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Mittwoch, 25. Januar 1922.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 41. ♦ 70. Jahrgang.
Dreibund und Dreiverband.
Von Dr. E. Steinmann.
Eine fast verwirrende Fülle diplomatischer Akten, Verträge und Vertragsentwürfe, Exposes, Berichte, Briefe — ist in den letzten Jahren zur Kenntnis der Öffentlichkeit gelangt. Die belgischen Archive, die viel wertvolles Material enthielten, hat der deutsche Er- cberer, die deutschen, österreichischen, russischen haben die revolutionären Regierungen der Nachkriegszeit geöffnet. Die russische Ernte, die besonders reich ist — die Petersburger Sagenbrücke war ja ein Hauptzentrum der großen politischen Intrige in Europa —, ist noch nicht beendet. Die Ergebnisse üppiger Nachlese werden zurzeit von Beauftragten der Sowjetregierung gesichtet. In Deutschland' steht eine umfangreiche Veröffentlichung, die bis an die Anfänge der neuen europäischen Koalitionsbildungen zurückreicht, -bevor. An Einblick fehlt es schon jetzt nicht — wohl aber ein wenig an Überblick. Wir haben noch nicht allzuviel Werke, die in knapper Form, auch für den Laien verständlich, dabei aber nicht rein propagandistisch, sondern mit historisch-kritischer Objektivität'das Material ausdeuten, aus dem Wüste der Dokumente die große Linie der Entwicklung herausarbeiten, und aus der Fülle des jetzt erreichbaren Wissens unvoreingenommen nach allen Seiten die großen Zweifelsfragen beantworten. Wo liegt die Hauptschuld am Kriege, welche Kräfte haben am deutlichsten und stärksten zu der Entwicklung gedrängt, die in den Krieg mündete, und von welchen Staatskanzleien sind die schlimmsten Fehler, die verhängnisvollsten Unterlassungen begangen worden?
Ein kleines, sehr lesbares Buch, das sich die Aufgabe stellt, auf Grund aller Urkunden und Zeugnisse, die bisher gedruckt vorliegen, diese Fragen zu klären, hat vor kurzem der bekannte schwedische Historiker und Politiker Rudolf Kjellön veröffentlicht. — Dreibund und Dreiverband, die diplomatische Vorgeschichte des Weltkrieges. KjellM ist deutschfreundlich, und er hat die Unvorsichtigkeit begangen, seine Schrift der philosophischen Fakultät der Universität Rostock „als Zeichen ehrerbietigen Dankes" für das Ehrendoktorat, das er an dieser Fakultät Ende . 1919 erhielt, zu widmen Im gegnerischen Auslande wird der Hinweis auf diese Tatsache genügen, um Kjell^ns Buch als parteiisches Propagandapamphlet in Mißkredit zu bringen. In Wahrheit ist es eine sehr ernsthafte wissen- schaftüche Leistung, und die meisten seiner Schlußfolgerungen sind wohlbegründet und schwer zu widerlegen.
Kjell^n sucht die intellektuellen Fehler der deutschen Politik keineswegs zu verschleiern. Er glaubt nicht, daß die Abkehr der deutschen Politik von Rußland zu Beginn des „neuen Kurses" falsch war. Der Zeitpunkt des entscheidenden Versagens der auswärtigen Leituna Deutschlands scheint ihm. wie vielen anderen, die Jahrhundertwende. die Periode der ernsthaften englischen Vllndnisangehote. Durch die Ablehnung dieser Angebote (deren Wert und Vorteil für Deutschland der schwedische Historiker natürlich nicht so kritiklos optimistisch einschätzt wie etwa der Freiherr von Eckard- stein) hat nach seiner Auffassung die deutsche Regierung ein zwar vorhandenes, aber immerhin kleineres Risiko mit einem größeren vertauscht und eine Isolierung d-x Deutschen Reiches vorbereitet, die ihm auf die Dauer gefährlich werden mußte, und die dann schließlich auch zu seiner Niederlage, Entwaffnung und Beraubung geführt hat. Die Frage der moralischen Hauptschuld am Kriege (nicht am Kriegsausbruch) ist praktisch die Frage nach den Absichten und den Zielen der Entente. War'der russisch-französische Zweibund und später der aus ibm bervorgegangene Dreiverband aggressiv, oder war er bloß, wie etz der Dreibund zweifellos bis zur unmittelbaren Bedrohung der Existenz der Habsburger Monarchie durch die russisch-serbische Koalition gewesen ist, eine „Versicherungsgesellschaft"? In den Verträgen zwischen den Dreiverbandsmächten,, die bisber bekannt geworden sind, ist von Angriffs- absickiten — natürlich — keine Rede, aber damit ist das Problem selbstverständlich nicht erledigt. Kjell^n untersucht es sehr genau und kommt an der Hand des Eesawtmoterials etwa zu folgenden Schlußfolgerungen: Im Zmeibunde hat Frankreich das Zusammengehen mit Rußland von vornherein mit Revanche-Gedanken verknüpft' Rußland dagegen bat zunächst seine Rückendeckung in Europa für Erpanüonsversuche in Aüen benutzt und ist erst nach der Niederlage im japanischen Kriege und nach der Annäherung an England „europäisch-aggressiv" geworden. Überhaupt bedeutete der Zweibund nur eine gewissermaßen „latente" Friedens- gefäbrdunai akut wurde die Gefahr erst durch England, das d-m Dreiverband von vornherein führte, und zwar aggressiv — gegen Deutschland.
