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Donnerstag, 1. Dezember 1921.

Abend-Ausgabe.

Nr. 548. ♦ 69. Jahrgang.

Die Reparation der Reparationen.

Die englisch-französischen Beziehungen erleiden gegenwärtig eine Prüfung nach der anderen und haben schon seit einiger Zeit ausgehört, „lorbial“ zu sein. Statt einer Bestätigung des Darantiovertrages nom 28. Juli 1919 hat Frankreich eine Spannung seiner Be­ziehungen zu England erlebt, der die Rede Lloyd Curzons vom 24. November einen höchst beachtens­werten Ausdruck gab. Auch sonst hat sich England in letzter Zeit bemüht, seine Meinungsverschiedenheiten mit Frankreich deutlich zu unterstreichen. Neuerdings soll es die französisch« Regierung darauf aufmerksam gemacht haben, daß die Billigung des Wiesbadener Abkommens englischerseits solange nicht zu erwarten sei, bis die interalliierte finanzielle Übereinkunft non Frankreich ratifiziert sei. nach der England der Löwen­anteil der bisherigen Barzahlungen Deutschlands zu­fällt. Das Anaora-Abkommen hängt wie ein Damoklesschwert über dem englisch-französischen Bünd­nis. Kurz und gut. das gegenseitige Verhältnis ift gegenwärtig mehr als gereizt. In der deutschen wie in der türkischen, in der russischen wie in der Ab- Mtungsfrage klaffen überall Gegensätze, und man sieht klar, daß das Bündnis an innerer Kraft ver­loren hat.

Zu alledem kommt nun ein neuer Vorstoß Englands. Oder wenn man will, eigentlich drei Vorstöße. Es scheint festzustehen, daß das englische Kabinett der Ge­währung eines Moratoriums an Deutschland geneigt ist, und daß es die Absicht hat, eine solche Zahlungsstundung bei seinen Verbündeten in Vorschlag »u bringen. Gleichzeitig erfährt man. daß die Bot­schafterkonferenz am 2. Dezember zusammentreten wird, um sich mit einer englischen Note zu beschäftigen, die einmal auf die Aufhebung der militärischen Sank­tionen am Rhein, also der Besetzung von Düsseldorf, Duisburg und Rubrort. zu anderen auf die Vermin­derung von militärischen Kontrollorganisationen in Deutschland hinzielt.

Daß die militärischen Sanktionen immer noch in Kraft sind, ist ausschließlich Frankreich zuzuschreiben. Denn schon bei der Zahlung der letzten Novemberrate war ursprünglich nicht nur die Aufhebung der wirt­schaftlichen, sondern auch der militärischen Sanktionen zugesagt worden. England drängt jetzt auf Erfüllung dieser Zusage. Was die Kontrollkommissionen angeht, so ist in Artikel 203 des Versailler Vertrages ausge­sprochen. daß sie nur zur Überwachung derjenigen Ab- rüstungtzmaßnahmen in Deutschland zuständig sind, die zeitlich begrenzt sind. Da dieser Begriff der zeitlichen Begrenzung in den einzelnen Abschnitten über die Heeres-, Marine- und Luftabrüstung Deutschlands ge­nau bezeichnet tst. so ergibt sich, daß die Tätigkeit.der Uberwachungsausschüsse auf militärischem Gebiet nun­mehr als erledigt betrachtet werden muß. Wenn die interalliierten Ausschüsse zur Kontrolle der Stärke des Neichsheeres, der Marine und der Befestigungen' noch immer bestehen, so geschieht es offenbar, um die wirt­schaftliche Kontrolle auszuüben. Zum Beweise dessen braucht man nur auf die Haltung der Ausschüsse in der Frage der Dieselmotoren, der Deutschen Werke und der deutschen chemischen Industrie hinzirweisen. Zudem belasten uns diese Kontrollkommissionen so stark, daß sie auch zu ihrem Teil an der finanziellen Nieder­haltung Deutschlands Schuld tragen. Wenn also Eng­land tatsärblich eine Nermindervng dieser interalliier­ten Ausschüsse anstrebt, so wird gleichzeitig von deut- Icher Seite mit Nachdruck zu betonen sein, daß wir ein vertragliches Recht haben, sie zu fordern.

