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Montag» 13. März 1922.

Der ungebetene Gast.

Die Erklärung des amerikanischen Delegierter Boyden, daß die Vereinigten Staaten die Zurück­zahlung der Besatzungskosten für ihre Rheinarmee ver­langen mutzten, und datz diese Kosten bisher ohne Zrn- sen 966 Millionen Eoldmark betrügen, hat der den Finanzministern der Alliierten eine unangenehme Überraschung hervorgerufen. Man war gerade davor, die deutschen Zahlungen unter sich zu verteilen, und nun kam aus einmal Amerika und verlangte seinen Anteil. In der Pariser Presse sucht man zunächst dre eigene Bestürzung zu verbergen und beruhigt dre Leser mit dem Tröste, datz Amerika nicht ernstlich an dre Einkassierung dieser Forderungen denke, sondern nur die Alliierten vor einer Vernachlässigung der amerika­nischen Ansprüche warnen wolle. Tatsächlich liegen dre Dinge für die Alliierten viel ernster, als man es wahr­haben will. Da die Erstattung der Besatzungskosten vor der Wiedergutmachung den Vorrang hat, ist durch den von Amerika erhobenen Zahlungsanspruch nicht nur die belgische Priorität, sondern auch die ganAe französische Wiedergutmachungsforderung bedroht. Der Eindruck, den dieser Vorgang in Frankreich machen muh, wird um so stärker sein, als auch die Reichsregie- rung bereits deutlich genug zu verstehen gegeben hat, datz sie die zehntägigen Eoldmarkzahlungen nicht m der bisherigen Weise fortsetzen kann, weil die inzw'schen erfolgte Kurssteigerung der Devisen weitere Derusen- aufkäuse durch das Reich unmöglich macht. Die Be­deutung dieses Schlages für die französischen Opti­misten ist gar nicht hoch genug einzuschatzen.

Es ist immer unangenehm, wenn die Sieger sich zu Tische setzen und die Beute unter sich teilen wollen, und es kommt plötzlich ein ungebetener Gast, der energisch leinen Anteil verlangt. In diesem Falle darf freilich Amerika seine Forderung mit um so mehr Berechtigung geltend machen, als der Sieg sa nur durch das Ein­greifen der Vereinigten Staaten erzielt worden ist. Die leitenden Staatsmänner der Vereinigten Staaten haben dis Alliierten oft und eindringlich genug ge­warnt, nicht durch eine Übertreibung ihrer Repara­tionsforderungen die Weltwirtschaft zu zerstören. Es war bisher alles vergeblich! Jetzt lätzt Washington der Entente sagen, wenn sie schon die Weltwirtschaft aufs schwerste erschüttern wolle, dann verlange auch Amerika als der eigentliche Sieger den Ersatz seiner Unkosten. Die Mahnung ist deutlich und sie dürfte in Paris und London verstanden werden.

Es ist allerdings ganz richtig, datz Amerika nicht ernstlich daran denkt, sich durch einen Anteil an den deutschen Eoldmarkzahlungen noch mehr zu bereichern, denn es leidet ja schon unter Eoldüberflutz und unter der dadurch 'hervorgerufenen Überwertigkeit des Dollars Aber die klugen Finanzmänner in Washing­ton wollen sich für die bevorstehende grotze gegenseitige Abrechnung eine möglichst günstige Position verschaffen. Frankreich hat sich schon seit langem auf den Stand­punkt gestellt, datz die Reparationen nur dann er­mäßigt werden könnten, wenn Amerika seinerseits die Schulden der Entente freiwillig herabsetze. Dieses Verlangen erkennt man auch in England als berech­tigt an. Der englische Schatzkanzler Sir Robert Ho r n e hat auf der Finanzministerkonferenz einen Plan vor­gelegt. nach welchem ein Teil der deutschen Schuld er­mäßigt werden soll, wenn Amerika einen entsprechen­den Teil der Schulden der Alliierten streiche, und ebenso sollen auch die Schulden Frankreichs an England durch einen Verzicht Englands und eine entsprechende Herab­setzung der deutschen Reparationsschuld ausgeglichen werden. In diesem Augenblick kam nun Amerika und machte darauf aufmerksam, datz es nicht nur die Rück­zahlung der Kriegsschuld, sondern auch seinen eigenen Anteil an den deutschen Zahlungen zu verlangen habe. Das kann den Sinn haben, datz Amerika die Summe, die durch Herabsetzung der deutschen Reparationsschuld ausgeglichen werden soll, möglichst hoch hinaufschrau- ben will, um dadurch einen möglichst weitgehenden Erlaß der deutschen Schuld durchzudrücken. Vielleicht ist diese Auffastung zu optimistisch. Aber jedenfalls macht Amerika, das eben erst auf seine Teilnahme an der Konferenz von Genua verzichtet hat, jetzt so energisch wie möglich seine Rechte geltend. Es spricht eine deutliche Sprache und lätzt Warnungen über Warnungen an die Alliierten ergehen. Man wird sie in Paris und London nicht mehr lange überhören

