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Samstag, 18. Marz 1922.

Die letzten Illusionen.

Die achte deutsche Zahlung von 31 Millionen Eoldmark, die am 18. März fällig war, ist pünktlich geleistet worden. Die Entscheidung der Reparationskommission über die Leistungen, die für das Jahr 1922 von Deutschland gefordert werden sollen, steht unmittelbar bevor. Man wird uns in gewohntem Befehlston Mitteilen», daß wir 720 Mil­lionen Eoldmark, also nach Abzug der bereits abge­führten 248 Millionen noch 472 Millionen Eoldmark im laufenden Jahre bar bezahlen müssen. Und zu Ende März werden sich die alliierten Finanzmirnster abermals in Paris treffen, um Beschlüsse zu fasten über eine internationale Anleihe, durch die die deut­schen Milliardenzahlungen „mobilisiert" werden sollen. Das sind die letzten Illusionen, durch die man hindurch­gehen mutz, damit nach ihrer Überwindung der Weg frei werde für eine wirkliche Lösung der Reparations­frage.

Die Reichsregierung führte zum achten Male seit Jahresbeginn den Betrag von 31 Millionen Eoldmark ab. Der Dollarkurs beträgt ungefähr 275. Wenn wir binnen weiterer 10 Tage eine erneute Barzahlung leisten sollen, wird bis dahin der Dollar mehr als 300 Papiermark gelten. Und wie dann weiter? Durch dafi Steuerkompromitz, das im Reichstag geschloffen wurde, durch fernere Tariferhöhungen und durch die Zwangsanleihe kann ungefähr das Bedürfnis der Ver­waltung gedeckt und können zu 2 Dritteln die Kosten der Sachleistungen aufgebracht werden. Zur Deckung von Barzahlungen ist nichts vorgesehen. Wie lange es möglich sein würde, neue Banknoten zu drucken und im Ausland gegen gutes Eeld abzusetzen, lätzt sich frei­lich nicht sagen. Bisher sind die Dummen nicht alle geworden, die Papiermark auf Spekulation kaufen, weil lie nicht begreifen, datz diese Spekulation niemals glücken kann, weil Deutschland völlig zusammenbrechen müßte, wenn es mit seinen vielen Milliarden Papier­mark künftig etwas anderes beginnen wollte, als sie zum tiefsten Kurs einlösen, den sie jemals erreicht haben werden, was nichts anderes bedeutet, als datz die ausländischen Besitzer von Papiermark die Zeche zahlen werden. Aber weil die Ententeregierungen das bereits begriffen haben, verlangen sie ja eine Änderung des Statuts der Reichsbank, durch die es unmöglich werden soll, datz sich das Reich auf dem Wege des Banknotendrucks und Banknotenverkaufs nach dem Ausland Kredit verschafft. Der Tag ist deshalb nähe, an dem die „Erfüllungspolitik" gezwungen sein wird, die Einstellung der Barzahlungen zu erklären.

Und an diesem Tage, glaubt man, würde die inter­nationale Finanz einspringen und eine Anleihe be­willigen? Nach der Großen und der Kleinen Entente beginnen jetzt auch die Neutralen, sich auf Genua oor- zubereiten. Die schwedische Regierung hat die anderen neutralen Regierungen zu einer Vorkonferenz einge­laden. Inzwischen hat Schwedens größte finanzwisten- schaftliche Autorität. Professor Gustav Cassel, ein Gutachten über Deutschlands Lage und die Lösung der Reparationsfrage abgegeben. Er führt aus: > „In Frankreich ist der Eifer dafür erwacht, die Zahlungs­verpflichtungen Deutschlands durch eine große inter­nationale Anleihe zu ordnen. Auch in Deutschland gibt es gewisse Anhänger ähnlicher Pläne. Aber außerhalb dieser beiden Länder gibt es wohl niemand, der an eine solche Anleihe glaubt. Diese Anleihe ist schon dadurch unmöglich gemacht, datz Deutschlands Kredit bereits vollständig durch die verhängnisvollen Wirkungen der französischen Politik zerstört worden ist." Wir haben neulich Näheres über einen englisch- italienischen Vorschlag gehört, der die internationale Anleihe von der Kreditfähigkeit des Deutschen Reiches unabhängig machen möchte, indem er sie durch be­stimmte Einnahmen — Zölle und Ausfuhrabgabe — garantieren will, aber diese Einnahmen fließen bis auf einen ganz geringen Teil in Papiermark ein und sind daher, solange eine weitere Entwertung der Papiermark unausbleiblich ist, für den Zinsendienst einer Eoldanleihe unverwertbar. Angenommen jedoch, man fände Mittel und Wege, die Verzinsung einer internationalen Anleihe zu sichern, wäre selbst dann von der Auflegung der Anleihe ein Erfolg zu erwar­ten? *

