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Montag, 20. Februar 1922.

Abend-Ausgabe.

Nr. 86, 70. Jahrgang.

Das tägliche Brot.

Wenn in der Vorkriegszeit durch die ersten Anfänge einer Besteuerung die Eenutzmittelt der Massen, Tabak und Bier, verteuert wurden, st» gab das für dieSozial- demokratie einen Agitationsstoff, wie sie ihn sich nicht besser und wirksamer wünschen konnte. Heute hat man langst aufgehört, sich über die maßlose Verteuerung der harmlosesten Eenüstmittel aufzuregen. Man ist jetzt froh, wenn nur die notdürftigste tägliche Nahrung, für den bedrängten Mittelstand, den verelendeten Kleinrentner,, den ungenügend bezahlten Angestellten und Beamten erschwinglich bleibt. Aber auch das ist keineswegs mehr gesichert. Für einen großen Teil unseres Volkes und nicht zuletzt für die Angehöri­gen der sogenannten gebildeten Stände ist heute mehr als der anspruchloseste Genuß, nämlich das täg­liche Brot ernstlich in Frage gestellt. Die jetzt vor­genommene Vrotpreiserhöhung stellt für alle diejeni­gen, deren Einkommen bisher gerade noch zur Bestrei­tung des notdürftigen Lebensunterhalts ausreichte, eine Belastung dar, für die keine Deckung vorhanden ist. Schon aber stellt sich heraus, daß auch diese Preis- sestsetzung des Brotes nicht haltbar ist. Eine neue Preiserhöhung steht vor der Tür. Man hat die Schuld Meder auf dis schlechte Valuta und den hohen Dollar­kurs geschoben. Aber gerade in den letzten Wochen hat die Marl eine gewisse Festigkeit des Kurses er­reicht. Zum Überfluß ist auch noch festgestellt worden, daß gegenwärtig bei einem Dollarkurs von 200 M. Auslandsmehl nicht unwesentlich billiger zu kaufen, wäre, als der Marktpreis des Jnlandsmehls beträgt, daraus darf man natürlich nicht folgern, daß die Frenze'für das ausländische Mehl geöffnet werden soll. Denn es steht fest, daß unsere inländischen Mohlvorräte 's zur nächsten Ernte für die Ernäherung unseres olkes ausreichen, und wir haben wahxhästig keine Eoldwerte übrig, mit denen wir die Mehleinfuhr be­fahlen könnten, sondern müssen schon mit Rücksicht auf die sinkende Mark unseren Einfuhrbedarf nach Mög­lichkeit beschränken. Aber wenn unsere Mehloorräte ausreichen und die Schuld auch nicht auf Mark und Dollar abgewälzt werden kann, woher kommt dann eigentlich der unerträglich hohe Brotpreis?

Dieselbe Frage muß auch in bezug auf die heutigen Kartoffelpreise gestellt werden. Wir haben unge­heure Kartoffelvorräte, aber die Hausfrau des Mittel- Landes bis weit hinauf in die Kreise des als gut- gestellt Geltenden kann heute kaum mehr Kartoffeln auf den Tisch bringen. Man entschuldigte es mit Ber­kehrsschwierigkeiten und dem Eisenbahnerstreik, als für ^as Pfund Kartoffeln in den Großstädten 3 M. gefor­dert^ wurden. Inzwischen ist der Streik vorbei, das Froftwettsr hat milderer Witterung Platz gemacht, aber die Händler fordern 200 oder gar 250 M. für den oMtner Kartoffeln. Verkehrsverteuerungen und alle tAderenLasten können solche unerhörten'Preisforderun- M nicht im entferntesten rechtfertigen. Wer ist also !Wlb an der Teuerung? Die Händler schicen die schuld auf die Landtvirte und die Landwirte auf den Vandcl. Es ist fruchtlos, sich in diesen Streit einzu- mengen und einseitig Partei zu nehmen. Aber der fdende Produzent muß wohl zu dem Schluß kommen, v vielleicht beide Teile nicht ganz schuldlos sind.

