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Mittwoch, 30. November 1921.
Abend-Ausgabe.
Nr. 546. » 69. Jahrgang.
Regelmäßige Konferenzen?
Es wird immer mehr zweifelhaft, ob von der Konferenz in Washington unmittelbare praktische Ergebnisse erwartet werden können. Die ursprünglichen Erwartungen des Präsidenten Harding waren bereits ziemlich herabgestimmt. als die Konferenz begann. Der Präsident war wieder abgekommen von dem Gedanken, die Lösung bestimmter politischer Probleme, nämlich derjenigen des fernen Ostens, in den Vordergrund zu stellen, um, sobald diele Lösung gelungen wäre, die Frage der Machtverhältnisse im Stillen Ozean aufzu- wersen. Jetzt wurde die Frage der Abrüstung zur See an erster Stelle auf die Tagesordnung gerückt. Die drei größten Seemächte — England. Amerika und Japan — hatten dabei ein gemeinsames Interests: Alle drei haben ste riesige Flottenbauprogramme von ihren Parlamenten beschließen lasten, und alle drei scheuen die Kosten, die der Bau von Uberdreadnoughts heute verursacht, wo Materialien und Löhne so teuer geworden sind, während die Finanzminister überall mit dem Defizit kämpfen. Eigentlich haben diese Flottenbauprogvamme nur Eventualdrohungen bedeuten sollen: Jede der drei Mächte wollt« zeigen, daß ste sich nicht zu einer Seemacht zweiten Ranges Herabdrücken lasten werde und fest entschlosten sei, um jeden Preis den Wettbewerb im Bau von Erohkampfschiffen durchzuhalten. Die amerikanische Anregung, diesen Wettbewerb einzustellen, mußte auch in England und Japan geradezu als Wohltat empfunden werden. Es war ja wesentlich eine Frage der möglichen Ersparniste. und das Programm des Staatssekretärs Hughes, nach dem Amerika den größten Verzicht bezüglich de« Baues neuer Großkampffchiffe leiste, ja begonnene Bauten wieder einstellen soll, klingt zwar großmütig, rauft aber eigentlich doch darauf hinaus, daß Amerika sich die größten Kosten erspart.
Volle Einigung Ist allerdings bisher nicht einmal 1 ,' e Einzelsrage erreicht worden. Hughes hat für Großbritannien, Amerika und Japan das Verhältnis von 5 :5 :3 bei der Tonnage der Großkamoffchiffs vorgsschlagen, Japan fordert etwas mehr, nämlich das Verhältnis von 10:10:7 fanstatt zu 6) und hält , r Wt. A^r das wäre keine unüberwindliche Schwierigkeit. Die Gefährdung des ganzen Planes der Abrüstung zur See rührt vielmehr daher, daß zwar Amerika und Japan ausschließlich mit dem Etarkeverholtnis der Flotten im Stillen Ozean zu rechnen haben, aber Großbritannien auch mit Europa rechnen muß. sofern die Freihaltung des Wegs nach Mdien m Betracht kommt. Eine deutsche Flott«, welche die Herrschaft über die Nordsee gewinnen könnte, qibr heute freilich nicht mehr, und auch die österreich'isch- Earis^e Flotte, die allenfalls im Mittelmeer eine £ > fr ttc lpi-len können, ijt vernichtet. Aber mit Flotten Frankreichs und Italiens ist zu Mindestens vereinigt würden st«, zumal wenn LMnd auf e,ne Bindung bezüglich des Baues Ichi»ller Kreuzer einginge, einen starken und bei Ver- SfffRT- E? fftnen Osten vielleicht überlegenen Machtfaktor rm Mittelmeer bilden, von dessen Beherrschung dann für England doch alles abhinqe. Und S Frankreich eine starke Unterseefkotte äusbaut fitzte sich England unmittelbar bedroht fühlen, selbst «enn es Italien an sich bände und bei der Mittelmeer- die englische Admiralität kein Zwei-Mächte- vtandard mehr in Betracht käme. Man begreift da- 1 schwerwiegend für England die Stellung- root - der jede Bindung Frankreichs 21 betreffs feiner Rüstung zur See ablehnt. Daher wahrscheinlich überhaupt kein ln^Eisier Beschluß Wer die Flottenbauten zustande- P* an wird bloß feststellen können, wo guter nsJJrt v S. T ^ att ‘^J t W und wo er fehlt, und wird die »acyste Gelegenheit abwarten, um weiter zu kommen.
