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Freitag, 27. Januar 1922.
Morgen-Ausgabe.
Nr- 45. ♦ 70. Jahrgang.
Der m uni) Ser INienW Staat.
Der 50jäyrige Kampf zwischen dem Vatikan und Sem italienischen Staat scheint seinem Ende entgegenzugehen. Zunächst ist allerdings noch kein offizieller Friedensschluss erfolgt, aber es wurde doch im Laufe der letzten Jahre ein Modus vivendi gefunden, der dem offenen Kriegszustand ein Ende gemacht hat. Schon der Vorgänger Benedikts XV., Pius X., hatte den italienischen Katholiken erlaubt, an den italienischen Kammerwahlen teilzunehmen und dadurch den italienischen Staat di' facto anerkannt, wenn er auch noch ven Protest gegen die Wegnahme Roms bei seinem Regierungsantritt erneuert hatte, während Pius IX. und Leo XIII. den Karholiken die Teilnahme an den Wahlen und die Übernahme von Staatsämtern verboten hatten.
Der verstorbene Papst war der vierte nach der Wegnahme Roms durch den italienischen Staat, die bekanntlich am 20. September 1870 unter Pius IX. erfolgte, nachdem bereits im Jahre 1859 zwei Drittel des Kirchenstaates und 1880 Umbrien und die Marken infolge öer italienischen Einheitsbewegung dem Papste verloren gegangen waren. Zur Wegnahme Roms im September 1870 kam es, als Napoleon III. infolge des Ausbruchs des deutsch-französischen Krieges die französische Schutztruppe von Rom weggenommen hatte. Seit dieser Zeit betrachtete sich Pius IX., der natürlich den Verlust der weltlichen Macht, die er von 1846 an 24 Jahre innehatte am wenigsten verschmerzen konnte, als Gefangener im Vatikan. Er verließ diesen bis zu seinem Tode nicht mehr und auch für seine Nachfolger galt es bisher als traditionelle Pflicht, mit der Übernahme der päpstlichen Würde auch die freiwillige Gefangenschaft im Vatikan auf sich zu nehmen. Gar so schlimm mag für einen Mann in höherem Lebensalter — und nach Pius IX. kamen ja nur Päpste, die sich bereits dem Ereisenalter näherten, auf den päpstlichen Stuhl — diese freiwillige Gefangenschaft nicht sein, wie vielleicht mancher annehmen könnte: denn der Vatikan bildet eine kleine Stadt für sich und hat weit ausgedehnte Garten- und Parkanlagen. Ferner hat es ja schließlich der Papst nicht nötig, irgend jemand aufzusuchen, da wohl jeder, mit dein er zujammenzukommen wünscht, auch zu ihm in den Vatikan kommen wird. Es gibt gar viele Menschen auf der Welt, die, ohne sich als Gefangene zu betrachten, einen viel geringeren Radius für ihre Bewegungsfreiheit zur Verfügung haben. Pius IX. lehnte bis zu seinem Tode, der im Jahre 1878 erfolgte, konsequent jede Berührung mit dem italienischen Staat ab. Aber auch mit anderen Staaten geriet er in Konflikt. Unter seinem Pontifikat kam es zu dem sogenannten Kulturkamvf in Preußen, der unter seinem Nachfolger Leo XIII. im Jahre 1887 wieder beigelegt wurde. Dieser war überhaupt ein geschickter Diplomat und wußte ohne die kirchlichen Grundsätze preiszugeben, zwischen dem Vatikan und allen Staaten gute Beziehungen herzustellen Zu einer Versöhnung mit dem italienischen Staat war unter seiner Kirchenregierung allerdings die Zeit noch nicht gekommen.
