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Donnerstag, 29. Dezember 1921.

Die Hoffnung auf Cannes.

W:e vor der Londoner Konferenz zwischen Lloyd lveorge und Briand macht sich auch jetzt wieder ange- ncyts der am 6. Januar beginnenden Tagung des Lbersten Rates in Tannes in der deutschen Öffentlich­keit em starker Optimismus. breit. Dieser wird da­durch begünstigt, daß die Reichsrrgierung über das im wejentuchen negative Ergebnis der Londoner Konfe­renz sowie über die fortgesetzt stattfindenden Repara- twnsberatungen des Kabinetts strengstes Stillschweigen beobachtet, sowie durch die Meldungen der Parisex Presse über Zugeständnisse gegenüber Deutschland, die der in Tannes vorzulegende Zahlungsplan enthalte. Im wesentlichen handelt es sich jedoch hierbei um . §^"IsiI?"6smache. Die französische Presse will nämlich die Öffentlichkeit gegen Briand scharf' machen, damit er um so zäheren Widerstand gegen Lloyd Georges Reparationsrevisionspläne leiste.

Über diese Pläne selbst steht nichts Näheres fest, und was darüber aus französischer und englischer Quelle in die Öffentlichkeit dringt, ist mit größter Vorsicht zu genießen. Man weiß nur so viel, daß in Cannes die Frage der Januar- und Februarzahlun­gen und möglicherweise auch die der Reparationslasten fiir das ganze Jahr 1922 geregelt werden soll. Be­kanntlich beträgt die Januarrate 500 Millionen Eold- mark und die Februarrate, die nach der 26prozentigen Ausfuhrabgabe berechnet werden soll, würde sich auf 325 bis 335 Millionen beziffern. Nach den Berechnun­gen der Regierung sind hiervon durch die bereits ge- tat.gten Sachleistungen etwa 200 Millionen Eoldmark beglichen. So viel man aus den Berichten über die Londoner Konferenz entnommen hat, will die Entente die auf Grund der Ausfuhrabgabe fällige Reparations­rate als abgegolten gelten lassen, und es scheint, daß man die £00 Millionen, die am 15. Januar fällig sind, bis zum 15. Februar stunden will. Aber auch an die- ,em Betrag fehlen noch weit über 100 Millionen Eold­mark, deren Beschaffung auf dem Wege der Devisen zu einem neuen Druck auf unsere Valuta führen müßte.

Diese brennende Frage wird also zunächst in Tannes geregelt werden müssen. Die englischen Sachverständi­gen - stellen sich auf den Standpunkt, daß der Verzicht auf 'einen Teil der Zahlungen leichter zu ertragen wäre, als die Fortsetzung der Zerrüttung nicht nur auf dem internationalen Geldmarkt, sondern im Zu­sammenhang damit (Dumping-Einfuhr) auf dem Weltwirtfchaftsmarkt. Nun berichtet der Londoner Vertreter des „Oeuvre" von wesentlichen Zugeständ­nissen, die England zugunsten Frankreichs zwecks Er­leichterung Deutschlands zu machen bereit fei. So «olle England angeblich seine Prioritätsrechte aus dem Abkommen vom 13. August abtreten und auf seinen Anteil an den deutschen Reparationszahlungen ver­zichten. Einmal sind diese Meldungen noch unbe­glaubigt. und zweitens würde es im Endeffekt auf das­selbe hinauskommen, ob Deutschland 132 oder 103 Eold- milliarden — nicht bezahlen könnte!

Weiter berichtet das genannte Blatt, daß England geneigt sei, auf seine Forderungen an Frankreich in vohe von 1-1 Milliarden Eoldfranken gegen Über- lajiung der deutschen Bonds der Serie 6 zu verzichten, wenn Frankreich auf die Räumung des linken Rhein- mers sowie die Verringerung der französischen Streit- krnfte zu Master und zu Lande eingehe. Was die Kon- stsiion Nr. 1, die Räumung des linken Rheinufers be- m ft, so wird man leider Briands Erklärung, daß Frankreich in Tannes auf keinen Teil seiner Earan- tren verzichten werde, hierauf beziehen müssen.