Da die amerikanische Regierung ihren Standpunkt präzisiert hat. sich nicht in die Reparationsfrage ein­zumischen. aber sich auch von jüier Hilfsaktion zu­gunsten Europas freizuhaltm, solange nicht eine Lösung der Reparationsfrage gefunden wird, die mit Deutschlands wirtschaftlichen Existenzbedingungen ver­träglich wäre, steht es außer Zweifel, datz sich das ame­rikanische Kapital von einer Anleihe fernhalten wird, die man entgegen den Forderungen Amerikas durch­zuführen versuchen will. Und .wo soll sonst Kapital

Abend-Ausgabe.

Herkommen? Profestor Gustav Castel führt aus: „Der Gedanke einer internationalen Schadenersatzanleihe ist unmöglich, weil die Welt keine Mittel besitzt, über di» zu diesem Zwecke verfügt . werden könnte. Schuld daran trägt die Friedenspolitik (nämlich die Pollffk des Friedens von Versailles). Durch die wirtschaftliche Zerstörung, die diese Politik über die Welt gebracht hat, wurden die Einkünfte der Völker reduziert, so datz sie kaum zur Deckung der Lebensbedürfnisse reichen, und infolgedesten bleibt wenig übrig zur Bildung neuen Kapitals. . . . Die kleinen Ersparniste, die vielleicht noch hier und da gemacht werden, werden von den be­treffenden Ländern selbst in Anspruch genommen. Die Grundvoraussetzung dafür, datz Kapital zur Verfügung des Wiederaufbaus von Europa gestellt werde, ist das Vorhyndensein solcher wirtschaftlicher Verhältnisse, daß überhaupt eine Kapitalsbildung in normaler Skala ermöglicht wird."

Man wird in den maßgebenden Kreisen der En­tente auf solche Anschauungen auch diesmal ebenso­wenig eingehen wollen, wie man Cassels Warnung vor zwei Jahren beachtet hat. Aber über die Möglichkeit einer internationalen Anleihe entscheiden die Neu­tralen, und Eastels Meinung ist die neutrale Meinung!

Pünktliche Zahlung -er 8. Soldmarkrate.

Br. Berlin. 18. März (Eia. Drahtberichi.) Die heute fällige 8. Dekadenrabluns m Sode von.81 Millionen Goldmark ist bereits an die Revarationskommission geleistet worden. Der Gesamtbetrag der bisberigen Dekadenzablungen beläuft ll-b damit auf 248 Millionen Eoldmark.

Die Entscheidung -er Reparatisnskommistion auf Montag vertagt.

v. Baris. 18. März. (Eis. DrahtberiSt.) Die Ver- bandlunaen der Revarationskommission über die A n t - wort aus die deutsche R e v a r a t i o n s n o t e. die gestern vormittag 'in Komiteeveratungen weiteraefubrt wur­den. sind auf Montag vertagt worden. Man erwartet, dag am Montag eine Entscheidung getroffen werden kann. - Der . Temvs" erinnert daran, dag die Finanz Minister sich kürzlick aus der Pariser Konferenz »war für die Aufrecht- crbaltung der in Cannes aufgestellten Ziffern für. 1922 1720 Millionen Goldmark Barzahlung und 1450 Millionen Goldmark Sacklieferungen) ausgesprochen haben, dag aber die Revarationskommission dadurch nicht gebunden sei. Es siebe ibr frei, diese Ziffern gutzubeißen oder abzuandern. Vor allem werde es fick um die Garantien bandeln, von denen die Ctundungsgewäbrung abhängig gemacht wurde.

Wichtige Ergebniste -er Konferenz -er alliierten Finanzminister.

W. T.-B. London. 17. März. Reuter erfährt, daß die Konferenz der alliierten Finanzminister und Finanzsachver­ständigen in Paris wichtige Ergebnisse erzielt habe. Die in Cannes bezüglich der Reparationen gemachten Vor­schläge seien so gut wie bestätigt worden. Der Betrag der Z ab I un gen in bar und in Waren, die Deutschland im Jahre 1922 zu leisten habe, sei festgesetzt worden, ebenso die Verteilung des Geldes unter die Alliierten, das bereits von Deutschland gezahlt wurde. Die Fraoe betreffs der Zablnngen seitens Deutschlands wäbrend der Jabre 1921 und 1922 sei eingebend durchgesprochen wor­den. und das erste interalliierte Übereinkom­men über die Reparationen und ibre Verteilung seit der Konferenz von Sva im Jabre 1920 sei damit erreicht worden.