können. ^ ^ „

Der grotze Tag der Abrechnung und der Herstellung eines wirklichen Friedens ist zwar noch nicht nahe, aber er kündigt sich dem Scharfsinnigen schon von ferne an Man sieht heute bereits Möglichkeiten und gang­bare Wege für eine Neuordnung, wenn auch die Völker und die Politiker noch nicht überall reif sind, sie zu. be- schreiten. Die Stimme des ungebetenen Gastes über

Abend-Ausgabe.

dem Ozean, die der Entente immer energischer

zuruft, datz sie gehört werden wolle, , wird die Auf- Uärung fördern und zur Belehrung beitragen, datz die Welt solidarisch sein mutz, wenn sie vorwärts schreiten will!

Die amerikanische Forderung.

W. T.-B. Paris. 11. März. Das. von den amerikawicken Delegierten gestern den Finanzmmist^n mm England.

Frankreich. Italien und Belgien überreichte Memoran dum bat folgenden Wortlaut. . »us

Ich babc beute vormittag. ein Kabelte egramm aus Waibington erbalten, das mir die Instruktion errenn Simen zu erklären, das die Ausgaben für . amerikanische Besetzl> n asbeer bis 1. ,

1921 sich auf ung-fäbr 2U Millionen Dollar belauien. Die alliierten Regierungen mit Ausnabm. vielleicht von Großbritannien haben ibre gesamten Okkiwat'onstmren bis 1. Mai 1921 zurmkerhalt m und wabr^>einl ch unro die Ausgabe für das britische Heer vollkommen durch da- bevorstehende Abkommen »edeckt Unter WurdiMMS.

das Beietzungsveer mir.vimen v.» r. .

halten, bevor irgend em Anteilbiervonvertem: »«_• Was die laufenden Kosten anbetrifft, lautet meine >rn struktion dabin. zu erklär-m. daß die Dosierung der Ber­einigten Staaten ihre volle Zahlung verlangen wird daß sie aber, wenn ste hierfür eine Zahlungsversiche rung erhalt, kem Hindernis steht. stÄ auch uver.o,e praktischen Einzelheiten der Zahlung zu .verstau, me . Gezeichnet Bauden nichtoffizieller Vertreter der Ver-

w‘nV S *Ä S Mä *8mtb"

17 US Washington metoet. foft das Siaatsd e v a r 1 k m e n 1 gesteh m i I N a 4 d r u ck erklärt haben d,e Vereinigt^ Staaten wurden auf der Be za b l u n g de r B e s a tz u n gs- k osten bestehen. Diese Forderung werde als eine tm- ontastbare Forderung an»-s:b;n und. die amerlkarmche -Ne­gierung würde ihre Ablehnung als ein ungewobstliches Vor- ncEien der Alliierten betrachten

W. T.-B. London. 13 Marz. (Drahtberickt.1. aue ..Times" berichtet aus Washington die Vereinigten Staaten,hätten keinerlei offizielle Mitteiliing erhalten. daß

der

(Ltaaten oanen reineriei an­

dre in Betracht kommenden alliierten Regierungen d,e Ab­sicht batten, die amerikanische Forderung nach Zahlung der Kosten für das amerikanisch- ZAatzungsbe-r bei Verteilung

Konen tur oas amciuanucre XVTirf"

der Milliarde Goldmark zu Nevaratl.onszwecken unberück­sichtigt zu lassen. Bevor die amerikanische Regierung eine derartige Mitteilung nicht erhält lehnt sie es ab und zwar trotz der Berichte über e,.n zwischen den alliierten Finanz­ministern abgeschlossenes Übereinkommen, em so voll­kommen ungewöhnliches Verfahren für möglich zu halten. In diesem Sinne sei die Presse von hoher amerikanischer Seite benachrichtigt worden und diese Benachrichtigung iel erfolgt mit einer Nachdnicklickkeff.. die.wie der Bericht sagt, an Schärfe grenze. Es wurde erklärt. es. fer die heilige Pflicht der Alliierten, den Betrag, den Amerika zur Deckung seiner Ausgaben verlangte, anzuerkennen, und der Gedanke, daß die Alliierten die amerikanische Forderung ablehnen könnten, wird nickt in Betracht gezogen..,Der Bericht­erstatter der ..Times" fügt hinzu, der Schlüssel für .diese amerikanische Politik sei die Stellungnahme der Vereinigten Staaten im Zusammenhänge Mit der Antwort auf die Ein­ladung zur Teilnahme au der Konferenz oon.Eenua. In Washington wird diese Politik bezeichnet als ein takt­voller Druck auf gewisse Elemente in Europa.