Leos Nachfolger Pius X. war wieder mehr ein rein kirchlicher Papst. Er wurde gegen den Kandidaten Frankreichs. Rampolla. gegen dessen Wahl von österreichischer Seite auf Deutschlands Veranlassung hin Anspruch erhoben worden war, zum Papst gewählt, ^rotz seiner rein kirchlichen Einstellung, die auf die Erneuerung der Welt in Christo gerichtet war, hat er »och eine Reihe von Reformen eingeführt. So hat er rrne Anzahl Feiertage, die auf Wochentage fielen, auf aonntage verlegt. Der reformkatholischen Bewegung rrat er allerdings mit Entschiedenheit entgegen und i Qt . es "hch erreicht, daß sie sich nicht durchsetzen konnte, unter seinem Pontifikate kam es zur Trennung von ^raat und Kirche in Frankreich, aber im Gegensatz zu ssius ix hat er den Kampf gegen das „katholische" Frankreich nicht in so schroffer Weise geführt wie jener en gegen das „protestantische" Preußen. Wenn auch ^^dmziellen Beziehungen zwischen dem Vatikan und
t* tt l d'Drsay abgebrochen wurden, so sorgte doch e französische Geistlichkeit dafür, daß die Fäden .^«^''"^^eich und dem Vatikan, wenn auch auf kiür«?™. Wege bald wieder geknüpft wurden. Eine intÜ. Annäherung Frankreichs an den Vatikan et* Lr gärend des Weltkriegs unter Benedikt XV.,
,""ch der Wiederaufnahme der diplomatischen Be- zwischen England und dem Vatikan die Wege fcÄ' Unter dem letzten Papst fand auch die katholi- dvn der Papolari eine starke Förderung durch
Üj.,„^"Ukan und die in der italienischen Regierung Mmistxr der Popolarivartei arbeiteten wiein eme Versöhnung zwischen Kirche und Staat
Ztalien hin. So kam es, daß jetzt beim Tode
Benedikts XV. der italienische Staat, das italienische Königshaus und die Stadt Rom zum ersten Male seit dem Jahre 1870 wieder offiziell an den Trauerkundgebungen für einen Papst teilnahmen. Nach dieser Entwicklung der Verhältnisie darf man wohl annehmen, daß der nächste Papst auf die seit dem Jahre 1870 traditionell gewordene Jntransigeanz gegenüber dem italienischen Staat verzichten und daß der Ausgleich zwischen Staat und Kirche in Italien in nicht zu langer Zeit Zustandekommen wird.
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Der Andrang in der Peters-Kirche.
D. Rom. 26. Jan. (Eia. Drabtbericht.) Eine unge- onlere aus ganz Italien herbeigeeilte Volksmenge bewegte bai »eitern nack der Peterskrrcke. um die dort aufgestellte weiche des Papstes zu jeden. Die Eijenbabn und die anderen Verkebrsmittel konnten den ungebeueren Andrang kaum bewältigen. Die Leiche wird beute abend in der Peterskircke provisorisch -beigesetzt werden.
Senator Zapy über die Leistungsfähigkeit Deutschlands
-b-^daris, 25. Jan. Auf dem monatlicken Frühstück des Handels- und Jnduftricverbandes bat heute Senator Japy einen Vortrag über die wirtickaftlicke Lnftur.gssabtgkeit Deutschlands gehalten. Trotz der Verluste. die es nach dem Kriege erlitten habe, sagte der Redner, erfreue fick Deutschland immer noch einer komme:- S! e l l e nu n d i n d u st r i e l l e n Blüte, um die es viele andere Lander beneiden könnten. Deutschland sei also in der Lage, seine Verpflichtungen zu halten. Sein Handel ge- de'be keine Industrie sei besser beschästiat als die seiner Nackbarn, und seine Steuern seien geringer als d'e von denen bezahlten, die als Sieger aus dem Kriege hervor ge gangen seien.
Die Konsolidierung der alliierten Schulden bei Amerika.
W.T-B. Paris. 26. Jan. Nack einer Savasmeldung aus Washington bat Senator Vorab im Lause einer Debatte über den Gesetzentwurf zur Konsolidierung der alliierten Sckulden erklärt, die alliierten Nationen könnten durch eine Revision des Versailler Friedens- Vertrages und durch eine Einschränkung der Armeen auf ein veinür.ftiges Maß nickt nur die Zinienzablung für ihre Schulden bei den Vereinigten Staaten ermöglichen, sondern auch einen Teil der Schulden selbst zurückerstatten. Vorab habe hinzu gefügt, daß die amerikanische Regierung, so lange wan in Europa die heutige Politik verfolge, vollkommen im
Recht sein würde, wenn sie die Frage der alliierten Schulden vom rein kaufmännischen Standpunkt betrachtete. Vorab habe bissavrtet. er könne nickt bemessen. das? Frankreich eine Armee von 850 060 Mann oder einer Million brauche, um sich »egen ein Deutschland zu schützen, dessen Armee aus 100 000 Mann eingeschränkt worden sei.
Churchill gegen. Grey und Asquith.
W. T.-B. London. 26. Jan. lDrabtberickt.) Die Aufgabe. die Reden Greys und Asauitbs zu beantworten, fiel E b u r ck i l l zu. der als erster Minister seit der Kundgebung der unabhängigen Liberalen vom 23. Januar sprach. Auf einem Festessen per Koalitionsliberalen trat er mit Nachdruck für ein Zusammenarbeiten der Liberalen und Unionisten in der Frage des irischen Abkommens ein. Auch in der Frage der Einschränkung der Rüstungen und Ausgaben feien Liberale und Unionisten in gteicker Weile einig. Cbnrchill sagte, er sei nickt mit dem ganzen Bericht der Eedesicken Kommission einverstanden, aber er sei überzeugt. daß in diesem Jahre Ausgabeersparniske in gröberem Matze erzielt würden. In entschiedener Weise wandte lick Churchill gegen die Reden Ereys und Äs- aurtbs. deren einziger Zweck i«i. Parteigegensätze aus ernster Grundlage zu erzielen. Die neue Vereinigung von Grey und Lord C e c i l wurde von Churchill verspottet.
