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Montag, 27. März 1922.
Die beunruhigte Welt.
ftoft alle aus dem Ausland kommenden Meldungen zeigen' daß man die neue Note der Reparatlons- kommission überall für das denkbar ungeeignetste Mittel hält zur Wiedergesundung der Welt. Nur in Frankreich findet der Entscheid der Reparations- kommission die Zustimmung der Presse. Eme Ausnahme machen hier nur die sozialistischen Blatter, die sich seit der Frankfurter Funf-Lander-Konferenz charser als bislang gegen die Politik der Regierung stemmen. Bemerkenswert ist aber, daß auch em bürgerliches Blatt, wie der „Figaro", von der Note nicht recht begeistert ist und die Frage offen laßt ob man nicht den Bogen überspannt habe. Immerhin findet der Vorsitzende der Reparationskommisston, Herr Dubais, in der Presse seines Landes leiste starke Opposition. Trotzdem wird neuerdings von fernem Rücktritt gesprochen. Man wirft ihm nicht etwa allzu- qroße Nachgiebigkeit vor, denn Herr Dubais ist als Vertreter der „starken Methode" bekannt, aber man ist der Ansicht, daß es ihm an eigenen Ideen für die Lösung der Reparationsfrage fehle und dag er auch bei den Verhandlungen mit den Vertretern der Verbündeten wenig Geschick und zu wenig Elastizität be- wiesen Hube.
Inwieweit dieser letzte Vorwurf begründet ist, lätzt sich natürlich schwer sagen, zumal über die Rolle die der e n g l r s ch e V e r t r e t e r in der Reparations- kommission, Br a d b u r y, gespielt hat, noch keine Klarheit besteht. Man weiß nur. daß er am Tage vor der Schlußsitzung vor Gewalttätigkeiten gegen Deutschland gewarnt hat. Wenn er sich später dem Beschluß der Kommission anfchloß, so sieht das nicht gerade so aus, als ob Herr Dubais ungeschickt operiert habe, Zn amerikanischen Blättern spricht man auch ganz offen von einem Um fall Bradburys und meint, da jede ander« Erklärung für die Haltung Englands fehlt, Frankreich müsse irgend ein geheimes Druckmittel angewandt haben. Wie berechtigt die Warnungen Bradburys waren, zeigt der „Erfolg" der Reparationsnote, der sich zunächst in dem neuen katastrophalen Sturzder Mark auswirkt. An einer solchen Erscheinung kann man in London natürlich nicht achtlos vorübergehen und in der Tat ist die englische Presse denn auch stark beunruhigt. In den führenden Blättern wird zum Ausdruck gebracht, unter der Last dieser Bedingungen könne eine normale Führung der deutschen Finanzpolitik und eine praktische Durchführung der Reparationspolitik überhaupt nicht mehr in Frage kommen. So erinnert die „Westminster Gazette" daran, daß Lloyd George selbst vor einiger Zeit erklärt habe, Deutschland könne seine Entschädigung nur in Waren bezahlen. Trotzdem fordere man jetzt von Deutschland Summen, die den Überschuß der Ausfuhr über die Einfuhr weit übersteigen. Der Vorschlag, Deutschland solle eine Anleihe im Auslande aufnehmen, müsse von der Reparationskommission als ein Spaß gedacht fein, denn kein Geschäftsmann in irgend einem der alliierten Länder würde ernstlich daran denken, sich an einer solchen Anleihe zu beteiligen, solange die Alliierten bei ihrer augenblicklichen Politik" beharrten. Man verkennt also in England keineswegs die Gefahr, die darin besteht, daß die deutsche Mark den Weg der österreichischen Krone oder gar den des Sowjetrubels geht
Es ist nur leider sehr die Frage, ob man aus dieser Erkenntnis auch die Konsequenzen ziehen wird. Rach einer Depesche des W. T.-B., die sich auf Informationen von gut unterrichteter Seite stützt, steht es ja fast so aus, als ob matt in London zum Einlenken bereit sei. Die gut unterrichtete Seite bemüht sich nämlich, die Note als gar nicht so schlimm hinzustellen, wie man sie in Deutschland aufgefaßt habe. Sie verspricht gewisse Erleichterungen in bezug auf die Berechnung der Sachleistungen und erklärt schließlich, man denke nicht an eine „Ottomanisierung Deutschlands". Das alles hört sich sehr nett an, nur sehen die Dinge leider anders aus, wenn man sich den Wortlaut der Note vergegenwärtigt. Jedenfalls muß dringend davor gewarnt werden, solchen Stimmen allzuviel Bedeutung beizumessen. Gerade jetzt, wo sich die oberschlesischen Verhandlungen in Genf in einem sehr kritischen Stadium befinden, darf wohl an das englische Wort, das im Hinblick auf Oberschlesien gesprochen wurde, nämlich an das Wort vom „fair play" erinnert werden. Sicher verkennt man in England nicht die Gefahrert, die eine Durchführung der Reparationsnote mit sich bringen würden, aber es ist die Frage, ob man den Willen und die Macht hat. heute noch den Kurs zu ändern, übersehen werden darf hier doch keineswegs, daß die schleichende Lloyd George- Krisis der Stellung der englischen Regierung tti allen Verhandlungen mit Frankreich nicht besonders
Abend-Ausgabe.
