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Mittwoch, 15. Februar 1922.
N Streif gegen Dos Deutfdje Soll.
. Ministerpräsident a. D. Stegerwald veröffentlicht in der „Köln. Volksztg." einen Aufsatz über den Lisenbahnerstreik. Wir entnehmen daraus die folgenden Ausführungen:
Es ist glücklicherweise im deutschen Eewerkschasts- leben bis jetzt noch nie vorgekommen, daß ein Streik in lebensnotwendigen Betrieben so frivol vom Zaun gebrochen wurde, wie in diesem Falle. In der Führung der Gewerkschaften steckt viel Agitationobedürsnis, ider die Organisationsleiter galten doch seither als Männer, denen man auch einen Blick für größere wirtschaftliche Zusammenhänge zutraut und von denen man das Bewußtsein ihrer vollen Verantwortung erwarten durfte. Diesen Voraussetzungen hat die Reichsgewerkschaft nicht genügt. Ohne sich mit den anderen Organisationen der Eisenbahner und mit den Spitzen- organisationen irgendwie ins Benehmen zu setzen, hat sie rücksichtslos zum Streik der Eisenbahner aufge- illfen, der dann im wesentlichen zu einem Lokomotiv- führerstreik sich gestaltete. Durch diesen Mangel an Anlehnungsbedürfnis war die Bewegung von vornherein zum Scheitern verurteilt. Immerhin brachte der plötzliche Ausfall von nahezu 60 000 Lokomotivführern das deutsche Wirtschaftsleben mehrere Tage lang beinahe vollkommen zum Erliegen. Die am meisten Leidtragenden waren die Arbeitnehmerschichten. Wenn es sich dabei lediglich um einen Wirtschaftskampf im inneren Deutschlands gehandelt hätte, so brauchte man die Sache nicht als so schlimm anzusehen. Allein die außenpolitische Lage des Reichs erfordert in diesen Wochen eine so sorgfältige Behandlung, daß gewaltsame Störungen vom größten Übel sind. Eine Regie- lung, die nicht in der Lage ist, ihre Autorität im znnern durchzusetzen, besitzt nach außen hin keine Ber- Mdlungsfähigkeit und wäre bei der bevorstehenden Konferenz in Genua zu einer kläglichen Rolle verurteilt gewesen. Ein Staatswesen läßt sich ^ohne Autorität der öffentlichen Gewalten nun einmal nicht regieren M ist dem sicheren Zerfall ausgesetzt, wenn es ihm Acht gelingt, an die Stelle der Gewalt das Recht und die Vernunft zu setzen. Glücklicherweise hat es in den -ireisen der Eisenbahner nicht an starken Richtungen Mle.nt, welche für die Dinge einen schärferen Blick ron Anfang an batten und sich nicht in das Schlepptau Matorischer und demagogischer Beweggründe nehmen s'etzen. Schwankend war zwar, wie in solchen Fällen der sozialdemokratische Eisenbahnerverband, Mt e s nicht über sich brachte, eine klare Parole heraus- Mrmgen, sondern durch Empfehlung des Gewehr- ^-uipstandpunktes zunächst dem Streik eine indirekte. * enn auch ungewollte Hilfe leistete.