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In London, und Paris werden nun diese Folgerungen aus der diplomatischen Geschichte der letzten 30 Jahre energisch bestritten. Aber man wird es nicht leicht fertigbringen, sie zu widerlegen.
Eine Rede Noskes.
„Kr Harburg, 24.'Fan. (Eig. Drahtbericht,) Der Ober- Präsident der Provinz Hannover. Roske hielt auf der Kreiskonferenz der sozialdemokratischen Partei eine Rede, in der er sich u. a. wie folgt äußerte: Man dürfe sich nickt über die Große der sozialistischen internationalen Be- Slebu n gen. täuicken. Sinter den Reden französischer Sozialisten stunde nichts, und bis zu einer sozialistischen Be- weguns im Ausland sei noch ein weiter Weg. Bei allen A b r u st u n g so e rh a n d ln n g e n in Washington lei.nichts heransgekvmmen. Man dürfe in Deutschland nickt aui die Gegensätze zwischen den Franzosen und Engländern bauen, Deutschland stünden auck so ernste Sorgen bevor. Das Zuiainmeiiarbeiten der Sozialdemokratie mit dem Zentrum sei genau so schlimm wie mit der Deutschen Volkspartei, denn es drohe eine Katbolisicruna der Ämter. Jetzt beißt es ernvacken mit allen sozialistischen Bestrebungen, so lange die akademische Jugend nickt gewonnen ist. Die Anspannung der Steuer genüge nickt mehr. Die Leistungsfähigkeit der Steuerzahler sei schon bedeutend überschritten. Es sei falsch. rr> glauben, daß die Besitzenden nichts trügen. Zu einer Reickstagsausloning zu treiben, se! gefährlich denn die Radikalen wurden wieder gelb werden und die Demotraten wurden versagen. Die Kreiskonferenz beschloß mit allen gegen vier Stimmen, für die kommenden Reichstagswablen als Spitzenkandidat Noske auf die Wahlliste zu setzen.
Reichsgewerkschaft deutscher Eisenbahnbeamten.
Lr, Berlin, 24 Jan. (Eig. Drabtbericht.) Heute ist der erweiterte Borstand der Reichsg-werkschaft deutscher Eisei.bahnbeamten und -anwärter in Berlin zusammengetreten. um zu einer Reibe von Fragen Stellung zu nehmen, die in letzter Zeit unter der Beamtenschaft Unruhe berrorgerüfen haben.' Der erweiterte Vorstand der Rercksnewerkschaft will zu der gegenwärtig schwebenden Ttuerui'geaktlen. zum Eisenbaünnnanzgesetz und zum Arbeitszeitgesetz Stellung nehmen. Es verlautet, daß die Rkichsgewerkichaft deutscher Eisenbahner dem Minister Hermes ein befristetes Angebot überreichen will, in dem dieser erstickt wird, die Vertreter der Gewerkschaften zu oidnungsgemaßen Verhandlungen über die gesamten Fragen der Beamten zu laden. Die Stimmung unter den Beamten in Berlin bat sich in den letzten Tagen unverkennbar verschärft. Nickt nur di« Eisenbahn-, sondern auch die Po stbeam ien find zu Besprechungen zusammenge- steten. deren Ergebnisse dann in einer gemeinsamen B.eratung im Deutschen Beamtenbnnd ihren Niederschlag finden wird.
