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Dienstag, 1. November 1921.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 497. ♦ 69. Jahrgang.
Die Bedeutung der Schuldfrage.
Bon Professor Dr. L. Bergfträßer.
Am 3. März 1921 sagte Lloyd George in einer Rede in London: „Für die Alliierten ist die deutsche Verantwortlichkeit für den Krieg grundlegend, sie ist die Basis, auf der das Gebäude des Vertrages von Versailles errichtet worden ist und wenn diese Anerkenntnis verweigert oder aufgegeben wird, ist der Vertrag hinfällig." Klarer kann man die Bedeutung der Schuldfrage nicht herausarbeiten. Der Artikel 231 des Versailler Vertrages ist es, der Deutschland die Schuld zuschiebt, indem es Deutschland als den Urheber des Krieges bezeichnet, der durch unseren Angriff den Mächten der Entente aufgezwungen worden sei. Das Ultimatum der Entente hat das noch näher ausgeführt und spricht Deutschland die Schuld zu, einen Weltkrieg planmäßig vorbereitet zu haben, um sich die Weltherrschaft zu erringen. Durch den Friedensvertrag wurde Deutschland gezwungen, seine Unterschrift auch unter diese These zu setzen: aber selbstverständlich bedeutet das nicht, daß wir sie anerkennen, denn sie ist erzwungen worden und damit entfallen alle Forderungen, die aus einem solchen Zugeständnis an sich sonst gezogen werden könnten.
Gewiß, es hat einmal eine Zeit gegeben, in der mancherlei Personen und auch Kreise in Deutschland an diese These glaubten. Kautsky ist an die Akten des Auswärtigen Amtes mit der Überzeugung herangegangen. in ihnen die Beweise für Deutschlands Kriegsschuld zu finden: er hat dann selbst zugeben müssen, daß seine Annahme den Tatsachen nicht stichhält. Und die weitesten Kreise unseres Volkes, einerlei welcher Partsirichtung, sind immer vom Gegenteil dieser feindlichen Auffassung fest überzeugt gewesen.
Doch darauf kommt er nicht in erster Linie an: vielmehr ist die Schuldsrage, eben weil der Versailler Vertrag auf ihr beruht, von der größten außenpolitischen Bedeutung. Indem wir die These der Feinde erschüttern, brechen wir Steine aus der Mauer dieser Zwingburg. Und wie die Tatsachen liegen, können wir das heute schon. Und weil wir's können, müsien wir's. Da diele Arbeit in ihrer Wirkung auf das Ausland, auf unsere Gegner, auf die Neutralen berechnet ist, so kommt es natürlich daraus an, sie so einzurichten, daß sie bei ihnen wirkt.
Dazu gehört vor allem, daß wir nicht zu viel wollen. Die Auffasiung der Feinde ist schon erschüttert, wenn wir beweisen, daß Deutschland nicht allein am Kriege schuldig ist, daß seine Gegner oder nur einer oder einige seiner Gegner ganz ersichtlich eine Mitschuld trifft, entweder durch die Politik vor dem Kriege, weil sie darauf angelegt war, Deutschland einzukreisen und ihm die Bewegungsfreiheit z» nehmen. Oder in der Zeit der Verhandlungen Ende Juli, wenn nachzuweisen ist, daß einzelne der feindlichen Mächte nichts getan haben, den Krieg zu vermeiden; oder daß gar der eine oder andere von ihren Staatsmännern im Gegenteil zur Verschärfung der Gegensätze und zur Zuspitzung der Lage beigetragen hat.
Wenn wir derartiges beweisen können — und wir sind dazu in der Lage — dann genügt das vollständig. Es ist absolut nicht nötig, nun umgekehrt von deutscher Seite beweisen zu wollen, daß üie Entente die Schuld treffe. Es ist auch ungeschickt, so anzufangen, selbst wenn man glaubt den Beweis führen zu können, denn im Auslands wird man viel eher geneigt fein, sachliche Erörterungen über die Mitschuld von 'Ententestaaten, etwa Rußland, sachlich zu prüfen, als sofort das eigene bisherige Urteil ins Gegenteil zu verkehren.
