage müsse von Erund

b,e,i?"«Esnem späteren Die endgültige Krisis" überschrie- benen Leitartikel schreibt Earvm mr ..Observer". Äoyd George werde sich nicht , schlagen lassen, was auch immer ge- sckehe. Der Premierminister werde eine Niederlage nickt dulden. Er habe dies klaraemacht. Er sei entschlossen^ als man ihn i« «eseben babe entweder die Konferenz rum

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11 < r u rt 0 in Europa zur Folge haben. Lloyd George werde dann seine europäische Politik der Versöhnung E des Wiederauibaues fortsetzen und dabei den gröhten Teil englischen Volkes und die überwältigende Malle der öffentlichen Meinung der Welt hinter llch haben. Garvin fahrt fort. Porrs sei noch immer die gröhere Gefahr, nickt rskau. Porncarö .klammere sich an die Formel der

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??? Derma Erfolg habe. Er bereite die LMten i-chwior,gleiten ledesmal. wenn die Konferenz dem am nächsten zu stehen schem«. Voinear« betrachte dre Einladung imck Genua als einen Ruf nach Eanolla Garvin. bczweZelt nach leinen Ertahrungen sehr, ob ir«nd eine wirkliche Ausllcht für eine gründliche politische Neu­regelung Europas und dre allgemein« Wiederherstellung des Handels imd Erwerbes in der Welt bestehe, bevor die eng- l'sche Wählerschaft gezwungen worden sei. die Entente ru widerrufen.

Sie BnwetMi »n Helfe Simm nsft Ms.

_ , ^..Paris. 1 . Mai. (Eig. Drahtbericht.)Journal des Veoats glaubt »u wisten. dah Barthou am nächsten D l e n s t o. g Genua verlasten wird. Wahrend seiner Ab­wesenheit wird die franzöllsche Delegation in Genua von E a rr er e geleitet werden.

, . F; wenua. 1 . Mai. (Drabtmeldung unseres Sonder- ^^Eterftatters.) über die beaüstchtiste Reife Barthous nach Paris kursieren ravei Auslastungen. Die eine soll be­weisen. dah Barthou von Lloyd George veranlaht worden lei. nach Baris zu fahren: die andere behauptet das Geaen- teil. .dah der ^enslisiüe Ministervrästdent Barthou diese esadrt ins Blaue abgrraten habe. Dah letztere Les- tfm! rx liegt alb die erster«, ist ohne weiteres klar. Es stellte sich auch heraus, dah Lloyd George aus seinem Er­staunen kernen Hehl gemacht habe. Er hätte auf den Fall Tvriand ln Cannes aufmerksam gemacht und auf die algen. die sich aus dieser Reise für die Konferenz von Zaunes ergaben. Man will sogar d«r Wortlaut der Er­klärung Lloyd Georges wisten. der gesagt haben soll:

Ich nebme rum der Absicht des Ebefs der französischen Delegation, nach Paris runichzukehren. Kenntnis. J>b kann aber nicht umhin, zu brnerken. dab es das zweite Mal ist. dah im Laufe einer wichtigen Konferenz und im beikelft.en Moment der Verhandlungen der Ebef der französischen Delegation nach Paris reist. Das Ver- wicchen des Herrn Barthou. auch nach Genua zurückzu- kebren. nehme rch zur Kenntnis. Jedoch im Sinne einer Warnung ermn.ere ich daran, welche bedauerlichen Folgen die Abreise Briands aus Cannes gezeitigt bat. Deshalb kann ich muh nickt enthalten, zu erklären, dah ich die von verrn Barthou geiahte Entschliehung als zu schwerwiegend betrachte, um der möglichen Konie- auenzen willen, die sie, für den Verlaus der Konferenz- arbeiten haben konnten.

Barthou antwortete darauf:Ich habe stets den Arbeiten der Konferenz gegenüber guten Willen bekundet. Ick gedenke, mich nicht ru entfernen, so lange meine An- we»evbe,t in Genua als unumgänglich notwendig betrachtet

©tu).

rx i.Mai. Einer der Sonderberichter­

statter desPetrt Barmen m Genua meldet, bei der am Samstag stattgebabten zweistündigen Unterredung zwischen Barthou und Lloyd George bade letzterer angekun- di«t. wenn d,e Konferenz ohne den Abschluh eines allge­mein«, Vertrages mit Ruhland zu Ende gebe, fei cs klar da« gewiste Staaten, die auaenblicklich an den Beratungen ter nehmen, sich für berechtigt halten würden, mit Mos­kau besondere Abkommen ru treffen. Des ferneren habe Lloyd Georg« Barthou gegenüber wiederum dre Notwendigkeit einer Zufammenberufung der Signatar machte des Friedensvertrases von Versailles vor dem 31. Mai betont, damit über die Mah- nabmen gesprochen werden könne für den Fall, dah Deutsch­land seinen Verpflichtungen nickt Nachkomme. Lloyd George habe erklärt, nur die alliierten Regierunsschess könnten die ernsten Fragen die man in Paris durch die Botschafterkon- fcrenz oder dre Revarattonskomm'ffion erledigen lasten wolle, behandeln. Lloyd George habe als Ort der Zu­sammenkunft eine kleine Stadt an der italieni- chen Riviera, di« nickt weiter als San Remo gelesen sei. vorgeschlcaen Die letztere Nachricht habe auch der Corrlere della Sera" gebracht, und der Sonderberichter­statter desEcho de Paris" in Genua meldet, dah Barthou stch gestern abend geweigert habe, sich über diese Nachricht auszusprecken.

Lloyd Georges Ablehnung eines französisch-englischen Militärbündnisses.

v. Paris. 1. Mai. (Eig. Drahtbenht.) Lloyd George hat Barthou die absolute Er­klärung abgegeben, daß die englische Regierung kein Militärbündnis mit Frankreich dem Parlament gegenüber vertreten könne, weil keine Zu­stimmung vom englischen Volke zu erreichen sei.

Optimistischere Stimmung.

U. Genua, 1. Mai. (Drahtmeldung unseres Sonder­berichterstatters.) Seit gestern abend hat sich an der Lage, soweit man davon sprechen kann, im großen und ganzen nA ch t v i e l g e ä n d e r t. Die Stimmung ist etwas oprimfftischer geworden. Von neutralen Jour­nalisten wurde die Nachricht verbreitet, daß Lloyd E e o r g e und Barthou sich in vielen Punkten ge­einigt und Burgfrieden geschlossen haben sollen. Barthou hätte gestern abend ans Paris tele­graphische Weisungen erhalten, die der Einbe­rufung der Signatarmächte des Ver- faillerVertragesnachEenua günstig lauten Er hätte diese Weisungen in entsprechender Form Lloyd George nritgeteilt und so sollen die Derhandlungen zwischen den beiden einen freundlichen Charakter ange­nommen haben. Von schweizerischer Seite wurde mitge­teilt. daß bei den Neutralen die Auffassung bestehe, die Konferenz werde in kurzer Zeit beendet werden kön­nen. Andere Nachrichten behaupten, daß eine An­näherung zwischen Barthou und Lloyd George zwar stattgefunden hat. indessen die Zusam­menkunft der Signatarmächte des Versailler Vertrages noch nicht gelöst sei. Lloyd George beharre auf seinem ersten Standpunkt. Bartbou und Poincar^ versuchen ihn von seinem Entschluß abzubringen. indem sie in der russischen Frage eine gemäßigtere Stellung einnchmen.

Kpnferenzschluß Ende der Woche.

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