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Mittwoch, 8. März 1922.
Nr. 113. * 70. Jahrgang.
Kirche und Oessentlichkeit.
Van Fritz Bdilivvi (Wiesbaden).
II.
Me ist es zu dem für beide Teile schlimmen Zwitte^ Zustand gekommen, datz die Allgemeinheit wohl noch eine Kirche der gelegentlichen Amtshandlungen, aber keine Herberge ihrer Seele, keine Gemeinderrrche mehr kennt? „ „
Da müssen wir bedenken, datz dre Reformatwns- kirche das weltliche Geistesleben für mündig und gleichberechtigt erklärte. Seitdem hatte die Kirche auf geistigen Universalismus verzichtet und war SpezrLtt,tin geworden. Das aus der kirchlichen Vormundschaft entlassene kulturelle Geistesleben eroberte sich dre Öffentlichkeit. Der Kirche blieb der Sonntag und das Jenseits Sie wurde aus einer Machthaberin zur Dienerin, zur Geburtshelferin im innersten Lebensschotz der Seele. Die Zurückhaltung in weltlichen Dingen wurde ihr zur Pflicht gemacht. , . ,, „
So führten wir ein Doppelleben ln der Werktags, und Sonntagswelt und hoben in der einen auf, was wir in der anderen bejaheten. Um vom Druck des Werktags-Materiolismus zu verschnaufen, gingen wrr als Sonntagsidealisten in die Kirche. Die Kirche wurde weltfremd und mutzte um so entlegener erscheinen, je gewaltsamer die wirtschaftliche Vorherrschaft das Menschendasein bewältigte.
Indessen predigte die Kirche unentwegt: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!"
Die Kluft zwischen der weltlichen Derftandesbil düng und dem beim alten Dogma beharrenden Kirchen glauben wurde immer größer. Die Masse der Gebilde ten lernte lammfromm noch den Konfirmationskatechismus und sah sich dann hilflos dem brausenden Lebenszwiespalt ausgeliefert. Don dieser Hilflosigkeit der Gebildet» in Elaubensdingen empfingen wir einen erschütternden Eindruck, als wir vor dem Krieg die modernen Bibelabende abhielten. Die völlige Direk- tionslosigket in religiösen Fragen! Die moderne reli gionsgeschichtliche Forschung, die aus dem alten Dogma den' religiösem Kern schälte, war den Gebildeten unbekannt geblieben. ...
Für die organisierte Arbeiterschaft kam zu den intellektuellen Hemmungen noch der tiefgewurzelte Argwohn gegen die Kirche als bürgerliches Klasieninstrtut. Das Mißtrauen der sozialistischen Massen ließ die Erkenntnis nicht aufiommen. daß der Staat im eigenen Interesse eine Vernunftehe mit der Kirche eingehen muh und sich selbst den moralischen Ast absägt, wenn er die Kirche vernichtet. Es ist auch nicht zu verkennen, daß der Staat vielfach ein Ehetyrann der Kirche gegenüber war und den kirchlichen Funktionären seinen Beamtenstempel aufdriickte. Auch in der bäuerlichen Bevölkerung herrschte die Meinung vor, daß der Pfarrer predigen mutz, was „von oben herunter" besohlen wird Ein sozialistischer Geistlicher aber war unmöglich, nicht einmal ein sozialdemokratischer Kirchenver- treter oder Kirchendiener war gestattet.
So kam's zur Unkirchlichkeit der Masten. Aber nun ist durch den Bruch mit der staatlichen Vergangenheit die Kirche, zwangsweise zunächst und von außen her, vor die Frage ihrer Neuverfastung gestellt. Äußerlich neu wird und mutz der Kirchenbau auf Grundlage der veränderten Verhältnisse aufgebaut werden. Die Kirche wird wesentlich mehr Bewegungsfreiheit erhalten. Sie wird ihre Existenz gründen müssen auf die Freiwilligkeit des Kirchenvolks. Wird diese Freiwilligkeit" nur ein träges Beharrungsvermögen sein, oder eine veränderte neue Teilnahme am kirchlichen Geschehen, da es doch nunmehr dem Kirchenvolk frei- stebt. sich seine Kirche wohnlich zu gestalten?
Das ist die viel wichtigere Frage als der ,uristische Rohbau, der jetzt gezimmert werden soll. Bricht eine neue Ära an für das gespannte Verhältnis von Kirche und Öffentlichkeit?