,-wie soll das alles aber enden? Brot und Kar- eln sind die notwendigsten Lebensbedürfnisse, und r heute nicht nur fiir die Masten der Bevölkerung, für jedermann, der nicht zu den wenigen "^Verdienern und glücklichen Spekulanten gehört. e Arbeiter werden sich, wenn es not tut, auf dem ge des Streiks einen angemessenen Ausgleich für maßlose Verteuerung des täglichen Brotes zu er- Len wissen. Wo aber bleiben die übrigen, min- ens ebenso notleidenden Devölkerungsschichten? Der chewirtschaftsrat hat an die Regierng eine Ent- estung gerichtet, worin diese um Maßnahmen er- ^.wird, durch die die Lohn-, Gehalts- und Renten- dsanger sowie die erwerbsunfähigen Kleinrentner oen Stand gesetzt werden sollen, die Folgen der -Preiserhöhung zu tragen. Aber es ist leichter, Ziehungen zu fassen, als sie zu verwirklichen, h r L Inctn selbst eine Erhöhung aller Löhne, Gehälter »e^Een durchsetzen und die Kleinrentner unter- Z '°unte, so wäre Noch immer nicht der gesamten -^rnug geholfen. Denn wo bleibt z. B. der große »er Angehörigen des Mittelstandes und der freien J e > der die Teuerung nicht auf die Warenpreise kann? Würde sie aber jedermann abwälzen, 'Mrde doch nur eine neue Teuerungswelle erzeugt , und die allgemeine Not nur immer noch größer Die Tätigkeit der Regierung muß also doch £ bei den Preisen einsetzen. Die gegenwärtige ^Ung des täglichen Brotes und der Kartoffeln ist

unerträglich.

Senator Dr. Petersen über Regierung und Reichstag.

Br. Magdeburg. 20. Febr. (Eis. DrabtberMb Der Vorsitzende der Deutschen demokratisch«« Parier. Senator Dr. P e t e r s e n, sprach brer vor einer zahlreich beiuckten Versammlung. In seinen politisch bemerkenswerten Aus- fubrungen erörterte er vor allem die Fragen der Regie- rungsbildung im Reich und der groben Koa­lition. Die Regierung der republikanischen Demokratie habe die gleiche Aufgabe wie die Regierung der konstitutio­nellen Monarchie: eine zielklare, einheitliche, feste und starke Politik zu führen. Dies lei aber nur möglich. wenn die Regierung von -einer' starken Persönlichkeit vertreten werde, die von einer groben Mehrheit Unterstützung finde., Er müsse deshalb die Bebauvtung aufstellen, dah die Politik der Mitte noch beute die einzig mögliche sei tue m Deutschland geführt werden könne. Dab der Reichskanzler Herrn Dr. Rathen au zum Minister des Ändern ernannte, ohne Handel mit den Fraktionen, bebt der Redner als einen ungeheuren Fortschritt im varlamentarisch-demotramwen System an. Er bezeichnete das Verhalten der Deutschen Valksvartei in dieser Angelegenheit als kleinlich, überbaust bedauerte er. dab die Deutsche Valksvartei und die Deutsche demokratische Partei, die beide auf liberalem Wirlickafts- boden und auf dem Baden der verfallungsmäninen Ent­wicklung der Dinge im Staate stehen, durch Kleinlichkeiten voneinander getrennt seien. Senator Dr. Petersen kam dann auf die Fräse der groben Koalition zu sprechenuns hob hervor, er lei immer für eine grobe Koalition der Mitte eingetreten nicht aus Sympathie zur Deutschen Volksvartei. sondern weil keine andere Möglichkeit, den Wiederambau berbeizufiihren. verbanden sei. (Segen die Heranziehung der Unabhängigen Sozialdemokraten in dir Koalition bade er nichts, wenn ne die gleiche Politik wie die Mebrbeits- fozialdemokraten vertrete, aber dem stände Leipzig ent­gegen. Die sachlichen Beratungen der Vorschläge für Cannes und das Cteuerkomvromih waren die inneren und auberen politischen Voraussetzungen für die grobe Koalition mit der Deutschen VoÜspartei. und es ist »u bedauern, dab he die Ernennung Dr. Rathenaus und den Eisenbabnerstretk be­nutzte. um dieses grobe Werk zum Schaden des knutschen Volkes zu zerstören. Dr. Petersen warnte dre Deutsche Volksvartei. diese Politik fortzusetzen, dann Wirtb ru sturzwi. hiebe Boincarö Waffen gegen Lloyd George zu geben., Es liege jetzt bei der Deutschen Volksvartei. durch veMandises. sachliches Verhalten bei der Veratimg der Steuerfragen zu beweisen, ob lle mit der Mitte oder gegen, ste arbeiten wolle. Der Redner bemühte es. dab der Rerckskauzler durch feine mutige Forderung nach einem Vertrauensvotum dre v o li­tis ch « L a a e a e ! I ä 1 1 habe. Senator Dr. Petersen schlob mit den Worten: Wenn wir beute den starken Mann wollen, so beibt das. nach dem Frieden von Ver­sailles einen Mann mit^SelbMeb .