8. Im übrigen hat es fast den Anschein, als ob auch von englischer Seite angekündigten Geschenke Danaergaben seien, denn nach den Berichten der londoner Blätter wollen die englischen Sachverständi- 8en den Plan des Ersatzes der Geldleistungen durch die Sachleistungen in den Vordergrund stellen. Und zwar lob Deutschland danach 'nicht nur Sachleistungen für A" Jnnenbedarf Englands aufbringen, sondern auch olr dessen Exporthandel mit den britischen Kolonien. D'e Verwirklichung dieses Planes würde letzten Endes °'ner Übernahme des Welthandels durch England Michkommen, während Deutschland zum Lieferanten degradiert und sein Exporthandel vom Weltmarkt "usgeschaltet wäre, was gleichzeitig den Verzicht auf für „ns unentbehrlichen Devisen bedeuten würde. Ebenfalls gebt aus all dem, was man von der Kon- Trenz von Cannes hört, hervor, daß wir, wie ein-

& 8ongs betont, keinen Grund zum Optimismus haben, abgesehen davon, daß der Oberste Rat voraus- !ch nur über die dringlichsten Reparationsfragen Wscheiden wird. Die Lösung des Kernproblems, der ^eparationsrevision. soll der bereits in Aussicht ge­kommenen internationalen Wirtschaftskonferenz vor- «halten bleiben. .

Abend-Ausgabs.

Nr. 594. ♦ 69. Jahrgang»

der

Das Programm für Cannes.

(Eig. Drahtbericht.1 In Tannes e „ n m Übereilungen für die Konferenz getroffen.

Delegierte Harvey mit seinen Sekre- frmw.. bereits in Cannes eingetroffen. Am 1. Januar s. • .englischen Delegierten, am 4. und 5. Januar 8^5« öle übrigen: Franzosen. Italiener. Belgier und

-'»-Am 6. Januar wird dann die e r st e S i tz u n g Kf* 11 ' Man rechnet mit einer achttägigen Dauer der Konferenz. Insgesamt werden etwa 200 Personen erwartet. ,^ogdon, 29. Dez Reuter zufolge wird der Hauvtti.il Mission, etwa 20 Personen, am Sonntaz- stoch Tannes abfahren. Heute begeben sich Wor- Mngto» Evans. Sir Basil Blackett vom Schatzamt. Lord Inverrort.h. Sir Alan Smith. Sir Robert !5 rrl' Sir Tdward Greis und»Mr. Hichens xi, » re ? Staben nach Paris. Morgen und Samstag fin­den Konferenzen galt Die Gesellschaft trisii am Sonntag VI ^ aJ> n€S ettl - ® er Schatzkanzler kommt heute in Tannes ??• L" erwartet jetzt, daß die Konferenz von Tannes xi»* o e ‘t ^oge dauern wird, und es ist wahrscheinlich, daß die Z u s a m m e n k u n f t der A u ß e n m i n i st e r . ire Ilrir 113 obgebalten werden sollt;, mit der Zusammenkunft ron Cannes verschmolzen wird.

W.T.-B. Paris. 28. Dez. Wie der ..Temps" mitteilt, werden an den t e ch n i s ch e n Vorberatungen bei der Konferenz von Tannes, die unter dem Vorsitz Loucheurs bsst^Samstag :n Paris beginnen, auch Delegierte der italie- Nifcheil und belgischen Regierung teiln-bmen. Für Italien wird desten Handelsminister als Vertreter erwartet.

~ -rR z - London, 29. Dez. „Daily Telegravh" zufolge habe P^osibent Hardrng endgültig beschlossen, keine Wirt- > cya t tsro nferenz einzuberufen: dagegen werde er versuchen, vom Kongreh die Befugnis zu erhalten, eine R e g e l u n g s er alliierten Schulden zustande zu bringen. — Wie das Blatt außerdem schreibt, steht eine allgemeine Revision des Londoner Reva - ratrons-Zahlungsvlanes augenblicklich nicht aus dem Programm der Konferenz von Cannes. Dem wurde um im gegenwärtigen Stadium Frankreich bis zum äubersten widersetzen und möglicherweise auch Belgien. Der Oberste Rat werde in Cannes jedoch zu entscheiden haben, was Deutschlaitd in bar oder in Waren während des Jahres 1922, zu zahlen habe. In welchem Mähe Deutschland und Eowietruhmnd an'einer internationalen Konferenz für euro- voüche Wirtschaftsfragen teilnehmen und mit einem inter­alliierten Konsortium zusammenarbeiten würden, sei eine Frage, in der die A"übten der im Obersten Rat vertretenen Regierungen und Rationen wohl schwer in Einklang zu bringen seien. Es fei klar gemacht worden, dah Sowiet- ruhland auf jeden Fall zu der allgemeinen Konferenz nur eingeladen werden könne, nachdem es endgiiltioe Zusagen gegeben habe, dah in Zukunit seine Finanz- und Wirtschafts­politik geführt werde in Übereinstimmung mit den Grund­sätzen der zivilisierten Regierungen, ebenso bezüglich der Schulden, des Privateigentums, des internationalen Han­dels und der Handelsgeietzgebung.

Keine übertriebenen Hoffnungen.

