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Sonntag, 2V. November 1921.

Rechte Totenfeier.

Bon Dietrich Graue, Pfarrer an der Marienkirche in Berlin.

Auch Tage wie neulich Bußtag und heute Toten­sonntag können unserem durch den Krieg geschwächten Volke zu Kraftquellen werden, wenn wir richtig mit ihnen umgehen. Zn Wirklichkeit freilich sind viele von uns noch merkwürdig ratlos. Sie fühlen wohl die steigende religiöse Welle und lassen sich von ihr tragen. Aber nun meinen diese neuen Frommen, die Religion sei vor allem dazu da, uns über unser Unglück und heute über den Tod unserer Lieben und unser eigenes Todesschicksal zu trösten. Daraufhin, durchmustern sie ihre Lehren, zu diesem Zwecke unterwerfen sie sich ihren Gebräuchen, um doch nur die Erfahrung zu machen, daß man so billig Trost nicht erlangen kann. Dieser eilig erraffte Trost hat den Wurm des Zweifels in sich. Deshalb hoffen andere, in der jetzt Mode ge­wordenen Anthroposophie besser auf ihre Rechnung zu kommen, in dieser wunderlichen Mischung asiatischer mit europäischen Wahrheiten, protestantischer An­weisungen mit den geistlichen Exerzitien katholischer Orden, journalistischer Einfälle mit prophetischen Ge­bärden und Ansprüchen. Aber die innere Verfassung derer, die sich dafür gewinnen ließen, ist nicht Trost und Seelenfrieden, sondern Konfusion. Gröbere Naturen gar laufen zu Wahrsagerinnen oder lasien sich von geschäftskundigen Eeisterbeschwörern um­nebeln. Sie wähnen, daß man Tote aus ihrem heili­gen Frieden herausholen könne und dürfe, bloß um seine lüsterne Neugier zu befriedigen und seine er­bärmliche Angst vor dem Tode zu mindern. Der große Haufe endlich lacht über dies alles. In der Stimmung des Bankrotteurs sucht er in der Häufung sinnlicher Genüße Vergessen und Genüge:Lasset uns esien und trinken, denn morgen sind wir tot." Müsien wir nicht angesichts so vieler seelischer Ratlosigkeit und sittlicher Roheit, die wir in Deutschland finden und nicht ab- leugnen können, mit Orest in GoethesIphigenie" sprechen:Es ist der Weg des Todes, den wir treten. Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller." Trifft nicht die Totenfeier unser ganzes Volk als ein sterben­des, untergehendes?

Aber wir Deutschen dürfen einfach nicht auf den Weg des Todes geraten, sondern schulden es Gott und uns, uns aus Unglück, Trauer und Kümmerniffen herauszuarbeiten. Biel wichtiger, als sich in sanft plätschernden Gefühlen trösten zu lasien, ist auch am Totensonntage, Kaß wir zur Pflichterfüllung uns getrieben wißen.

Als nach den Freiheitskriegen die Totenfeier bei uns Sitte wurde, galt sie dem Andenken der' Söhne des Volkes, die für Deutschlands Zukunft gestorben waren. So auch heute noch sollen wir am Toten­sonntag erst einmal das Nächstliegende tun und unserer Toten gedenken: Seele, vergiß nicht die

Toten? Mag das noch so sehr schmerzen, mögen schon verheilte Wunden wieder aufbrechen, mag Ver- gesienheit uns viel tröstlicher Vorkommen Erinnern bleibt heute unsere erste Pflicht. Sonst geht uns und unserem Volke der Gewinn des Lebens verloren. Konrad Ferdinand Meyer hat das imChor der Toten" ausgesprochen:

«Wir Toten, wir Toten sind größere Heere Als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere! Wir pflügten das Land mit geduldigen Taten.

Ihr schwinget die Sichel und schneidet die Saaten, Und was wir vollendet und was wir begonnen, Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen, Und was wir an gültigen Sätzen gefunden,

Dran bleibt aller irdische Wandel gebunden.