Eine Demonstration der österreichischen Beamten.
W. T.-B. Wien. 26. Jan. (Drabtbericht.) Heute fand hier eine Versammlung der Bundesangestellten wegen der Erhöhung ihrer monatlichen Bezüge statt, nach der eine Anzahl Teilnehmer vor dem Parlament demonstrierte. Eine Abordnung erschien beim Bundeskanzler Schober, um ihm ihre Forderungen mitzuteilen. Der Bundeskanzler erklärte, er höre, datz auf der Straße eine Ansammlung sei. er könne nie und nimmer unter dem Diktat einer Demonstration einen Entschluß fassen. Er versvrack morgen eine Abordnung der Beamtenorganisationen zu emvfangen. machte aber dabei aufmerksam, datz eine Entscheidung morgen aus dem Grunde schwierig sei. weil de: Tag mit schwerwiegenden Verhandlungen ausgefüllt sein wird und bei der gegenwärtigen parlamentarischen Lage mit dem Rücktritt der Regierung gerechnet werden müsse.
Die Kleine Entente wünscht die Abdankung König Konstantins.
W. T.B. Paris. 26. Jan. Wie der ..Matin" aus Belgrad meldet, bat König Alerander von Südilawien anläßlich seines letzten Besuches beim rumänischen Königs- vaar in Sinaia dem anwesenden Kronvrinzen Georg von Griechenland naoegclegt. er möge seinen Vater. König Konstantin, zur Abdankung veianlassen. Sowohl der König von Serbien wie auch der König von Rumänien batten für den Fall, datz Kronvrmz Georg baldigst den Thron von Griechenland besteige, die Aufnahme Eriechen- londs in die Kleine Entente und den Abschluß einer Mili- tarkonvention zwischen Rumänien. Südilawien und Grienen land in Aussicht gestellt, um den Status quo auf dem Balkan zu sichern.
Eisenbahnerstreik in Irland.
IV. T.-B. Dublin. 26. Jan. lDrabtberickt.) Auf den Eisenbahnen im Bezirk von Dublin, sowie im S ü d - westen Irlands ist ein Generalstreik proklamiert worden, als Protest gegen die Absetzung eines Bahnbofsvor- stebers. in der die Angestellten eine Maßregelung erblicken.
Gold oder Papiermark?
. Br. Berlin. 26. Jan. (Eig. Drabtbericht.) Die ..Zeit" berichtet: In der heutigen Vormittagssitzung wird die wichtigste Frage zu entickeiven sein, wie der Anleibebetrag tormuliert werden soll, ob Gold- oder Paviermark. Man bars wohl annebmen. datz eine Einigung auf den Betrag von *0 Milliarden Papier-Mark zustandekommt.
Bezüglich der Verzinsung wollte man. datz die ^wangsanleibe für die ersten 5 Jahre unverzinslich sein soll, ws wurde indessen von seiten der Regierung darauf hingewiesen. daß für sie in erster Linie die Bezahlbarkeit der Anleihe von Wichtigkeit ist. weil nur auf diese Weise der Regierung Mittel in die Hand gegeben werden. Der Ertrag der Anleihe soll nicht zum Ausgleich des Haushalts für 1922. sondern für die Abdeckung der Sachlieferungen verwendet werden.
Die Parteiverhandlungen über das Steuerkompromiß.
I* *«H«. 26. Jan. (E'g. Drabtbericht.) Die Sitzung des Reichstags, die auf 3 Übc angesetzt worden war. ist aus o *tp2 0 t r * wo & e n worden, weil bisher die Verhandlungen zwischen den Parteien zu einem abgeschlossenen Ergebnis noch nicht geführt haben.
Die deutsche Reparationsantwort fertiggestellt.
Br. Berlin, 26. Jan. (Eig. Drabtbericht.) Wie aus varlamcn.tarischen Kressen mitgeteilt wird, ssnd die Vorarbeiten letzt so weit gediehen, daß die deutsche Reparations- antwori als in ibren Hauvtrügen fertiggestellt betrachtet uerden kann. Wahrscheinlich wird sie sogar noch im Lau'e oes heutigen Tages übergeben werden können.