Eröffnung eines irischen Weltkongresses in Paris,
. 24. Jan (Eig. Drabtbericht,) Heute ist hier
der irische Weltkongreß eröffnet worden. Er wird in den Sälen des Hotels Eontinental abgebalten. de Valero, der frühere Präsident der sogenannten irischen Revublit. wohnt als gewöhnlicher Teilnehmer oen Verhandlungen bei ^;e Delegierten., stnd zum größten Teil Frisch-Amerikaner. Von der gegenwärtigen vrovisorischen Regierung Irlands ist nur C o l l i n s anwesend.
Auflösung der rumänischen Kammer.
v. Bukarest. 24. Jan. (Eig. Drabtbericht.) Die Kammer ist aufgelöst. Die Neuwahlen zu den gesetzgebenden Körperschaften finden in der Zeit vom 1. bis 11. Marz statt Am 23. März wird dann die neue National- veisammlung zusammentreten.
Zur Stabilisierung der Mark.
W. ’t.-B. Paris, 23. Jan. Der „Temps" schreibt in seinem Leitartikel nach einer Übersicht über die Einwirkung der Markbaisse auf die deutsche Finanzlage, man müsse dahin kommen, daß die Mark nicht m e h r s i n k e. Zu diesem Gedanken kommen wir heute, ohne auch nur ein Wort von den Reparationen erwähnt zu haben, ohne uns auch nur einen Augenblick daran erinnert zu haben, daß unser Land der Hauptgläubiger Deutschlands ist. Aber ob man Gläubiger Deutschlands ist oder nicht, die Reparationsfrage tritt auf, sobald man ein Mittel sucht, die deutschen Finanzen zu stärken. Heute ist sie ast dem Punkt- Wenn wir Deutschland Barzahlungen erlassen und dafür seine Sacklieferungen entwickeln, werden wir damit bereits alles getan haben, was zur Stabilisierung der Mark erforderlich ist? Darauf kann man ohne Zögern antworten: Rein. Selbst wenn man die Barzahlungen völlig unterdrückte, selbst wenn man die Cochlieferungen auf eine Milliarde Mark jährlich reduzierte, hätte man das Nötige noch nicht getan. Das Wesentliche würde immer noch fehlen. Um Sach- lieserungen zu bewerkstelligen, muß Deutschland die deutschen Produzenten bezahlen. Der „Temps" sieht die Lösung der Frage nur in der Möglichkeit einer auswärtigen Anleihe für Deutschland, sei es auch nur, um die Sachlieferungen zu finanzieten. Dazu aber seien internationale Kreditopera- t i o n e n nötig. Auf diesem Wege kommt der „Temps" wieder zu seiner Forderung. Amerika möge helfend e i n g r e i f e n. Er ist der Ansicht, daß diese Frage die Konferenz von Genua' beherrschen werde, wie man sich auch dazu stellen möge,
Der englisch-französische Garantie- vsrtra?.
W. T.-B. Patis, 23. Jan. Havas verbreitet folgendes, offenbar von französischer diplomatischer Seite beeinflußte Telegramm aus London:
In offiziellen Kreisen scheine man den Wunsch zu hegen, in kürzester Frist die Absichten der fran- zösis-chen Regierung in den gegenwärtig der Prüfung beider Regierungen unterliegenden Fragen kennen zu lernen. Den Kreisen zufolge, in denen sich die offizielle englische Anschauung widerspiegele, gebe es Gründe zu der Annahme, daß das Londoner Kabinett entschlossen sei, in bezug auf das englischfranzösische Abkommen folgendermaßen Stellung zu nehmen: Die englische Regierung
würde sich damit einverstanden erklären, die Dauer des Abkommens zu verlängern und möglicherweise aus 30 Jahre sestzusetzen, obwohl sie diesen' Zeitraum für zu ausgedehnt halte. Sie würde sich bereit finden, dem Abkommen gegenseitige Wirkung zu geben, obwohl sie dies nicht als eine unbedingte Notwendigkeit empfinde. Eine Militärkonvention würde sie a b- lehnen, ebenso die Ausdehnung der. Wirkung des Abkommens auf einen gegen Polen gerichteten Angriff. So werde voraussichtlich, erkläre man in dielen Kreisen, die Antwort der englischen Regierung auf die Vorschläge der französischen Regierung lauten, wenn die letzteren so ausfielen, wie man in London annehme. Diese Nachrichten verdienten allerdings auf Grund ihrer Herkunft eine gewisse Beachtung. Wenn man indessen Genaueres über die Antwort wissen wolle, die das Londoner Kabinett auf die Gegenvorschläge oder die Abänderungsanträge des Pariser Kabinetts erteilen werde, sei es doch geraten, abzuwarten, bis die Unterhandlungen, die am Dienstag oder Mittwoch im Foreign Office zwischen Lord Eurzon und dem franzö- schen Botschafter ausgenommen würden, die englische Regierung vor bestimmte offizielle Vorschläge gestellt hätten In der den Negierungskreisen nahestehenden politischen Welt erkläre man. der Ton. auf den' diese Verhandlungen abgestimmt sein würde, werde der gleiche sein wie der der öffentlichen Meinung in den letzten Tagen. Man müsse sich darauf qefaßt machen, be, der englischen Regierung große Zurückhaltung. aber auch den aufrichtigen guten Willen und die Überzeugung von der offensichtlichen Nützlichkeit des französisch-englischen Abkommens zu finden.