förderlich ist. Selbst wenn Lloyd George als« letzt eine Erleichterung der Bedingungen wünschte, so bliebe immer noch die Frage offen, ob er sie den (MNiosen gegenüber durchzuorücken vermöchte. Zu Verhandlungen über die Note der Reparationskommisswn wird es unter allen Umständen kommen müssen, schon aus dem Grunde, weil in der Note manche Frage offen gelassen ist. Wir haben jedoch leider auch nach den Erklärungen der gutinformierten englischen Stelle lernen Anlaß, diesen Verhandlungen mit besonderer Hoffnung entgegenzusehen. ^ t ,
Auch aus Amerika wird gedrahtet, die Note habe dort keinen guten Eindruck gemacht. Man betrachtet den Umfall Bradburys in der Reparationskommrssron als einen schweren Schaden für das Prestige Englands und es ist für Deutschland besonders wertvoll zu Horen, daß man in Washington hervorhebt, die Kontroll- bestimmungen der Mote seien mit der Würde eines souveränen Staates unvereinbar. Man verweist ferner daraus, die Ausschaltung Deutschlands als wirtschaftlicher Faktor könne nicht ohne Einwirkung aus Amerika, den Geldgeber Europas, bleiben. Dabei ser auch noch daran erinnert, .daß der bekannte amerikam- sche Publizist S i m o n d s erst unlängst schrieb, Überraschungen wie die kürzlich erfolgte Einforderung der 240 Millionen Dollar durch Amerika wurden sich in Zukunft wiederholen, wenn die Entente den bisherigen Weg weiterbeschreite. Aber auch das ist nur ein schwacher Trost für Deutschland, denn allzuviel wird sich durch die Politik des „taktvollen Drucks" die hier propagiert wird, nicht erreichen lassen, und für eine große Aktion halten die Vereinigten Staaten die Zeit noch nicht für gekommen Die Frage der mternatM- nalenVerfchuldung, die vor derReparationsangelegenheit gelöst werden muß, steht noch nicht zur Diskussion Solange diese Frage nicht gelöst ist. kann sede Entscheidung der Reparätionskommission aber auch nichts weiter sein als eine Etappe. Nur besteht leider die Gefahr. daß der Wanderer Deutschland aus dem Wege von einer Etappe zur nächsten unter der Last der Bürde zusammenbricht!_
Regierung und Reparatiousnote.
bis Donn-rstag dauern fUn ein-
Br. Berlin. 27. März. ((Eia. Drabtbericht) In bei Prelle erscheinen noch immer ungezählte Notizen und Mit- tcilrn'gen. vack denen die Negierung mit den Parteiführern Konferenzen angesetzt babe. Für beute, Montaa iit ein« ganze Reibe solcher Besvrechnngen aeweisiaat werden. Es ist netwendie. jenen Mitteilungen einmal entaegemutreten. weil durch sie der Anschein erweckt wird, als ab infolge der Note der Nevarationskommissron in Berliner Reaierungs- kreisen die s ch! i m mste Ä u fre au ng und , Nervosität herrsche. Es kann nur immer wieder dringend ae- trofmt meiden sich von solcher künstlichen Krisen- femMifmlffn Der Note der Revarationskom- mistivn seblt^ jeder ultimative Charakter. die Forderungen sind an Fristen aeknüvt. die eine sachliche Prusuna auckobne Mieritürzuna sestatten Die Fraktionsfübrer der Reaie- rungsvaiteien baten in der. ersten Belorechuna mit dem Reichskanzler, darauf binnewiesen, es sei eine ^iblickx .Not-
Man'mMe 'dazu^der Regierung" Zeit lassen und nicht durch scitaesebie- Verhandlungen mit den Parteien die zuiammen-
hänäende Durcharbeitung> des »rohen Sraa^Ä^R-cneruna^ ni nrecken Es ist dringend notwendig. da« die Negierung au tim klaren selbständigen Stellungnabme ^anat- damit ste m der °°nze" Angeleaenbe. wzr k N ch f u hr^end^au.t
Wratischen Staate "bei so wichtigen Anlegen dringend erforderlich ist.