Um so unzweideutiger war die Haltung der christ- A nationalen Eisenbahner, welche verlangten, daß « Verkehr unter allen Umständen aufrechterhalten muffe, und welche kurze Zeit nach Ausbruch des 31 die Genugtuung hatten, daß ihre Haltung von ^"'^iw'M.mscitionen einschließlich der sozia- Wen Richtung gebilligt und mitgemacht wurde. Die Ech eingetretene Isolierung der Reichsgewerk- M und die Kennzeichnung ihres Vorgehens als n-ckll nur ungewerkschaftlichen, sondern gewissen- ittifr,;;.!!?" verbrecherischen, hätte die Streikleitung ver- w 7 n muffen, ihr Unrecht einzuseben und den gegen s JJ, a ^ c Volk und gegen den Bestand des Reiches Streik abzicblasen. Allein man brachte im k-be^n ^uß diesen Mut nicht auf und ließ es ge- n 0m Duften Streiktage ab sich Kommu- btc Leitung herein drängten und sich der Be- noben ^" bemächtigen suchten. Es gelang ihnen, 'SM» ^c.?'f^bahnerstr^ik den Streik der Berliner iUinn n Arbeiter zu inszenieren und einer Viertel- 3BofW?' t0 r bt "^hrere Tage Licht. Kraft. Gas und T r sperren,
r r bie Reichsregierung und den Reichstag ist unter die Frage des Verbots von Be- brennend geworden. Die Verordnung des t tcn ’ melche geaenüber einer einheitlichen l >,"^uoroewegnng undenkbar gewesen wäre, hat ' bereits weitgehend präfudiziert. Auch wird -ttia " i? in - "b die Eisenbahnverwaltung künftig ^ ^ewecningen gegenüber nicht mebr gewavp- ,m n muß, als sie es im vorliegenden Falle gewesen
^uden, der durch den Streik der deutschen & ^ erwachsen ist, ist unermeßlich. Allein
-unabmeausfall bei der Eisenbahn und den an oromotin-n und sonstigen Betriebseinrichtungen ia^en Schaden wird man auf rund anderthalb , roen Mark beziffern müssen-. Der durch das "'ber Eisenbahn weggefallene volkswirtschaftliche «t, insbesondere die Schädigung der Industrie
Abend-Ausgabe.
läßt sich in Ziffern augenblicklich noch nicht darstellen. « . 0 * das Verkehrteste, was man sich denken kann, vom Reich Leistungen zu verlangen, es aber gleichzeitig l^ffungsunfähig zu machen. Den angerichteten außenpolitischen Schaden werden wir auf der Konferenz in Genua zu spüren bekommen.
. Man kann für die Not der Eisenbahner volles Verständnis haben und ihnen für die Besserung ihrer Lage alles Gute wünschen — wir tun das von Herzen — und trotzdem muß man die Vorgänge der letzten Tage auf das allerschärfste verurteilen und ablehnen. Leute, die sich kein Gewissen daraus machen, ein ganzes Volk an den Abgrund zu führen, haben keinen An- svruch darauf, in der Gewerkschaftsbewegung noch als Führer anerkannt zu werden! 5
Eine Entscheidung in der Reparationsfrage.
Si.Ar“ 511 "\ in - ^'ie nevaranonskommlmon !oue. rote Frankreich es verlangt habe, damit beauftragt worden ft'u- den Bei rag bet b eu ticken Zahlungen für das J-cbr ,92- Mzuienen. Alsdann wurden die alliierten Finanzw'n'ster in London eine Zusammenkunft baben. um. aematz cm cm br'yscken Vorschlag sich über die Verteilung der deutschen Zahlungen ,u einigen.
Die Berliner Reise des Vertreters der Reparationskommission.
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fcmmeUton sagt gestern abend der ..Temvs" in einer kurzen Besprechung von Berliner Nachrichten, die Mission Bemel- ncons bestehe darin, von der deutschen Regierung aewiste Erleichterungen zu erlangen, die mit den Sachleistungen zusammenbängen.
Rollets Besuch Lei Rathenau.
Sb. Berlin, 14. Febr. über den jüngsten Besuch des Generals Rollet bei Rathenau teilt eine Korreioon- dcr.zmeldung mit dah sick die Unterredung ganz allgemein ff den Stand der Abricstung drehte. Rollet hatte den Wunsch, die Auffassung des neuen Ministers des Äußern uher die Durchfubruna der Entwaffnuag kennen zu lernen. Entgegen Pariser Blattermeldungen, oie von einer neuen Entrcaffnungsnete berichten, wild mitgeteilt, daß neue Ent- waffnungsforderungen nicht gestellt werden.
Die deutschen Schifssbauten für die Alliierten.
- „W.T.-B.fkrfto. 15. Febr. 3m § 5 der Anlage 3 zu Teil 8 des Veriailler Vertrages ist bestimmt, daß die Reva- rationskommiiston binnen zwei Jahren nach Inkrafttreten des Vertrages der deuychen Regierung die Höhe des aufzu- Menden Schiffsraumes Mitteilen wird. Vor einigen Tagen ist nun eine Abordnung der Revarationskommisston rn Berlin emgetr.offen. um mit der deutschen Regierung über i" elhei tert der für die Alliierten zu bauenden Schiffe zu verhandeln. “ v ~ "
Zeitung bat die 7 Tonnen (Brutto) gebaut werden sollten.