Überdies ist es auch in innerpolitischer Beziehung nur zu wünschen, wenn man sich auf die oben angegebene Beweisführung beschränkt. Zn ihr stimmen alle Deutschen überein, während über die Mitschuld der deutschen Regierung sehr verschiedene Auffassungen herrschen und eine Partei oder auch nur eine Gruppe von damaligen Staatsmännern der anderen die Schuld zuschiebt. Ganz abgesehen davon, daß derartige Auseinandersetzungen meist in unerfreulichem Gezänk zu endigen pflegen, haben sie die üble außenpolitische Wirkung, daß sie den Gegnern sebr leicht Waffen in die Hand geben. Sie verfehlen also völlig ihren Zweck Uns soll es, aus außenpolitischen Gründen, nur darauf ankommen, die Mitschuld unserer Gegner zu beweisen. !m allgemeinen wie im einzelnen und immer wieder zu beweisen, in Deutschland und im Ausland, um dadurch den Wall von Haß zu durchbrechen, der auf diesem Fundament so geschickt gegen uns aufgebaut wurde. Das ist politische Notwendigkeit und eine Arbeit, zu der jeder beitragen tonal
Der Friede mit Amerika.
v Br. Berlin, 31. Ott. (Eig. Drahtbericht.) Zu den Meldungen über di« bevorstehende Ratifizierung des deutich-
ur künden sofort vorgenommen werden könne. Wie weit die Vorbereitungen hierzu in Amerika erfolgt sind, entzieht sich noch der Kenntnis der zuständ-gen hiesigen Kreise. Ws t« Überbringung der Urkunde jedrch auf dem Seewege er- m muß, dürfte bis zum Eintreffen des amerikanischen
Urkundenmaterials noch einige Zeit verstreichen.
Das internationale Finanzproblem. v. London. 31. Okt (Eia Drahtbericht.) Der New Borker Korrespondent des „Daily Mail" berichtet, das nach Meinung der Presse der Bereinigten Staaten unmittelbar rach Beendigung der Abrüstungskonferenz eine zweite Konferenz stattfinden soll. An dieser Konferenz sollen die Delegierten von der Abrüstungskonferenz tennehmen. um die internationalen Ftnanzprobleme zu beraten.
Eine Rede Ledebours auf dem französischen Sozialistenkongreß.
Dz. Paris, 31. Oft. (Drahtbericht.) In der gelingen
Nachmittagssitzung des Sozlulistenkongresses kamen die. Ans- landsosr»rel-.'r zum Wort. Für die d-utsche Unabbannge sozialistische Partei sprach ,der Reichstagsabgeordnete
Ledebour. Er erklärte, die Wiederherstellung der International« ohne Ausschluß irgend einer sozialistischen Gruppe, möglichst mit Einschluß d-r Kommunisten, die auch Arbeiter- Vertreter seien, sei notwendig Jedoch erklärte es Ledeoour für notwendig, daß jetu-r natioval-n Partei ihre ll n.i b- hängigkc'i ln Fragen der Taktik belassen werde. Es sei von Wicht'gk.'it. daß alle ausländischen sozial-stühe-.
tum und Militar'smus erle:chreit würde. Französisch.
Ledebour sprach
Der Reichskanzler.
Br. Berlin. 3i. Oft (E'g Drahtbericht,) Der Reichskanzler D--. Wirtb »alt sich bekan-"l ch zurzeit in Frei - bürg i. Br. auf. Seine drüsige Anwesenheit hat lediglich privaten Ebarakter Seine Rückkehr nach Berlin wird sür Mittwochvorm-ttag erwartet.
Zusammentritt des preußischen Staatsrates.
Br. Berlin. 31. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Der preußische Staatsrat tritt am Dienstag, den 8. November, zu einer kurzen Tagung zusammen.
Arbeitsruhe am 9. November?
Br. Leipzig. 31. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Die in Leipzig tagende Konferenz der s 8 ch ! isch « n Gewerk - schaitskartelle im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund nahm nach lebhafter Aussoracke eine Entschließung au. in der es beißt: Di« Landeskonsereu» der Ortsausschüße der freien Gewerkschaften in Sachten beschließ«. die Arbeiterschaft zur Arbritsruche am S, November aufzuiordern. Damit haben die freien Gewerkschaften ihrerseits den 9. November als Feiertag proklamiert. Zn- j ierreit die Arbeiterschaft dieser Parole Folge leisten wird, muß sich erst noch zeigen.
Eine Wahlrede des Grafen Westarp.
Br. Karlsruhe. 31. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Zn einer Wahlrede in Karlsruhe hat Gras Westarp seinen Zuhörern auseinandergesetzt. daß Deutschland jetzt zur a l l g e m e , n en Wehrpflicht zurückkebren könne, weil die anderen Länder entgegen dem Bersailler Vertrag mit der Abrüstung nicht nachsclgtrn. Wenn der deutschnationale Führer einmal aus eine verantwortliche Regierungsstelle gehoben würde, würde er üch schwer hüten, seine demagogischen Reden in die Tat umzusetzen.
