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Samstag, 5. November 1921.

Morgen-Ausgabe.

Nr 505. ♦ 69. Jahrgang.

Die Washingtoner Konferenz.

Die Delegierten der Großmächte zur Washingtoner Konferenz befinden sich auf hoher See. Die Herren find- natürlich von zahlreichen Mitarbeitern begleitet, ein ganzes internationales diplomatisches Heerlager wird sich in Washington versammeln. Deutschland ist nicht eingeladen worden. Bei einer „Abrüstungs­konferenz" braucht man uns allerdings nicht, denn ab- gerüstet find wir. Natürlich werden auch weltwirt­schaftliche Fragen besprochen und diese Fragen sind für uns von weit größerer Bedeutung als die Abrüstungs­frage. Wir wissen, was bei der berühmten Konferenz im Haag herausgekommen ist. und wie die Dinge liegen, muß man erwarten, daß von den Großmächten auch nach der Washingtoner Konferenz nicht abgerüstet werden wird. Man spricht von Abrüstung und man meint etwas ganz anderes. Amerika denkt vor allen Dingen an die Sicherung feiner Interessensphäre im fernen Osten. Amerika befürchtet, daß Japan in Asien und im Stillen Ozean seine Stellung, die sich seit dem Weltkrieg noch mehr befestigt hat, schließlich zu einer Vormachtstellung ausbaut, und England befürchtet, daß Amerika feine Flotte immer mehr ausbaut und nach dem deutschen Beispiel sich immer weiter bemüht, England die Handelschaft auf der Welt streitig zu machen. England ist in die Entente seinerzeit einge­treten, weil es auf Deutschlands Weltwirtschafts­stellung neidisch war. Es ist in den Krieg gezogen, um Deutschland wirtschaftlich zu vernichten. Es hat dies Ziel erreicht und nun will es einen neuen wirt­schaftlichen Gegner von Deutschlands Stärke nicht mehr aufkommen lasten. Amerika braucht Englands Hilfe zur Verhinderung der japanischen Herrschaftsgelüste, und Japan braucht Englands Hilfe gegen die amerika­nischen Machtansprüche. Es wird sehr interesiant sein, wie sich Lloyd George in dem Konflikt Japan-Amerika benimmt. Er hat Amerika in der Flottenfrage in der Hand und wird die Situation natürlich ausnützen.

Amerika nennt als wichtigstes Problem die Wie­derherstellung Chinas. In Wahrheit meint Amerika natürlich damit die Zurückdrängung fremder Einflüsse in China und die Erweiterung der amerika­nischen Einslutzzone. Auch dieser wirtschaftliche Kampf richtet sich in erster Linie gegen Japan, das Schantung räumen soll und dem man den Hafen von Tsingtau nehmen will. Um das zu verhindern, braucht Japan die Hilfe Englands und England wird diese Hilfe nicht umsonst leisten. Man sieht also, welche bedeutende Rolle England auf der Konferenz spielen wird. Amerika verlangt, daß alle Rechte und Konzessionen, die 1911 von den Großmächten erworben worden sind, einer Revision unterzogen werden, natürlich weil Amerika damals geringere Rechte eingeräumt waren als den anderen. Besonders aber soll der japanisch- chinesische Geheimvertrag von 185,0. der Japan ein Handelsmonopol in der Mandschurei gesichert hat, revi­diert werden Alle Prioritäts- und Ausnutzungsrechte sollen aufgehoben werden. Das nennt man dann „die Wiederherstellung Chinas". In Wirklichkeit müßte cs heißen: die Verdrängung Japans aus China und die Ausdehnung des amerikanischen Einflusses in China. Mit einer Abrüstungskonferenz haben diese Dinge alle recht wenig zu tun, wir stehen vielmehr vor einer Rüstungskenfereng. denn tatsächlich rüstet Amerika wirtschaftlich gegen Japan, der Konflikt der beiden Großmächte soll in Washington ausgetragen werden und England soll die Vermittlerrolle übernehmen. Amerika erstrebt mit England eine angelsächsische Weltgemeinschast,' England hat daran nur Interesse, wenn es nicht zu kurz kommt, es wird sich fragen, ob es nicht mehr Interesse an der Eindämmung des ame­rikanischen Einflusses hat. Die wirtschaftlichen Kon­flikte mit Japan könnten natürlich leicht zu einer kriegerischen Auseinandersetzung führen. Diese will man vermeiden, und deshalb gibt man der Konferenz den Namen „Abrüstungskonferenz".

