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Verlag Langgasse 21

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Donnerstag, 23. Februar 1922.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 91. 70. Jahrgang.

Regierende und Nichtregierende.

In einer seiner Reichstagsreden erzählte Fürst L ü l o w vor Zeiten eine hübsche Geschichte aus seiner Sesandten-Zeit in Bukarest. Dort ««r ein Abgeord­neter der Opposition Minister geworden und seine Re­gierungstätigkeit befand sich oftmals in vollem Wider­spruch zu den Prinzipien, die er früher verkündet hatte. Bülow hielt ihm das eines Tages vor, aber der Rumäne erwidert« ihm achselzuckend nur: Mein lieber Gras, Sie glauben gar nicht, wie das Regieren den Menschen verändert!" Diese kleine Geschichte, di« als Motto vor mancherlei Dingen stehen könnte, die man heutzutage inner- und außerhalb Deutschlands erlebt, kann füglich auch auf den Kopf gestellt werden, und nicht nur an Asquith, Erey, Nitti, Lansing, sondern auch an Staatsmännern noch näher liegender Länder läßt sich zeigen, wie das Nichtmehrregieren die Menschen ändert. Im allgemeinen besteht der Unterschied zwischen Regie­renden und Nichtregierenden darin, daß die einen, um mit Schopenhauer zu reden, mehr dem Willen, die anderen mehr der Vernunft Ehre erweisen. Die einen find mehr Ziel-, die anderen mehr Wahrheitssucher, di« einen sehen die Dinge mehr, wie sie sie wünschen, die anderen mehr, wie sie find.

8 Herr L o u ch e u r, der ein großer Industrieller und erfolgreicher Kaufmann ist, der also gelernt hat, mit Zahlen und nicht mit Leidenschaften zu operieren, war itt seiner Amtszeit nicht der schlimmste Typ der Regie­renden. Aber das Los der Regierenden erfüllte sich bis zu gewissem Grade auch an ihm: auch er fühlte sich im Grunde gezwungen, auf die bestehenden Vor­urteile Rücksicht zu nehmen, von denen seine politische Existenz abhing; auch er mußte, wenn er in seinem Amte bleiben wollte, unpopuläre Dinge oft verschwei­gen oder unterlassen. Auch er mußte, selbst wenn in seinem Gehirne das ewige Licht des Wahrheitsgottes bereits aufaedämmert war, in der Öffentlichkeit dennoch bem Erfolgsgötzen Opfer bringen, ohne dessen Beistand cr selbst das beschränkte Maß vernünftiger Einwir­kung nicht entfalten konnte, zu dem er sich befähigt und berufen glaubte.

« Co waren also auch die Taten und Äußerungen eines relativ praktischen und leidenschaftslosen Regie­renden wie Loucheur von den Illusionen seiner Parla­mentarier und Publizisten angekränkelt. Was nament­lich sein Verhältnis zu Deutschland anbelangte, so waren trotz gelegentlicher achtenswerter Verständi­gungsversuche doch immer wieder Rückfälle in jene Methoden und Ausdrucksformen zu verzeichnen, ohne bie in Frankreichs heutiger Deputiertenkammer ein Ministerium einfach nicht zu existieren vermag. Aber « kam der Tag, an dem aus dem Negierer Loucheur ein Nichtmehrregierer wurde, und dieser Tag hat ihm offenbar ein weiteres Teil jenes Schuttes von Taktik und Rücksichtnahmen hinweggeräumt, unter dem er seine besseren Erkenntnisse monate- und jahrelang ver- 'ergen mußte Jetzt hat er zum ersten Male seit inem Sturze öffentlich wieder das Wort ergriffen, ud was er diesmal sagte, war derart, daß auch wir Deutschen es fast vollinhaltlich unterschreiben können.