Ein Wechsel im englischen Rheinlandkommando.
v. London. 15. Febr. (Eig. Drabtberickt.) Zum Kom- mai^eur der en^rschen Truvven im Rbeinland wird an Stelle von Srr M 0 r l a n d der Sekretär des Kriegsamts Sn G 0 d I e v ernannt.
Die englischen Truppen am Rhein und in Oberschlesten.
W T.-B. öonbon, 15. Febr. Im llnterbaus fragte Sir Sarrn Drittaln nach der Zabl der britischen Truvven. die augenblicklich am Rhein bezw. in Oberschlesien ständen. Der englffch«! Kricgsmlnister gab an. daß^am Rbein 4700 und m Oberschlesten 4800 Mann stehen. Alle diese Truvrcn wurden, zurückgezogen werden, sobald Ihre Aufgabe be- endet »ei.
Die deutsch-polnischen Verhandlungen.
k v. W t T ; B Frns. 15. Febr. Die. deutsch-volnische Konferenz bat gestern nachmittag offiziell ihren Anfang genommen. , Präsident E a l 0 n d e r eröffnete di« erste Voll- sttzung m't einer feierlichen Ansvrache an die beiderseitigen bevollmächtigten und sorack die feste Hoffnung aus. daß der -Seist der Versöhnlichkeit, von dem die beiden Avordnungen bereits rn den voraufgegangenen Verband- lungen, Boweise abgelegt batten, die Konferenz zu einem detrievigenden Ergebnis fuhren werde, wie es den Interessen beider,vertretenen Rationen entspreche. Die Vevoll-
mächtigten Deutschlands und Polens dankten dem Präst- denten für die bisberige Leitung der Konferenz und hoben ebenfalls den versöhnlichen Geist hervor, mit dem ste in die ^chlußverhandlnnqen einträten. Hierauf wurde auf Antraa Ealeuders di« A r b e i t s w e i i e der Vollkonferenz festae- legt, die bekanntlich den endaültiaen Tert des deutfch-voln,- smen Abkommens in Ausführung des Bescklustes vom 20 Oktober auftustellen hat. Das Revistonskomite« wird den Tert vorbereiten, nackdem ihm zunächst die wesentlichen Ergebnisse der zehn Unterkommissionen vorgelegt fein weiden.
Die Hungerkatastrophe in Rußland.
W. T.-B. Moskam 14. Febr. Im Derbatschewer Kreis (Gouvernement Saratow) ist die Hungerkatastrovbe besonders grob. Alle Vorräte. Strohdächer. Hunde. Katzen und Ratten sind längst ausgezehrt. Es mehren sich Raub und Mord. Mar stiehlt Kinder und schlachtet ste. Nachts werden die Leichen Verstorbener ausgegraben, um als Nahrung ru dienen.
Nr. 78. * 70. Jahrgang.
Eine Mehrheit für das Kabinett Wirth gesichert.