In Wirklichkeit ist es eine Wirtschaftskonferenz. Englands Hauptbestreben wird sein, Amerika zur Annullierung eines Teils der Ententekriegsschulden zu veranlassen und da dies im Zusammenhang mit den Reparationen steht, hat auch für uns diese Konfe­renz Interesse. Die Reparationsfrage beeinflußt die Wirtschaftslage der ganzen Welt. Die Entwertung der deutschen Mark, die infolge der Reparationsver- pflichtung eingetreten ist, hat zu Absatzstockungen in Amerika „nd England geführt, die wieder eine unge­heure Arbeitslosigkeit zur Folge hatt'en. Der Zu­sammenhang ist also vollkommen klar. Der Engländer Keynes hat als erster darauf hingewiesen, daß wir die ungeheuren Berpflichtungen nicht erfüllen können. Die Wilson-Regierung und die Holding-Regierung haben sich aber den Bestrebungen widersetzt, die darauf hin- ausliefen, daß Amerika eine Minderung der deutschen

Reparationsleistungen veranlassen soll. Jüngst hatte die „Sunday Times" gemeldet, daß das britische Schatzamt sich eingehend mit einem Schema beschäftige, das Deutschland die Erfüllung seiner Verbindlichkeiten ohne Bankerott ermögliche. Run wird aber offiziös mitgeteilt, daß keine Kreditaktion der britischen Regie­rung vortiege. Frankreich fürchtet bereits wieder für seine Interessen und das „Echo de Paris" läßt sich aus Washington melden, daß Harding und Hughes entschlossen seien, Frankreich Garantien für seine Sicherheit zu geben. Es fei ihnen jedoch noch nicht gelungen, dafür eine, Formel zu finden, die dem Wunsche der Mehrheit der amerikanischen Politiker, sich von den europäischen Angelegenheiten fernzuhal­ten, ausreichend Rechnung trage. Man will aber Frankreich freie Hand lassen, seine Interessen, so wie es sie versteht, selbst zu verteidigen. Im Interesse Amerikas wäre es gelegen, wenn es zur Einsicht käme, daß die Reparationsleistungen Deutschlands im Inter­esse der ganzen Welt herabgesetzt werden müßten. Nach unseren Erfahrungen müssen wir aber sehr skeptisch sein. Wir befürchten, daß für Deutschland nicht allzu viel herauskommen wird bei dieser Washingtoner Kon­ferenz, die den Namen Abrüstungskonferenz führt und die ihn weniger wie irgendeine andere verdient!

Amerika und ein englisch-französisches Bündnis.

Dz. London. 4. Nov. Der amerikanische Botsckiaiter Har­nen erklärte in einer Rede in Liverpool, industrieller Friede sei setzt das Ziel, das erreicht werden müsse. Wenn, wie er sest glaube, das nützlichste Ergebnis der Wasbingtoner Konferenz engere politische Beziehungen zwischen Grob­britannien und Amerika sein würden, so musie auch ein engeres und vorteilhafteres Zusammenwirken beider Länder auf dem Gebiete des Handels folgen. Zu der Äußerung Lord Derbys vor einigen Tagen, daß die Vereinigten Staaten viel­leicht einem Bündnis »wischen Großbritannien und Frankreich beitrctcn würden, erklärte der Botichaf- ter H a r v e y. es falle ibm das unglücklich« Los »u. Illusionen bezüglich der Haltung der Vereinigten Staaten zu zerstreuen. Es könne nichts dadurch gewonnen werden, daß man die Wabrbeit nicht seben wolle. Die von Lord Derby geäußerte Hoffnung müsse als vergeblich angesehen werden. Die Tat­sache sei unumstößlich, daß der Beitritt der Vereinigten Staaten zu irgend einem dauernden Bündnis vollkommen unmöglich sei.

Die Frage der internationalen Schulden.

