Nr. 70.
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Samstag, 11. Februar 1922.
Morgen-Ausgabe.
Nr 71. » 70. Jahrgang.
Die Washingtoner Konferenz.
Die Washingtoner Konferenz ist nach dreimonatiger Dauer zu Ende gegangen. Wenn man ihre Er-
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«bnisse richtig würdigen will, muh man sich vor Augen halten, dah der Konferenz allenthalben mit einer Skepsis entgegensehen wurde, die nach den wiederholten bitteren Enttäuschungen seit dem Kriege nur zu leicht zu begreifen war. Man hatte nicht allzuviel Hoffnung, dah sich die zwischen den grohen Mächten bestehenden Gegensätze überbrücken lasten würden. Man nahm insbesondere an, dah Amerika und Japan, die beiden Mächte, zwischen denen die schwierigsten Fragen zu bereinigen waren, sehr heftig aneinander geraten würden, sodatz die Konferenz möglicherweise ergebnislos verlaufen und statt mit einer Beseitigung der politischen Gefahren mit einer drohenden Verschärfung enden würde. Man zweifelte auch nicht zaran, dah Frankreich nicht mitmachen würde. Seine Rechnung, die daraus eingestellt war, die' Gegensätze, sie zwischen den anderen Mächten bestanden, zu vertiefen und für sich auszunutzen, ist falsch gewesen. Die Zimgung zwischen England und Amerika kam schnell und leicht zustande; die Versöhnung der zwischen Amerika und Japan bestehenden Gegensätze war naturgemäß schwieriger, abe): ste gelang. Statt besten hat sich ein Gegensatz aufgetan, der so schnell nicht wieder verschwinden wird: der Gegensatz zwischen Frankreich und den angelsächsischen Mächten. Die Meinungsverschiedenheiten mit England in vielen Fragen der euro- väischen Politik waren seit langem sichtbar. Mit der Lusrollunq der Abrüstungsfrage wurden ste aber noch größer, da Frankreich nicht nur dem Gedanken der Abrüstung im allgemeinen nicht zugänglich war. sondern durch seinen Widerstand in der Frage der Abrüstung zur See England an einem sehr empfindlichen Punkte traf. In Amerika vollends schlug die bisherige Stimmung für Frankreich vollständig um. Auch der Hinweis auf Frankreichs Wunden war nicht imstande, Frankreich das verlorene Prestige wieder zu gewinnen.
Wie ist dies alles gekommen? Man kann wirklich sagen, daß hier der erste Eindruck den Verlauf der Verhandlungen bestimmt hat. Als Staatssekretär Hughes in der ersten Sitzung sein fertiges Programm in der Flottenfrage vorlegte, waren alle Konferenzteilnehmer aufs höchste überrascht. .Man hatte damit gerechnet, daß zunächst' versucht werden müste, aber die sehr schwierigen Probleme des Fernen Ostens M einer Verständigung zu gelangen, bevor man die Flottenfrage erörtere, da diese nur in zufriedenstellender Weise erledigt werden könne, wenn zuvor die. mannigfachen Reibungsflächen, an denen sich ein Konflikt entzünden könnte, beseitigt würden. Hughes ent- ihied sich für den umgekehrten Weg. er packte gewistermaßen den Stier bei den Hörnern. Die Konferenzteilnehmer waren nun gezwungen, Farbe zu bekennen, -b das Vorgehen des Amerikaners ein taktischer Kniff mar oder ehrliche, offene Diplomatie, wie er sie verstand, tut nichts zur Sache. Hughes hat damit mehr getan, als rrur eine Grundlage für die Verhandlungen Weben. Sein Vorgehen schuf eine Atmosphäre. Die Konferenz stellte sich sofort auf diesen Ton ein. Sie Wriff, daß die Verhandlungen im Geist der Vertonung geführt werden müßten, und sie handelte darnach. wenn es auch im weiteren Verlauf der Konferenz der der Beratung der Einzelheiten ohne Feilschen nicht "mging. Auf der anderen Seite, als stärkster Gegenpol j>on Hughes — wenigstens der Wirkung nach — ^«mb, besten Betonung der Bedrohung durch Deutsch- Md überall in der Welt, namentlich aber in Amerika, "uen schlechten Eindruck machte. Der Eindruck ver- sich, als der Vertreter Frankreichs der Regelung ; r? Flottenfrage die größten Schwierigkeiten be- mtete. Für den Standpunkt Frankreichs in der