Es ist natürlich, daß die Frage des Ausganges der heute, Mittwoch, im Reichstag stattfindenden Abstimmung über die Vertrauensfrage für das Kabinett Wirth die politische Welt in Atem hält. Auch wenn es zurzeit als sicher erscheint, daß die Regierung ein Vertrauensvotum erhält, ist es dennoch notwendig, noch ein Wort über die Lage zu sagen, die nach der Abstimmung bestehen wird. Es kann keinem Zweifel unter- uegen, daß die Erschütterung einer Regierung ihre Nachwirkungen haben muß. Für die deutsche Regierung, die jetzt vor Genua steht und dort vorangehen soll in großzügigen Vorschlägen für den europäischen Wiederaufbau, bedeutet die willkürlich heraufbeschworene Krise in jedem Falle eine Schmälerung ihrer Position, auch wenn sie heute ein Vertrauensvotum erhalten wird. Dann aber muß man weiterhin jagen, daß die Art, wie diesmal operiert wurde, uns in weiten Kreisen gerade derjenigen Ausländer enorm schadet, die Deutschland wohl wollen. Indem man zunächst von seiten der Dolkspartei mit so großer Schärfe gegen Wirth vorstieß, rief man die lebhaften Einwirkungen der Mehrheitssozialisten auf die Unabhängigen hervor. Damit wurde stimmungsgemäß das Kabinett, dem ja die Mehrbeitssozialisten angehören, nach links gedrängt. Eine Wirkung, die doch unmöglich im wotzl- verstandenen Interesse der Bürgerschichten liegen kann, die ihre politische Vertretung in der Deutschen Volkspartei erblicken. Es ist leider eine betrübende Tatsache, daß in Deutschland der Sinn dafür fehlt, daß man seinem eigenen Lande schadet, wenn man der Außenpolitik der eigenen Regierung Schwierigkeiten bereitet. Man blicke nur nach England: einmütig steht dort, so weit es sich um die äußere Politik handelt, auch die Opposition hinter Lloyd George. Und selbst in Frankreich, wo jetzt Herr Poincars von seinem Gegner in den Sattel gesetzt wurde, hütet man sich doch, seine außenpolitischen Schritte zu durchkreuzen Man wartet ab, ob er Erfolg haben wird. In der Tat sollten unsere Oppositionsparteien von der nationalen Disziplin der anderen Länder noch einiges lernen!
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Br. Berlin, 15. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Wie es in den Berichten der Berliner Morgenblätter heißt, kann das Ergebnis der gestrigen Besprechungen der Reichstagssraktionen dahin zusammengefaßt werden daß die Bemühungen um die Herstellung einer großen Koalition gescheitert find. Der „Zeit" zufolge war die Reichstagsfraktion der Deutschen Volks- partei nach kurzer Beratung zu dem Ergebnis ge- kommen, daß vorläufig für die Deutsche Volkspartei noch keine Möglichkeit bestehe, zu den Fragen Stellung zu nehmen, dre in den interfraktionellen Besprechungen aufgeworfen worden seien (Eintritt der Deutschen Volkspartei in die Regierungskoalition). Sie war der Ansicht, daß es zunächst Sache der sozialdemokratischen Partei sein werde, sich über die Frage der großen Koalition zu entscheiden.
Die sozialdemokratische Reichstags- sraktion hat gestern folgenden Beschluß gefaßt:
1 Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion wird bei der morgigen Abstimmung alle ihre Stimmen für die vom Reichskanzler angenommene Erklärung ab- geben;
2, fie ist nicht in der Lage, zu dem Zwecke, das Ergebnis dieser Abstimmung zu beeinflussen, irgendwelche Zusage bezüglich ihrer Beteiligung an der 'sogenannten großen Koalition zu machen.
,r «Freiheit" zirfolge hat die Fraktion der v- *!• P-D. beschlossen, gegen den Antrag zu stimmen, der besagt: „Der Reichstag billigt die Erklärungen der Regierung." Sollte dem Reichstag von den Regierungsparteien ein anderer Antrag vorgelegt werden dann werde die Fraktion der ll. S. P. D. erneut Stellung nehmen, und es werde dabei für die Entscheidung von Bedeutung sein, ob Garantien und Sicherungen gegen Maßregelungen der Be- amtenundArbeiteraus Anlaß des Eisenbahnerstreiks gegeben würden, um es den Unabbängigen zu ermöglichen, für ein Vertrauensvotum zu stimmen oder sich wenigstens der Stimme zu enthalten
Um eine ausreichende Mebrbeit für die Regierung Wirtb zu ermöglichen, wird innerhalb der Regierung^ Parteien erwogen, den Vertrauensantrag so a b zu ändern, daß e-c sich nicht lediglich auf die Re. aierungserklarung über den Eisenbahnerstreik bezieht, sondern auf die gesamte, insbesondere auf die äu ß e r e Politi k der Negierung, die auch von den Unabhängigen gebilligt wird. Ein • solches Vertrauensvotum würde folgendermaßen lauten:
Der Reichstag spricht der Regierung Wirth das
