Verlag Langgasse 21
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Donnerstag, 12. Januar 1922.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 19. ♦ 70. Jahrgang.
Die Bedingungen von Cannes.
Lloyd George füllt die spärlichen Pausen der Beratungen von Cannes dadurch aus, daß er seine Kollegen Briand und B o n o m i im Eolfspiel unter- nchtet, Bei dieser ebenso gesunden wie angenehmen Unterhaltung, bei der übrigens Herr Briand durch lernen Eifer und seine Zielstrebigkeit genau 'so wie im politischen Spiel mit Lloyd George auffallen soll, gibt £ s besondere Zwischenfälle. So wurde mitten beim Golfsprel die Depesche Ts ch i t s ch e r i n s überbracht, in der dre Sowjctregierung die Einladung nach Genua zur europäischen Wirtschaftskonferenz „mit Befriedigung" annkmmt. Eine ähnliche Depesche aus Washington wird noch erwartet. Wenn sie ebenfalls beim Eolfspiel eintreffen soll, müßte es aber bald geschehen, denn die Konferenz von Cannes wird nicht mehr lange dauern.
... Zwar find die deutschen Delegierten noch nicht „gehört . Aber nach den Erfahrungen von Spa und London wird man auch in Cannes das „Eehörtrverden" nicht mit eingehenden Verhandlungen verwechseln dürfen. Herr Briand hat bereits dafür gesorgt, daß die Alliierten vorher unter sich einig geworden sind, | eher sie Herrn R a t h e n a u und seine Begleiter „hören". Vielleicht mag es noch Einzelheiten geben, ln denen die Wünsche Lloyd Georges von denen | Vriands und Theunis' abweichen, weil die englischen Interessen sich doch nun einmal nicht völlig mit den französischen und belgischen decken: aber ein Anlaß zu ausgedehnten Verhandlungen hierüber mit den Deutschen wird das gewiß nicht sein.
. Die neuen Bedingungen sehen auf den, ersten Blick wie ein ganz erhebliches Entgegenkommen gegen Deutschland aus. Aber der Eindruck hält genauer Prüfung nicht stand. Zwei Milliarden Eoldmark m btefem Jahre aufzubringen, war sicher unmöglich: aber <00 Millionen Goldmark neben Sachleistung für 1250 bis 1500 Millionen Eoldmark dürften wohl ebenso unmöglich aufzubringen sein. Und dann alle die anderen Bedingungen! Sind es nicht augenblickliche Erleichterungen. die als schwere andauernde Lasten später um so härter drücken werden?
Zunächst soll Deutschland seine Einfuhrzölle nicht mehr in Papiermark, sondern in Eoldmark berechnen. In: Augenblick würde das bei dem gegenwärtigen Marksiand keine wesentliche Änderung der zur Er- . Hebung gelangenden Einfuhrzölle bedeuten. Wenn «der die Mark wieder fallen oder wenn sie erheblich Iteigen sollte, könnten sich Folgerungen aus der Gold- MMwandlung ergeben, die gar nicht abzusehen sind und ledenfalls das deutsche Wirtschaftsleben schwer beun- mhigen müßten. Die geforderte Erhöhung der Tarife m Post und Eisenbahn, die diese Reichsbetriebe ins manzielle Gleichgewicht bringen soll, ist bekanntlich bereits im Gange und teilweise schon durchgeführt. Spur den Augenblick würde also auch hier kaum eine beue Belastung fühlbar werden.
Ganz undurchführbar erscheint die weitere wichtige l? Forderung der Entente, daß Deutschland seinen Reichs- Mushalt in Ordnung bringen und gleichzeitig den ^ap'ergeldumlauf energisch einschränken oder möglichst i m Stillstand bringen soll. Als Hilfsmittel dazu wird bwe Änderung des Reichsbankllatuts verlangt, wonach • v;' es Institut von der Verpflichtung befreit wird, I^srzeit auf Verlangen des Reiches Schatzanweisun-
zu übernehmen und sie mit Banknoten zu 3?° fcf, len - Fast sieht diese Forderung so aus, als ob die Diente glaube, die Reichsregierung setze willkürlich ^ gar freudig die Rotenpresse in Tätigkeit, um .^Suchst viel Papiergeld auszuteilen? Das Gegenteil ^Natürlich richtig, und die deutschen Finanzleute k. r ^i beilfroh, wenn sie die Rotenpresse stillegen und §E» ^piergelduinlauf aufs äußerste beschränken könn- gehört aber vor allem die Stabilisierung ... . utschen Valuta, und die ist nicht möglich ohne ' | »„/Ofsche Mithilfe der Entente selbst und der übrigen «,„.°basschen Staaten. Ehe man die Ergebnisse der schon Wirtschaftskonferenz, . die erst im März t.* ? nickt aenan kennt, bleibt allo dis aaine an
"ssd Gehälter im Gefolge haben und den schlimmen .Kreislauf zwischen Teuerung und Papiergeldver- "tehrung neu beleben. Nimmt man hinzu, daß auch Milliarden für Verbilligung der Lebensmittel künftig nicht mehr zur Verfügung stehen werden, weil aus das Reparationskonto bezahlt werden sollen, dag aljo die Lebensmittel, insbesondere das Brot, erheblich teurer werden, so ist gar nicht einzusehen, wie das deutsche Volk überhaupt die neuen Bedingungen von Cannes tragen soll.