Eintreffen der Leiche König Ludwigs in Bayern.
Br. München. 31. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Der Zug mit der Leiche König Ludwigs von Bauern traf am Sonntagmittag 1,05 Hör an der bayerischen Grenzstation Freilassing ein. deren Badnbos mit Trauerflor und Lorbeer dekoriert war. Aus dem Babnhos hatte sich der Schwiegersohn des verstorbenen Königs. Graf Prerstng. ferner als Vertreter der bayerischen Regierung der Kultusminister Dr. Matt sowie zahlreiche Offiz-ere und Beamte und viele Leute der Einwobnerlchast der Gegend «ingefunden. Bei der Einfahrt des Zuges spielte ein Mustkkorvs den Präien- tiermarsch. Die gesamte Geistlichkeit nahm die Einsegnung des Sarges vor. worauf Kranzstenden niedergelegt wurden. Prinz Franz dankte den Beteiligten, worauf um 1.30 Uhr der Zug die Fahrt nach Wildenwartb fortseht«. Bon dort wird die Leiche am 4. November nach München verbracht, um am Tag« darauf gemeinsam mit den sterblichen iiberresten der Königin Maria Theresia beicesetzt zu werden.
Kultusminister a. D. v. Studt t.
Br. Berlin. 30. Okt. Der frühere langfährige preußische Kultusminister Dr. von Studt ist gestern im 84. Lebens- iabre in Berlin gestorben.
Liebesgaben aus Südwestafrika sür deutsche Kinder.
Dz. Berlin. 38. Okt. In den ersten Novembertagen trifft, wie wir hören, mit dem Dampfer ..Mrundi eine Sendung von Liebesgaben für die deutschen Kinder aus Südwektafrika
r ,i. Es wurden in Cüdwestasrika auch bereits 3 60 Milchst k> e als Geschenk für di« deutschen Kinder »usa bracht. Deren Überführung nach Deutschland st« jedoch noch Schwierigkeiten entgegen.
Deutschland und die Tschecho-Slowakei.
. W. T.-B. Prag, 30. Okt. Der neue deutsche Gesandte Dr. Koch hat dem Präsidenten der Republik in feier- llck«r Audienz sein Beglaubigungsschreiben über tticht. In der Ansprache an den Präsidenten erklärte der Gesandte, daß er sich freudig und nachdrücklich für v>« Aus- festaltung der Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechoslowakei einsehen werde. Er druckte dir Überzeugung aus. d^ß die »wirtschaftlichen Be- Prhungen. die seit Jahrhunderten das Land Böhmen mit Deutschland verbunden haben, die Schwierigkeiten, die der Krieg und seine Folgen für die wechselseitigen Beziehungen
t cschanen haben, bald überwinden und auch unter den neuen (erbaltnisfen die alte Intensität erlangen werden.
Der Präsident begrüßte den Gesandten und gemachte seines Vorgängers, der in der ersten schwierigen Zeit erfolgreich offizielle Beziehungen zwischen beiden Staaten angebahnt habe. Er fuhr fort: „Die hundert-, ja tauiend- lahngen Beziehungen unseres Staates und unserer Naiion zu Deutschland bewirkten, daß unsere neuen Beziehungen auch gegenwärtig sehr nahe zahlreich und naturgemäß für beide Eriten wichtig sind. Wir werden bestrebt sein, unser Verhältnis in feker Hinsicht korrekt zu gestalten. Im Vordergrund stehen die wirtschaftlichen Bedürfnisse. Wir werden alles tun. damit der Verkehr auf diesem Gebiete womöglich beiden Teilen vollste Befriedigung bringt. Wir haben auch zahlreiche kulturelle Beziehungen und wolle» auch diese bereitwilligst ausgestälten."
Der Steueransfall Preußens durch den Verlust Oberjchlefiens.
