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Montag, 21. November 1921.

Abend-Ausgabe.

Nr. 530. . 69. Jahrgang.

Die Reparationskrise.

Die Verhandlungen zwischen der deutschen Regie­rung und der nach Berlin gereisten Reparations­kommission sind beendet. Das Ergebnis ist, Deutsch­land mutz die am 15. Januar und die am 15. Februar fälligen Raten zahlen! Die Hoffnungen, die einige unverbesserliche Optimisten an die Reise der Repara­tionskommission nach Berlin knüpften, haben sich also als trügerisch erwiesen. Es hat von vornherein nicht in der Absicht der Kommission gelegen, eine tiefer­gehende Untersuchung über die Leistungsfähigkeit Deutschlands anzustellen, sondern die Kommission hat sich darauf beschränkt, nachzuprüfen, mit Hilfe welcher Maßnahmen die Zahlung der Ianuarrate durch das Kabinett Wirth gesichert werde. Bei den im Sep­tember abgehaltenen Besprechungen mit der Repara- tionskommisiion war festgestellt worden, daß die deut­schen Zählungen infolge des erneuten Marksturzes auf erheblich gesteigerte Schwierigkeiten stoßen würden. Für die Sachleistungen wurden Deutschland infolge der Entwertung der Mark weit geringere Beträge gut- gebracht, als es bei einem günstigeren Stand der deutschen Valuta der Fall gewesen wäre. Schon im September hatte sich die Kommission daher dem Ein­druck nicht verschließen können, daß die Leistungs­fähigkeit Deutschlands nicht ausreichen werde, um.den an sie gestellten Anforderungen voll zu genügen, daß aber das jetzt in den Ausschußberatungen steckende Steuerprogramm ein« derartige Inanspruchnahme des deutschen Steuerzahlers bedeute, daß darüber hinaus «ine weitere Steigerung nicht gut denkbar fei. Zur Deckung der Ianuarrate es handelt sich bekanntlich um 500 Millionen Goldmark würden vorhanden sein: ein Überschuß aus der überdeckten Novemberrate, der auf etwa 25 Millionen beziffert wird, sowie die neuen im November und im Dezember zu tätigenden Sach­leistungen. die mit 100 Millionen veranschlagt werben, sowie ein gewisser Fundus an Devisen. Das alles aber reicht natürlich bei weitem nicht aus. Trotzdem hat sich nun die Reparationskommission auf den Standpunkt gestellt, daß die Ianuarrate zu zahlen sei, und zwar in dem vollen durch das Londoner Ulti­matum vorgesehenen Umfang.

Da es ganz undenkbar ist darüber war sich ja auch die Reparationskommission klar derartige ge­waltige Summen durch irgendwelche Steuern einzü- bringen, so wurde Deutschland ans den einzigen über­haupt gangbaren Weg gewiesen, durch Aufnahme aus­ländischer Kredite seinen Verpflichtungen nachzukom­men. Die Reichsregierung hat sich denn auch in einem an die Reparationskommission gerichteten Schreiben bereit erklärt, diesen Weg zu beschreiten. Mt Recht weist sie aber mich darauf hin, daß es nicht von ihrem guten Willen allein abhängt. Kredit zu erhalten, son­dern daß sie dabei vor allem auf den guten Willen des kreditgebenden Auslandes angewiesen ist. Mit gutem Grund ist ferner in dem Schreiben darauf verwiesen, daß für die Zeit der Rückzahlung des Kredits eine außerordentlich schwierige Lage mit Rücksicht auf die sonstigen Verpflichtungen des Reichs entstehen wird" und es ist vor allem daran die Erwartung geknüpft, daß die Reparationskommissiondieser besonderen Lage Rechnung tragen wird".

Da die Zahlungen der Reparationsraten im Januar und Februar die Voraussetzung sind für eine von außenpolitischen Reibungen freie Weiterführung der deutschen Politik, so wird man den Schritt der deutschen Regierung unbedingt billigen müssen. Jetzt wird einerseits dem kreditfähigen Ausland die Gs° legenbeit geboten, durch Gewährung von Krediten Deutschland die Bezahlung der fälligen beiden nächsten Raten zu ermöglichen, wie andererseits die Alliierten in die Lage versetzt werden. Deutschland nach der Zablung, also nach einem neuen Beweis seines guten Willens die unbedingt erforderliche Atempause zu ge­währen. Denn darüber wird man sich natürlich klar sein müssen, daß die Reparationskrise nicht dadurch gelöst wird, wenn im Januar dank dem ausländischen Kredit die fällige Rate von Deutschland abgetragen wird. Sibon der bislang unternommene Versuch, das Londoner Ultimatum zu erfüllen, hat ja in der Welt­wirtschaft so absurde Zustände geschaffen, datz man sich wob! ganz allgemein darüber klar ist, dieser Weg könne nicht weiter verfolgt werden.

