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Dienstag, 4. April 1922.

Abend-Ausgabe.

Nr 169. 70. Jahrgang.

Die Internationale.

Der Versuch, die internationalen Gruppen des Proletariats durch «ne nach Berlin einberufene Weltkonferenz" zur Zusammenarbeit in irgendeiner Form zu bringen, ist in kläglicher Weise gescheitert. Ausgegangen war der Plan dieser Weltkonferenz von derjenigen Gruppe, der man den Spottnamen der Internationale %y 2 angehängt hat, weil sie, indem sie sich zum Sozialismus bekennt, nicht wagt, zu den beiden größten Fragen, welche die zweite und die dritte Internationale trennen zum Gegenwarts­staat und zur Ration klar Stellung zu nehmen. Man kann heute wohl sagen, daß derInternationa­lismus 2^4" der Sozialismus des dummen Kerls ist, der nichts anderes weiß als: ich bin Sozialist, und was fönst aus der Welt wird, kümmert mich nicht. Aber ist es nicht seltsam, eine wirkliche Internationale kön­nen nur diese rinklaren Köpfe, nur die Dummköpse des Sozialismus aller Länder heute noch bilden. Rur in­dem man sozusagen der Wirklichkeit ausweicht, läßt sich eine Einigkeit des Proletariats erreichen, der die staatlichen Grenzen nichts anhaben können. Im Augen­blick, in dem man sich mit Tatsachen beschäftigt, werden die zweite und die dritte Internationale zur Lüge, zur : Unmöglichkeit. Die dritte Internationale kann nicht international sein. Sie vertritt den Sozialismus der besiegten Staaten und Völker. Und was vertritt die zweite Internationale anders als die Interessen des Proletariats der Ciegerstaaten?

Während aber die unabhängigen deutschen Sozial­demokraten um nicht so oder so zu sagen, damit man, nach llnstrops bekanntem Satz, nicht nachher sagen -könne, sie hätten so oder so gesagt sich der Inter­nationale 2% angeschlossen haben, stehen die deutschen Mehrheitssozsalisten im Lager der Sieger, in der zwei­ten Internationale Das ist geradezu grotesk! Die anderen Gruppen, die dieser Internationale ange­boren, hatten während des Krieges, um den inneren Frieden zu wahren, an bürgerlichen Regierungen teil­genommen. Rach dem Krieg find sic in die Opposition zurückgekehrt. Sie verlangen jedoch für die von ihnen vertretenen Volksschichten natürlich die Früchte des Sieges. Die deutsche Sozialdemokratie aber hat erst nach dem Krieg maßgebenden Einfluß auf die Regie­rung erlangt. Seit dem Umsturz ist fie immer di« stärkste Regierungspartei gewesen. Sie hat im Kainps gegen den Frieden von Versailles vorangestanden, und wenn sie ihn schließlich hat annehmen müssen, so hat sie doch niemals aufgehört, seine Rechtsgültigkeit zu bestreiten und seine Abänderung von Grund aus zu fordern. Was anderes also als leere Redensarten kann den tiefen Gegensatz zwischen den deut­schen Mehrheitssozialisten und den Vertretern der anderen, der Siegerstaaten in der zweiten Internationale Werbrücken? Rur Großmannssucht läßt die deutschen Mehrheitsfoziallsten ihre wirkliche Lage noch- nicht erkennen. Ihr Wahkfpruch ist noch immer: Der deutsche Sozialismus in der Welt voran! Sie halten sich, wie vor dem Kriege, berufen, Schieds­richter zwischen den sozialistischen Parteien anderer Länder zu spielen, und wenn irgendwo wie eben jetzt in Dänemark die Arbeiterschaft in einem großen Lohnkampf steht, dann versprechen sie. als ob in Deutsch­land noch Goldmark und nicht mehr Papiermark, die den achtzigsten Teil wert sind, verdient würden, Zu­schüsse zumStreikfonds zu leisten und erheben zu diesem Behuf von einer Arbeiterschaft, die unter dem Steuer­druck stöhnt. Sondersteuern.

Aber nicht erst der Zusammenstoß zwischen Radel und Vandervelde auf der BerlinerWeltkonferenz", sondern schon die Rede des Führers der Belgier hat dargetan, wie sinnlos die Teilnahme der deutschen Mehrheitssozialisten an der zweiten Internationale ist. Vandervelde ist Vorsitzender des Exekutivausschusses der zweiten Internationale. So rrrit diese überhaupt prak­tische Politik treibt, hat er die politische Führung inne. Er bekennt sich nachdrücklich zum Versailler Frie­den. Wer diesen Frieden bekämpft, besorgt nach Vanderveldes Meinung die Geschäfte des Herrn Ctinnes. Und Radek batte vollkommen recht gehabt, als er feftstellte, Vandervelde treibe die Politik Poincar^s, da er. wie dieser von der Konferenz von Genua die Frage des Versailler Friedensvertrages von der We^tkonferenz den Sozialismus ausschließen wolle.