Wie sollen unsere Toten uns liebend segnen können, wenn wir ihrer nicht gedenken? Alles wirkliche Leben, das wir zu gestalten bemüht sind, erschöpft sich nie im Persönlichen und Augenblicklichen, sondern ist an das gebunden, was vom Vergangenen lebendig in uns zurückblieb. Kein noch so hastiger Selbständig­keitsdrang kann dies Gesetz des kulturellen Wachsens umwerfen. Der Tod übergoß unsere Toten mit ver­klärendem Licht, ließ das Nichtige, das auch in ihrem Leben war. versinken, das Wertvolle aber sich be­haupten. Wir sollen es treu hüten wie ein redlicher Kaufmann, der auf den alten guten Ruf der von den Bätern ererbten Firma hält. So kommt Kraft in unser und unseres Volkes Wirken! Und wie könnten wir je der vielen, vielen Treuen vergesien, die in die­sem unseligen Kriege ihr Leben dahingaben? Ihr kämpfendes Heldentum soll sich in unserem Innern in alle Tugenden des Friedens wandeln, das Schwert zur Sichel? Wir danken ihnen nicht nur das Äußere, daß unser Heimatboden nicht zum Kriegsschauplatz wurde, sondern die beispiellose Energie und Spannkraft ihrer Seelen ist ein Schatz, der für Deutschlands Zu­kunft noch unverbraucht bereit liegt.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 529. 69. Jahrgang.

Neben diese erste Pflicht, sehnsüchtig unsere Toten zu rufen uittz sie liebend festzuhalten, tritt eine zweite, nicht minder einfache und selbstverständliche. Der brave Gellert hat sie nicht gerade schön, aber doch treffend in die Worte gefaßt: Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben! Die meisten unserer lieben Toten ssterben nicht gern, sie wären gern noch bei uns geblieben. Aber von dem. der die Sterne und Geschicke lenkt und das Leben des endlichen Menschen, der seiner achtet, mit dem Rhythmus der Unendlichkeit erfüllt, ward ihnen das Opfer des Ster­bens auferlegt: Sterbend machen einzelne und Gene­rationen einander Platz. Dies * Opfer verlöre seinen göttlichen Sinn und feine geschichtliche Bedeutung, wenn wir uns seiner unwert zeigten. Wir sollen auf unserer Stelle, solange sie uns noch gebört, schöpferisch wirken. Arbeitend, produktiv Neues aus uns heraue- leuend, sollen wir mit freudiger Gewissenhaftigkeit da­für sorgen, daß in der Kette der aufeinander folgen­den Geschlechter nicht gerade dort eine Lücke eintritt, too auf uns gerechnet ist. Jedes solche Vakuum ge­fährdet die Gesundheit der Gegenwart und die Ans­sichten der Zukunft. Hätten sich in unserem Volke nicht jederzeit wenigstens einzelne gefunden, die Höchstes leisteten, während die Waffe der vielen ver­sagte, so dürften wir weder von einer deutschen Ge­schichte der Vergangenheit sprechen noch eine künftige erhoffen.

Der Totensonntag enthüllt, wie sehr alles Äußere, Politische, Wirtschaftliche auf Innerem, Seelischem, Religiös-Moralischem beruht: er zeigt auch deutlich, daß die Grundsätze wahrer Religiosität im Gegensatz zu der Geheimnistuerei der Theosophie, Anthropo­sophie und verwandter Erscheinungen immer höchst einfach sind. Wir brauchen bloß auf die Selbstsucht zu verzichten, schnell uns trösten zu lasien, statt un­serer Toten mit tausend Schmerzen liebend zu geden­ken, und uns zur Arbeit auf unserem Platze zu ent­schließen, so verlieren sich im Antlitze des deutschen Volkes die hippokratischen Züge des Sterbenden. Der einzelne aber erlangt gerade auf diesem Wege, was er sonst nur zweifelnd hätte finden können: Wirk­

lichen Trost im Leid und starken Mut zum Leben. Alle guten Geister werden in ihm lebendig. Ihn er­füllt tiefer Dank gegen Gott für alles, was er hatte, als seine Toten noch lebten, und er wird zufrieden mit dem, was ihm doch noch blieb, seit sie von ihm gingen. Das ist rechte Totenfeier!

Protest »er Betriebsräte der Deutschen Werke.

Br. Berlin. 19. Nov. (Gig. Drahtbericht.) Gestern versammelten sich die Betriebsräte der Deutschen Werke, um zu den Ententemahnahmen Stellung zu nehmen. Es wurde eine Entschließung gefaht. in der mit grobem Nach­druck gegen die Forderungen der interalliierten Militär- krmmission P r o t e st erhoben wird. Dabei wurde erklärt, die Betriebe der Deutschen Werke würden etwaige Versuche, die für Rüstungszwecke gemacht werden sollten, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln verhindern. Mit der gleichen Entschiedenheit wenden sich die Betriebsräte gegen die Bestrebungen, die dazu angetan sind, die nur auf Fris- densarbeit eingestellten Betriebe labmzulegcn.

Die sächsische Regierung gegen das Znduftrieangebot.