Daß die Frage eines Zahlungsaufschubs für Deutsch- Ed endlich in Fluß kommt, ist hauptsächlich der in England fortgeschrittenen Erkenntnis zuzuschreiben, daß auf bisherigen Weg« der Reparationsleistun­gen Deutschland völlig ruiniert wird, während die Alliierten davon nicht einmal einen Nutzen haben. Das verspürt England besonders stark. Den Verlusten, me der Verfall der deutschen Mark dem Handel und der Industrie Englands zufügt, steht als einziger und unsicherer geringer Gegenwert der Eingang deut- icher Barzahlungen gegenüber, die im Rahmen des englischen Gesamtstaatshausbalts eine verhältnismäßig »eine Rolle spielen. Aus dieser Lage ist es verständlich, wenn vornehmlich die Handelsherren der Londoner >-itp den Gedanken vertreten, an die Stelle von Bnr- ^eistungen Sachleistungen zu setzen. Es wird geplant, Deutichland für die Zahlungen feiner baren Verlfflich- u>Wen ein Moratorium von 2 bis 3 Iabren zu ge- « v £ n : während die Verpflichtungen zu Lieferungen Leistungen unberübrt bleiben sollen. Als Sicher­test dafür, daß Deutschland nach Ablauf des Mora, wnums feine Zahlungen wieder aufnimmt, wird eine Organisation der deutschen Finanrrpirtfchaft unter

interalliierter Kontrolle vorgeschlagen. Durch sie soll Verminderung des Papiergeldumlaufs und Bilanzie­rung des Reichshaushaltes erzielt werden. Regelung der Eisenbahntarife, erhöhte Einfuhrzölle, genaue Kontrolle der direkten und Einführung indirekter Steuern Über die gegenwärtigen hinaus werden als Mittel empfohlen, um den Reichshaushalt ins Gleich­gewicht zu bringen. Die Befürworter dieser Vorschläge, unter denen der englische Botschafter in Berlin, Lord d'Abernon, und Sir Bradbury gegenwärtig mit Rathenau in London noch verhandeln, versprechen sich vor allem aus einer solchen Regelung eine Stabi­lisierung des Markkurses und damit die Hebung der Kaufkraft des deutschen Volkes.

In Frankreich herrscht über diese Vorschläge und über das Verhandeln zwischen deutschen und englischen Finanzsachverständigen äußerste Erregung. Man be­tont, daß ohne französische Zustimmung keinerlei Zahlungserleichterungen für Deutschland zustande kommen können. Aber das ist selbstverständlich. Man wird auch darauf gefaßt fein müssen, daß Frankreich, wenn es durch die Not gezwungen wird, feinen Wider­stand gegen die englischen Pläne aufzugeben, die Siche­rungsforderungen noch erheblich steigern wird. Das alles kann jedoch den Lauf der Dinge nicht dauernd aufhalten. Nicht Wohlwollen gegen Deutschland, son­dern barte Notwendigkeiten im Interess» des eigenen Vorteils zwingen England und feine Alliierten zur Reparation der Reparationen. Sie wird nicht von heute auf morgen eintreten. aber sie wird kommen, weil sie unabweisbar geworden ist!

Die Frage der Stundung.