Verständlicher, als daß sich die Mehrheit des deut­schen Proletariats die Führerschaft der Vandervelde und jenes Teiles der englischen Arbeiterschaft gefallen läßt, der während des Krieges den extremsten Nationalis­mus vertreten hat, ist immerhin die Teilnahme deut­scher Proletarier an der dritten Internationale. Sie fühlen wenigstens, daß es sich hier um einen Zu­sammenschluß der Besiegte», um Verteidigung gegen

die Pläne der Sieger handelt. Aber schreckt das Bei­spiel Rußlands nicht? Ein bolschewisiertes Deutsch­land könnte sich freilich den Reparationszahlungen ent­ziehen, aber wäre der Preis, in sowjetrussische Zu­stände zu geraten, nicht zu hoch? Ein deutscher Bolschewik wäre etwa mit einem verärgerten Bourgeois zu vergleichen, der sich, weil er die Steuer auf höhere Einkommen für zu hoch hält, bemühen würde, sein Einkommen zu verringern, aber einen so dummen Bourgeois gibt es sicherlich nicht.

Die Berliner sozialistische Weltkonferenz ist- höchst lehrreich. Indem sie die Internationalen 2, 2% und 3 zusammengebracht hat, hat sie klar gezeigt, daß 2 und 3 Unsinn sind und 2% ohne Sinn ist. Das Proletariat hat nicht mehr internationale Interessen als das Bür­gertum, das ganz im Gegenteil, weil es geistige Inter­essen, Wissenschaft und Kunst, und die Interessen des Handels zu vertreten hat, viele internationale Be­ziehungen erhalten muß, von denen das Proletariat ausgeschlossen ist. Zn Wahrheit hat die Arbeiterschaft die stärksten nationalen Interessen. Vom Gedeihen des Volkstums und des eigenen Staatswesens ist keine Bevölkerungsschicht so abhängig wie di« industrielle Arbeiterschaft. Daß die Sozialdemokratie, obwohl sie seit drei Jahren die stärkste. Regierungspartei ist, nur die bescheidenste Rolle in der deutschen Politik spielt, erklärt sich hauptsächlich aus ihrem theoretischen Inter­nationalismus, bei dem sie es grundsätzlich den bürger­lichen Parteien überläßt, die nationalen Interessen zu vertreten!

Die Berliner Besprechungen.

Sr. Berlin, 4 Avril. (Eia. Drabtberickü) Der gestern vormittag von der 3. Internationale den Vertretern der 2. International« und der Wiener Arbeitsgemeinschaft über­reicht« Brief stand dem ..Vorwärts" zufolge gestern nach­mittag in einer gemeinsamen Sitzung der 2. In­ternationale und der Wiener Arbeitsgemeinschaft zur Beratung. Di« Sitzung wurde obne endgültiges Ergebnis aufgehoben, damit di« beiden Ereknttven Gelegenheit zur Einzelberatun« erhalten. LautFreiheit" soll die nächste Plenarsitzung der Internationalen Sortalistenkonferenz beute vormittag stattfinden: man beurteile iedoch. wie das Blatt glaubt, das ganze Schicksal der Konferenz sebr vessi- m t ft i i cf).

Die finanziellen Beziehungen zwischen

de« Kommunisten und der Moskauer Exekutive.

' Br. Berlin. 4. Avril (Eis. Drahtbericht.) Eene sozia­listisch« Korresoondenz verbreitet eine längere Darstellung über di« finanziellen Beriebungen zwischen der Kommunistischen Partei Deuticklands und der Moskauer Exekutive der 3. Internationale. Nach dieser Darstellung soll die K. P. D. im Jahre 1821 monatlich 5 Millio­nen Mark aus dem Ausland als Beihilfe bekommen hoben: davon !e-en 4M 000 M. «tt Deckung des Defizits des kommunistischen Zentraloraans. derRoten Fabne . ver­wendet werden. In letzter Zeit seien die Unterstützungs- gelder etwas herabgesetzt worden. Auch der Zutckuß zur .Roten Fabne" habe sich auf 300 000 M. monatlich ver­ringert. Die Darstellung bebauvtet weiter, daß das von der Moskauer Exekutive in Berlin unterhaltene Westeuro­päisch« Sekretariat mit den diesen angeschlossenen kommu­nistischen Verlagen viele Millionen erhalten habe. In den Jahren 1919 und 1920 habe Rußland dre Mittel für di« Unterstützuna des Kommunismus m Deutschland bauvtsäch- li«b in der Form von Perlen !lnd Diamanten ge­schickt Gegenwärtig würden di« Hilisgelder meist in Dollar «der anderer auswärtiger Währung SEM.