Dz. London. 4. Nov. Wie die Blätter melden, haben vor kurzem Beratungen des Finanzausschusses der internationalen Handelskammer über die Frage der internationalen Schulden stattgefunden. Diese Bera­tungen haben in einer Sondersitzung des britischen National­ausschusses der internationalen Handelskammer am Mittwoch »u der Annahme eines vom Borsitzcnden der London County Westminster and Parrs-Bank. Dr. Walter L e a f. vorge­schlagenen und von Arthur B a l f o u r unterstützten Ent­schließung geführt, in der es heißt, kein Vorschlag zur Rege­lung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage der Welt könne wirksam sein, wenn nicht zu allererst unter den notwendigen Garantien die internationale Abrüstung in großem Umfange durchgeführt werde. Die Regierungen müssen daher oufgesordert werden, aus der bevorstehenden Konferenz in Washington zu einer Vereinbarung über die Abrüstung zu ge­langen. Weiter heißt es in der Entschließung, die Fragen der interalliierten Schulden und der deutschen Verollichlungen seien eng miteinander oerknüvst und müßten gemeinsam be­handelt werden. Bei der augenblicklichen Lage der inter­nationalen Weckselturse sei es unmöglich, irgend welche Maß­nahmen vorzuschlagen, durch die die deutschen Reoarations- scheine unmittelbar als Grundlage für irgend eine Finanz- everation auf dem Geldmärkte der Welt benutzt werden konnten. Der britische Nationalausschuß der internationalen Handelskammer weist die britische Regierung darauf hin. daß cs wünschenswert sei. in Verhandlungen einzutreten zwecks Herabsetzung bezw. Streichung der Kriegs­schul d e n der alliierten Nationen an Großbritannien. Der Ausschuß bebt von neuem die Notwendigkeit der Teilnahme der Bereinigten Staaten her allen Maßnahmen hervor, die zum Wiederaufbau des europäischen Handels und der inter­nationalen Beziehungen getroffen würden.

Für eine Revision des Reparationsabkommens.

Dz. London. 3. Nov. (Harms.) In einem Leitartikel über die Reparationsfrage erörtert die „Times" den Hauptfehler, den das im Frühjahr angenommene Rcparationsübereinkommen in wirtschaftlicher Be­ziehung habe. Die Zeit habe geoffenbart, sagt das Blatt, daß man Deutschland nicht hätte gestatten dürfen. Reparationen in Form von Arbeitsleistungen und Waren­lieferungen zu betätigen, die mit denen der alliierten Mächte in Wettbewerb treten können, sondern daß man nur solche Waren hätte annchmen sollen, die die Erzeugung der Alliierten ergänzt hätten. Das Blatt sagt weiter, bis jetzt seien Reparationen nicht nur in Waren gemacht worden, sondern auch mit ungeheuren Mengen ausländischen Geldes, das Deutschland sich durch den Verkauf seiner Mark verschallt habe. Die „Times schließt, eine Revision des Revarations- abkommens könne erforderlich fein, nicht weil der Betrag rieser Reparationen zu hoch sei. sondern weil die Alliierten, wenn sie die Reparationen weiter unter einer Form, die ihnen Kcnkurrenz mache, erhielten, einen Verlust er­leiden würden, der den wirtschaftlichen Gewinn aufzuheben imstande wäre.

Der künftige Berliner amerikanische Botschafter.

Dz. Baris. 4. Nov. Nach einer Meldung der „Chicago Tribüne" aus Washington hat Präsident Harbins A la ni o n. B. Houabton in Corning im Staate New Bork für den Botlckaftervosten in Berlin in erster Linie ins Auge gefaßt.

Die preußische Kabinettskrise.

Br. Berlin, 4. Nov. (Eio. Drabtbericht.1 Die Be­sprechungen im vrcubiichen Landtag über die Bildung eines neuen Kabinetts haben bis zum frühen Nachmittag zu keinem Ergebnis geführt. Die sozialdemokratische Fraktion bat ibre Fraktionssitzung auf 5 Ubr angesetzt. Zu einer Plenarsitzung, die für 3 Ubr angeletzt war. dürfte es nicht kommen. Als zurzeit aussichtsreichsier Kandidat für den Bosten des Ministerpräsidenten wird der gegenwärtige Präsident des preußischen Landtags, der sozialdemokratische Abgeordnete L e i n e r t. zurzeit Oberbürgermeister in Hannover, angeseben.

Die Feier des S. November.

Br. Weimar, 4. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Das Staats­ministerium erläßt einen Aufruf, der zur festlichen Be­gebung des g. Novembers auffordert. Die unteren Ver­waltungsbehörden des Landes Thüringen sind angewiesen worden, am 9. November alle öffentlichen Gebäude mit republikanischen Fahnen zu beflaggen. Ferner sollen republikanische Feiern stattfinden. Auch in den Schulen Thüringens soll der Revolutionstag festlich begangen werden.

Die Enthüllungen der sächsischen Regierung.

Br. Leipzig, 4. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Die sozia­listisch: Prelle veröllentlicht das amtliche Material über die gestrigen Enthüllungen im Landtag. Dagegen ver­öffentlicht der Finanzausschuß der Leipziger Industriellen eine Erklärung, daß er weder mittelbar noch unmittelbar den Organisationen der Brüder v. Stein Geldzuweisun­gen gemacht habe.

