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Mittwoch, 23. November 1921.

Stinnes.

Wer ist der Manu, der jetzt in London, von niemand beauftragt, aber sicher von Plänen weitreichenden Um­fanges durchlebt, Verhandlungen anspinnt, auf die die Augen der ganzen Welt gerichtet sind? In aller Munde ist der Name, aber in wenigen nur ist eine klare Vorstellung über Wesen und Bedeutung seines Trägers. Von der Parteien Hatz und Gunst verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der.Zeitgeschichte, und die Fäden, die von dieser Persönlichkeit nach allen Be­zirken des deutschen Wirtschaftslebens und weit über seine Grenzen hinaus auch ins Ausland reichen, sind so versträhnt und sind zum Teil so unsichtbar, daß alle Begriffe, die sich an diesen Namen ranken. Gefahren laufen, sich mit fast mythologischen Inhalten zu er­füllen.

Stinnes ist die Amerikanisierung unserer Wirtschaft, der schärfste Exponent jener Entwicklung, die mit eherner Sicherheit zu immer gewaltigerer Konzentra­tion der gesamten Wirtschaftsgewalt in den Händen «Niger weniger führenden Köpfe und Vermögen hin- zuleiten scheint. Mit 50 NNO M. gründete Huyo Stint,es seine erste Gesellschaft. Es war eine Rhein-Echlepp- schjffahrtsgesellschaft, die sich, wie schon .vorher die Familie Stinnes, hauptsächlich mit Kohlenverfrach­tung befaßte. Und ebenso wie das Familienstamm­haus, gelangte auch er vom Kohlentransport sehr bald zur Kohlenproduktion, kaufte Zeche nach Zeche auf und entwickelte sein Unternehmen schon vor dem Krieg zu einem der bedeutendsten Bergwerksunternehmen Rheinland-Westfalens. Von der Kohle schritt er zum Eisen vorwärts. Er sicherte sich die Aktienmehrheit der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerksgesellschaft, die neben der Gewinnung des Roherzes auch seine Ver­hüttung und Weiterverarbeitung in Gieß- und Walz­werken besorgte. Daneben erfolgte die Weiterentwicke- lnng der Verkehrsunternehmungen, die schon vor 1934 zur Gründung einer eigenen Schiffahrtsgesellschaft führte. Gleichzeitig streckte er seine Arme nach der Elektrizitätsindustrie aus und gründete die Rheinisch- Westfälische Elektrizitätsgesellschaft, deren Kraft- erzeugung heute fast ganz Rheinland-Westfalen mit elektrischem Strom versieht. Der Krieg brachte allen diesen Unternehmungen einen unerhörten Aufschwung. Und wenn nach dem Zusammenbruch ein Teil der Roh­stofflager und Hüttenwerke, die in Lothringen und Luxemburg lagen verloren ging, so hemmte auch das nicht die gewaltige Ausdehnung der Eesamtunter- nehmung. Die große Fusion mit Eelsenkirchen wurde vollzogen und damit ein Wirtschaftsführer von den Ausmaßen Emil Kirdorfs den Stinneskonzernen unterworfen. In der Elektroindustrie folgte die An- oliederung des riesigen Slemens-Schuckerts-Konzernes. Äus den Wäldern, die zur Gewinnung des eigenen Grubenholzes aufgekauft worden waren, entwickelten sich Aelluloise- und Papierfabriken. Diesen wurden eigene Zeitungsunternehmen aufgesetzt, während sich im Verkehrswesen die Gründung einer neuen Groß- schiffahrtsgesellschaft vollzog, die ihre Ausläufer wie­derum in einer großen Hotelbetriebsgesellschaft fand.

Heute steht der Stinnesblock, obwohl noch immer in fortgesetzter Ausdehnung begriffen, als der einzige absolut in sich geschlossene deutsche Dertikaltrust da ein Unternehmen, das seine eigenen Rohstoffe bis in die feinsten Spitzen selbst weiter verarbeitet und ver­treibt und das sich für alle Produkte, zu deren Her­stellung es sich veranlaßt sieht, sofort die dazu not­wendigen Rohstoff- und Halbstoffgrundlagen schafft. Die Macht des eigentlichen Herrn dieses Blocks, die Macht Stinnes' selbst, wird nach der Geldseite hin sicher oftmals überschätzt. Ob Stinnes selbst ein Milliardenvermögen besitzt, ist fraglich. Aber sicher ist, daß er Milliarden beherrscht, mittels jenes Finanzie- rungsfnstems, das uns die Amerikaner gelehrt haben, eines Systems, in dem es für den Herrfchwilligen Aur notwendig ist, einen gewisien Bruchteil. jedes Aktienkapitals in seinen Händen zu halten, währeild der Rest von der großen Masse des tributären und