Die Orientkonferenz.

W. T.-B. Baris. 18 März. Wie verlautet, trifft der italienische Außenminister am Montagabend, der englische Staatssekretär Lord C u r z o n am Dienstag in Paris ein - Die Konferenz über die Orientfrage wird nach dem .Petit Parisien" ück unter veränderten Bedingungen voll­ziehen. da die Stellung Englands sich inzwischen in der Orientfrage wesentlich geändert babe. Es sei jetzt weniger schwierig, eine gemeinsame Lösung zu finden, die den nationalen Forderungen der Türkei gereckt werde, obne in- desten die wirklichen Interessen Griechenlands zu verkennen.

Die Konferenz von Genua.

W. T.-B. London. 18. März. Dem politischen Bericht­erstatter der ..Pall Mall and Globe" zufolge erwartet man. daß die Konserenz von Genua etwa einen Monat dauern werde. Lloyd George beabsichtige jedoch, am Ende der »weiten oder zu Beginn der dritten Verbandlungswoche nach London zuiückzukehren.

W. T.-B. London. 17. März. Reuter erfährt von amt­licher italienischer Seite, datz trotz einer Tendenz von ge­wisser Seite, kaltes Wasser über die Konferenz von Genua zu glltzen. die italienische Regierung die Vor­bereitungen für diese internationale Zummmenkunit eifrig betreibt. Alles werde für die Eröffnung der Konferenz am 10. A v r i l bereit sein. Es sei endgültig festgelkgt worden, datz der neue italienische Ministerpräsident Facta den Vorsitz führen werde. Rach der formellen Er­öffnung am 10. Avril werde eine Anzahl von Ausschüsien gebildet werden. Der Ausschuß zur Behandlung der voliti- schen Fragen werde, wie erwartet, aus den alliierten Premierministern bffteben. Der Zeitvunkt. 20. März, für den Beginn der Vorkonferenz der Sachverstän­digen in London bleibt, wie Reuter weiter erfäbrt. ebenfalls bestsbcn. In dieser Konferenz werden die Sauvt- dclcgiertcn Berichte über die Ergebniste ibrer srüberen Zu­sammenkünfte vorlegen und die Fragen zur Kenntnis bringen, die sie in Genua zur Erörterung Vorschlägen wer­den. Auf britischer Seite sind ebenfalls a*t Vorbereitun­gen getroffen worden, damit die britischen Vertreter in der ersten Äor'lwocke abreisen können, um vor dem Eroffnunas- tu« in Genua einrutreffen.

Nr. IST. » 70. Jahrgang.

Das nm skWSM-ieMe

v. Paris. 18. März. (Eis. Drahtbericht.) Ein offizielles Kommunique erklärt, daß Frankreich seine Verhandlungen mit der deutschen Regierung über den Äu>atz »um Wies­badener Abkommen nunmehr beendigt und damit das non Bemelman in Berlin ^getroffene Abkommen mm auch für Frankreich Gültigkeit.habe. Da nach dem des von Bemelman abgefchlosienen Vertrages der formelle Vorbehalt gemacht worden war. .daß Frankreich von diesem Übereinkommen ausgeschlossen sei. waren direkt- Verband'

lungen zwischen Frankreich und. der Reichsregierung nötig

geworden. Von nun ab können also lranAosis me Auf­träge für Sachleistungen d l r e k t und nam den im Sandei üblichen Methoden an deut! cke Sa n de l s baut er ge­richtet werden und die Preise direkt zwischen Vesteller und Erfüller vereinbart werden, statt daß. wj« vorbei, die fum- zosi-che Regierung die Aufträge wie auch dir Preise ver-

^^W.'t.-B. Paris. 18. März. Das ..Echo de Paris", ieut heute den Zweck u n d d e n I n b o. l t des ueueu ffamoasch- dcutschen Üieserunssabkommens nach dem «mtom Bemel- mans auseinander, das an die Stelle des Systems des Ab- kommens von W'.eshaben treten soll. .Das Beit eiiui.Lv tierftthten Sei Sefjt ciufctcb* De? frcutsoStSÄc^(S>eS<fedbt3te und der de« Verkäufer würden über d t- B-omgungeu Verkaufs diskutieren wie über ein einfaches Sanoets geschält De deutsche Regierung stelle im Namen des deut- Oi[frrrVt.+Vn einen Scheck aus. der den vollen Waren- S Kar telle dieser sNck würde dann der Reparation?- fvvtttvnTiif n iihertrt titelt roerben unb von b& 2N ben ftöttäc* stsche" Käufer Mm der"bn Lner^ts wieder au den deut­schen Lieferanten weiterzugeben .habe. Lös

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8eim'ni die in großen Mengen bezogen werden wußten. Men außerhalb des Mechanismus gelassen, der zur An. wendung gelangen solle.