Zur Regierungserklärung am Dienstag.
nr »erfttL 27 Mär,. (Eis Drahtbericht.) Die ? r - »ii 1 n ör,n kun a am Dienstag wird Mit der
UiK-MM'L «s- sä
das Wort, .zu längeren Austabrungen^rgre^en. . Hieran
Dann will der Reichstag m
i tT Ä antVoT“ln 1b?n-Ie«« «.
fchen "titmort -iJ der Ministervradenten am
Mnntaa wird mit einer Rede des Reichskanzlers über die ar-ich-n-eaieruna gegenüber der Revarations- not ^ eröffnet w d^ D?r Reichsmin,ster des Innern. Dr. Kötter bat zu Dienstag eine Einladung an die Lander zu ennfirm über Polizeifragen ergeben lasten. An dieser. Konferenz werden wabrsÄcinlich die Innenminister sowie auck der größte —eil der Mimstervra- stdenten der Länder tcilnebmen.
Die Londoner Sachverftändigenkoufrrenz.
Sin.London. 26. Marz. (Havas.) Die alliierten Sachverständigen baben am beuligen Sonntag eine einzige Sitzung absebalten. Sie baben beute vormittag gemem- tam den Wortlaut der Emvieblungen gevruit. Am Nachmittag baben die Sachverständigen getrennt gearbeitet, und zwar die englischen Sachverständigen im Handelsamt und die anderen vier Delegationen rn ibren Wobnungen. Sre werden morgen ibren Generalbericht in seiner. Ge- samtbeit noch einmal durchvrufen. Dorber werden sie ernige auf die Wechseltursirage bezüglich? Punkte noch einmal Blüten, um ste in ibrc Schlutzso gerungen aufzunebmen. Wie gemeldet wird, ist der tschechoslowakische Sachverständige in London angekommen. Es ist noch nicht bekannt, ob er vor die Konferenz der ANimrten berufen w.rd.
Nr. 146. ♦ 70. Jahrgang.
vier Grosmächte über den Stillen . Ozean nnt 67 gegen 27 Stimmen ratifiziert. Damit ist das.arom Paeinc-Biindnis gesickert, denn England. Frankreich uns 5avan werden dem Abkommen nunmehr kerne SÄlmerig- reiten bereiten. Amerika bat damit aber auch die Sande frei für gewisse andere Angelegenbeiten, und. es klingt da. der nab'.scheinlick. wenn Reuter aus Washington, melüel. Präsident Sarding wolle den Kongretz ermcken. die Entsendung eines amerikaniicken Mitgliedes in dre R r v a - r a t i o n s k o m m i s i i o n zu genebinmen Natürlich will Amerika dadurch zunächst nur erneu einfacheren Weg n^r ok G eltendmachung seiner Wünsche gewinnen. Bekanntlich er^ bebt es ja die Forderung von 211 Millionen Dollar iur die amerikanischen BesatzungstruvBen. Aber für. dir innere Zukunft würde der amerikanrickie Vertreter in der R?Ba- rationskummistion doch in der Lage >ern. den Eimlutz se.ner Reaieruna bei der Behandlung aller sonstigen .Fragen zur Geltung zu bringen. So wenig übertriebene Hosrnunaen zu hegen Deutschland erlaubt ist. so ncher ist doch, da« ein Ver- . trcter der nüchternen Amerikaner nre und nimm er üine vo,i .tische Rerutation dazu bergeben wurde. Forderungen amzu- Nrllen. wie sie in der iunasten Note der ReBaratlonskom- mistion entbclten sind. Wie veuilich auch ionst manche Leute von diesem Dokument berührt worden nnd. zelgt ^am besten di? Tatsache, dab Llcnd George ietzt seine Denischrlit vom 25. März 1919 '.n die Qsfentlickkert lancieren latzt. die
für die Friedenskonferenz von. Versailles LEiMMt war.
Freilich bat der englische Premier nicht bedacht, datz man ietzt allerlei fatale Vergleich« zwilchen seinem Wollen und Vollbringen anzustellen in der Lage ist.
Amerika und Europa.