Br. Berlin. 29. Dez. (E'g. Drabtbericht.1 Rach dem Eindruck, der sich aus den llnterbaltungen mit Vertretern der alliierten Mächte ergibt, kann bei aller Vorsicht die Folge- rnng gezogen werden, dah in Tannes vielleicht einiges zur Besserung oer wirtschaftlichen Situa­tion erzielt werden wird, aber bei weitem nicht ko viel, wie crnige Ovtimlsten glauben.

Beratungen alliierter Sachverständiger.

Dz. Paris, 29. Dez über den Zweck der morgen be­ginnenden Beratungen alliierter Sachverständiger au<- Handel. Industrie und Finanz schreibt der ..Matin", es handle sich um die Schaffung eines Konsor­tiums zur Wiederaufrichtung des Handels in Rutzlanv. Es sei ein rein privates Unterm-hmen. Die Regierungen wurden sich damit begnügen, das llnternehmest zu ermutigen und zu kont 'stieren Aber keine Staatrgekder würden dafür in Anspruch genommen. Die 21 m e r i k a n e r sollen, aufge­fordert werden, an dem Unternehmen, das sich nickt auf Rutzland allein beschränken, sondern auch auf alle Fragen sich erstrecken werde, die Mitteleuropa beträfen, teil- zunebmen. Auch den Deutschen werde ein« Beteiligung gleich der der anderen Erobstaaten angeboten werden, unter der Bedingung jedoch, dah di? Halste ves deutschen Nutzens zu Reparationszahlungen verwendet werde. Diese Kon­ferenz und dieses Konsortium mit Privatkapital habe nichts zu tun. mit der internationalen Konferenz zur Gesundung der Wechselkurse, di« anfangs Februar, vermutlich in Genf, stattfinden werde. An dieser Konferenz werde jedenfalls auch Rußland teilnehmen.

Erklärungen Loucheurs.

Dz. London. 29. Dez. In einer Unterredung mit einem Variier Vertreter der Erchange-Telegravb-Eomvany erklärte Louckenr. auf der Zusammenkunft am Freitag würden die nalienische und die belgische Regierung vertreten sein. Da­durch werde der Kern einer umfasienden O « nisation ge­schaffen. Später würden die Vertreter Deutschlands. Österreichs und der Tschechailowakei zuge.zoaen werden, und tieser ..Kern" werde früher oder später vielleicht einen Ver­treter der, Sowietregierung zutasien. Loucheur erklärte, die amerikaniiche Regierung werde selbstverständlich sehr ge­drängt werden, ebenfalls beizutreten, und sie werde hoffent­lich ibre Mitarbeit nicht versagen. — Laut Exchange Tele- araoh,deuten die Auberungen Loucheurs auf die Wahrschein­lichkeit einer sehr baldigen Einberufung der von Lloyd George . vorgeschlaaenen internationalen Konfe­renz bin.

Der Chef des Berliner Earantiekomitees nach Paris berufen.

x 3 ^ 3 ' ..Achtubr-Abrndblatt" teilt mit. Der Chef des Berliner Garantiekomitees, vaguenin, soll von der Revarationskommission nach Paris berufen worden und dorthin abgereist lein-

Rathenau in Parks.

o>e mve au? eme Aufforderung von autor ttoer Seite der Entente erfolgt. Zweifellos steht ne im Zusammenhang mit den Verhandlungen, die beute nachmittag in Paris zwücken der Reparationskommissiov und der deutschen Krtegslastcnkommisiion beginnen sollen. Laut „Voss. Ztg." wird Dr. Ratbenau in Paris nicht in offi- Muer amtlicher Eigenschaft und nicht im Auftrag der deut schen Regierung tätig sein.

Br. Berlin. 29. Dez. 1Eig. Drahtberickt.) Während sich Staatssekretär Fischer als offizieller Vertreter der deut- ichen Regierung in der französischen Hauptstadt aufhält. trägt Ratbenaus Besuch inoffiziellen Charakter. Man nimmt deshalb in hiesigen unterrichteten Kreisen an. daß Ratbenau nicht an den offiziellen Beratungen zwischen dem Staatsiekretär Fischer und der Revarationskommission teil- r-.ebmea, wird. Jedoch wird Rathenau mit der Reoarations- kommission in ständiger Fuhsimg bleiben. Man ist der An­sicht. dah von deutscher Seite im Januar beim besten Wille« nicht mehr als etwa 200 Millionen Mark gezablt werden können.

Erve Konferenz znr Wiederherstellung Europas.

D-. London. 29. Dez. Der Plan einer groben inter­nationalen Konieren.z zur Wiederherstellung Euro­pas unter Teilnahme Deutschlands und Rutzland» wird in der Presse ausführlich besprochen. Laut „Eoening Standard hat sich Rutzland dem Standpunkt der alliierten Rationen allmählich genähert. Es.besteht die Möglichkeit, das die Konferenz von Cannes zu einer Annäherung der Sowlet-Regierung sowohl an die Alliierten wie auch an dre Vereinigten Staaten führen werde.