Eine Besprechung beim Reichskanzler.

«.„.rin M-rz (Gis. Drabtberickt.) Gestern

v er Besetzung bes Ernäbrungsmimfteriurns unb ber Durck«

fhhnttia der volksvarteilickien Richtlinie bezog Die Bs- h-t-ednuifl drohte Hc6 vielmehr um e m e lman ^ ^ ö -

kommen und die daraus folgenden Vesvreckunaen mit der Delegation ubcc eine An 81eim u n g o e s Diie^sbadener Abkommens an den Bemelman- Lertrag. ___—>

Dr Warmbold ErnäHrungs- «n- Lan-wirtschafts- minister?

Br Berlin. 18. Mär,. (Eis. Drabtberichr.) Die

..Deutsche. Allgemeine Zeitung" eriabit. daß bis rum Zu-

Gmmentritt ^ der^ Berliner K o n f e r e n' r der Ernäb- Sosminiler und Landwirtsckaktsminister

rungsminilier UHU*-» V« Reicks-

s ™ m -

bald in Frage.

EeHeii-rat Wie-sel- Botschafter in Washington?

Br Berlin. 18 Mär,. (Gis. Drahtbericht.). Die TirutSÄc Allgemeine Zeitung bezeichnet als aussichts­reichsten Kandidaten für den Botfchafteiwosien in Mafbinaton den Direktor der Kruvvichen Werke. Gebelmrat Wiedseld. Das Blatt schreibt, es fet anzunehmen, daß U ne Ernennung in Kürze erfolgen werde, wenn stch nrckt ln allerletzter Stunde Schwierigkeiten ergeben sollten.

Vorläufig keine Tariferhöhungen bei -er Reichspost.

W T.-B. Berlin. 17. März. Die R e'i Ä s v o st teilt mit- Die Lohnerhöhungen und die Steigerung der Mato- Mlvreffe zwingen die Postverwaltung erneut, die Ausgaben nnt den Einnahmen in Einklang zu bringen Durch Ver­minderung der Ausgaben allein wird das nickt möglich, fein. Inwieweit eine Erhöhung der Einnahmen möglich stü"wird, das ru entscheiden, wird davon abhangen, wenn die Wirkungen der bisherigen Tariferhöhung sich »ollrg Überblicken lasten. Zum 1. Avril findet e,ne Tariferbobunz nickt statt. Jedenfalls wird vorher ,m Benehmen mit den zuständigen Stellen gevruft werden, wo eine Tarif- UN- Poäoerböbung unter Umstanden einträglich kern konnte.

En-lich ein Gesetz gegen -en Papiermucher.

Bd Berlin. 18. März. Die Regierung wird dem Reicksrat in den nächsten Tagen mnen Gesetzentwurf des Reichswirtschaftsministeriums zugehen lasten, der die Regie- runa nmacktist. für die Sick, erung des dringen­den Bedarfs an Druckvavier die Zufubr.ung und Verteilung von Vavierholr. volzstoff und Druckvavier »u leaeln und namentlich auch die Preise dafür fettru- setzen.

Reise einer Abordnung französischer Bauarbeiter n»ch

' Deutschlan-.

Br. Berlin. 18 März. (Eig. Drahtbericht.) Wie der' Vorwärts" aus Paris erfährt, bat sich gestern rin« Ab. ördnung von Fübrern des französischen Bauarbeiterverban­des »u Studienzwecken nach Deutschland begeben, die insbe­sondere das Werk der sozialen Baubetriebe näber kennen lernen will. Der Abordnung hat sich der General­sekretär des Allgemeinen französischen Gewerkschastsbundes. Joubaur. angescklosten. Ferner soll das mit den deutschen Gewerkschaften in Frankfurt a. M. abgeschlossene Abkom­men für die Wiederherstellungsarbeiten in Skordirankreich ausgebaut werden. Die Abordnung begibt stch zunächst nach Köln, von dort nach Esten Dortmund» Marckebura und Pari».