Der amerikanische Senat.bat den Vertrag der
^ C 1 t f ( »tt H 1 P(1 N lull
Eine neue amerikanische Note an die Entente.
D. Paris. 27. März. (Eig. Drabtbericht.) Die Amerikaner haben wieder eine neue Note dl« EntenhereMerun- {Kit \xbtx bic Frageber Beladung s! o a e n UN . u- lanb aLgeden lassen, trotzdem die ^^te^Nole nock gar n^ickr l'lgrtvcrtet ist. und noch n.rck>t beantwortet sein kann, -re der awe'ien 9Iaie ^ricklel lick gegen otßtiitciu). L- Reifet darin da« die amerikanische Forderung der Glrrchoo- handluns nickt dadurch in Mitleiden,chaft. aezogen werden kann wenn im französischen Konto der De> atzungskosten rm Rbeinlond ein Defizit stände. Das- ..Ecko de Dans schreib,. Diese aw«'ite Note rst zwar nickt ganz klar, aber ne unlev streicht den amerikanii.cbsn Vorsatz. JfPK eß ,. T „ a a n }y Vr* einen Druck avszuuben. um die A v r u nun g zu erlangen. Dies ist anck in Tat und Wabrbert das Ziel der amerikaniicken Forderung.
Ein amerikanischer Beobachter in Genua eingetrossen.
v Baris. 27. März/ (Eig. Drabtbericht.) Der amerikanische Bankier Danderliv ist in Genua enmetrof,en und wird nach einem Havastelegramm trotz aller -ememrs als der amerikanische Beobachter bezeichnet.
Gegen die Reparationsnote.
Br Berlin. 27. März. (Eis Drabtbericht.) Die ^.i.iikbe demokratische Partei Berlin veran- stoltet gegenwärtig eine Werbewoche. Den Austakt bierzu
bildete eine stark besuchte Versammlung. im Lebrervereins- baus am Sonntagvormittag, die sich zu emer eindrucksvollen Kundgebung gegen die neueste Ente nte.no te gestaltete. ^Einstimmig wurde dabei folgende Entschlietzung
Die Deutsche demokratische Parte, Berlin erbebt energischen Protest gegen den neuesten Versuch der Gegner Deutschlands, das wehrlose Deullckland durch unerfüllbare Forderungen zur Verarmung und Versklavung zu zwingen. Sie erwartet von ihrer Parlamentsvertretung und von der Retchsregierung die unbedingte 2l b l e b n u n g der weder in dem <.,medengvertrag noch in dem Verhalten der gegenwärtigen Regierung begründeten Bedingungen der neuesten Note... Die DeuM- demokratiscke Partei Berlin ruft die Anbanger des Gedankens der nationalen deutschen Demokratie aus zu festem Zusammenschlutz und einmütigem Zusammenwirken in dieser Zeit tiefster Vgterlandsnot, um nmer
unglückliches "Volk"auf 'dem^Wege'.der'.Versöbnung. Är- beits- und Widerstandsfähigkeit für eine Aufwärtsentwicklung in bessere Tage zu erbalten.
Dernburg für die CrsüSungspoNtik.
W. T.-B. Köln, 27. März. Bei der Eröffnung der Werbewoche der D e u t sch d e m o k r at i s ch en Partei sagte gestern Reichsminister a. D. Dernburg in einer stark besuchten Versammlung u. daß die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands schwer bedroht sei. Die Zugeständnisse der Entente könnten nicht als Moratorium bezeichnet werden, da sie uns neue Lasten auferlegten, die selbst bei einer Finanzkontrolle und bei weiteren 60 Milliarden neuer Steuern ilicht geleistet werden könnten. Das Gebot der Stunde sei daher, den Alliierten die Unerfüllbarkeit dieser Forderungen klarzumachen und damit den Weg zu vernünftigen Verhandlungen freizumachen. Was uns not tue/ sei ein wirkliches Moratorium, das eine Atenrpause von 5 bis 10 Jahren vorsehe, in der der eigene Wiederaufbau vorgenommen und für die Kredite und internationialen Anleihen Unterlagen geschaffen werden könnten. Dies müsse auch in Genua deutlich gesagt werden. Für die Erlangung des Kredits sei aber noch ein besonderer Vertrag mit dem Auslande notwendig, und dieser könne nur erlangt werden, wenn wir ander Er füllungspol itik festhielten, soweit wir könnten. Alle diejenigen, die die Erfüllung der eingegangenen Verpflichtungen ablehnten, betrieben Sabotage-mit dem Kredit des deutschen Vaterlandes.
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