Kommt es jetzt zu einer wahren Volkskrrche oder nicht? Mindestens sollte darüber Klarheit herrschen, datz eine nie wiederkehrende Gelegenheit sich jetzt bietet aus der negativen Kritik an der „veralteten, engen" Kirche zur tätigen Mitarbeit zu gelangen. Ze nachdem die Allgemeinheit bei ihrem unkirchllchen Geschehenlassen bleibt, wird sich entscheiden, welcher Geist künftig in der Kirche maßgebend ist. . ..
Wie liegen da die Dinge, wenn wir möglichst sachlich davon reden? Für die künftige Gestalt der Kirche sind drei Möglichkeiren gegeben, drei Typen, die sich übriaens wie wir ausdrücklich bemerken wollen, nicht decken mit den drei kirchlichen Gruppen in unserer Landeskirche. Die Kirche könnte \e nach der Mehrheit ihrer Abgeordneten einen stark bekenntnismahig gebundenen und bischöflichen Charakter bekommen. Oder sie wird kirchenbureaukratisch im wesentlichen sein und einer Uniformierung zustreben. Oder endlich, ste wird
den Glauben wagen, oatz Gewisten und Wahrhaftigkeit selbsttätig die beste Bindung an die Kirche sind und von einer gesetzmäßig befohlenen gedruckten Bekenntnis- verpflichtung überhaupt absehen. Sie wird sich dann auf den Geist der Reformation und den religiösen Gehalt der Bibel gründen und sich die Gleichberechtigung der verschiedenen Geistesrichtungen in voller Weil- herzigkeit und Duldsamkeit zur obersten Pflicht machen.
Unser Volksschlag ist der Ketzerrichterei abhold und beweist damit eine ursprüngliche Hochachtung vor selbständiger Elaubensüberzeugung. Stimmimgmnatzig dürfte die Allgemeinheit am meisten dem Kirchentyp zuneigen, der die größtmöglichste Toleranz in Elaubensdingen gewährleistet. Aus solcher Erundstrmmung ist in unserem Heimatland auf kirchlichem Gebiet zuerst die unierte Kirche, die Verschmelzung von Luthertum und Reformierten, gelungen und auf dem Gebiet des Schulwesens unsere nastauische^ Simultanschule.
Es sollte sich aber die Öffentlichkeit nicht dem Optimismus hingeben, als ob danach in der Neuverfastung der Toleranzgedanke selbstverständlich führend sein werde. Wir brauchen nur auf das Beispiel unserer schwer gefährdeten Simultanschule hinzuweisen. Die Gegensätze haben sich verschärft, und es konnte Me driilgende Befürchtung sich verwirklichen, datz bei uns eine rührige „orthodoxe" Minderheit die Vorherrschaft in der Kirche behält gegenüber einer schlaffen, religiös uninterestierten und bleichsüchtigen Allgemeinheit von Nichtwählern. Der Wahlausfall m Baden. Württemberg und Hesten hat zu einer Niederlage des kirchlichen Liberalismus geführt. Die Folgen zeigen sich darum auch besonders bei der Neubesetzung der Pfarrstellen, wo die freiere Richtung aus alteingesessenen Positronen Schritt um Schritt vertrieben wird. — Soll es bei uns
auch so werden? . _ . .
So ergibt die nüchterne Erwägung der Lage, datz der freie Protestantismus schwer um sein Daseinsrecht kämpft infolge der allgemeinen Interesselosigkeit an kirchff chen Dingen. Die freiheitliche Einrichtung der Urwahlen, die das Symbol kirchlicher Eleichberecht,- aung sind, kommt in der Tat denen zugute. Me bei den Wahlen nicht daheim bleiben.
Endlich mutz die Einsicht wachsen, datz in einer Zeit, wo die moralische Wiederaufrichtung unseres Volkes eine Frage seiner Lebensrettung ist, derzen,ge nicht zettqemütz, sondern rückständig handelt, der bei der Neuordnung der Kirche die Dinge laufen laßt, wie ste wollen. Wir, vor allem unsere Kinder, hatten den Schaden davon! __
Die Auslandsvertretungen des Reichs.