Br. Berlin, 31. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Ein Redat- ttonsmitglied des „B. L.-A" batte Gelegenheit, dem preußischen Ministerpräsidenten Stegerwald einige Fragen vorzulegen. die sich auk Oberschlesien als preußisches Gebiet beziehen Der Niinistcroräsident rührte u. a. aus:
Die verlorengegangenen Land- und Stadtkreise zusammen waren für das Steuerjahr 1919 für die Einkommensteuer der physischen und nichtphvsischen Personen mit einem Hebungssoll einschließlich oer Zuschläge von 2 52 3 Millionen Mark eingesetzt. Die Ergänzungssteuer sollte einschl. der Zuschläge 395 456 Millionen Mark erbringen. Diese Steucrbeträge entsprachen damals einem Prozentsatz von 17.6 Prozent der Einkommensteuer und 26.8 Prozent der Ergänzungssteuer des gesamten oberschlesUcken Abstimmungsgebietes. Wenn auch die Summen ..nur" 15 Prozent des gesamten preußischen Steuereingangs ausmachen, so läßt sich ein solcher nicht so bedeutender, aber absolut genommen doch erheblich ins Gewicht fallender Steuerausfall in einer Zeit ständig wachsender Defizite doch nur äußerst schwer wieder einbringen. zumal auch noch die hohen Werte und Einnahmen einer ganzen Reibe hochgualifizierter fiskalischer Werke. Domänen und Forsten verloren geben.
vier Kommissionen für Oberschlesien.
ZK. T.-B. Berlin. 30. Okt. Nach der Entscheidung der Botschafterkonserenz über Oberschlesien müssen insgesamt vier Kommissionen gebildet werden, erstens eine Kommission für dir Verhandlungen über die Mrt- ichastsbestimmungen und den Minderbeltsvertrag. Die deutschen Bevollmächtigten sind Reichsminister a. D. Schiffer und Staatssekretär a. D. L e w a l d. Di« Unterkommissare werden voraussichtlich heute ernannt werden. Zweitens eine gemilcht« Kommission für Oberschlesien. bestehend aus zwei deutschen und zwei polnischen Bürgern und einem neutralen Präsidenten, der vom Völkerbundsrat bestimmt wird. Drittens ein Schiedsgericht, wofür ein deutscher Schiedsrichter bestimmt werden muß. Viertens eine Grenzfcstsetzungskommtssion für Oberschlesien. Als Kommissar bleibt Herr v. Trrutler. der bisher bei der Grenzfestictzur.g zwischen Deutschland und Polen tätig war.
Ein Anfrvf des Präsidenten von Niederschlesien.
W. T.-B. Breslau. 30. Okt. Der Oberpräsident der Provinz Niederschlesicn erläßt folgenden Aufruf an die Bevölkerung:
Di« Entscheidung der Alliierten über die staatliche Zugehörigkeit Oberschlesiens trifft das ganze deutsche Volk, insbesondere die mit Oberschlesien seit Jahrhunderten eng verbundene Bevölkerung der Provinz Niederschlesien auf das schwerste. Ick, bitte daher die Bevölkerung, sich zu besonderen Hossnuv. gen nicht mehr hinreißen zu lassen, zumal, da ihnen und der Volksyesamtbeit von der engeren Heimat grober Schaden erwachsen kann.
Das französisch-türkische Abkommen.
D». Pari». 30. Okt. Wie die Abendblätter mlttellea. dar die französische Regierung gestern dos am 20. Oktober in Angora unterzeichnet« französisch-türkische Abkommen ratifiziert. das von der Nationalversammlung in Angora bereits vor Austausch der Unterschriften ratifiziert worden war.
Nach dem „Temos" muß das Abkommen innerhalb zwei Monaten, aerechnet vom 4. November an. ausgeführt werden. Es enthält n. a. folgende Bestimmungen' Die Bagdad bahn wird auf der Strecke zwischen Bolanti und Nislbin von einer französischen Gesellschaft betrieben werden. Die französischen und die türkischen Behörden erkennen sich gegenseitig das Reckt zu. sowohl auf lyrischen wie auf türkischem Gebiet aut dem Schienenwege Truoren zu befördern. Im syrischen Gebiet von Alerandrette wird eine Sonderverwaltung eingerichtet, um die Rechte der türkischen Bevölkerung dort zur Geltung zu bringen. Das Türkische wird dort zu den Amtssprachen gehören. In Eilicien wird der Schutz der Minderheiten durch Maßnahmen und nach ähnlichen Regeln gesickert, wie sie tsie verschiedenen ruroväischcn Friedensverträge zum gleichen Zwecke enthalten Das ..Journal des Döbats' hebt eine Unterscheidung her
vor. aus die anscheinend amtlicherseits Wert gelegt wird. Das Dlatt stellt fest, daß es sich nicht um einen Vertrag, sondern einfach um ein Abkommen zu dem Zweck handelt, an der eilicischen Grenze den Friedep wieder herzustellen. Dis zum 4. Januar nächsten Jahres räumen die französischen Trupp»» Eilicien.