Der ..Manchester Guardian" gibt in einem Leitartikel der Hoffnung Llusdruck. daß die Meldung über eine bevor« stebenoe Einladung Tschiticherlns und Litwinows. nach London »u kommen, im schlimmsten Falle verfrüht sei. Rutz- land und Deutschland — sagt das Blatt — halten die Schlusiel zu dem wirtschaftlichen Durcheinander in Eurova in der Hand, und Rutzland bat nach Ansicht vieler Leute den Hauvtschlüsiel in Händen.

„Pall Mall and Elobe" schreibt: England bat Ruh. laut»als Kunden nötig. Wenn England sich nicht beeilt, die oniziellen Beziehungen mit Rutzland wiederherzustellen, lo, wurde Deutschland das russische Wirtschaftsleben mit seinem eigenen verketten, den russischen Handel abhängig von „ch machen. England einen Kunden wegnehmen und sich ein

Monoool aus die russischen Rohstoffe sichern wird vielleicht^ innerhalb seines Kabinetts

Llond G e o i

gewärtigen haben.

dem Gedanken gegenüber.

Minister .... der Konferenz

Cburchill ..... cenz keineswegs

Geor . einen Kampf steht — wie es heitzt wohlwollend

g«

zu

Wilsons Memoiren über die Friedensverhandlungen.

X- D - Dez. (Eig. Drahtberickt.) Die Ankün,

drauna der.Verostentlickung der Memoiren Wilsons über die Panier Friedensverhandlungen in der „New Bork Tim«s z j'°ben sowohl in amerikanischen wie französischen und eng­lischen Kreisen größtes Aufsehen und größte Beftur- »ung bervorgerufen. Man. befürchtet anscheinend Ent- bullungen über Dinge, die bisher der Welt verborgen ge­blieben sind, da von keinem Teilnehmer des Rates der Vier irgend etwas aus den Variier Verhandlungen der Öffentlich, kcit vreisaegeben worden ist. Man erwartet, daß Wilsons nkwürdigkeiten in erster Linie eine Rechtfertiguntz ' von ihm befolgten Politik bringen soll. Da dadurch jedoch Interessen und aewisie Absichten verschiedener Kreise be- N-brt werden, so ist man eifrig am Werk, die Veröffentlichung bcr Wilionschen Erinnerungen zu erhindern. Da diese Ver­öffentlichungen jedoch bereits für die nächsten Tage anaekiin-

bißi sind,, erwartet man. dak sie nicht mehr rurückgebalten werden können.

Die Botschafterkonferenz für den Umbau der Deutschen Werke.

D. Daris. 29, De,. (Eig Drahtbericht.) Die Botschafter« konferen, beschäftigte sich gestern mit der Frage der Deutschen Werke. Bi§ letzt i,t der Vresie kein KommuniquS zu- geaangen. Es verlautet, daß die Entente nicht auf der Rieder- lesung der Deutschen Werke besteht, sondern dem Vorschlag des Generals Rollet entsprechend den Umbau der Werke unter der Voraussetzung gewisser Garantien ge- neomigt.

Kein eigenes Saarbistum.

29. Dez. (Eig. Drabtbertcht.) Auf dir beim unternommenen französischen Schritte um Schaffung eines eigenen Bistums für das Saargebiet hat der Heilige Stuhl eine endgültige ablehnende lntwort gegeben. __________

Die Personalveränderungen im Heer.

W. T.-B. Berlin. 28. Dez. Verschiedene Zeitungen bringen unter der Überschrift „Umfangreiche Perlonaloer­anderungen im Reichsheere auf Rollets Befehl^ zum Teil völlig unzutreffende Nachrichten. Zu den bevorstehenden Verionaloeränderungen teilt das Reichswehrministe- : ® lc Veränderungen betreffen zunächst einen im dienstlichen Interesse liegenden, nach und nach beabsichtigten Austausch von Hauvtleuten und Stabsostizieren. um die alten Verbaltnisir wieder herzustellen, daß im allgemeinen Hauvtleute die, Komvagnien uiw., Stabsoffiziere die Bataillone u!w. fuhren. Die im Frübiahr 1922 zu erwarten« den Verabschiedungen haben mit diesem Austausch nichts ,u

tresfcnden Notiz erwähnte wahrscheinliche Verabschiedung der Generale v. Hammer st ein und Müller beruht auf Beier Erfindung. Bon neuen Entlassungsforderungen des Generals Rollet ist im Reichswebrminifterium nichts be- kannt. Es ist deshalb auch nicht out möglich, dah di? " wabnten Verabschiedungen auf leinen Befehl »urüc '

Im.