Br. Dresden. 19. Nov. (Gig. Drahtbericht.) Die sächsische Regierung hat ihren Vertreter im Reichswirtschaftsrat be­auftragt, gegen das Angebot der Industrie in der Sache der Kredithilfe Stellung zu nehmen. .

Die Untersuchung gegen Dr. Hermes.

Br. Berlin, 19. Nov. (Gig. Drahtbericht.) Die Untersuchung gegen Minister Dr. Hermes scheint sich endlich ihrem Ende zu nähern, nachdem der Berichterstatter, der Unabhängige Dr. Hertz, auf An­frage des Vorsitzenden, des Demokraten Dr. Fischer, erklärt hat, daß weitere Beweisanträge nicht zu er­warten seien. Es wurde beschlossen, den Bericht des Reichsfinanz- und Reichsjustizministers über die An­gelegenheit, der dem Kabinett Vorgelegen hat und dem Hauptausfchusie des Reichstages auszugsweise mitge^ teilt worden ist, im Original zu verlangen.

Um den Achtstundentag.

Dz. Berlin. 19. Nov. (Drabtbericht.) Der sozial- volitiicke Ausschuh im vorläufigen ReiÄswirtschafts- rat beschäftigte sich mit dem Entwuri eines Gesetzes für die Arbeitszeit der gewerblichen A r b e 1 1 e r der die 48stiindige Arbeitswoche vorsiebt. Die Arbeitgeber lehn­ten die gesetzliche Festsetzung des achtstündigen Arbeitstages, abweichend von ihrer bisherigen Stellungnahme, ab. Sie befürchten davon eine Schädigung der wirtschaftlichen Lage und halten das Washingtoner Übereinkommen nicht für ge­eignet. als Grundlage des Arbeitszeitgesebes zu dienen. Die Arbeitnehmer stimmten mit den Arbeitgebern in der Hinsicht überein, dab auf die wirtschaftlichen Notwendigkeiten die weitgehendste Rücksicht genommen werden müsse. Der Acht­stundentag sei aber keine Schädigung der Wirtschaft. Bon Regierungsseite wurde ein Gesetzentwurf für die An - gestellten in baldige Aussicht gestellt, dessen Ausarbeitung nach dem Wunsche des Ausschusies io beschleunigt werden soll, dab er bei der Beratung des gegenwärtigen Entwurfes noch verwendet werden kann.

95 Milliarden Mark Steuern.

Im Friedensvertrag von Versailles ist bekanntlich die Forderung ausgestellt und von uns unterschrieben worden, dah die steuerliche Belastung in Deutschland pro Kopf mcht geringer sein darf als in irgendeinem der siegreichen Ententeländer. Wenn man in Paris und London letzt die Mitteilungen liest, die am Freitag im Reichstagsausschu« für Steuerfragen von einem Regierungsvertreter gemacht worden sind, wird man sich davon überzeugen, dab die deutsche Regierung bemüht ist. auch in dieser Hinsicht die ein­mal übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen. Unter ,Be­rücksichtigung der neuen Steuervorlagen der Regierung würde demnach die Gesamtsumme der Steuern rund 95 Milliarden Mark vro Jahr betragen, das sind pro Kopf der Bevölke» rung 1583,80 M. Besonders interessant ist hierbei die Ver­teilung der direkten und der indirekten Steuern. Die künf­tige Belastung des Besitzes würde nach den Regierungsvor­lagen rund 52!4 Milliarden Mark = 51,5 Prozent der Ge­samtbelastung betragen, die indirekte Besteuerung etwa 48,9 Prozent, wobei als Verbrauchsbelastung durch Besteue­rung entbehrlicher Genuhmittel 6,8 Prozent (7 Milliarden), durch Besteuerung des übrigen Verbrauchs etwa 42.1 Prozent (43 Milliarden) berechnet sind. Da dem Reichstagsausschub zu seinen Beratungen Tabellen über die Einkommensteuer in Deutschland. Frankreich. England und den Vereinigten Staaten Vorlagen, waren interesiante Vergleiche möglich über die verschiedene steuerliche Belastung in diesen Län­dern. Diese Vergleiche ergeben, dab die steuerliche Be­lastung in England und Frankreich unvergleichlich geringer ist als in Deutschland, besonders hinsichtlich der Besitzbo- lastung. auch gegenüber der gesunkenen inneren Kaufkraft des Geldes. Freilich ist auch schon in Versailles anerkannt wor­den. dab eine höhere Belastung des Besitzes in Deutschland kaum möglich sein werde, da sie schon bis an die Grenze des Erträglichen gehe. Dagegen wurde eine höhere B e - lastung des Verbrauchs gefordert. Wenn auch keine Aussicht vorhanden ist. dah wir angesichts der schwankenden Haltung der Mark den Reichshausbatt balancieren und unsere Revarationsverpflichtungen erfüllen können, so müssen wir doch auch hier unseren guten Willen zeigen und bis zur äuhersten Grenze unserer Leistungsfähigkeit gehen. Nur so können wir der Entente den einwandfreien Beweis dafür erbringen dah die Erfüllung des Ultimatums ein Ding Unmöglichkeit ist.