hrage der Abrüstting zu Lande batte man in den Der- Wlgten Staaten ein gewistes Verständnis, erst als der fElzösische Widerstand sich immer mehr versteifte, ^u.Ne man skeptischer, wie der Antrag McEormick be- Mn. der die Verschuldung der Alliierten und die ^Mlngsausaaben in einen nicht mitzzuverstehenden Zusammenhang bringt. Aber von vornherein stieß Mnkrejch mit seinen Flottenforderungen auf den Mttsten Widerspruch, in besönderem Maße bei Eng- M"-das die von Frankreich beanspruchte Rüstung nur * Drohung gegen seine Küsten auffasten konnte. Dies Wr vor allem bei der Frage der U-Boote dör Fall, ^. England — ob zu Recht oder Unrechts ist hier '^Mchiltig — gerne überbaupt als Kriegsmittel aus- SMie den wissen möchte. In dieser Frage hat sich E« nkreich vollkommen isoliert. Es gelang schließlich zu einer Abmachung zu kommen. U-Boote wer- .^.banach nicht völlig ausgeschaltet, jedoch drang der ^Mstche Standpunkt durch, daß die Verwendung von ^5oten gegen Handelsschiffe verboten wird. Auch
der viel wichtigeren Einigung über die großen Schifsseinheiten setzte Frankreich weitgehende Forderungen entgegen. Es gab schließlich nach und begnügte sich mit der auch Italien zugestandenen Tonnenzahl. Hier bestand freilich die Schwierigkeit auch darin, Japan soweit zu bringen, daß es sich mit 'dem Programm von Hughes einverstanden erklärte. Da sich aber England überraschend schnell mit Amerika über die Flottenfrage verständigte, fand sich auch Japan zu einer Beschränkung seiner Seerüstung bereit. Die Erklärung dafür, daß England sich mit derselben Tonnenzahl begnügt wie die Vereinigten Staaten — Zwei- mächte-Standard und Seeherrschaft sind längst aufgegeben — ist einmal in dem Wunsch nach einem freundschaftlichen Verhältnis zu Amerika zu suchen, dann aber auch in der zwingenden Notwendigkeit, die Rüstungen zu beschränken, wenn nicht das englische Budget völlig aus dem Gleichgewicht geraten soll. Auch in diesem Punkt begegnen sich die Wünsche der beiden Länder. Man kann sagen, daß die Sparsamkeitsrücksichten die Veranlassung zur Einberufung der Konferenz waren, und daß sie das Hauptmotiv zu den Rüstungsbeschränkungen sind, wenn man auch hoffen muß, daß sich aus den unter dem Druck wirtschaftlicher Verhältnisse beschlossenen zehnjährigen Rüstungsferien allmählich ein Geist entwickelt, der den Rüstungswahnsinn überhaupt nicht mehr aufkommen läßt.
Die grundsätzliche Einigung in der Flottenftage ebnete auch der Verständigung über die Probleme des Fernen Ostens die Wege. Das Ergebnis der Verhandlungen ist der Viermächte-Vertrag über die Inseln im Pacific und der Reunmächte-Vertrag über China. Der großen Mäßigung Japans und der ausgleichenden Vermittlungstättgkeit Englands ist es zu danken, daß hier ein Einvernehmen erzielt wurde. Wenn auch nicht alle Fragen des Fernen Ostens gelöst sind, z. V. die der Räumung Ostsibiriens (die Japan mit einer sehr platonisch klingenden Erklärung zugesichert hat), so ist doch wenigstens durch den Earantie- vertrag über die Inseln im Pacific, der dem englischjapanischen Bündnis ein Ende macht, eine Sicherheit für die Fortdauer des Friedens geschaffen worden, die man in früheren Zeiten nur mit Kanonen glaubte erreichen zu können. Die Bindung der Gegner an einen gemeinsamen Pakt stellt auf jeden Fall einen größeren Zwang zu friedlicher Gesinnung dar als einander widerstreitende Bündnisse.
Die Einigung über China wäre beinahe gescheitert, wenn es den Bemühungen von Hughes und Balfour nicht gelungen wäre, die durch die amerikanische Unterstützung stark gesteigerten Ansprüche 'der Chinesen mit dem japanischen Standpunkt in Einklang zu bringen. China hat nicht alles erreicht, namentlich nicht, was die „offene Tür" in China und die Zurück- nahme der 21 Forderungen Japans vom Jahre 1915 angeht. Aber die Hauptsache, auch für Amerika, bleibt, daß Japan sich bereit erklärt, Schantung zurück- zugeben.