Nicht viel anders steht es um die Lösung der prägen des fernen Ostens. Vergeblich versucht hierbei iar»»^'^Esche Politik, die hauptsächlich gegen ein Übergewicht in China gerichtet ist, um die li°»i "me Schwierigkeit herumzukommen, die darin 1*?^ Cljma in voller Revolution ist. Die Regie- « ®’ in Washington für China spricht, beherrscht, 2^,!N'litäris-^n Machthabern gestützt, lediglich die rdi'.chen Provinzen des großen Reichs. Aber Süd- erkennt die Autorität der Pekinger Regierung forS-, cm - Die gegenwärtige Situation ist nun ganz k>»+2’ diese Pekinger Regierung mit Japan ttrage geschloffen hat, die sie nicht mehr aner- und bei Amerika Schutz gegen Japan lilb,' .^udererseitv wenden sich die Sridchinesen. deren M^d« Männer in Amerika ihre Bildung erhalten kn Amoralische Anschauungen angenommen haben, ^.dt« Regierung und das Volk der Vereinigten «w fordern UuabLLa gig kett von dürr «Ui»
tärischen Machthabern in Peking. Es ist sehr begreiflich, daß Japan diese Situation ausnützt, aber auch England, das seine Machtsphäre in Südchina hat, kann nicht mit der Pekinger Regierung unter Nichtachtung der südchinesischen Unabhängigkeitsbestrebungen verhandeln. Wenn dennoch in Washington Verhandlungen geführt werden, bei denen die Regierung von Peking wie eine unbestrittene Autorität austreten darf, so geschieht es offenbar, um für Opfer, die man allenfalls auf amerikanischen Wunsch bringen will, Vorteile herauszuschlagen, die ein erstarktes, wieder geeintes China künftighin schwerlich gewähren würde. Es wird jedoch immer wahrscheinlicher, daß man dabei zu nichts Greifbarem gelangt und endgültige Beschlüsse wird vertagen müssen, um abzuwarten, bis sich die inneren Verhältnisse n China klären.
So legen die Probleme der Abrüstung zur See und jene des fernen Ostens den Gedanken nahe, nächstes Jahr eine neue Konferenz nach Washington einzuberufen. Aber weil die Zusammenhänge weltpolitischer und europäischer Fragen schon bei den gegenwärtigen Beratungen eine großeRolle gespielt haben, laßt sich auch der Gedanke nicht abweisen, die Zahl der Beratungs- gegensötze zu vermehren und di« Konferenzen in Washington alljährlich, regelmäßig abzuholten. Mehr als bei den Verhandlungen des Genfer Völkerbundes, der nicht einmal neue Kriege, wie den polnischen gegen Rußland und den griechischen gegen die Türkei, verhindern konnte, wird bei solchen Konferenzen gewiß herauskommen. Selbst ohne praktische Ergebnisse sichert die Bereitwilligkeit zur Diskussion jedenfalls den Frieden?
Hardings Plan.
v. London. 30 Rov. (Eig. Drahtbericht.) Präsident Sarding bat den ausländischen Delegationen offiziell den Vorschlag gemacht, die gegenwärtige Konferenz in ein« v e r - manente und alliäbrlick« umzuwandeln. Der Dailn Telearaob" erfäbrt aus Washington. daß der neue Plan des Präsidenten Sanding dabin gebe eine freie Vereinigung der Völker zu bilden, und zwar nickt aus der Grundlage des Verkailler Vertrags, sondern aus der Grundlage des Haager Abkommens. Es erscheine iedoch ausgeschlossen. daß diese Konferenz vor 1922 im Haag (?) »u- kummentreten könne. _'_
Die Einladung Deutschlands nach Washington.