Er sprach vom Reparationsproblem und der allge­meinen Wirtschaftskrise. Er sagte, im Gegensatz zu vielen seiner Parlamentsgenossen, die eine Stärkung der deutschen Reparationsfähigkeit einfach davon er­warten daß Deutschland seinen Eigenverbrauch herab- lche, diese Methode verminderten Konsums müsse, wie 2 Millionen englischer Arbeitsloser beweisen, nur ... neuen Störungen der Weltwirtschaftsbeziehungen ^hren. Er erklärte, das einzigste Mittel, Deutschland Wungssähig zu machen, bestehe darin, daß man ihm ^legenheit gebe, seine Produktion zu erhöhen und, allem, dieser vermehrten Produktion auch Absatz ^ schaffen. Er meinte auch, es sei vielleicht überhaupt ^ Platze, die Reparationslasten erheblich abzumil- X und zwar aus dem Wege, daß man die gesamte -ernationale Weltschuldenlast als Gesamtheit be­achte. daß Frankreich Reparationsansprüche an Xhchland aufgebe, England dafür Anleiheansprüche Frankreich streiche und Amerika endlich in eben !>st!ben Betrag die Verpflichtungen Englands aus ^egskrediten reduziere. Die Amerikaner seien es, - einer solchen Regulierung noch Widerstand leiste- u, und er müsse darum sagen: so sehr man den Ame- ern dafür dankbar sein müsse, daß sie den Sieg erstritten hätten, so wenig könne er ihnen dafür kvar s»in. daß sie diesen Weg zum wahren Frieden witschreiten wollten Dies alles sind Wendun- die aus dem Munde eines französischen Parla- roriers in dieser Klarheit fast sensationell wirken, and Erkenntnisse, die den Nichtmehrregierenden .eur bereits viel weiter vorgeschritten zeigen als Regierenden Loucheur und als den Regierenden c **£, der ihm folgte.

Der Nichtregierer Loucheur sprach in Lyon vor einer Versammlung von Nichtregierern. Vor einer Ver­sammlung von Kaufleuten, Industriellen und Land­wirten, deren Gedankenkreis mehr von den vernünfti­gen Sorgen ihrer eigenen Wirtschaft als von den poli- tffchen Fanatismen ihrer derzeitigen parlamentarischen Vertreter erfüllt sind. Der Beifall, den Loucheur fand, scheint ein neuer Beweis dafür, daß zwischen den Ideen auch dieser Art von Nichtregierenden in Frankreich und ihrer regierenden Führer keine volle Harmonie mehr besteht. Das Kabinett Poincarö wird gestützt von den Kammern und der Presse, aber ob es den Willen der Regierten heute noch repräsentiert, ist mehr als zwei­felhaft. Ein Appell an das Volk, an die Gesamtheit der Nichtregierenden, würde vielleicht eine neue Schicht von Regierenden ans Ruder bringen, und viel­leicht würde man auch von dieser sagen können, es sei fast unglaublich, wie sie sich gegen früher verändert hat!

i *

Für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas.

w. T.-B. London. 22. Febr Gestern fand unter dem Vorsitz von Lord Inverford eine Zusammenkunft des Organisationsausschusses der Nationalen Vereinigung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Eurovas siatt. um die Grundlagen zu erörtern, auf denen die natio­nalen und die internationalen Vereinigungen für die Ver- befierung der wirtschaftlichen Behältnisse in Europa tätig fern sollen. Die gestrige Zusammenkunft ist die erste einer Reibe von Zusammenkünften, die in den nächsten zwei ob- drei Tagen stattftnden sollen. Es nabmen daran teil Ver­treter Großbritanniens (Lord Inverford und Iobn Fer- gusson). Frankreichs. Italiens. Belgiens und Japans. Die Verhandlungen find nicht öffentlich. Lord Inverford gab der Ansicht Ausdruck, daß der Ausschuß erst nach Be­endigung seiner Arbeiten eine Mitteilung zur Veröffent­lichung ausgeben könne.

Zusammenfassung der europäischen Eisenindustrie?

Br. Berlin. 22. Febr. «kig. Draütberickt.) Die Woss. Zta.' meldet aus Breslau: Führer der oberfchlesiicken Mirsschaftskresse ttogen sich mit dem Gedanken, die deutsch« Eiienwirtfckaft und die eurooäische Eisenwtrt- sch a f t in einer besonderen Meis« »u einem einbeitlicken Jnteressenköiper »issammensusasseu Es fei daran gedacht, die oberfchlesilche Eisenindustrie mit der Eisenindustrie des Svargebietes und mit Teilen der westdeutschen Essenwirt- sckaft zu einem großen Wirtichaftskörver zu- sammevzufassen und diesen dann einem zu schaffenden inter­nationalen Ei'enknnzern amugliedern. Die Vläne hätten bereits greifbare Gestalt angenommen. Mit ausländischen Jnteressenvertretern hätten bereits Besprechungen statt- gesunden.

Das Mitteleuropa- und Rußland-Konsortium.

v. London. 22. Febr. (Erg. Drabtbertckt.) Der gestrigen ersten Sitzung des Gründungskomitees des sogenannten Mitteleuropa-' und Rußlandkonsortiums baden di« deutschen Vertreter neck nickt veioewahnt. Es stebt aber ziemlich fest daß zumindestens Herr Melchior und Staats­sekretär a. D. Bergmann in den Ausschuß ernannt wor­den sind. Festzuhalten ist. daß das Konsortium kein Regie- rungskomitee. sondern ein v r i v a t w i r t s ch a s t l i ck e s llnrernehmen ist. daß also auch die deutschen Vertreter nur als privat« Geschäftsleute. Melchior als Vertreter des Haukes Marburg. Bergmann als Vertreter der deutschen Banken und Geh. Rat Kemvtner als Vertreter der In­dustrie teilnebmen werden.