Die Konferenz hat vieles ungelöst gelassen. Sie muß aber trotzdem als Erfolg beschnei werden. Ihr Erfolg darf um so weniger gering geschätzt werden, als sie nur ein Anfang und dieser Anfang überaus schwer war. Der Geist, der die Tagung von Washington beherrschte. war um vieles bester als der Sinn, der dem Wiederaufbau Europas seit dem Frieden von Versailles im Wege steht. Zwar hat Europa eine leise Hoffnung, daß die Vernunft sich endlich durchsetzen werde. Die Konferenz von Genua soll darüber entscheiden. Der Weg nach Genua, das muß mau fteilich bedenken, wenn man die Ergebnisse der eben zu Ende gegangenen Konferenz richtig einschätzen will, führte über Washington. Dort bat sich zum erstenmal seit dem Krieg entschlossener Wille zur Verständigung gezeigt. Der Dienst, den Amerika der Welt erwiesen hat, ist freilich erst vollständig, wenn es sich entschließt, selbst nach Genua zu gehen, denn der Wiederaufbau der Weltwirtschaft ist ohne Amerika nicht denkbar!
Reue Enthüllungen über den Minister a. D. Oerter.
W-T.-B. Berlin. 10. Febr. Blättermeldungen aus Dräunschwer« zufolge veröffentlicht der mebrbeits- sozialistische ..Braunschweiger Volksfreund" neue Enthüllun- gen über den unabhängigen Minister a. D. Oerter. Danach soll Oerter während seiner Miinsterorastdentschait von dem Fabrikanten Wemmel in Seblen. der während der Amtstätigkeit Oerters zum Erohkamtalisten geworden ist. 3 Prozent des buchmäßigen Reingewinns und sväter. wenn er dauernd in die Dienste des Fabrrkanten trete. 10 Prozent des Rcirgervwns sowie Vorschüsse in Höhe von 3000 und 10 090 M. verlangt haben. Die Landtagsfraktion der sozial- demokratischen Partei bat an die Fraktion der II. S. V. ein Schreiben gerichtet, in dem sie verlangt, da« Oerter aus der Fraktion der U. S. V. a u s s ch e i d e und lein Landtagsmandat iriederlege. Anscheinend wollen die Mehrheitssozialisten von der Erfüllung dieser Forderung ihren Eintritt in di« Arüeitsgemeuüchaft mit der U. S. P. abbänsia machen.
Sr. Berlin. 10. Febr. (Eig. Drabtbericht.) Roch einer Mitteilung des Reichsverkebrsministeriums kann der Eisenbahner st reit als beendigt anseseben werden. Sowohl die Beamten wie die Arbeiter find mit geringen Ausnahmen vollzählig zum Dienst erschienen. Nur ir Naumburg streiken auf dem Babnhof und in der Betriebswerkmeisterei noch 160 Beamte. Sie veranstalten ProtellVersammlungen und Demonstrationsumzüge mit Frauen und Kindern, um die Zurücknahme einiger Maßregelungen zu erzwingen. An mehreren Stellen zeigt sich ein W i d e r st a n b der wiedereingejretenen Beamten gegen das Zusammenarbeiten mit solchen Beamtem die wahrend des Stteikes treu ihre Pflicht erfüllt haben. Gegen diesen Widerstand wird überall auf das schärfste ernge- schritten. Auf dem Bahnhof Mettgetben (Ostvr.) mutzte der Versuch eines Beamtenvertreters, in die Regelung des Dienstes einzugreifen, zurückgewiesen werden. Der Verkehr nähert sich immer mehr dem normalen Zustand.
Sr. Berlin. 10. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Der Eisen- babnfernverkebr bat beträchtlich zugenomm"w. In den letzten 2t Stunden sind schon wieder 12 0 Fern- züne non den Berliner Babnböfen abgelassen worden. Der Porortsvetkebr bat bereits wieder die alte Höbe des fabr- vlann.asnpen Betriebes erreicht.
Die Reichsgewerkschaft zur RĻe des Reichskanzlers.