Dz. Paris. 29. Nov. Der Sonderberichterstatter der Havavagentur in Washington hält e» für möglich, dah L i v i a n i. wenn Beschlüsse über die Abrüstung zur Sec bis dabin Zustandekommen, am 14. Dezember die Rückreise antreten und es dem französischen Kolonialminister San aut überlassen werde. Frankreich in den Fragen des Fernen Ostens zu vertreten, in denen noch keine Beschlüsse gekaht wurden. In englischen Kreisen in Washington glaube man nicht an das Gerücht, dah Lloyd George »ur Teilnahme an den Verhandlungen erscheinen werde. Die Tatsache, dah der französische Finanzsachverständige C b a y s s o n mit Briand. abgereist sei. beweise, daß die interalliierten Schulden von der jetzigen Konferenz nicht besvrochen würden. Ebensowenig denke man in Washington an eine be- oorstebende Zusammenkunft der deutschen Delc- irrten mit den Vertretern in Washington. Präsident a r d i n g habe Lffiziell keinerlei derartige Absicht
es natürlich, ihr weitere Konferenzen folgen zu lassen, um die anderen Streiffragen zu regeln. Und wenn Deutschland dabei interessiert wäre, so könnte es etngeladen werden. Es handle sich allo. fährt der Berichterstatter fort, um eine Hypothese und nicht um einen Plan. Im übrigen würde die französische Delegation es ablehnen, «m gegenwärtigen Zeitpunkt in Washington mit den deutschen Vertretern zu- sammenzutrefsen. Ihre Teilnahme sei nicht vorgesehen norden, und die bis jetzt erörterten Fragen berührten die Deutschen nicht: denn die Abrüstung Deutschlands zu Wasser und zu Lande sei ebenso wie seine Stellung im Fernen Lsten durch den Versailler Vertrag bestimmt worden. Es bleibe die Revarationsfrage. Bis ietzt sei Ne als t-ne rein deuffch-französtsch« Frage, mit Deutschland als Schuldner und Frankreich als Gläubiger, betrachtet worden. ffZrnn künftig die ganze Welt sich als interessiert an ihrer klung betrachte, so müsse sie dafür auch die Mittel zu ihrer Lösung finden und sich am Risiko beteiligen. Nur wenn Frankreich solch« Garantien geboten würden, könnte es an lie Möglichkeit einer derartigen Verhandlung denken, und auch dann nicht, ohne zuvor die Grundlagen und den Rahmen der Verhandlungen festgestellt zu haben.
Dz. New Bork. 29. Nov. (Durch Funklvruch.) Die Associated Preß meldet aus Arlington: Viviani
vrach in einer Rede über die Möglichkeit, ob Deutschland später an der Washingtoner Konferenz tetlnehmen könnte, und sagte, er könne nicht sehen, welche Fragen unter den Berotungsgeaenftänden Deutschland beträfen. Es könne kein besonderes Interesse daran haben, in Washington verirrten zu sein, da seine Land- und Seerüstung durch den riedensvertraa von Versailles festgesetzt sei und da diese onferenz die Revtston nicht in Erwägung ziehen würde.
Abreise Lloyd Georges am 10. Dezember.
D. London, 30. Rov. (Eig. Drahtbericht.) Die „lim»" melden, daß die Abreise Lloyd George» mich SBa&iiiöfcm tun KJ. Dezember Mttfindezr mutz.
Die Fortführung der Kredilatton.
, Br. Berlin. 30. Nov. (Eig Drahtbericht.) In der gestrigen Sitzung des Reichsausickusses des Reicksverbandes der deutschen Industrie erstattete Hugo > t > n n e s über seine Londoner Besprechungen Bericht. An der Ausivrache nahmen auch die Mitglieder des Reichsver- bandes teil, die in den Ausschuß zur Prüfung der Frage der
S Sanierung der Rcichseisenbahnen gewühlt worden waren, an kam uberein. dab Eeheimrat Büchner, der Eeneral- T . e J a f des Rerchsverbandes der deutschen Industrie, zum nirichskamler entsandt werden soll. Dr. W i r t h batte sich e l m fi er ^it mit Vertretern der Wirtschaftskreise darüber unterhalten, eine aus Mitgliedern der Industrie und der mnanz gewählte Kommission von sechs Herren zu bestimmen. ?K mit englischen und amerikanischen Wirtschaftskreiien über
Cif Jvffnittl’Orttf !n irtfl (CLrtf<At*w*<t4
ift Die Kommission selbst soll von Dr. Wirth bestimmt we<- ?i* Verhandlungen mit dem Ausland sollen also fort- gefubrt werden. Den deutschen Industriellen kommt es nicht den Kredit für den 15. Januar an. sondern vor i5a ( au f\ einen neuen Zahlungsmodus zu finden, wir nicht nach diesem Termin alsbald wieder in die Eiche. Notlage geraten. Über die Wege, die dazu führei P™ 1 '.">" London ausführlich aelvrochrn worden. Da, t !lr. r protze Hindernisse zu überwinden sind, versteh! um von leibst.