Besprechungen Rathenans mit de« Sachverständigen für Genua.

Be. Berlin. 4. Avril (Eis. Drabtbericht.) Unter dem Vorkitz des Außenministers Dr. R a t b e n a u fand gestern im Auswärtigen Amt unter Hinzuziehung der übrigen Ressorts eine Besorechung mit den von der Reichsregierung rür die Konferenz von Genua bestimmten Sachverständigen statt. Der Minister dankte den Erschienenen für die Arbeit, die lle bereits geleistet haben Er gab eine ausführliche Vorgeschichte der Konferenz und skizzierte die Gegenstände. die auf ibr zur Beratung kommen werden. Auf Vorschlag des Ministers werden die Sachverständigen drei Unter- k o m m i s s i o n e n für die wirtschaftlichen, finanziellen und verkebrsvolitiscken Fragen bilden. Rur ein kleinerer Teil der Sackverständlgen wird schon gleich mit den Ver­tretern der Reichsregierung die Reis« nach Genua antreten. Der größere Teil bleibt vorläufig in Berlin zurück.

Eine Beränderung in der deutschen Genua-Delegation.

W.T.-B. Berlin. 4. Avril. (Drahtbericht.) Als Ver­treter des durch Krankheit verhinderten Reicksarbeits- minifters Brauns wird, wie dieD. Alls. Ztg." meldet. Gebeimrat Weigert vom Reicksarbeitsminifterium nach Genua geben. __

Die Znterpellationsdebatte in der französischen Kammer beendet.

W. T.-B. Baris. 4. Avril (Kammer.) Die Debatte über die Interpellationen wegen der auswär­tigen Politik der Regierung wurde gestern abend be­endet. Der Tagesordnung Erlich wurde mit 484 gegen 78 Stimmen der Vorrang zugebilligt. Diele Tagesordnung lautet:Die Kammer billigt di« Erklärungen der Regie­rung: ste vertraut darauf, daß die Regierung auf der Kon­ferenz von Genua die Rechte und Interessen Frank­reichs wabrt unter allen Bedingungen und mit Hilfe der Garantien, die im Memorandum der französischen Regierung vorgesehen sind. Die Kammer lehnt jeden Zusatz ab und gebt zur Tagesordnung über." Diese Tagesordnung wurde schließlich durch Landaufheben angenommen.

Lloyd George über Genua.

Das Bertranensv-tu« mit 372 gegen 84 Stimmen angenommen.

Lloyd George hat am Montag im englischen Unter­haus seine mit Spannung erwartete Rede über sein Programm für Genua gehalten. Das von vielen Seiten erwartete Wunder ist nicht eingetreten. Wir hatten bereits gestern vor Illusionen gewarnt und unsere Vermutungen sind eingetroffen. Lloyd George hat sich in keiner Weise gebunden. Er hat nichts ge­sagt,- was Deutschland eine besondere Hoffnung für Genua verleihen könnte. Auch der englische Minister­präsident betonte, bei der Tagesordnung für Genua müßten Einschränkungen oorgenommen werden. Sowohl dieReuordnung derErenzen als auch dieRepara- tionsfrage müßten von der Besprechung ausgeschlossen bleiben. Bezüglich der Anerkennung der Sowjetregie­rung drückte sich Lloyd George, dem schließlich mit einer Mehrheit von 372 gegen 94 Stimmen das Ver­trauen des Unterhauses ausgesprochen wurde, gleich­falls sehr vorsichtig aus. Seine Rede klang aus in die Worte:Wir tuen unser Bestes, um in Gemeinschaft mit Frankreich zu. wirken." Tatsächlich hat Poincars keinen Grund mit den Ausführungen seines englischen Ministerkollegen unzufrieden zu sein. Gleichzeitig mit seinem Sieg in der französischen Kammer hat er im englischen Unterhaus einen bedeutenden Erfolg er­rungen!

»

, W.T.-B. London. 3. Avril. Llovd George bat beute m dem bis auf den letzten Platz gefüllten Unterhaus« feine mtt größter Spannung erwartete große Rede über die Politik der britischen Regierung auf der Genueser Konferenz gehalten.