Noske gegen die Verstümmelung der Provinz Hannover
, Br. Hannover. 26. Jan. (Eig. Drabtberickt.) Der 56. hannoversche Provinziallandtag wurde mit einer arotzen Rede, des Obervrästdenten der Provinz Hannover. m ° i s » e ’ eröffnet. Der Obervrästdent wies auf die Not des Vaterlandes und auf die kaum noch erträglichen Lasten der Gemeinden bin. denen es bald nicht mehr möglich sein werde. Ne großen Aufgaben zu bewältigen. Schars wandte sich Roske dqnn gegen die Verstümmelung der Provinz durch Abtrennung großer Gebietsteile an Hamburg, dem auch Bremen mit gleichen Ansprüchen zweifellos bald folgen werde.
Die Zuschüsse für Eisenbahnbeamte.
, W. T.-B Berlin. 25. Jan. Der 23. Ausschuß des Reicks- tags.bat sich in seiner heutigen Sitzung mit der Frage beschäftigt. ob und m welcher Form die Zuschüsse, welche l ie. Arbeiter der Eisenbahnverwaltung nach den zurzeit im ReichsverkehrsmlNisterium schwebenden Verhandlungen an Ltten mit besonders hohen Vrioatindustrielöhneri bekommen werden, auf Beamte übertragen werden können. Von mehreren Rednern wurde die Auffassung vertreten, daß ein Weg für einen gereckten Ausgleich an besonders teueren Orten, gefunden werden muffe. Die Aussprache hierüber wird m den nächsten Tagen fortgesetzt. Anschließend hieran werden die Erörterungen über die übrigen grundsätzlichen Bescldungsfragen gepflogen.
Unzufriedenheit unter den Ruhrbergleuten.
, ^ r- Bochum. 26. Jan. (Eig. Drabtbericht.) In der Berg- orbelterschast des Rubrreviers macht sich neuerdings wieder eine Unzufriedenheit, bemerkbar, die ihren Grund in der Teuerung und in der Haltung der Unternehmer zur . 1 ’ , a " 0? legenk> ei t bat. Die im der Arbeitsgemeinschaft beteiligten großen Svitzenorganisationen halten am kommenden Sonntag Konferenzen ab.
Verhaftete kommunistische Agitatoren.
W. T.-B SBerUn. J26. Jan. Einer Korrespondenrmeldung zufolge wurden am «cnntagvormiitag der als kommunistischer Agitator bekannte russische Schriftsteller Malow und der wahrend der Münchener Rätezeit hervorgetretene Kommunist B u d ich von der Berliner Kriminalpolizei festae- nommen.. Beide besaßen gefälschte Bässe und werben sich wegen intellektUiJer Urkundenfälschung zu verantworten haben. Nack der Erledigung dieses Verfahrens wird Malow vonivssichtlich wieder freigelassen werben. Äudich dagegen nach München verbracht werben, da er von der dortigen Staatsanwaltschaft seit 1920 steckbrieflich weqen Hochverrats und Beteiligung am Geiselmord gesucht wird.
Ein bayerischer Erlaß über die Lebensmittelversorgung der Einheimischen und Fremden.
Br. München. 26. Jan. (Eig. Drabtbericht.) Das bayerische Lanbu irsschaftsminssterium hat jetzt angesichts des bevorstehenden Fremdenverkehrs einen Erlaß berausgegeben der auf dem Grundsatz aufgebout ist. ..Der einheimischen Ve- rolkeiung die Jnlandslebensmittel: den Fremden die Aus- landslebcnsmiitel!" Sollte eine freiwillige Übernahmeines angemessenen Quantums ausländischer Lebensmittel durch die Organisationen des Fremdenverkehrs nickt erfolgen. so würde das Lanbwirtschaftsmivisterium gezwungen sein, diese Durchführung aus obligatorischem Wege zu regeln...Auswüchsen, die: der Fremdenverkehr zeitigen tonnie. wurden rn der ruckstchtslosesten Werse entgegengetreten werden.
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Br München. 26. Jan. (Eig. Drabtbericht.) Das bayerische Landwirsschastsministerium wird anläßlich der bevolstehcvden Brotvrciserböhung in den nächsten Tagen dem Landtag einen Antrag unterbreiten auf Bewilligung von 76 Millionen Mark zur Aufbringung von Brot. Kartoffeln und Milch für die Minderbemittelte Bevölkerung. Das Finanzministerium bat seine Zustimmung noch nicht gegeben. _____________
Die Entschädigung für die Hinterbliebenen des Obersten Montalegrss.
. Paris. 26. Jan. (Drabtbericht.) Das Ministe
rium stir auswärtige Angelegenheit teilte dem ..Temvs" su- iclge mit. daß der Betrag der Entschädigung für die Sinterbliebenen des am 12. Oktober 1921 in Oberschlesteu erschossenen Obersten MontalegrS auf 225000 Franke» festgesetzt worden ist.