Parallel mit den Verhandlungen mit der Repara­tionskommission gingen, wie ja bekannt ist, Be­sprechungen mit der deutschen Industrie über die Be­schaffung eines Kredits. Die von der Industrie zu­nächst aufgestellten Bedingungen baben ja nicht nur in politisch links stehenden Kreisen Ablehnung erfahren, sondern auch durch die diktatorische Form Kreise ver­schnupft, die im allgemeinen der Industrie nahe- stehen. Dann ist auch gemeldet worden, dich sich auf

dies Echo hin ein gewisser Stimmungsumschwung m den Kreisen der Industrie vollzogen habe, daß man ganz besonders an der am heftigsten bekämpften Forderung auf Entstaatlichung der Reichseisenbahnen nicht mehr festhalte. Es ist bekannt, daß der Reichs­regierung diese Forderung der Industrie als ganz un­annehmbar erschien und Minister Eröner hat auch den Nachweis dafür geführt, daß es mit den in Vorbe­reitung befindlichen Reformen gelingen werde, das sehr beträchtliche Defizit der Eisenbahnen, das im wesentlichen auf die Kriegswirtschaft der Bahnen zu­rückzuführen ist, zu beseitigen, so daß die Eisenbahnen schon im nächsten Jahre ohne Fehlbetrag abschneiden würden. Ein letzthin in der Herrn Stinnes gehörigen Deutschen Allgemeinen Zeitung" erschienener Artikel läßt auch zumindesten den Schluß zu, daß sich, die In­dustrie mit einer gewissenEntbureaukratisterung" der Bahnen begnügen werde. So scheinen auch hier Verständigungsmöglichkeiten zu bestehen. Es ist nur bedauerlich, wenn man solche Möglichkeit, zu einer Ver­ständigung zu gelangen, durch höchst überflüssige An­griffe und durch die Lancierung gewisser Nachrichten, wie es leider auf beiden Seiten geschieht, zu vernichten trachtet. Im großen und ganzen dürfte man in in­dustriellen Kreisen jetzt die Anschauung vertreten, daß

sich nunmehr erst einmal die ausländischen Finanz­kreise, die zur Heraabe eines Kredits entschlossen sind, äußern müssen. Ob die Reise von Hugo Stinnes nach London mit dieser Kreditaktion in Verbindung steht, wie behauptet wird, und ob sie der Besprechung der Kreditfrage überhaupt gilt, ist zweifelhaft. Aber selbst, wenn Stinnes nicht im Aufträge des Reichsverbandes der deutschen Industrie fuhr, so wird man wohl bei den Besprechungen in London an der Frage der deut­schen Finanzen und des Kredits nicht vorbeikommen, denn das ist nun einmal die Angelegenheit, von deren Lösung alles abhängt!

Abreise der Reparationskommission.

Pr. Berlin. 21. Rav. Wie der ..Berliner Lokalanzetger" «fahrt, baben die Mitglieder der RevarationskommMon Berlin zum größten Teil verlassen. Dubais ist in der Nacht zum Sonntag abaereist. während der größte Teil seiner Kollegen ibm im Laute des Sonntags gefolgt ist.

Die Reparationskommission beim Reichskanzler.

Br. Berlin, 21. Ncv. (Ei«. Drabtbericht.1 Der offizielle Empfang der Revarationskommission durch di« Regierung hat om Camstagvormittag stattgcfunden. Der Reichskanzler empfing um 11 Ubr die Mitglieder der Revaratronskom- mission. und es fand ans diesem Anlaß eine Sitzung statt. In den Kreisen der Kommission äußerte man sich über das Ergebnis der Berliner Verhandlungen nicht. Es wird noch­mals erklärt, daß der Besuch d« RevarationskommMon ledigllch mit der Frage der Reparationszahlung in Zu­sammenhang gestanden habe. Nachdem die Besprechun­gen mit dem Reicksverband der deutschen I n d u st r i e zu ein« gewissen Klärung geführt haben, die von den beteiligten Kreisen als günstig bezeichnet wird, glaubt man auch auf seiten der Revarationskommission. daß die dev t>che Regierung die nunmehr bevorstehenden Kredtt- verhandlunaen rechtzeitig, d. b. noch vor dem 1., Dezember, zu einem E'folge führen werde, so daß dann «rne diesbe­zügliche Mitteilung nach Paris übermittelt werden kann.