Lloyd George.
(Eig. Drabtbericht.)
1^' DVM, 24. Jan. gneivun
scn aus London besagen, soll demnächst zwischen Poincav
Wie Meldun
£ Io*, d Georg e eine Zusammenkunft bevorstehen r* Konferenz für die eine Bestätigung aus Pari:
i.pch nicht vorlag, tatsächlich stattfinden sollte, so würde fie ror allem der Revar a t i o n s krage gelten, sogar von einer An l er b tan De utschland wird gesprochen, wozu Frankreich der Hilfe Englands bedürfe. Auf jeden Fall aller muß noch eine Bestätigung aus Paris abgewartet werden.
Ein Brief Renaudels an Poincars.
. Y^M^.Varis 23. Jan. Renaudel. der bekannte lravzomche Sozialist, der gerade aus Deutschland »urückge- kehrt ist. bat an PorncarS einen Brief gerichtet, den er im „Povuloire veröffentlichen läßt. Er wendet sich darin gegen die Behauptungen PoincarSs in seiner Parlaments- r.tde vom Donnerstag, die Arbeiter von Heidenau in Sackten batten, nachdem, Renaudel vorbei in Heidenau gesprochen habe.-die Haubitzen versteckt. Renaudel erklärt, er babe nach dem Zwischenfall von Heidenau dort gesprochen. Die .Totlachen batten sich also vollkommen anders vollzogen als Doincarö sie im französischen Parlament mit- . geteilt balle.
Eraf Sforza für ein sranzösisch-italidnisches Bündnis. .
Hm. Baris, 24. Jan. (Havas.) Der ..Ercelstor" will willen, daß der neue italienische Botschafter in Paris. Brak Sforza. von der Notwendigkeit einer engen Vereinigung zwischen Frankreich und Italien überzeugt sei und diese praktisch und dauerhaft durch ein Bündnis gesickert leben nulle, äbnlick demjenigen, das jetzt zwischen Frankreich und England vereinbart werden soll.
Amerikas Teilnahme an der Konferenz von Genua.
. v. Washington. 24. Jan. (Eig. Drabtbericht.) Die italienische Einladung an die Regierung der Vereinigten Staaten zur Konferenz von Genna wurde im Kabinett abermals, erörtert, Ein endgültiger Beschluß ist noch nickt gekaut worden, weil erst noch die Berichte der Bot- ckafier Harren und Herrick aus London abgewartet werden sollen. Daß der.Beschluß für eine Beteiligung an der Konferenz lauten wird, kann man sicher schon daraus schließen, daß der Handelsstkretar Hoooer. der für Genua als Sauvt- delegierter m, Frage käme, dem Kabinett bereits das amerikanische Programm für die Konferenz auseinandersetzte.
Eine nationale Wirtfchaftskonferenz ich Amerika.
, ,IYT" B ' 24. Fan. (Drabtbericht.) Die .Times"
berichtet aus Washington, daß die von Präsident Harding gestern erösfnete nationale Wiistschaftskonferenz in ihrer heutigen Sitzung ssch mit der TT: o e ä i I di e n L a g e als einem der Faktoren, die zu der Not der amerikanischen Landwirtschaft beitragen, befassen wird