Br, Berlin. 7. Mörz. (Eig. Drabtbericht.) Im Sauvt- bes Reichstags wurden beim Reichsmarmeetat eine Reibe von Anträgen auf anderweitige Einreibung der Beamten in BefoldustLsaruvoen abgelebnt. «erl für eine einzelne Verwaltung Hobergruvvierungsn Nicht vorge- ninnmen iverbcn könnten und weil der Vertreter der Regte- mmt erklärte datz damit das ganz« Besoldungsvroblem neu aufgerollt würde da die Höberstmung von Marinebeamten Folgerungen iür andere Verwaltungen nach stck z>eben. -rann nNin man zur Beratung des Etats des Ministeriums des Uuswärttaen über Der Autzenminister Dr. R a t b e n a u mar durch dringende Amtsgeschäft« am Ericheinen, v.^rkm- s.. r i. mtTh Teilte ilt)ßx bie ctiiSEJCttttflc Pl)Ieill etu um 7 März batten können. Mit Rücksicht daraus wurden dir Einzelkovitel des Etats, vorweaoenommen vnd erledigt.
Nn-soroche bewegte sich im wesentlichen um die Möglichkeit einzelne Stellen des auswärtigen Dienstes zu streichen.
3 >r Ä hat ffitaf Bernstorff erhob wie die übrigen Redner den Wunsch nach denkbarster .Svarsamkeit. es sei nh\>r tnTtrfi Bosten des auswärtigen Dienstes, di« noch Be- hrtHem zu streichen Diese Bosten irren erforderlich, deuttmv batten zu »re^me Wirtschaftsberiebungen zum
9iwrnb mieMr auirubauen. Besonders in den sudameri- ÖÄ lÄ fci ferne deutsche Vertretung zu entbeb^n
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Reichsminister Dr. Rathenau über dre Ursachen des Marksturzss.
Br. Berlin. 7. März. (Eis. Drabtbericht.) 2m aus- wärtigen Ausschutz des, Reichstags, der gestern. Me Beratu« des Haushalts des Ministeriums für Auwartiges begorE bat. ist auch der Minister des Autzern Dr. Ratbenau erschienen. Er nahm gleich zu Beginn, der Sitzung das Wort zu einer längeren Rede über iern Programm, legte das ganze R e v a r a t i on s v r ob l e m dar und er
klärte, dah das gegenwärtige rasche Sinken des
Markkurles aus die Forderung der Enrenie. alle zebn Tage 31 Millionen Eoldmark zu leisten. zuruckoN» führen sei __
Die deutsche Kriegserklärung an Frankreich.
Be. Berlin. 7. .März (Eig. Drabtberickt.) ©ml Montgelas veröffentlicht im ..33. X. bisher unl«- kanntes Material über die ^ut/che Kriegserrla r u n g an Frankreich vom 3. August 1914: dural oas oer i« Frankreich noch immer herrschenden Ansicht. sntgeflengetr^n wird daß die deutsche Kriegserklärung ausschlieklich mit dem 'Bombenwurf bei Nürnberg begründet gewesen sei. M^ntselas stellt auf ©rund des Materials suiammeniasiend lest datz die d-utsche Kriegserklärung an Frankreichln erst« Linie © re n-ver-le tzungen auf dem . Landwege, in °>6 Fällen stattgefunden haben, und erst jv zweiter Lrn»e riieiki Nriieaer erwähnt datz die unrichtige Melduna betreffend ^n^cmb-naLwuri "über Nürnberg au die srbliwme ^eichffertiqkeit eines Fernivrechoffizrers üluruck Infiibfen iü datz infolge der Verstümmelung aller Cbiffe.r-
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Auflösung des Vereins ehemaliger Offiziere in Aachen.
w T -B Daris. 6. Mär». Rach einer Savasmelduna
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... Den mnelntanorii «b
.bemaliger Oiffriere in Aachen angeordnet und den Vereick im gesamten Besetzungsaebiet e r b o t^n. Dre vlewung
Die deutschen Reparationszahlungen.
w ™ n Onnhnn 7 März (Drabtbericht.) Ein Be- w , * >0 %nttn Telegravb" schreibt, amtliche Deutsche Kreise^verbebtten nicht die Tatsache, datz bereis seit
A-LÄk S |Ä!i
treten mirh Wenn man bis bekannten Tatsachen der Lage in Deutschland in Betracht ^^be die dauernde Inflation. die Entwertung der Mark, den Mangel an Robstmien in Deutschland und die ment oerpeblichen Versuche. >od- ktnffe zu erlangen, so könne man über das hartnäckige ©e- riirfit datz Deutschland säumig werden wurde, nicht erstaunt ' Der Berichterstaite" des Blaites fugt!hinzu d e deutschen Staatsmänner batten noch nicht atltmt, , ub« die
Sacklase offen und aufrichtig auseinanderzuieden.