Sachlieferungen und Industrie.

Br. Berlin. 22. Febr (Eig. Drahtberickt l Die ..Deutsche Allgemeine Zeitung" bringt eine Zuschrift zu den . Sachlieferungen im freien Verkehr . B e l g t « n batte durch Bemelmans angeregt den Ersatzbedarf im ire,en Ver­kehr einzudecken. Die Regelung der Bezahlung soll dann Sacke des Deutschen Reiches sein. Unter diesen Umständen sei es verständlich, daß das Wiederaufbaumin isie- rium bei der zunächst interessierten Seite, bei der In­dustrie. wenig Eegen-liebe findet. Die Bedenken der Industrie seien begreiflich. Die. bekannten Ersatzforde­rungen an Eisenbadnmaterial der südslawischen und rumä­nischen Regierung würden die gesamte deutsche Waggon- und Lokomotivindustrie auf mehrere Jahre voll beschäftigen. Der gesamte deutsche Außenhandel würde dann ausschließlich aus das Revarationskonto gefübrt werden, wobei der Fabrikant in Devisen lediglich die notwendigen Rohstoffe bezahlt erhielte.

Die Regelung der Kriegsschiide« in Frankreich.

W. T.-B. Baris, 22. Febr. In der gestrigen Sitzung des Finanzausschusses der Kammer bat stch Finanzminsster de Lasten rie über die flüssigen Mittel ausaeivrochen. über die die Regierung verfüge, um die Regelung der Kriegsschäden vorzuneümen. Im Falle die deutsche Schuld nicht mobilisiert werden könne, sei di« Emission innerer Anleihen vorgesehen, um die Kosten für den Wiederaufbau zu decken. Im nächsten Jahre brauche man n e u n M i l l i a r- d e n. und es sei nicht möglich, obne zu Anleihen seine Zu­flucht zu nehmen, diesen Forderungen Genüge zu leisten, es fei denn, daß stch der Gedanke eirrer internationalen Anleihe verwirkliche.

Die Reparationsbeträge decken nicht dte Kosten für das englische Besatzungsheer.

Jahres erhalten soll, wahrscheinlich nicht ausreichen wür­den. um die Kosten des britischen Besatzungs- Heeres zu decken. Darum würden diese vorläufig am Revarationsrechnuna eingetragen werden.

Berliner Eindrücke französischer Deputierter.

v. Baris. 22. Febr. (Eig.. DraLtbericht.1,

.. . Der Depu­tierte deLaünay wie auch fei» Kollese. de Caii*snac hoben Pressevertretern gegenüber ihre Eindrücke über ihre Berliner Resse mitseteilt. Der elftere erklartt dem Ver­treter desMatin", der Zweck der Reife sei der gewesen, gewisse Nachrichten über die Reichswehr und über die Organisation der Sipo zu kontrollieren und sich namentlich eine möglichst genaue Meinung über die Mentalität der verschiedenen varlamentarischen Gruvven in. Deussauaiid zu Wir sind bei unterer Ankunft mit vollkommener

bilden. .. .

Höflichkeit ausgenommen worden'

sagte de Launay..a>m

auch angehöreu. die gleichen Ziele verfolgen. Es war des­halb ein großer Fehler, die Deutschen in bezug auf die aus­wärtige Politik verschieden elNLlssckätzen. Selbst die an/ fercrurittlicksten gesinnt sein Wollenden wollen aus der Niederlage einen möglichst großen Nutzen ziehen. Wenn man sich z. B. über die berühmte Sioo unterhält., so sagen die Vertreter der Rechtsparteien, diese Organisation diene zur Bekämpfung der bolickewikisschen Treibereien.. Spricht man

mit Leuten der Linken, io versichern sie. di« Swo ist dazu da. die eventuellen Treibereien der Reichswehr zu verhindern. Allgemein genommen gebt aus unserer Reise.hervor, daß

es wirklich nicht der Fall ist. daß Deutschland für uns eine unmittelbare Gefahr bedeutet doch müssen wir davon über­zeugt iein. daß alle Deutschen sehr wcckl darin einig und. daß ihrem Lande die AktivnsmöLlickikeiten für ore Zukunft erhalten werden müßten, namentlich für den Fall, daß die Entente ihre ^Überwachung lockern sollte. Dies dürfen wir

Einem Vertreter des ..Petit Bleu" erklärte derselbe Tevutierte de Launay: Ich habe in Berlin nichts gesehen, was mich von der Armut Deutschlands überzeugen konnte, In den verschiedenen Gesellschaftsklassen kann man wie.bei uns das Vorhandensein entsprechender Eristenzmittel fest- stellen. In der Straßenbahn, auf der Straße, m den Cafes, in den Vorstädten, überall kann man sich davon überzeugen, und oie Nachtlokale geben nicht leer aus. Man feiert darrn geradezu Orgien. In einem sind uns dre Deutschen über, nämlich in der Drovasanda.