W. T.-B. London. 13. Marz. (Drabtberickt.) Dem Be­richterstatter des ..Dailn Telegraph" wird von kompetenter amerikanischer Seite in London erklärt, daß die Instruk­tion der amerikanischen Regierung an B o y d e n angesehen werden könnte, als eine Ergänzung zu der Weigerung Ameri-as. an der Konferenz von Genua tenzu- nebmen. Die Weigerung gründe sich einerseits auf Ern- wände gegen irgend welche, vorzeitige Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit dem bolschewikischen Ruß­land. wende stck dock andererseits noch mehr gegen den Aus­schluß der Reparationsfrage, sowie der Fragen, die die Ab­rüstung »u Lande betreffen

Eine neue Abrüstungskonferenz?

D. Washington, 13. März. (Eig. Drcchtbericht.) Rach einer Meldung des „New Yorker Herald" hofft Präsident Holding, datz in der nächsten Zeit bereits ein« europäische Konferenz für die Abrüstung zu Lande zusammentreten wird.

Die Orientkonferenz.

w T.-B. Baris. 13. März. Es ist nunmehr bestimmt worden, daß die Konferenz der alliierten Außenminister zur Besprechung der Orientfrag« in Paris am 2 2. Marr ru- jammentritt. _

Die Streitpunkte bei den deutsch-polnischen Verhandlungen.

W. T.-B. Genf, 12. März. Gestern lies die Frist für die noch ungelösten Streitfragen in den deutsch­polnischen Verhandlungen ab. Inzwischen wurde von den Unterausschüssen eins bis neun vollständige Eini­gung erzielt. Die deutschen und die polnischen Be­vollmächtigten legten daher dem Präsidenten Ealonder nur zwei Streitfragen aus dem Arbeitsbereich des 10. Unterausschusses (allgemeine Rechtsfragen und Liautdationsfragen) vor und kündigten gleichzeitig an, datz die Vorlegung der Streitpunkte aus den Unter- ausschüsien 11 und 12 (Minderheitenschutz und zwischen­staatliche Organisationen) noch für die nächsten Tage Vorbehalten bleiben müste. Damit steht jedoch noch nicht fest, datz auch tatsächlich alle diese Streitpunkte vor den Stichenffcheid des Präsidenten gelangen müsten, da noch Einigunzsverhandlungen im Gmrge sind.

Nr. 122 » 70. Jahrgang.

Das ksewls »et Mn MMmierm.

v. Paris. 13. März. (El,. Drabtbericht.) Am Samstag haben die interalliierten .fftianzmimster n a ch o ew uo ickluß zes Pariser Abkommens 'N emer amtuchen Mitteilung erklärt, den Ententeresierimgen sei zu empfebien. ibre einzelnen Vertreter ,n der Revarationskommnst darauf aufmerksam zu machen, daß so rasch als mognä, er konkrete Lösung des gesamten Revaratrons- Problems getroffen werden muss«, um dre Zahlung. o. Reparationen zu gewährleisten, -er es durch erne Gesundung der deutschen Reichsfinanzen mittels ewer wirksamen Kon­trolle. sei es durch die Auflage von deutschen Äußenanlerden. die durch Zolleinnahmen oder andere deuticke Rerchsern- nabmen sicherzustellen sind.

Soweit die amtliche Mitteilung. Es ist als stcker anzu- nebmen. daß diese Mitteilung oen Kerm einer neue F i n a n z k o n f e r e n z in stck tragt Nachdem d, e Finanz- ministerkonserenz glücklich zum Abschluß ackommen nt. aUer- dings nickt, obne zwischen der Scylla,des ^lanzmischenBei- sucks einer Annullierung der bisherigen Finanzabkommen und der Charybdis der amerikanischen Forderung von 1 Mrl- kiarde Eoldmark für Besatzuagskosten lavrert ru haben, bat uunmebr die Reparationskommrsston sur die rosung, der Stundungsfrage freie Bahn. Da dre Reparatronskommrsston schon seit einigen Wochen 3ert hatte, über -re Denksmritt des Reichskanzlers vom 28. Januar nachzudenken, so durfte ihre Entscheidung über dre.Stundungssrage unmittelbar bevorsteb:n. Da stck dre ?wanzmrnlstttkonse, renz in lämtlrcken Punkten mrt ganz geringen Avwerchunsen on die Vereinbarungen von Tannes gehalten hat. so wird auch die Revarationskommiiston n der Sturwurigsfrage nickt weit von den in Tannes getroffenen Abmachungen ab­weichen. In Tannes ist bekanntlich der Gesamtbetrag der deutschen Zablungen ff'r das Iabr 1922 auf ^-0 Tril­lionen Eoldmark festgesetzt worden wovon 12o Mil­lionen im Januar. 7b Millionen im Februar. 50 und 00 Millionen in den folgenden Monaten zu »ablen waren Die Sachleistungen sind ans den Betrag von 1450 Millionen Eoldmark festgesetzt worden.