Das neue Steuerbukett.

Br. Berlin. 19. Nov. (Gig. Drahtbericht.) Im Reichs- ausschub für Steuerfragen begann gestern die General­debatte über die gesamten Steuervorschläge der Reichs­regierung. Reichskanzler Dr. W i r t h erklärte, im Laufe der nächsten Woche dem Ausschub die gewünschten informa­torischen Auskünfte abgeben zu wollen. Ministerialdirektor Dr. Popitz gab Erläuterungen zu den zahlreichen tabellari­schen Übersichten, die den Abgeordneten von der Regierung überreicht worden waren. Eine Übersicht über die Steuer, belastung in Deutschland unter Berücksichtigung der neuen Gesetzentwürfe zeigt die Einnahmen an Reichssteuern nach dem Entwurf zum Haushalt der allgemeinen Finanzver- waltung für das Jahr 1922. Folgende Steuern kommen in Betracht:

Einkommensteuer 23 Milliarden.

Körperschaftssteiler 4 Milliarden.

Kavitalertragssteuer 1,53 Millionen.

Reichsnotovfer 8 Milliarden.

Besitzsteuer 20 Milliarden. Erbschaftssi -

. liftssteuer 700 Millionen.

Umsatzsteuer (ohne Lurusgaststättensteuer) 24 Milliarden. Lurusgaststättensteuer 500 Millionen.

Grunderwerbssteuer 550 Millionen.

Kavitalverkehrssteuer:

a) . Gesellschaftssteuer 1067 350 000.

b) Wertpaviersteuer 117 850 000.

c) Börsenumsatzsteuer 1 075 300 000.

d) Aufsichtsratssteuer 50 300 000.

e) Eewerbeanschaffunassteuer 50 000 000. Kraftfabrzeugsteuer 125 Millionen.

Versicherungssteuer 330 Millionen.

Rennwettstcuer 215 Millionen.

Lotteriesteuer 60 Millionen.

Wechselstempelsteuer 30 Millionen.

Stempel von Frachturkunden 100 Millionen.

Abgabe vom Personenverkehr 1 Milliarde.

Abgabe vom Güterverkehr 1.6 Milliarden.

Zuwachssteuer, Kriegsabgabe vom VermögenszuwachL

auberordentliche Kriegsabgabe von 1919. auherordenp liche Kriegsabgabe von 1918. Zuschlag zur auberordenb. lichen Kriegsabgabe von 1916. Kriegsabgabe von 1919. Abgabe vom Vermögenszuwachs aus der Nachkriegszeit 3 Milliarden.

Zölle 4,7 Milliarden.

Koblensteuer 10,15 Milliarden Tabaksteuer 3.5 Milliarden.

Biersteuer 1 Milliarde.

Weinsteuer 500 Millionen.

Schaumweinsteuer 100 Millionen.

Mineralwassersteuer 60 Millionen.

Aus der Branntweinverwertung 1.748 Milliarden. Esiigsäureverbrauchsabgabe 47.2 Millionen.

Zuckersteuer 1 Milliarde.

Salzsteuer 60 Millionen.

Zündwarensteuer 110 Millionen.

Leuchtmittelsteuer 60 Millionen.

Svielkarteusteuer 10 Millionen.

Statistische Gebühren 13 Million^...

Aus dem Sühstoffmonovol 100 Millionen.

Ausfuhrabaabe. so weit sie von Zollkassen erhoben werden 700 Millionen.

Die Gesamtsumme der vorstehend angeführten Steuern' würde rund 95 Milliarden pro Jahr betragen. Die Gin semtbelastung vro Kovf wurde 1583.80 M. ausmachen. Die künftigen Belastungen des Besitzes wurden nach dem Regie- rungsvorschlag rund 52^ Milliarden Mark betragen, das sind 51.1 Prozent der Gesamtbelastung. Die Verbrauchs- belastung und Besteuerung entbehrlicher Genuhmittel wür­den fast 7 Milliarden Mark betragen, das sind 6.8 Prozeiü