Rathenaus Londoner Besprechungen.
h I sR n $ 5c q I *? , <. 80 v 3 ? 0 ?- ®^! e der Londoner Korrespondent "I 'L^-Ztg. -rfahrt. hab-n zwischen Dr. R a t h e n a u und dem Direktor der Bank von England. Sir Robert Finders l a y. zwei Konferenzen stattgefunden. Weitere englischen Finanzfachmännern und Ä i" vir Robert Horne sollen stch unmittelbar animliekien. Der Korresvondent hält es für möglich dass Ratbenau auch mit Lloyd George Zusammentreffen wird.
«,,»nL„?.^'-'L0^Nov. (Eig. Drahtbericht.) Die ..Tägl. ^undschau bemht nch mit der Reise Dr. Walter Ratbenau» n \ i aflt '- "^mobl Ratbenau als P ri vat- ^ach London ging, habe die Reise insofern voli- ti scheu Eba rak ter. als Ratbenau von ihrem Ergebnis Sinne seinen Wiedereintritt i n das machen werde. Ratbenau dem Proolem der „Erfüllung wesentlich ikevtiicher t!,lJ\¥r e h?% en 9l r und würde nur dann die Äerantwor- tunn °ur die Fortietzung der Wlrtbschen Politik übernebmen "f?n «r den Eindruck gewänne, dah die deutsche Wirtschaft mit Hilfe des Auslandes durch langfristige Kredite und An- kommen vor dem drohenden Ruin'gerettet werden könnm
Weinberg und Mendelssohn in Paris?
sn3 ^ r ‘ 6 ’ , 30 : Nov. (Eia. Drahtbericht.) Die
Ausgabe der „Chicago Tribüne" behauptet zu wisse^ daß der Berliner Bankier Mendelssohn ind Herr v. Weinberg aus Frankfurt in Paris ^'^kü,^"^innes-Plän eines englifch-amerikanisch- ranzostsch-deutschen Wi ederaufbaukontraktes ur Rußland der frai^ösischen Regierung vorzu- GL7v?«rzu. kann die „B. Zff feststellen, daß der Cbef des Berliner Bankhauses Mendelssohn nicht nach Paris gereist ist, sondern sich in Berlin befindet Br. Frankfurt. 30. Nov. (Eia. Drahtbericht.) Wie wir aus hiesigen informierten Kreisen hören, ist die Mell>ung der Pariser Ausgabe der ..Chicago Tribüne" insofern richtig, als Herr v. Weinberg gegenwärtig > n Paris weilt, llber den Zweck der Reise wird an hiesiger Stelle Stillschweigen bewahrt.
Wiesbadener Abkommen und Reparationen.
l.Ei». Drahtbericht.) Der ..Daily Telearaph meldet, dah W letzt« an Frankreich gerichtete britische Rote über die Revarationsfrage nicht nur di« ^"« stelle, wann ff-ankre'ch bereit kein würde, die Inter- alliierte finanzielle llbereinkunft vom 13. August ,n roti» die Rote auherdem läge, dah die Billigung de« Wiesbadener Abkommens ko lange nickt zu erwarten lei. bi- die interalliierte finanzielle Übereinkunft ratifiziert ist.
Die Zahlungsfähigkeit Deutschlands.
m Ä®”«* _ s ?; .«.Das ..Journal" dementiert die Nackrickt der ..Daily Maill. die ftanzostf^en Sachverständigen teilten über die Zablungsiäbiakeit Deutsch, lands di« Anstcht Bradbnrv«. Die französischen Sackver-
ftondiaen alaublen und b^stutiatpn daft die denls^e R-aie- runa die notwendigen Mittel für di« Zadliinaen finden konnte. Man müsse affa annebmen. dah Bradbury schlecht
unterrichtet sei. Die Frag« des M o r a"t oriHs sicher nächsten« gestellt werden.
werde
Ein« esglische Rote über die Aufhebung der Rhein» sanktionen.
D. Paris, 30. Nov. (Eig. Drabtbericht.) Auher den beiden Noten über die Differenz, die der Vertrag von Angora bervorgeruken bat. und über die Rüstungsbeschränkungen ist laut ..Temvs" noch eine Rote an die Botschafterkonferenz geschickt worden, in welcherEngland emokieblt. die Sanktionen am Rhein aufzuheben und die Organisation einer beschränkten Kontrolle über di« deutsch» Entwaffnung zu vrüsen.
Dz. Pari». 30. Rov. Einer Nachricht d»» ..Petit Journal" infolge wird sich die V o t s ch o f t e r k o n f e r e n z am