Die Vorgänge in der Hundertschaft zur besonderen Verwendung.

W.T.-B. Berlin. 8. Nov. Der preußische Minister de« Innern antwortet« auf eine Anfrage der Landtagsabgeordt neten Eeschke und Een. über die Vorgänge in der Hun­dertschaft zur besonderen Verwendung, daß die Hauvtverbandlung in der Angelegenheit des in de» Katern« der Hundertschaft erschollen aufgefundenen Ode» Wachtmeisters B u ch h o l z voraussichtlich im November statt» finden wird. Hinsichtlich der angeblichen Waffenschiebungen und der Gründung einer Eeheimorganisation in dieser Hun­dertschaft teilte der Oberstaatsanwalt mit. daß di« Vor­untersuchung schwebe und ein abschließendes Urteil noch nicht möglich fei. Borläufig bestehe kein Anlaß, die Hundertschaft ausznlösen. Die in die Voruntersuchung verwickelten Persöns lichkeiten seien bis zur Klärung zunächst vom Dienste sus­pendiert.

Vorzugsbcstellung des Zeitungsdruckpapiers.

Dz. Berlin. 4. Nov. Der Relchsoerkebrsminister bat vor einigen Tagen angeordnet, daß Waaen kür Zeitungs, drucknavier in den ersten zwei Wochen mit Borrang vor ollen anderen Gütern zuzustellen sind. Die Eifenbabndirek- tionen sind besonders angewiesen, dafür zu sorgen, daß di« Wagen nicht mehr zur Beladung arstellt. sondern auch pünkt­lich bis zum Empfangsort ausgefübrt werden müsien.

Oberschlesische Eisenbahner nach Polen entführt.

Br. Kattowitz. 4. Rov. (Eig. Drahtbericht.) Drei Eisen- babnanaestellte wurden Ende vorigen Monats von Mitglie­dern der Eebeimvolizei der ,.Apo verhaftet und nach den Daracken im Südvark gebracht. Bon dort wurden sie nach kurzer Zeit zur interalliierten .Abstimmungskommission ge­bracht. Dort war das Lokal von Agenten des polnischen Nach­richtendienstes überfüllt, wo ihnen auch die Baviere abgenom­men wurden. Nach dem Berbör übernahmen einige Agenten die drei Eisenbahner und schafften sie in Lastautos, in denen sie zur Palizeidirektion gebracht werden sollten. Die Autos wurden aber statt nach der Pol^>eidirektion über die pol­nische Grenze befördert. Hier wurden die Berbafteten in ein Arrestlokal gebracht, wo sie schweren Mißhandlungen ausgesetzt waren. Einem der Verhafteten gelang es jedoch, zu entfliehen, während sich die andern beiden noch in pol­nischen Händen befinden.

Die Heranziehung der alliierten Staatsangehörigen zum Reichsnotopfer.

Dz. Brüssel, 3. Nov. (Havas.) Der „Soir" hat den Minister des Äußern bezüglich der Absicht der deutschen Regierung befragt, die Bankguthaben der in Deutschland Handel treibenden Belgier mit dem Rerchsnotopfel zu belasten. Dieser erklärte, die Erhebung einer solche» Steuer stehe seiner Ansicht nach im Wldersvruch zu Art. 297 des Versailler Vertrages. Er habe di« Alliierten für die Sache der Belgier in dieser Angelegenheit interessiert. Di« Frage sei im belgischen Sinne von der Botschafter- konferenz entschieden worden, die dem deutschen Ver­treter in Paris mitgeteilt habe, daß leine Regierung auf­hören solle, die alliierten Steuervflichtigen zu belästigen. Der Reichsfinanzminister habe daraufhin eine Verfügung erlassen, daß jede Ausführuagsmaßnahme gegen alliierte Staatsangehörige aufzuschreben ser.

Belgische Matznahmen gegen die Überschwemmung mit deutschen Waren.

Dz. Brüssel. 3. Nov. (Sanas.) Die belgisch« Negierung hat, um der Bedrohung der belgischen In­dustrie durch die Überschwemmung mit deutsche» Erzeugnissen infolge des Tiefstandes der Mark zu be­gegnen. bestimmt, daß die Erzeugnisse deutschen Ursprungs außer der gewöhnlichen Besteuerung mit einer werteren Gebühr, die bis zu 20 Prozent ihres Weites gehen kann, zu telasten sind. Diese Maßnahme wird wahrscheinlich Anfang nächster Woche in Kraft treten. Zur Vermeidung von Um­gehungen wird das System der Ursprungszeugnisse in An­wendung gebracht werden.