Nerven. Denn Stärke

und Rübe bewahren im ~~~ --- -

erhört, unb für das alles zu tun kein Ovier. sondern dre schönste Pflichterfüllung ist.

Die sachlich gehaltenen Aiisfübrungen Dr. P-eterfens wurden mit stürmischem Beifall ausgenommen.

Eine Rede Stresemanns.

Br. Berlin. 20. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Auf dem ersten volksvarteilicken Wahlkreis-Parteitag des Kreises Teltow - Beeskow - Charlottenburg nahm am Sonntag der Abgeordnete Dr. St re f e m an n Stellung zu allen aktuellen Fragen. Die Politik des Reiches, so führte Dr. Stresemann aus. ist zurzeit beherrscht durch die Konferenz von Genua, die man mit teilweise groben Hoffnungen erwartet. Ich möchte davor warnen, diese Hon- nungen allzu sehr zu übertreiben und zu glauben, wir stun­den vor einer groben Entsvannmlg oder Genua sei eine Vorstufe zur Versühnung. Auch heute noch wird die Politik der Entente nur vom Imperialismus bestimmt. Tatsäch­lich geändert bat sich bisher nur die Einstellung der anglo- amerikanischen Welt zur Kriegsentschädigung. Wir dürfen jetzt nickt an Stelle des Londoner Zahlungsplans einen zweiten fetzen, der stch nach kurzer Zeit wieder als unmöglich erweisen wird. Dr. Strelemann ging dann zur, inner- volitischen Lage über und bemerkte, beim Eiien- babnerstreik habe die Regierung äuherst unglücklich operiert. Unser Mibtrauen im Reichstag, so fuhr Dr. Stresemann fort, zielte keineswegs auf eine Beseitigung Dr. Wirtbs ab. Es bezog kick zunächst nickt auf die Eeiamtvolitik. Nack der Vertrauensforderung des Kanzlers war eine Änderung des Votums aber natürlich nickt mebr möglich. Für uns haben diese Verbandlungen den Vorteil gebracht, dab man -insab. wir sind doch nicht die geduldigen offiziösen Schafe, denen man alles bieten kann, sondern, dab wir auch die Zähne zeigen können. Leitstern unseres Handelns wird es fein, bei fachlicher Mitarbeit die Oriilamme der nationalen Idee unfrickten zu lallen- ___ .

Falsche Börsengerüchte.

W. T.-B. Berlin, 18. Febr. Heute wurden Gerüchte verbreitet, daß Deutschland einen neuen Antrag auf Stundung der Reparationszahlun­gen gestellt habe. Die Gerüchte hatten an der Börse eine Aufwärtsbewegung der Devisen zur Folge. Wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, entbehren die Gerüchte jeder Grundlage. Die deutsche Regiernug bezahlte bisher regelmäßig alle 10 Tage die verlangten 31 Millionen Eoldnrark und wird dies auch weiter tun.

Lorliiusig keine weitere Erhöhung des Eisenbahn- Personentarises.

Br. Berlin. 20. Febr. (Eis. Drahtbericht.) Eine hiesige Korrespondenz verbreitet die Nachricht, dab »um 1. Mai d. I. wahrscheinlich mit einer weiteren Erhöhung der Personeu- tarife aus der Eisenbahn um 2 5 Prozent zu rechnen sei. W:e uns hierzu aus dem Reichsverkehrsminiiterium mitge- tcilt wird, ist vorläufig an eine Erhöhung der Personen­tarife n r ch t zu denken.

Tie Pariser Presse zu den deutsch­russischen Verhandlungen.

I). Paris, 20. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Die Pariser Blätter berichten nunmehr ihrerseits über die Besprechungen zwischen Vertretern der Sowjet­regierung und der deutschen Reichsregierung und knüpfen daran ähnliche Befürchtungen, wie sie in der deutschen Presse wegen der angeblichen russisch- französischen Verhandlungen geäußert worden sind. Es wird hier versichert, daß die bolschewikischen Agenten, die soeben-Berlin verlassen haben, um in Moskau Be- . richt zu erstatten und um neue Instruktionen einzu­holen, mit dem Reichskanzler D r. Wirth, mit dem Außenminister und dem Direktor der russischen Ab­teilung in der Wilhelmstraße, Baron v. Maltzahn, Besprechungen gehabt haben. Es werden u. a. die Namen K r a s s i n, Radek und Stemaniakoff genannt. Bon Krassin wird gesagt, es sei ihm gelungen, einen Vertragsentwurf mit zwei großen Banken für einen sehr großen Warenkredit zugunsten Rußlands abzuschließen. Auch mit der, Direktion der A. E. E. und mit den SiemeNs-Schuckert-Werken hät­ten Verhandlungen stattgefunden.