Der Premierminister erklärte, di« Genueser Konferenz str, unberufen worden, um die Probleme des wirtschaftlichen Wiederaufbaues Eurooos zu erwägen, das in unerbörter Welfe verarmt iei. Der international« Handel sei zerrüttet, der Wechselverkehr funktioniere nicht mehr. Große Gebiete, aus denen Eurooa Nahrungsmittel und Rohstoffe bezogen habe, seien dem Handel verschlossen. Statt an der Wieder­herstellung zu arbeiten, seien die Nationen

durch Argwohn voneinander getrennt.

Große Rüstungen würden aus Mißtrauen betrieben, die die Lasten der Steuerzahler noch vermebrten. Die Konferenz von Genua solle die besten Mittel prüfen, um Ordnung in dieses Ebaos zu bringen (Beifall.) Er glaub« nicht daß ein« Körverschaft wie die Genueser Konferenz di« Revision brstkbender Verträge erwägen könne, selbst angenommen, daß dies wünschenswert sein könne. Die wirtschaftliche Lage Eurovas sei besonders berührt worden erstens durch die Frage der neuen Grenzen und zweitens durch das Reva- rationsproblem. Unbestreitbar hätten die Grenzveränderun­gen neue wirtschaftliche Komvlikationen geschaffen, denn die neuentstandenen Staaten hätten naturgemäß den Wunsch. Freiheit in fiskalischer und wirischaitlicher Beziehung zu genießen. Auf der Genueser Konferenz könne als» nicht die »rage einer Krenrrev ision angeschnitten werden. Zu dem

Ausschluß der Revaratiousfrage

faste der Premierminister, die Schwierigkeiten in Eurooa seien »um groben Teil« durch die Eintreibung der Reva- rationen entivreckend den Verttäaen von 1919 verursacht worden. Die eigentliche Schwierigkeit liege aber nicht in den Verträgen. sondern i« der Tatsacke der etwaigen Wie- dei Herstellung Wenn man aber den Versailler Vertrag ab­ändere. so sei die einzig« Folge, daß die Reoarations­last von Deutschland auf Frankreich. Belgien und England übertragen «erden würde, in der Hauvtfache aber aus Frankreich. Das fei nicht zulässig. Es seien iedoch M«i Erwägungen in Betracht zu ziehen, wenn man das Revarationsvroblem prüfe. Llovd George erklärte mit Nachdruck wenn man jetzt auf Zahlungen bestehe, die die Leiftungskraft eines durch den Kries erschövtten Landes überschlL'ten. so würde dies eine Krisis herbei- führen die stch keinesfalls auf Deutschland allein be­schränken würde. Die zweite Erwägung lei. daß Deutsch­lar de schließ!'che Zahlungsfähigkeit nickt nach feiner gegen­wärtigen Zahlungsfähigkeit beurteilt werden könne, in einem Augenblick, wo es. wie die anderen Länder Erirovas. um die Wiederherstellung von der Erschövfuna des Krieges ringe. Diese beiden Erwägungen müßten immer in Be­tracht gezogen werden, wenn man das Revarationsvroblem beurteilen wolle. Die Konferenz von Genua könne diese Frage nickt zweckmäßig beurteilen. Sie müßte der durch den Friedensvertrag geschaffenen elastischen Maschinerie über- mllen ble'ben. Frankreich könne nicht auf das Reckt ver­zichten. das es io teuer bezahlt habe. Es würde nicht fair lein, von Frankrerck' zu verlangen, sein Recht auf Repa­rationen dem Urten erner Konferenz zu unterbreiten, auf der Deutschland. L-sterrerck. Ungarn. Rußland und die neu- ttalen Länder vertreten leien. Es sei wichtig, dies von vornherein klarzullellen.

Unter den Auspizien des Völkerbundes

seien zahlreiche Konferenzen abgehalten worden, um die Frage der Wiederherstellung des Friedens, des Vertrauens, des Kred'ts. des internationalen Handels uiw. zu erörtern. Diese Konferenzen hätten beträchtliche Ergebnisse gezeitigt. Wenn ne auch nickt alles erreicht hätten, was sie erreichen sollten. Es würde aber verkebrt sein, aus vielem Grunde von eb«m Mißerfolg zu sprechen. Mit erhobener Sttmme sagte Llcvd Georx« Wir dürfen uns nickt zu leicht Nieder­drücken oder enttäuschen lallen, wir müllen

Geduld. Beharrlichkeit und Stetigkeit

zeigen. In Genua werden die Vertreter von 30 Nationen versammelt sein. Warum ist die große Versammlung not­wendig? Weil Eurooa durch den Krieg vom Atlantischen Ml .verwüste^ wurde, ffiines Mi

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