Rbeinl^^eine^ffir^die^Sickerbeit^der^Beiatzungsarrnee se-
Wrlicke antialliierte Propaganda betrieben batte.
Der Reit^prästdent ft» Leipzig.
W T-B. Berlin. 7. März. (Drabtbericht.) Der Reichspräsident begab sich gemeinsam mit den Präsidenten des Reichstages, L ö b e und den Neichsmnnsteni Bauer. Schmidt. Koster ©ronerund Rad druck sowie den Ministerialdirektoren v. Schönebeck.und Dr. M e i b n e r zum Besuch der Mustermeste nach Leipzig.
Ausgleich zwischen Bayern und dem Reich in der Frage der oberen Donau.
Br. Stuttgart. 7. Mär». (Ei«. Drabtbericht ) In der gestrigen Sitzung des Finanzausschusses des Landtaas ve- r^cktete Ministerialrat Dr. S i r! ck über den in den letz cn Togen zustandeoekcmmenen Ausgleich mit dem Reich un» Bayern tn der Frage des Ausbaues der oberen Donau vmr
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Ausführung des Leckzubrin
vemeuung einer ©rotzlckiffabrtsverbindung zw... n - Bnrr und Nürnberg finanziell stckergestellt sem wi». Sind
diese Vcraussctzungen erfüllt und Me 2B trtlÄaftlcit des
Au^bavs der oberen Donau f-estgestellt, so und Württemberg verpflichtet., durch Eiischtwirtschaftlich« Unternebmnngen und durch eine angemessene Beteiligung an der Aufbringung der Baukavitalien Unterf-utzung zu leisten ©leichzeitig wurde vereinbart, datz Me Verluste an Krafteinnabmen. welcke die künftigen Donauwerke von dec Lechmündung bis Keblbeim noch Hefftelluna des Leckzu» brinaers durch Ableitung von Leckwaster erleide, von den llnteniehmein der Rbein-Main-Donau-Berbinduna der Unternehmung Ober« Donau zu ersetzen stnd und datz Bayern auch der überfübrung von Wasser aus dem Donaugebiet rn die Scheitclbaltnng der Neckar-DonautVerbindung vorbe- dgttlich der Wahrung sonstiger Inieressen zustimmt. Auf
BeranlaslünÄ'Württembergs ist auch Baden zu Mn Der- imndlungcn »usezogen uiG. der Beitritt zu den getroffenen Vereinbaumgen ausbrucklrÄ vorbebalten worden.
Übernahme von Postbeamte« durch die Finanzämter
Br Lerlin. 7. März. Drabtbericht.) Eine B«-
liner Mittagszeitung batte berichtet, datz eine grotze Ämabl nnn Postbeamten von den Fin an za m t e r n übernommen und an Stelle der ausgeschiedenen Beamten neue Hilfskräfte „wieder eingestellt worden seren. Diese Meldung wird an zuständiger Stelle als unrichtig be« widmet Bisber sind keinerlei Postbeamte an.Finanzamt«! abmgeben worden. Wenn dies in Zukunft ledoch erfolgen würde werden Neueinstellungen von Hilfskräften mckt in
Lern »bw-i. Äw nut Saftm
Br. Berlin. 7. März. (Eig. Drabtbericht.) UMr, den Einflutz. den die Ausführungen Kavos auf das Schicksal >errn v. Jagow aus üben durften, mo ckt der B^tetdiaer. lechtsanwalt ©rünsvack. folgende 3lngabeu. Durck Me chusfagrn Kavvs vor ©ertcht wurde ück oor, allem der Nachweis fuhren lallen, ob Herr i Jas o w bei den Marrerer^ nisten eine führende R l« ^!v>elt bat oder: um Herr v. Jagow bat bekann .> vor^ dem Reichsgericht aM 'hiebe
v "J^ow nur di^ibm ubeVffagenen Befehle aüsfübrte. lo mutz auck ^f Serrn v Jagow die Amnestie Anwenduns ffnden D^ W i «d er Lstf nab me verfahren wa«
' cine derarltae Ausiase Kavvs ru bsmindea.