Alles in allem ergibt also ein Überblick über die bis letzt bekannten Bedingungen von Cannes vorläufig keinen Grund zu restloser Befriedigung. Gewiß haben ! me Gegner eingesehen, daß sie sich mit den Versailler Bedingungen ins eigene Fleisch schnitten. Sie suchen deshalb auf anderen Wegen zu ihrem Ziele zu gelangen. Aber ob diese anderen Wege nun auch solche lind, die Deutschland unbesorgt mitgehen kanst, darüber werden die nächsten Tage erst volle Klarheit bringen. Sicher ist heute schon, daß die nächsten Monate keineswegs sorgenfrei für uns sein werden!
Die deutsche Delegation in Cannes.
. Cannes, Jan. (Giß. Drabtbericht.) Heute früh wird der Oberste Rat das Vorgehen geregelt haben, nach dem er dre deutsche Delegation anhören will Die gemein- !ame Sltzung.rmt der deutschen Delegation wird erst am e stattimden. da die Verbündeten sich vorher
SP über die Bedingungen einigen wollen, die den Deutschen ,n bezug auf die Wiedergutmachung und die Garantien vorgelegt werden sollen.
Pariser Opposition gegen Briand.
„. ?• ^5"s- 11. Jan (Giß. Drabtbericht.) Wie aus glaubwürdiger Quelle bekannt wird, bat sich im M i n i st e r - Opposition gegen die Stellung Vriands in der rK» 8e ® er n 1 "duna der Sowietregieruna nach ® le französischen Minister wären in der Sr • (s.dah man von den Sowjets, bevor lile ernlade. verlangen Es daß sie cbrenwörtlich ver- sichern. die Bedingungen der Resolution vom 6. Januar an-
Stimmunä ™l in französischen Parlamenten, wächst die
O C0en ^Briand. Der Anhänger Clemenceaus ^erichie?^vb an den Ministeroräsidenten Briand
den letzten Erklärungen Briands in v.nb sturer Stellungnahme in Cannes ein demokratische Linke des Senats bat l iii cti -Brief ßn 33rtanb flctictitct, tn oom ftc ffm nu Energie bei den Verhandlungen in Cannes auffordert
Der englisch-französische Earantievertrag.
. ^ London. 11 . Jan. . (Drabtbericht.) Der Son-
derbcrichterstatter des „Daily Telegmvb" meldet die briti- >chen Bedingungen betreffs Angora. Tanger. Polen die ^nstrseeboo e und die Abrüstung zu Lande dürften n i ch t '5l."!Ell in den Wortlaut des englisch-fran. ?Ä!-^^i^.«'traas eingefügt werden Diese Fragen den Verhandlungen zwecks endgültigen ÄS- sckluhe- eines Earantievertrages zur Erörterung kommen.
Die Wirtschaftskonferenz.
1L 2an. (Drahtbericht.) „Daily Mail, meldet aus Cannes, auf den Vorschlag Tschi- 2?'lMaftskonferenz statt in Genua in London seontoortet worden, daß der Be- wc^der? könne^ ^ dieser Frage nicht geändert
London, 11. Jan. (Drahtbericht.) Reuter a s h i n g t o n. nach der gestrigen Sitzung mSJ? ?urde von maßgebender Seite erklärt, daß
fl} n ff* Entscheidung von seiten der amerikanischen Regierung bezüglich der Einladung zur Teilnahme an der Wirtschaftskonferenz in Genua |et v boflte die Einladung angenommen werden, so sei man der Ansicht, daß H o o v e r wahrscheinlich die amerikanische Delegation führen wird.
Das internationale Syndikat für den Wiederaufbau Europas.