von nett Entschlüssen dieses ajiumre» >»» 1 « «m bos Schicksal der Unternebmungen selbst ab, sondern das Schicksal Tausender von Aktionären und Spekulanten, das Schicksal ganzer Berufsstände, in denen er sich monopolartige Stellungen gesichert, und vchicksal von Hunderttausenden, ja vielleicht von Millionen von Arbeitern.

Als eine Wirtschaftsmacht und Wirtschaftskapazttat von fast beispielloser Stärke tritt Hugo Stinnes m London den Instanzen gegenüber, mit denen er Ver­handlungen fsibren will. Entspricht dieser Fähigkeit auf dem wirtschaftlichen auch eine gleichgroße Fahrg- m aus dem politischen Echiet? noch kKintz

Morgen-Ausgabe.

Beweise dafür. Hugo Stinnes, dessen kaufmännischer Blick über alle Zweifel erhaben ist, hat politisch sicher­lich oft geirrt. Es scheint, er ist allzu sehr gewohnt, als Macht aufzutreten, als daß es ihm gelingen konnte, die gerade Linie seines Verfahrens in die krause Ornamentik der Diplomatie umzubiegen ferner dürfte ihm oftmals der Sinn für das Psychologische, der in der Politik so oft enthalten ist, abgehen Das bat in Spa zu so heftigen Widerständen gegen ihn ge­führt und das nimmt ihm auch innerpolitisch so viel von dem Kredit, den er durch seine Bedeutung sur Deutschlands Wirtschaft und auch durch sein per>on- liches Verhalten feinen Arbeitern und Angestellten gegenüber sonst sicher verdiente. Daneben wag e manchem der Engländer, mit denen er es letzt P i hat. als Konkurrent oder als Exponent der konturrl..- renden deutschen Eesawtwirtfchaft unsympathisch se und auch dies mag feine Stellung noch ' wehr c - schweren. Es ist also sicher keine Triumvbfahrt. die Hugo Stinnes jetzt angetreten hat. Aber dieser Mann, wiewohl er in manchen Dingen irrt, weiß tm meinen doch sehr genau, was er tut. Wenn er nach London gefahren ist. so werden wohl Grunde bestehen, die ihm einen Erfolg dieser Fahrt als möglich scheinen lasten!

Stinnes Absichten für London.

buTtrie und bet englische ^remteminmet Bettits nett«« trte Aussprache gebäht haben. Der Reichskanzler und aum me <5eroerfi*aften bilrrten über ben Zweck bei Retle vnnnes

Unt *Dz ilf SoÄ 21. Nov (Havas.) Die ..Morning Bost" erwähnt bie aus beutlet Qu-Üc stammende M°ldnng, nach melier Stinnes die Absicht baden soll, ein Abkommen mit Enaland und den Vereinigten Staaten zustanbezubringen für eine Art o n b e I s f o I o n 1 5 a 11 o n in R u bland. Sie flirrt fort sie erfahre aus der gleichen OueNe dab der deutsche Großindustrielle. von seiner Bartel unterstützt. limtntt der Absicht trage, bas ganze System der Transportmittel und Verbindungen in Mittelenro^a mrt England und den D r- cmigten Staaten wieder berzustellen. Immerbin sei zum Er­folg dieser Absicht ein Moratorium notwendig stn d,e Zabluna der Reparationen. Die Zeitung 'ft der Ansicht, dah diese Absichten, wenn sie auch nur, Handelsanoelegenberten beträfen nur zur Ausfübrung «ebrackt werden konnten, wenn ein volitifckes Abkommen zwischen DeAtschlanb und England mit der stillschweigenden oder ausdrücklichen Zu­stimmung der Vereinigten «tagten zustande käme. Die Zei­tung will nf*t glauben, daß England geneigt sei. einen bet? artigen Vorschlag auch nur in Betracht, zu »leben da er na» Ansi»t des Blattes gegenüber Frankreich nicht f-br aufrichtig wäre und vielleicht das Ende der Freundschaft- lfchen Beziehungen Grohbcttanniens mit seinem Ver­bündeten bedeuten könnte.