Br. Berlin. 21. Rov. (Eig. Drahtberrcht.l Wie von .interrichteter Seite mitgcteilt wird, baben mit der Revara- tionskommisston überhaupt keine großen Be­sprechungen stattgefunden. Es wurden Einzelbe- sprechunaen geführt, zum Teil beim Reichskanzler persönlich, zum Teil mit den einzelnen Staatssekretären Parallel mit diesen Verhandlungen gingen dann gleichzeitig Besprechungen mit der Industrie wegen Bedarfs eines Kredits.

Ein Schreiben des Reichskanzlers an dir Reparationskommission.

Br. Berlin. 21. Rov. (Eig. Drabtbericht.1 In ihren Besprechungen mit der deutschen Regierung hatte die Repa­rationskommisston die Forderung aufgestellt, daß die deutsche Regierung zur Tilgung der nächsten Reparationszahlungen ausländischeKreditein Anspruch nehmen soll. Darauf bat der Reichskanzler Dr. W i r t b an sie Revarationskom- misston folgendes Schreiben gerichtet: . _

.Dre deutsche Regierung gebt davon aus. daß es an und für stch nicht den Bestimmungen des Zahlungsplanes von London entspricht, zur Bewirkung der Jabres-Annui- täten zu dem Mittel des Kredits zu greisem Sie ist aber, um einen Beweis ibres guten Willens su geben, bereit, eine solche Kreditov«at*on vorzunebmen. Für die Frage, unter welchen Bedingungen ein Kredit ge­nommen werden kann, kommt es in erster Linie auf die Vorschläge desjenigen an. der das Geld verleihen soll. Die deutsche Regierung ist bereit und bat auch bereits Schritte getan, stch einen Kredit zu verschallen. Sie Kittet die RevarationskommMon. ste hierbei unterstützen zu wollen. Sie füblt sich jedock verpflichtet.. f»on letzt darauf aufmerksam zu machen, daß für die Zeit der Rückzahlung der Kredite eine außerordentlich schwierige Lage mit Rück­sicht auf die sonstigen Verpflichtungen des Reiches ent­stehen wird und sie erwartet ^ von der Reparationskom- miiston, daß ste dieser besonderen Lage Rechnung tragen

werde.

Zu den bevorstehenden Verhandlungen in Genf.

Br. Berlin, 21. Rov. (Eig. Drahtbericht.1 Wie an zu­ständiger Stell« verlautet, werden Reichsminister a. D. v. Raumer und Dr. Gebhard nicht nach Genf gehen, da die dortigen Besprechungen lediglich den Charakter einer Vorbesprechung haben.

Gröner über die Reichseisenbahnen.

Br. Berlin. 21. Rov. (Eig. Drabtbericht.1 Reichsver- kchrsminist« Eröner hat eine Denkschrift über die Reichseisenbabnen verfaßt. Er stellt zunächst fest, daß sich der Zustand der Bahnanlagen und der Betriebsmittel seit Kriegsende in lebhaftem Fortschreiten gebessert und der Arbeitswille des Personals sich in erfreulicher Weise gehoben habe. Ebenso sei alles versucht worden, die Ausgaben sowohl in ihrem persönlichen wie in ihrem sachlichen Teil herabzumindern. So wäre z. B. der heutige Stand des Personals um 50 000 Köpfe niedriger als d« des Jahres 1919. Ein bereits fertiggestelltes Arb eit szei t- Gesetz soll unter grundsätzlicher Wahrung des Achtstunden­tags einer gerechten und wirtschaftlichen Verwendung des Personals den Weg ebnen. Eine wirkliche Ausgleichung der Einnahmen an die Ausgaben könne aber nur erreicht wer­den durch Erhöhung der Tarife. Unter der Voraussetzung, daß es gelingt, weiteren Ausgabesteigerungen auf die ver­suchte Weise zu begegnen, könne im Haushaltsplan für 1922 das Defizit beseitigt werden. Das Reichsverkebrsministerium sei davon überzeugt, daß auch ein vrivatwirtschaftliches Unt«nebmen im wesentlichen nicht anders Vorgehen könne. Hinsichtlich der Personalkosten wären wesentliche Er­leichterungen beim Übergang zur Privatwirtschaft, nicht zu erwarten. Ebenso wenig werde eine völlige Befreiung von Einflüssen der inneren und äußeren Politik eintreten. denn das Reich würde sich der Einwirkung auf den wichtigsten volkswirtschaftlichen Faktor nicht durchaus entschlage» können. Die Frage der Entstaatlichung der Ei eF- bahnen tm Sinne der Erhöhung ihr« wirtschaftlichM Freiheit lasse sich aber auch auf'gesetzlichem Wege «reichen.