.11. Jan. (Eis. Drahtbericht.) Der Oberste Rat bat dre Bildung eines internationalen Syndikats iowis nationaler Syndikate, die diesem angeglie- '°0en. beschlossen. Diese sollen den w i r t - a 111' E e n W x ede raufbau unternehmen, um die Zusammenarbeit aller Nationen bei der Wiederherstellung ,ss"^Mlen Woblitandes sicherzustellen. Der Organisationsausschuß umfaßt zwei Engländer, zwei Franzosen einen Belgier, einen Italiener und einen Javaner.
Die deutsch-polnischen Verhandlungen.
Br. Berlin, 11 Jan. (Eig. Drabtbericht.) Die deutsch- M Ul scheu Verhandlungen in Oberschlesien nähern sich ihrem Ablchluß. Die entscheidenden Abmachungen wer- den im Februar in Genf getroffen werden. In verschiedenen Punkten ist eine Einigung erzielt worden. Von beson- de.rer Bedeutung wird die Abmachung über die Währung C'M Da. die deutsche Währung in Oberschlesien gesetzliches Zabl-mgsmittel bleibt, muß ein Abfluß des deutschen E-ldes aus Oberschlesien vermieden werden. Bei den Arbeiter- ttagen ist die wichtigste die Anerkennung der Organisationen. Die Polen strauben sich gegen die Anerkennung. Sie ziehen nationalpolitische Erwägungen sozialpolitischen vor. In diesen tragen wird der Vorsitzende Calonder entscheiden müssen. Zur, Beratung der Frage der Minoritäisrechte wurde der trübere Aunenminister k Simons nach Oberin V"..berufen. In der Eisenbahnfrage bahnt sich eine Verständigung an. In Streitfällen soll ein neutraler Schiedsrichter entscheiden.
n - 2an. (Eia. Drabtbericht.) Nach einer „Matin -Meldung aus Warschau soll die polnische Dele- gation in Oberschlesien von der polnisch e n R e g i e r u ng angeblich angewwsen worden sein, daß sie bei den Verhandlungen. auf dem Rechte bestehen soll.dasdeutscheEigen- brV" m?»>.O0^rschlesien zu liquidieren. Falls diese. Meldung zutreffend sein sollte, würden die deutsch- volnv^n Verhandlungen in Oberschlesien in ein kritisches Stadium eintreten. da es für die deutsche Regie- rung namrgemah unmöglich ist. einer solchen Forderung zu- zustimmen.
Die Entscheidung der Botschafterkonserenz über die Deutschen Werke.
m verlim 11.. Jan. (Eie. Drabtbericht.) Der deutsche Botschafter in Paris bat am 10. Januar eine von Jules Cambon Unterzeichnete Note der Botschafterkonserenz er- die sich unter Bezugnahme auk den Notenwechsel über b'edMtschen Werke dahin.äußert, daß die Botschafterkonfe- renz die Maßnabmen der interalliierten Kontrollkommission in bezug auf die Deutschen Werke als begründet ansieht sie m?» F r t ste n festgesetzt werden in denen die U m itellung des Betriebes der Deutschen Werke eriolasn „ ^ nt !i,. um bk" Wünschen der Arbeiterschaft nach Möglichkeit ^s^s ^" Ebea Diese Umstellungen müssen jedoch been- b Ln fiw w. U Triften abgelaufen sind. Nähere Einzel- beiten über die Verfügung werden noch abgewartet.
Der Steuerdruck in Deutschland und in Frankreich
000 Min Deutschland WA. \v .srankreich nrir 4.9 Prozent, Gewerbetreibende desselben Einkommens ln Deutschland 11,8. in Frankreich 9.7 Prozent
10-b- in Deutschland'18,4 iäroz.' zahlen. Der Grund der Unterschiedlichen ^üi^stung ist darin zu finden, daß es Frankreich bisher nicht möglich war. eine wirkliche Einkommensteuer durchzusetzrm ^
Besuch der süddeutschen Staatspräsidenten in München.
Bt. München. 11. Jan. (Eia Drabtbericht.) Gestern dem Ä mer Schnellzug die süd-
soll, nicht aenan kennt, bleiot also die ganze an >» ^^I.^iverständliche Forderung, daß Deutschland iw" o"ianzen in Ordnung bringen soll, eine schöne die Unterschrift unter sie ein Zukunfts- """ dem keineswegs feststeht, ob er wirklich M.«>st werden kann.
ft Ct IT Trt - besondere Betrachtung verdient auch noch die ftp;r^ Tun /1 061 Voraussetzung der deutschen Kokjlen- fßrri.t. ßu J den Weltmarktpreis. Gewiß würde ibre Er der Abdeckung der Reparationen, beson ldkn ,!!Frankreich, zustatten kommen, das heute &of,rZ. eii niedrigeren deutschen Inlandspreis für * dezablen braucht. Aber diese erhebliche
Tenverteuerung würde bei uns in Deutschland Oerung aller Warenpreise und damft aller Löhne
besonders nur
Die Scheu vor der Verantwortung.