über die Erklärungen de Easiagnacs imPetit Journal sei folgendes gesagt: Was den Deutschen lästig Mt. das ist die Besetzung von Düsseldorf. Duisburg und Rutrort und dte Truvvenstärk« der Garnisonen tm besetzten Gebiet. Man bat uns gesagt:Ziebt eure Truvven zurück!" W'r haben geantwortet:Gebt uns zuerst sicher« Garantien der Abrüstung, d. h.: Haltet euch in den strikten Grenzen des Versailler Vertrages kür di« Reichswehr und di« Schutz­polizei Wir zweifeln nickt an eurem guten Willen, aber 1914 habt ihr geglaubt, das Proletariat werde den Krieg verhindern. Dem ist aber nickt so. und beute bedürfen wir bestimmter und sicherer Garantien." Der Abgeordnete fügt hinzu: Die gegenwärtiae Überwachung des Materials und der Abrüstung kann einfach nicht ewig dauern und eines Tages weiden die beiden Länder sich wieder offen einander gegenüberstehen. Darum miiß man die beiden Meinungen llarsttllen. die in beiden Ländern Glauben finden: In Deutschland herrscht di« Meinung. Frankreich betreibe den Imperialismus und wolle Deutschland ruinieren, und in Frankreich herrscht die Meinung. Deussckland bereite eine Revanche vor. Das sind zwei Probleme, die man gründlich und öffentlich obne Rücksicht auf alle Verhandlungen der Regierungen erschöpfen muß. Bor allem muß die französische

! gegenwärtige die zu erhosfeu

_ _ .... _. .... n Besprechungen

zwischen Vertretern der Presse einerseits und der Parla­mente andererseits sind von großem Nutzen. Man bat uns in Berlin gelegt:Wir haben euch ungeduldig erwartet. Es ist an den Siegern, zu den Besiegten »u kommen." Dem kann nickt widerisrochen werden. Man muß die Unter­redungen dieser Art fortietzen und ausdebnen. Mein Kollege de Launay und ich sind in diesem Punkte eint« und wir sind entschlossen, bald wieder nach Deutschland zu geben."

Völkerbund und Washingtoner Konferenz.

I). Paris, 22. Febr. (Eig. Drabtberickt.) V a l f o u r ist gestern in London in einem zweiten volitsschen Bankett gefeiert worden. Er hielt eine Rede, worin er u. a. sagte, es habe zwischen der Konferenz von Washington und dem Völkerbund weder faktisch noch ideell ein Konflikt bestanden. Der Völkerbund hätte außerdem nickt fertig bringen können, was di« Konferenz von Washington zustandegebrackt bat.

Das Pazrsic-Biermächteatzkommen vor dem amerikanischen Senat.

W.T.-B. London. 21. Febr. (Dvabtbericht.) Reuter meldet ans Washington: Präsident Harding hat dem Senat ans di« am 16. Februar angenommene Resolution, in der erstichi wird, unverzüglich Mitteilungen über die Verhandlungen, betr. das Pacific-Viermächte- abkommen. zu unterbreiten, geantwortet, es sei unmög­lich zu fordern. Informationen zu liefern, da über den größten Teil der Verhandlungen keine Protokolle geführt wurden. Der Präsident fügte hinzu, es sei unvererubar mit den öffentlichen Interessen, die vertraulichen Verhandlungen zwischen den Verttrtrrn der in Betracht kommenden Mächte zu veröffentlichen. Es eristiere jedoch keinerlei verbeun- licktes Übereinkommen.

Die Konferenz über die Berteilunz der deutschen Kaiel.

Um. Wasbington, 21. Febr. Die internationale Kon­ferenz. die sich mit den ehemals deutschen Kabeln im

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Atlantische» Ozean beschäftigen soll, wird am Domierstag zriiammentreten. Großbritannien, die Bereinigten Staaten. Frankreich Italien und Javan werden vertteten fein. Es bleibt noch die endgültige Zuteilung dreier Kabel fesizu-

siellen. von denen sich jetzt emes in Händen der Engländer und die beiden anderen in französischen Händen befinde». Die Konsc-rcuz wird auck di« Verteilung der deutschen Kabel

rai Stillen Ozean zu ratifizieren bade«.