Zuver ichtlich» Erklärungen des Reichs­kanzlers im St u^ra»^ schütz.

Sr Berlin. 22. Nov. (Eig Drabtbericht.) Reichskanzler Dr Wirtb gab in der beutigen Sitzung des Steueraus- ickusies des Reichstages seine bereits mehrfach angekundigten Erklärungen ab. die erfreulicher Natur waren, und die Revaration-frage sowie die Kredit - a k i i o n ausführlich behandelten. Der Reichskanzler svrach sich gegen kurzfristige Kredite ans. die ruinös auf unsere Valuta einwirken mühten, und sprach die Hoffnung aus. dah es zum Abschluß einer langfristigen An­leihe kommen werde.

Ein längeres Moratorinm nach Zahlnng der Zanuarrate.

Sr. Berlin. 22. Nov (Eig. Drahtbericht.) DieB.. Z." erfährt »um Scheitern der Aktion Dubais'wegen der ultima­tiven Warnungsnote an Deutickland. daß es in Berlin zu einer vollständigen V erft ü nd i g u n g rw i icb en d en englischen und amerikanischen Mitgliedern inderdeutschen S i nanzfrage gekommen ser. Rach dem genannten Blatte svll-n von, bteier Seite E rk I a - r u n g e n gemacht worden sein, dre die Aussicht auf ein längeres Moratorium nack Erfüllung der Ianuar- iind Februar-VervfliLtungen wesentlich konkreter ge­stalteten.

Verhandlungen über die Kredrthilfe.

Sr. Berlin. 22. Nov. (Eig Drabtbericht.) Me wir er­fahren. haben am Samstag Verhandlungen zwilchen Vertretern der Industrie, der Landwirtschaft, der Banken, des Handels und des Handwerks in der Angelegenheit der Kredit- hilfe ktattgefunden. _

Reise Stegerwalds nach Amsterdam.

Br. Berlin. 22. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Auf Veranlassung des Deutschen Eewerkschafts- b u n d e s reist heute abend Ministerpräsident a. D. Stegerwald nach.Amsterdam, um in einer großen öffentlichen Versammlung über die politische und wirt­schaftliche Lage Deutschlands zu sprechen. Die Ver­sammlung ist als eine Gegenaktion gegen die französische Propaganda gedacht, die sich in der letzten Zeit in Holland besonders stark verbreitete und erst kürzlich in der Rede des Marschalls Fach ihren Aus- tzvuk sarrtz. -

Nr. 533. 69. Jahrgang.

Die Ergebnisse der Mission der RepFrationskommisston.

Dz. Baris. 21. Nov. Wie der ..Temvs" mitteilt, wird der französische Delegierte und Vorsitzende der Nevarcittons- kommiision Louis D u b o i s beute nachmittag vom Präsiden- ten M i l l e r a n d und dem zeitweiligen Ministerpräsidenten Be n n e v a «empfangen. Er wird ihnen die Ergebnisse der Mission der Reparationskommission in Berlin auseinander- setzen. Der ..Temvs" glaubt behaupten zu Tonnen, datz ent­gegen gewissen Nachrichten die Mitglieder der Reparations­kommission darüber einig gewesen seien, von Deutschiano die Regelung der nächstfälligen beiden Zahlungen am lo. Januar und am 15. Februar in vollem Umfang und zum teit- gesetzten Tage zu verlangen. Es sei jede DiskuNlon mit der deutschen Regierung hierüber ebenso wie über die Möglichkeit einer Revision des Zahlungsstatutes nach Ablaut der beiden Fälligkeitstage abgelebnt worden. Unter den Mitgliedern der Kommission möge es gewiste Meinungs­verschiedenheiten über das einzuschlagende Verfahren gegeben haben, über die Sacke selbst habe es.ebmso wenig Meinungsverschiedenheiten gegeben, wie über die Prinzivlen. Nack dem so. schlieht der ..Temvs". die am 15. Januar und 15. Februar fälligen Beträge gesichert feien, werde die deutsche Regierung mehr Zeit haben, über langfristige An­leihen im Auslände zu verhandeln und die deutschen Finanzen zu sanieren.