-r-n^^^rlin. 11. „Jan. (Eig. Drahtbericht.) Aus der f ^fh 1 d £r Bundschau erfahrt man. daß Eeheimrat W I e d- Eeneroldirektor der Krupvwerke. und Geheimrat ^ Generaldirektor der eine Einladung der
n/E^bchorung. in die für Cannes bestimmte deutsche Dele- nöutreten. a b g eIebnt haben. Diese Ablehnung Übren Blatt, sei wohl darauf zurllckzu-
0e die Übernahme einer Verantwortung scheuten -m Augenblick noch gar nicht ubersehen p-üpp'.s'I ^'ests unfreiwillige Geständnis muß einmal fest- Das sind immer dieselben Kreiie. die verspritzen können, daß zu wichtigen ^.^""dlungen. für Minister-. Botschafter- und Gesandten- vosten. die führenden Kräfte der deutschen Wirtschaft nickt pc-^mE^sen werden. die immer nur zu nörgeln wissen, daß okiin^n besser bestellt wäre, wenn man sie zur
f nJWttiatBeit beriete. Die aber immer im Augenblick.
ss!° LL oilt. aus Sckeu vor Verantwortung sich um die Mliarbelt drucken und dadurch der Mitwelt den Beweis eiluaten. wte sie es besser machen tßnnUn
zweitägigem Aufenthalt hier eingetroffen »u
Nachklänge zum Eisenbahnerstreik.
.. D.-ll. Berlin. 10. Jan. Gegen diejenigen Personen b '5 D?brend des letzten Eisenbahnerstreiks .sich S a b o t a g e-
mitteilt. ent.svrechend'den AbmachüngE wischen dem ^Reichs-
LL?»mL' T“iÄ 1‘fS 0 för««*««««'«
Zur Berhütung wilder Streiks.
E-rlin. 11. Jan. (Eig. Drabtbericht.) Wie die "ir X t mitteilt, haben Vorstand und Ans
chuß des Eesamtverbandes der christlichen Gewerk- s ck a s t e n von Ihrem Eeschäfisfübrer B a I t r u s ch den Entwurf einer Bereinbarung über ein gemeinsames Dor- geben wilden Streiks ausarbeiien lalsen. In diesem Esiiwiirf sind zur Verhütung wilder Streik- eine Anzahl Dichtl in i en festgesetzt. So wird verlangt, daß vor einer Arbeitsniederlegung alle Möglichkeiten zu einer friedlichen Einigung erschovlt werden müssen: weiter, daß Forderungen an dre Unternehmer erst nock Genehmigung der Zentraloor-, siande der betreffenden Verbände eingerricht werden dürfen Vor der Arbeitsniederlegung muß unter allen Umständen eme Gehelmabstimmung llattiiaden. Der Si-eik gilt nur dann als beschlossen, wenn von den in Fraae kommenden Mitgliedern der Organisatjuuen sich mindesiepn drei.Vierte! für ihn erklären. Streiks, bei denen diese Vor- schroien nicht eingehalien werden, gelten als wilde Streiks die von kewer Gewerkschaft sinanz-ert werden dürfen, auch' nimt aus Lokalkassen oder durch Sammlungen D»e aemerf. ickaftlich disziplinierten Arbeiter haben im Falle eine« solcken wilden Streils die Arbeit nicht einzustellen bezw loglenb wieder aulzunehmen. Das Blatt tei't mit daß auch die. Vertreter der Gewerkschaften sich mit diesen Rich§ lwlen arundiatzlich e.nnerstauden erklärten und nur einige kleine Änderungen verlangt batten.
Griffith Präsident des irischen Freistaats.
v. London. 11 Jan. (Eig. Drabtbericht.) Griffith wurde zum Präsidenten des Dail Eireann gewählt, de t Äc>mmer. gefolgt von feiner Partei. Die Wahl fiel daher einstimmig auf Eriflith. Dann wurde das Kabinett ernannt, in dem Collins Finanzminister wurde. Be, Erostnunn der Sitzung wurde eine Botschaft b ».? 5 . 11 »ft« s Detlefen. In der er seine Freude übe» di« Einigung Irlands mit England ausdrückt.