D. Paris, 1. Dez. (Cig. Drahtbericht.) Rach dem Bericht des Londoner Korrespondenten des „Temps" haben R a t h e n a u und fein Mitarbeiter am Diens­tagabend mit dem englischen Finanzminister Sir Robert H o r n e und mit dem englischen Vertreter in der Reparationskommission, Sir John Bradbury, eine längere Besprechung über den Bericht Bradburys betreffend die Frage der nächsten Reparationsraten, «habt. Der Bericht oder vielmehr die Denkschrift radburys sieht, wie bereits bekannt, zwei- bis drei­jährige Stundung vor, die aber erst nach Zahlung der Rate vom 13 Januar im Betrag von einer halben Milliarde Eoldmark oder sogar erst nach der Zahlung der weiteren Rate vom 13. Februar im Betrage von 275 Millionen Eoldmark in -Wirkung treten würde. Die Frage ist gestern im englischen M i n i st e r r a t zur Sprache gekommen. Über das Ergebnis der Be­ratung liegt noch keine Meldung vor. Immerhin scheint man der Auffassung zuzuneigen, daß die Stun­dung schon nach der Januarrate in Kraft treten soll, so daß also schon die Februarrate gestundet wäre. Man scheint es für ausgeschlossen zu halten, daß Deuffchland mehr als die 500 Millionen Eoldmark vom Januar aufbringen kann. So unvollständig die Anhaltspunkte über den Umfang und die Richtung der Londoner Stundungsbewegung vorliegen, so geht doch bereits mit Sicherheit hervor, daß es sich nicht um eine Revision der ultimativenLondonerReparationsbedingungen vom 5. Mai handelt. Die französische Aufregung, die gestern abend besonders in einem tragischenKassandraruf Da i n- vi lies in der „Liberty" zum Ausdruck kam. ist also nicht halb so begründet. Bis jetzt berechtigt nichts zu der Annahme, daß die Londoner Diktatforderungen Deutschland zu irgendeinem Teil erlassen werden sollen. Es handelt sich nur um eine Stundung. Trotzdem gibt man sich englischerseits alle Mühe, auch dieses bloße Stundugsverfahren den Franzosen mundgerecht zu machen. Der Londoner Berichterstatter des „Temps" legt besonders Wert darauf, festzustellen, daß man sich in London des Umstandes bewußt ist. daß der franzö­sische Staatshaushalt eine Modifizierung der Lon­doner Erfüllunosbedingungen nur schwer ertragen würde. Das Wiesbadener Abkommen, das den Fran­zosen fakultativ, das heißt nach ihrer freien Wahl den Ersatz für Geldzahlungen durch Sachleistungen grund­sätzlich möglich macht, dürfte aber englischerseits ins Feld geführt werden, um einem eventuellen Wider­stand der französischen Negierung gegen die Stundung einen vorsorglichen Riegel vorzufchieben. Die Fran­zosen werden indessen zweifellos infolge der gründ­lichen Erfahrung. die sie in den ätzten beiden Jahren mit deisi Possibilismns und Opportunismus eines Lloyd George gemacht haben, ihren Widerstand mit der Sorge verstärken, daß die Stundung, die nur aufgeschoben. aber nicht ansgehoben ist. doch den An­fan« vom Ende bilden würde, in dem Sinne, daß die

Ä Regierung später, wenn auch nach Ablauf i Jahren die Zahlungsfähigkeit Deutschlands nicht besser geworden ist. den generellen Verzicht auf die deutschen Reparationsschulden beantrage.

Das deutsche Moratorium.

Dz. Paris, 1. Dez. lDrahtbericht.) Nach dem Bericht­erstatter des .^Journal" in Berlin betrachtet man in Berlin die Gewährung eines Moratoriums als eine ge­regelte Angelegenheit. Der Moratoriumsentwurf stammt von Lord dAbernoon. der das Reichskabinett davon verständigte. Er zielt darauf ab. zwischen Deutschland eine Jntereffengemeinichaft zu gründen. aus der sich kväter nicht nur eine Revision der Revaratlons- bestimmungen. sondern auch der Bestimmungen des Vertrags von Versailles von selbst ergeben werde. — Man behauptet in Berlim daß R a t b e n a u in London ins einzelne gehende Dorschläge überreicht habe. England wäre gern geneigt, band In tzano mit der deutschen Industrie »um Aufbau von Rußland vorzugeben.

Dz. London, 30. Roo. „Daily News" berichten, daß die Londoner City ein Moratorium für Deutschland gut^ heißt.

Dz. Paris, 1. Dez. Wie der Berichterstatter des „Petit Journal" aus London meldet, soll der außerordent­liche Kabinettsrat. der in der Angelegenheit des deutschen Moratoriums gestern nachmittag stattfinden sollte, in letzter Minute abgesagt worden sein. Er werde nicht vor übermorgen abgehalten werden. — Dr. Ratbenau habe ein Moratorium von fünf Jahren verlangt, die englische Regierung weigere fich aber, ihren Delegierten ein Moratorium vorzuschlagen, das drei Jahre überschreite.

Dz. London, 1. Dez. Die in der englischen Presse über die Pläne der Regierung bezüglich der Reparations- frage verbreiteten Berichte lauten widersprechend. Laut gestrigem „Manchester Guardian" ist nicht anzu- nehmen, daß das Kabinett einem Moratorium mr Deutschland zustimme. Selbst wenn das Kabinett diesem Vorschlag zustimmen sollte, müsse er erst an die R e v a - rationskommission verwiesen werden, und es sei nicht unwahrscheinlich, daß die Revarationskommisiion ihn verwerfen werde, sei es auch nur wagen des Widerstandes

^aut^ „Manchester Guardian" wurde bei den gestrigen Konferenzen zwischen Rathenau und den britischen Finanzsachverständigen über die beste Methode beraten, durch die Deutschland seine Reparationen zahlen könne.