Um die deutschen Zahlungen

Br. Berlin. 13. März. (Eig. Drabtbericht.) über den Abschluß der Verbandkungen der alliierten F i n a n z m i n i st e r wird non der Agentur Davas eine halbamtliche Auslassung verbreitet, in der es he,ßt: Was

die Kontrolle der deutschen Finanzen betrifft, so ist es wabrscheinlich. daß die Machtbefugnisse des Garantir- ausschusses verstärkt werden. Die deutschen Anleihen sollen dazu dienen, das Kapital der deutschen Sckuld zu tilgen. Sie können nickt dazu dienen, die Iahreszahlungen zu decken, die Deutschland zu entribten hat. vielmehr sollen st« der Höbe ihrer Begebung entsor-ckend zur Annullierung der Obligationen der tz.-rien A und B verwendet werden. Auf diele W'ile wird der Zablungsvlan aufrecht erhalten. Was die Pfänder für die Anleihen anbelangt, s« bat man außer an die Zolleinnahmen, die in Gold entrichtet werden können, an die Äufrechierbaltung der 26vrozentigen Ausfubrabgabe gedockt. Diese Abgabe hat 1921 ungefähr 1 Milliarde Eoldmark ergebm. ein Betrag, der ausreichend erscheint, um eine Anleihe in Höbe von 13—14 Milliarden zu verbürgen. Natürlich soll nickt die Revarationskom- missson die Anleiben aullegen. vielmebr soll diese Operation durch ein Finanzkonsortium erfolgen. Die Opera­tion wird abbängig sein von der Auibebiing der allgemeinen Hypotbek. die auf den Einnahmen Deutschlands ruht.

Eine neue Zusammenkunft der Finanzminister.

W. T.-B. Paris, 13. Mär». lSaoas.) Wie die Zeitun­gen berichten, haben die interalliierten Finanz­minister. bevor sie stck trennten, beschlossen, in ungefähr zehn Tagen von neuem zusammenzutreten. d. b. noch vor der Genueser Konferenz, um gemeinsam die von der Reva- rationskommission ergriffenen Maßnahmen zu orüfen.

Ein falsches Gerücht.

W.T.-B. Paris, 12. März. Die Savasagentur meldet: Das in Paris umlaufende Gerücht, daß die deutsch« Regierung zwei Unterstaatssekretäre beauftragt habe, stch nach Paris zu begeben, um der Revarationskom- Mission vorzustellen, daß es der deutschen Regierung in­folge des Tiefstandes der Mark wahrscheinlich unmöglich sein werde, sich die n ö t i g e n D e v i s e n zu beschaffen, um den zehntägigen Zahlungen von 31 Millionen nackru- lommen. entbehrt jeder Begründung. Weder v. Simons noch v. Bergmann Laben Weisung erbalten, stck nach Paris zu begeben.

Die technische Varbereitungskonserenz.

W. T.-B. Paris. 13. März. Wie das ..Echo de Paris" mitteilt, wird die framösticke Delegation, die stch an der am 20. März in London beginnenden technischen Vorbe- reitungskonserem für Genua beteiligt, besteben aus dem. Ministerialdirektor Sevdour als Vertreter des Aus­wärtigen Amtes, aus dem Vertreter des Finanzmrnistermm» C b a s e l e s und dem Justitia: Fromageot. Den fraw- zössfchen Sachverständigen würden sehr genaue Instruktionen erteilt, die im voraus niedergeschrieben würden: diese unter­lägen im Augenblick der Genehmigung des Ministervrän- denten. _

Die Artillerieausbildungsvorschrist.

Br. Berlin, 13. März. (Eig. Drcchtbericht.) Dem „B. T." zufolge verlautet aus parlamentarischen Krei­sen, daß die Reichsregierung auf den Protest der interalliierten Militärkontrollkommiffion gegen die deutsche Artillerieausbildungsvorschrift voraussichtlich in den nächsten Tagen mit einer Rot« antwortet, in welcher der Kontrollkommistion der Sinn der beanstandeten Vorschrift auseinandergesetzt und darauf hingewiesen wird, daß zu irgendwelchen Ein­wendungen keinerlei Grund »orliege.