Sr. Berlin. 10. Febr. lEig. Drahtbericht.) Der Vorstand der Reichsgewerkschaft deutscher Eisendahnbeamter und -Anwärter erklärt zur gestrigen Rede des Reichskanzlers, üe habe in den Reihen der Eisenbahn- beamten Verwunderung und Beunruhigung hervorgerufen. Der Reichskanzler habe bei den Verbandlungen iiber den Stteikabbruch erklärt, datz keine Massendis- zivlinierungen vorgeuommen würden. Im Gegensatz dazu sei aber bereits gegen 200 Beamte das Dis- zivlinarverfadren mit dem Ziel der Amtsentlassung 'ängeleitet worden. Sollte sich der Reichstag mit den gestrigen Auslassungen des Reichskanzlers einverstanden erklären. dann müsse die Reicksgewerkschast die Folgen ablehnen. Es besteht dann die große Gefahr, dah als Antwort auf diese Diszivlinferung überall im Lande wilde Teilstreiks aufflammen würden, die über den Kopf der Reicks- gewerkschaft binweggehen würden.
Keine allgemeine Amnestie.
Sr. Berlin. 10. Febr. lEig. Drahtbericht.) Die Mitteilung. daß von seiten des Reichsverkebrsministeriums eine allgemeine Amnestie erlassen worden sei und nur die beiden Hanvtfübrer des Eisenbahnerstreiks zur Verantwortung gezogen werden sollen, wird von zuständiger Stelle als unrichtig bezeichnet.
Bolle Wiederaufnahme der Arbeit in Berlin.
Sr. Berlin. 10. Febr. (Eig. Drah (bericht.) Von offizieller städtischer Seite wird ausdrücklich erklärt, da« von Matzregelungen der städttschen Angestellten wegen des Streiks an sich überbauvt keine Rede sein könne. Die Wiederaufnahme ist bei allen Werken in vollem Gange. Auch die Besprechungen bei der Straßenbahn hatten Erfolg. Der Betrieb der Strahenbabn wird nunmehr wieder ausgenommen. Auf der Bororts- und Stadtbahn entwickelt sich der Berkebr langsam.
Ausschreitungen im Betrieb der Berliner Straßenbahnen.
W.T.-B. Berlin. 10. Febr. Dem ..B. L.-Ä." zufolge ist es gestern im Bettieb der Berliner Strahenbabnen wiederholt zu Ausschreitungen gekommen. Vor einem Devot der Strahenbabn sammelte sich eine große Anzahl der Demonstranten an. drang in das Devot ein und zwang die Arbeitswilligen, den Dienst aufzugeben und stch dem Demon- strationszug anrufchliehen. Der Zug marschierte dann nach dem Salleschen Tor. wo er bereits im Bettieb befindliche Wogen gewaltsam anbielt.
zttksansschutz des Landtags
Verabschiedung des Haushalts der preußischen Staatsbank.
Br. Berlin, 10. Febr. (Eig. DrahtberichtZ Der Haus- baltsausschnb des preußischen Landtages bewilligte am Donnerstag den Saushalt der preußischen Staatsbank, deren Geschaftsgewinne auf 40 Millionen Mark veranschlagt worden ßnd. das lind 10 Millionen Mark weniMr als im Boriabre.
Ein Konflikt in der K. P. D. Südbayerns.
Sr. München. 10. Fcbr. (Eis. Dvabtbericht.) Der Be- der x. P. D. Südbayerns hat den Ausschlnh nitgliedes Graf und weiterer zwei Funktionäre bestätigt. Graf bat die Übergabe dqr Redaktion der ..Reuen Zeitung", die seit beute wieder rn tUvatxtm Umfang erscheint, an die Partei ahgekebnt.
Die landwirtschaftliche Woche in Berlin.
W. T.-B. Berlin. 9. Febr. Die an der Groben landnTttt- schaftlicken Woche in Berlin beteiligten Körperschaften und Vereine kamen überein, die Wintertagung planmähig vom 11. bis !3. Februar abzudalten. nachdem die durch den Eisenbabnerstreik verursachten Verkehrsstörungen nach amtlicher Erklärung beseitigt sind. Anch die Bullenversteigerung der Deutschen Landwittichattsgesellschaft findet wie vorgesehen statt.
Die neue Elbe-Akte.
W.T.-B. Dresden, 10. Febr. Die internattonate Elbs- Kommisiien setzte gestern ihre Beratungen über die neuen Elbe-Akte fort. Die Kommission nahm die Bestimmungen über die Höfen an und beriet außerdem das Budget für die allgemeinen Verwoltunaskoften der Kommission. Für 1922 ist ein Betrag von 30 000 Franken vorgesehen, der auf die vertretenen Staaten im Verhältnis der Zahl der Ver
treter verteilt rverden soll. Unberührt hiervon bleiben die persönlichen Kosten der Delegierten und des H.ilfsversonalL die von jedem ettuelnen Staat besonders zu tragen sind.