Dz. Paris, 21. Nov. (Harms.1 DerTemvs" gibt dis

verdeutschen Handelsmarine, die es ..als wunder­bares Werkzeug zur Erhöhung der deutschen Vorräte an aus­ländischen Devisen" nennt. Der ..Temvs" glaubt keine wer­teren Beiiviele nötig zu haben, um zu beweisen, daß Deutsch­land ungeheuere Quellen des Reichstums be­sitze. Deshalb bade die Revaraiionskommission auch vollkom­men Reckt gehabt, wenn sic sich weder zu Verhandlungen über einen Aufschub der demnächst bevorstehenden Zahlungen des Reiches noch zu Besorechungen habe verleiten lasien. in denen sie zwischen dem Reick und den deutschen Industriellen die Rolle eines unangebrachten und hinter das Lickt geführten Vermittlers gesviclr hätte. Die Reparationskommission habe fcstgestellt. daß Deutschland in der Lage sei. aus eigenen Mit­teln die im nächsten Januar und Februar fälligen Beträge bezahlen. Die Revarationskommission sei noch Baris zu- rückgekebrt. um die Entsckllehung der deutschen Regierung ab­zuwarten. in der Überzeugung oah man mehr an die Eegen- " art denken und augenblicklich keine langfristige Anleihe ins Auge fallen solle, die die deutschen Industriellen auf die frem­den Märkte werken wollten Die deutsche Regierung solle mitteilen. wie sie sich der beiden nächsten Zahlungen zu ent­ledigen gedenke, und danach wolle man urteilen.

Die Auflösung der Kriegsgesellschaften.

Br. Berlin, 22. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, sind bis jetzt 143 Kriegsgesellschaften endgültig durch Liquidation usw. a ufg elö st. In Liquidation befinden sich noch 47 Kriegsgesellschaften, von denen der größte Teil bis Ende des Jahres aufgelöst fein dürfte. Nicht in Liquidation waren bis 1. November 4 Kriegs- gesellschaften, nämlich die Reichsgetreidegesellschaft, die Einfuhrstelle für Getreide und Futtermittel, die Reichsschubversorgungsstelle und die Deutsche Seever­sicherungsgesellschaft.

Ein parlamentarischer Ausschuß zur Untersuchung der Inlandswarenpreise.

Br. Berlin. 22. Nov. (Eig Drabtbericht.) Von den Sozialdemokraten ist im Landtag ein parlamentarischer Aus- schutz zur Untersuchung der Warenvreise gefordert worden, da man der Meinung ist. daß die Breise für Inlandswaren un- gebübrlich steigen, obne dah die Produktions- oder Sandelsunkosten es bedingen.

Ans dem Reichstagsausfchuß für Zölle.

Br. Berlin. 22. Nov. (Eig. Drabtbericht.) ?m Reicks- tagsaussckuh für die Beratung der Zölle und Verbrauchs­steuern wurde am Montag das Arbeitsprogramm festgestellt und die Berichterstattung für die einzelnen Steuern den ver- lckiedenen Fraktionen nach Vereinbarung übertragen, über die Zölle wird Aba Dr. E i l d e m e i st e r (D. V.) und über die Bier- und Mineralwasiersteuer Abg. Dr. Pack nicke (D. D.) referieren. Die Tabaksteuer wurde Abg. Ried­miller (S.). die Zucker- und Kraftwagensteuer den Deutsch- nationalen zum Bericht übertragen. Dte Beratungen begin­nen mit den Zöllen.

Ein Gesetzentwurf gegen den wirtschaftlichen Landes­verrat.

Br. Berlin. 22. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Nach einer Mitteilung einer hiestoen Korrespondenz bereitet die Reichs- naierung, einen Gesetzentwurf zur Bestrafung wirtichaft- lichen Landesverrats vor. in dem bauvtsächlich diejenigen Handlungen mit Freiheitsstrafe bedroht werden, die einen Verrat von Geschäftsgeheimnissen. Entwendung wichtiger Geschäftsvapiere und ähnlicher Art in sich schlieben.

Die Deutschen in Südafrika.

Dz. London, 22. Nov. DieTimes", berichtet über die Politik der südafrikanischen Union gegenüber den Deutschen, dah nach einer Beratung mit dem Verwalter des südafri­kanischen Protektorats die Unionregierung beschlosien habe, einen legislativen Rat für das Protektorat zu

B affen. Es sei die Absicht des llnlvnkablnetts. legislative ahnabmen einzufübren. durch die die m dem Protektorat ansässigen Deutschen, deren Zahl etwa 9000 betrage, hei einer weihen Bevölkerung von insgesamt 19 200, in der Lage sein J werden, politische Rechte und das Bürgerrecht zu erwerbe».