Zusammensassend wird in der Denkschrift erklärt: Es ist nicht richtig, daß die deutschen Bahnen als Reichsunter­nehmen nicht zur Gesundung gebracht werden könnten. Die Voranssetzunaen für di« Gesundung sind in l^iahriaer mühevoller Arbeit bereits geschaffen morden. Durch An­nahm» privatwirtlchaftlicher Grundsätze in der Organi­sation des Unternehmens und in der Führung d« Geschäfte rann dies« Prozeß beschleunigt werden. *

Um das Schicksal der Reichseisenhahnen.

Br. Berlin. 21. Nov. (Eig. Drabthericht.) Wie von unterrichteter Seite verlautet, werden die Verhand­lungen zwischen dem Reichsverband der deutschen Industrie und den Svitzenoraanisationen der deutschen Gewerkschaften kaum vor der Rückkehr Stinnes aus London in ein ent­scheidendes Stadium treten.

Br. Berlin, 21. Rov. (Eig. Drahtbericht.) Di« Reichs- gewerkschaft deutscher EisenbahnSeamten und -anwärter batte am gestrigen Sonntag in Berlin und Potsdam Versammlungen ihr« Mitglieder einbenrfen. um gegen das Kreditongehot der Industrie und die Umwandlung des Eisen­bahnbetriebes zu protestieren. Rack Ausführungen der Ge­werkschaftlers Thurau und des Abg. Deglsrk betonte Dr. Tarier vom Reichsverkebrsministerium. daß bei irniger Zusammenarbeit der Verwaltung und des Personals man auch ohne die Industrie anskommen könne. Im übrigen wünscht der Reichsverkehrsminister, im Verwaltungsrat selbst mit Herren aus der Industrie zusammenzuarbeiten. In einer zum Schluß angenommenen Entschließung wurde die Hoffnung ausgesprochen, daß das Reich stch allen Privattsie- rungsbestrebungen widerfetzen werde. Die Eisenbahn« würden niemals vom Berufsbeamtvntum lassen und diese Forderung auch mit den letzten gewerkschaftliche« Mitteln z« v«t«idigen wissen.

Di« Sanierung der Reichsbetriebe.

Br. Berlin, 21. Rov. (Eig. Drabtbericbt.) Der Deut­sche Gewerkschaftsbund bereitet eine Denkschrift über die Umbildung der unwirtschaftlichen Reichsbetriebe vor. die gleichzeitig mit einem Plan des Jndustrieverbandes eine Grundlage für die Verhandlungen bilden sollen, welche zwischen den Gewerkschaften und d« Industrie wieder auf» genommen werden.

Die Post gegen Entstaatlichung.

Lb, Berlin. 21. Rov. Unter dem Reichsvostminister Eies- be'rts haben die Präsidenten der deutschen Obervost- direktionen eine Beratung abgehalten, um zur Frage ' er Entstaatlichung der Staatsbetriebe, insbesondere auch der

Reichevost. Stellung zu nebmen. Die Präsidenten der Ober- postdirektionen. an deren Konferenz auch Staatssekretär Stiegl von d« Zweigstelle München des Re,chsnostmin,ste-

itums teilnahm, baben sich gegen eine Entstaat» lichung ausgesprochen.

Gewinnbeteiligung der Arbeitsnehmer?

Br. Berlm. 21. Rov. (Eig. Drabtbericht.1 Die deutsch, i t i o n a l e Fraktion hat einen Antrag eingebracht, der

der in Eesellschäftsiorm stellt werden.

betriebenen Unternehmungen ange-

Der Entwurf eines Arbeitsnachweisgesetzes vom Reichsrat abgelehnt.

W. T.-B. »eilin. 21. Nov. Der sozialistische Ausschuß des vorläufigen Reichswirtschaftsrats lehnte in seiner Eesamtabstimmung den Entwurf des Arbeitsnachweisge, irtzes ab.

Streik auf der Kieler Germania-Werft.

Br. Kiel, 21. Nov. (Eig. Drabtbericht.1 Die Arbeiter der Kruppschen Germaniawerft in Kiel hatten an die Direktion die Forderung einer Wirtschaftsbeihilfe in Höhe eines Monatsverdienstes gestellt. Die Forderung, die ulti­mativ gestellt war. konnte nicht sofort bewilligt werden. Darauf legten die Arbeiter die Arbeit nieder, und zwar so­wohl gegen den Willen des Arbeiterrates wie der Gewerk­schaften. Alsdann hat die Direktion die sofortige Entlassung do-r gesamten Belegschaft au«» gesprochen.