Der politische Berichterstatter der „Westminster Gazette teilt mit. man sei jetzt der Ansicht, daß ein M o rat orium nicht der beste Ausweg aus den Schwierigkeiten sei. Die Sachverständigen seien »Ar eine langfristige An­ke i b« . die ausgegeben werden tolle in der Form von Obligationen, die vom Völkerbund garantiert und in 30 oder 10 Jahren rückzahlbar seien. Man sei der Meinung, daß d>e Bezahlung der Revaraiionen durch solche langfristige Obligationen nickt den Nachteil haben würde, daß ste den Wech'ellurs in Mitleidenschaft ziehe. Dem Berichterstatter der .Westminster Gazette" zufolge sollen die Deutschen auch Pläne für ein internationales Zusammen­wirken bei dem Wiederaufbau Eurovas und Rußlands bereit haben, denen die amerikanischen Bankiers zustimmend gegenüberstehen sollen. ^ ^

Laut Reuter besteht Grund zu der Annahme, daß Rathenau bereits mehrere ingeniöse Pläne für ein Snstem der Zahlung in Waren, das auf Eng­land. Belgien, Italien und Frankreich anwendbar fei. vor- gibracht habe. Es wird mitaeteilt. daß die Londoner Reife non Sttnnes nickt dieselbe Bedeutting habe wie die Rathen aus. Die Kenner der Finanzsage Deusicklands unterstützten Reuter zufolge die von Churchill zum Ausdruck gebrachte Ansicht, daß. wahrend Deutschland nickt von seinen Bervllichtungen befreit werden dürfe, es wesentlich sei. daß die Handelsmaicktne wieder in Gang gebracht werden müsse und daß die Finanzen Deutschlands auf eine feste Grund­lage gestellt werden müßten.

Dz. Paris. 1. Dez. Der ..Matin" schreibt zu der Frage eines deutschen Moratoriums. Frankreich könne nicht z u l a s s e n. daß Zahlungsfristen ohne Komvenlationen.i daß Moratorien ohne neue Pfänder bewilligt würden undj daß «ine enalilch-deutsche Handels- und Ba"kkombinailon über die französischen Rechte und Interessen hinweg erfolge. Die französische Regierung werde die nächste Gelegenheit suchen um stck mit K l a r h e ' t vor ihren Alliierten und der öffentlichen Meinung der Welt auszulvrechen. In dem Artikel wird au» behauptet, daß der britische Delemerto Rradburv bereits innerhalb der R-naratianskommiffion Vorschläge für die Grundlagen seines Moratoriums gemacht habe, die aber keine Mehrheit gefunden hätten.

Die Garantien.

D. Baris. 1. Dez. (Eig DrahtberickO über die Na­tur der Garantien, die man enol'scherieits für die Stundung der deutschen Revaraiion«zc,hlunoen vorschsaiat. um das französische Mißtrauen zu beschwicktigen. . verlautet noch, daß die F'age der R e v a r a t» o n sb on s in London wieder ausgenommen wurde, die van den deutschen In­dustriellen zu gewährleisten wären Man geht dabei von dem Gedanken aus. cs lei sür alle günstiger, wenn Frankreich , B. an Stelle der Zwanoszablungen in Gold,, oder der Zwangslieiernngen in natvr» diejenigen Kaufe tätigen kann, die für den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete nötig sind, natürlich auf Kosten des Reicks. >

D. Paris. 1. Dez. lEia Drabtbericht.) In London soll S t i n n e s auch seinen Plan des Verkaufs der deutschen Siaatseisenbabncn auseinandero-setzt, haben. Die englisch« Regierung habe ibn aber darauf ausmerksam gemacht, daß sich die Berliner Regierung und die sozialistischen Parteien cinem solchen Verkauf widersctzten. Man habe Stinnes auch daraus aufmerksam gemacht. d"ß der wichtigste Grund für den Marksturz darin »u suchen sei. daß deutscherseits Kuvonr im Ausland unteraebracht und diese deutschen Kupons in fremden Devisen realisiert wurden. Englischerseits ist man der Ansicht, daß. wenn die Entente Deutschland eine Stun­dung gewährt, daran die Bedingung geknüpft werden müsU daß die gefährlichen Finanznraktiken Deutschs lands aushören müßten, daß das Reich energiich all einer Gesundung seiner Finanzen arbeite, und daß eine Interalliierte Kommission in Berlin eins kinanzieüe VäfceHDa&utfl »uMe.