Diese Meldungen we^en darauf zurückzuführen sein, daß die Russen wie in Paris so auch in Berlin Verbindungen anzuknüpfen versuchen. Die Reaktion in der französischen wie auch in der englischen Presse zeigt aber, daß man, obwohl man selbstbewußt einen Kontakt mit den Rüssen ablehnt, im' Grunde genom­men doch zu gern den befreundeten oder nicht befreun­deten Nachbarn bezüglich der russischen Gunst den Rang ablaufhn möchte, weil keiner .den anderen auf dem russischen Markt zuvorkommen lassen will.

Die süddeutschen Hausbesitzer gegen das Mieterschutz- gesetz.

Br Stuttgart, 20. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Die süddeutschen Hausbesitzervereine nahmen am Sonntag in einer großen Massenversammlung in Stuttgart Stellung gegen die Zwangswirtschaft im Wohnungswesen, gegen das neue Mieterschutzgesetz, das Reichsmietengesetz und die Wohnungsabgabe. Ver­kneten waren 313 Hausbesitzervereine mit 117 505 Mit­gliedern. Die Versammlung beschloß die Absendung eines Telegramms an die Zentrumsfraktion des Reichstags, in dem angefragt wird, ob diese ihre Stellung zum Reichsmietengesetz aufrechterhalte. Wei­ter nahm die Versammlung eine Entschließung an, in der gegen die durch ein "Kompromiß zwischen Zentrum, Mehrheitssozialdemokratie und Unabhängigen in der zweiten Lesung des Reichstags herbeigeführten Fassung des Reichsmietengesetzes, die eine völlig unannehm­bare Regelung fiir den Haus- und Grundbesitz lebens­wichtigen Frage darstelle, protestiert wird, weil in diesem Ausnahmegesetz schlimmster Art eine ver­st e ck t e Sozialisierung zu erblicken sei. Da der Reichstag dieses Gesetz als verfassungsändernd erklärt habe, begehe er mit seiner Annahme einen Ver­fass u n g s b r u ch.

Der 2. Reichslandbundtag.

W. T.-B. Hannover, 20. Febr. Im Kuvveliaal der diesigen Stadtballe versammelten sich die Landwirte aus dem ganzen Deutschen Reich zur Abbaltuna des 2. Reichslandbundiages. Der Vorlltzende des Reicksland- bundtages. Abg. R e v v. bemühte die Anwesenden und gab seiner besonderen Freude über die Teilnabme der deutsch- österreichischen Brüder an dem Landbundtag Ausdruck. Er erklärte, nur der nationale Machtgedanke könne das Volk aus der Not berausfübren. Generalfeldmarickall Sin- d e n b u r g. der zu den Gästen aebörte. wurde bei seinem Erscheinen stürmisch bearüht und gebeten, die Ebrenmitglied- schaft anzunebmen. Darauf fübrte der Vorsitzende des Bundes der Landwirte. R o e f i ck e. aus. nur die Selbst- l, i I f e könne uns netten. Die Urproduktion mülle geför­dert. die Selbsternäbrung des Volkes erreicht werden, und die Landwirtschaft könne dies leisten. Man mülle zur Friedensvroduktion und womöglich zu einem Mebr- erlrag von 25 Prozent kommen. Dazu mühte die Landwirt­schaft die Mittel in der Planwirtschaft in völliger Selbst- vuwaltuns aufbrincen. In der einstimmig angenommenen Resolution beibt es denn auch, dah der Reichslandbuno die Durchsübrung der freien Landwirtschaft im neuen Erntejäbr fordere. Bestände die Negierung aber auf der Fortsetzung der Reichsgetreide-Aktrenaeselllchakt. so sei die Landwirtschaft fest entschlollen. ibr iede Lieferung zu versagen. Eine andere einstimmig angenommene Resolution wendet sich gegen die Zwangsanleibe von einer Milliarde Mark und verlangt unbedingt gerechte Be­steuerung. %

Eine deutsch-französische Kontroverse über die Schuldfrage.

0. Baris. 20. Febr. (Eig. Drabtbericht.) Der Sar- l-onne-Proiellor Aülard antwortet im ..Temvs^auf die Aufforderung Delbrücks, die Schuldfrage in Köln unter dem Vorsitz eines Gelebrten öffentlich zu erörtern, mjt der Erklärung, dah diese öffentliche Erörterung sich in den Zeitungen absvielen könne. Delbrück möge keine Auf­füllung darlegrn und er Aulard. werde ieben. ob auf diese Darlegungen einzugeben sei.