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Mittwoch, 26. Oktober 1921.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 487. «• 69. Jahrgang.
Politik auf weite Sicht!
Non hervorragender politischer Seite wird uns geschrieben:
Unser deutsches Volk macht den Fehler, eine Wandlung des deutschen Schicksals durch irgendeinen plötzlichen Umschwung zu erwarten: Daher die häufigen Kabinettskrisen — daher das Drängen auf neue Re- gierungszusammensetzungen. Als ob wir jetzt irgendeine Regierung bilden könnten, die das Versailler Joch abschütteln könnte. Auch wenn wir den nationalsten Deutschnationalen an die Spitze unseres Auswärtigen Amtes stellten, wäre das nicht möglich. Unsere Lage Ist doch so: Wir haben den Krieg verloren, wir mutzten uns einen fürchterlichen Frieden diktieren lassen und unsere Gegner sind seit unserem Zusammenbruch, seit dem Abfall unserer Bundesgenossen und seit Luden- dorffs Bankerottserklärung vom Oktober 1918 in der Lage, alles von uns zu erzwingen, was sie haben wollen. Auch den völligen Untergang können sie uns bereiten. Die heroische Geste, einen „Untergang in Ehren" für bester zu erklären als ein langes qualvolles Martyrium, kann sich wohl ein Einzelner gestatten, niemals aber ein ganzes Volk. Unser Volk will weiterleben und soll weiterleben, es ist einfach unsere Pflicht, ihm dabei zu helfen, mag es für_ uns persönlich eine noch so bittere und undankbare Aufgabe sein.
Wir müssen deshalb Station für Station den Weg Absolvieren, der uns in Versailles vorgeschrieben wurde. Wir müssen versuchen, diesen Leidensweg, der aber nun einmal der einzige Weg für uns ist, so zu überwinden, datz wir schliesslich als Volk noch beisammen bleiben und uns wenigstens dann nach Jahrzehnten wieder eine freiere und glücklichere Zukunft aufbauen können. Wir haben selbstverständlich auch die Pflicht, jede rechtliche Handhabe zu benutzen, um unserem Volke seine schweren Leiden soweit es irgend geht, zu erleichtern, von den Siegern soviel Rücksichtnahme zu erringen, als es irgend möglich ist. Aber gar keinen Zweck hat es, bei jciet neuen fälligen Leidensstation, bei jeder neuen Reparations- oder sonstigen Leistung ein lautes Geschrei nach einem Regierungswechsel und nach einem anderen Kurs zu erheben. Wir hätten vor dem Kriegs zur rechten Zeit einen neuen Kurs verlangen sollen. Wir hätten vor dem Kriege das preußische Wahlrecht modernisieren, die Reichsfinanzen auf eine gesunde Basis stellen und das Mettverlangen nach obligatorischem Schiedsgerichtsverfahren im Haag unterstützen sollen. Damals hatlen wir die Freiheit zu wählen. Heute haben wir sie nicht mehr. Aus dem Abgrund, in den wir gestürzt sind, trägt uns kein fliegender Zaubermantel plötzlich wieder zu den Höhen der stolzeren Vorkriegszeit zurück. Und was jetzt bei uns von einem Volkskaisertum und von einer wahren Volker- bündspolilik und dergleichen deklamiert wird, kommt alles um zehn Jahre zu spät.
Die Russen haben ebenfalls den Fehler gemacht, s plötzliche Rettung aus ihrem Unglück zu erhoff-:», hofften durch ein bolschewikifches Paradies dem nmer ihrer Niederlage zu entgehen. Das Exper»- tt hat mit einem fürchterlichen Fiasko geendet. Auch gland muh nun den langen geduldigen Leidensweg en. Er ist durch jenes Experimeitt nur noch, furcht- er und schwerer geworden. Auch Rußland wird den g der mittleren Linie, den Weg der vernünftigen nokratie suchen müssen, mehr agrarisch im E^ensatz dem industriellen Deutschland, aber eben doch auch Weg eines Volksstaates, in dem das Wohl der lssen und nicht mehr einzelner Klassen massgebend wofür die politische Mitarbeit der Massen selbst die zige zuverlässige Gewähr bietet.
Worauf es ankommt, ist. datz-wir jetzt eine klare nenführung in unsere auswärtige Politik hm.Hingen. Wir müssen unser eigenes Volk, jo cs t. von allen Illusionen der früheren Erotzmacht.,. irik befreien. Wir müssen dem Alande, was ichfalls keine leichte Aufgabe ist. das Vertrauen S. . ngen. datz die deutsche Autzenpotttlk nicht mehr miu- ästisch orientiert ist, datz kein Volk der Wett mehr >as von ihr zu fürchten hat. datz über alle um Recht d Freiheit ringenden Klassen oder Volker m Deutlch- td ihren natürlichen Bundesgenossen finden können Ke solche charakteristische Lime laßt sich nicht m wem- i Monaten erzielen. Leider aber waren d.e deut- -u Rachkriegsregierungen durchschnittlich sch
onale im Amt. So kann wa" keine Autzenpoi.r^ chen. Wenn dann ausserdem diese Regierungen noch cschiedene Schattierungen zeigen, wenn jede nervo^
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inweg klar bewutzt die allein erreichbaren Ziele der Zukunft ins Auge saht und trotz aller Leiden und )pfer verfolgt, können wir wieder von deutscher Autzrn- olitik reden! _
Die Kabinettskrise.
Br. Berlin. 25. Oft. (Giß. Drahtbericht,) Auch der heutige Vormittag braäite nickt die erhoffte Losung der Regierungskrise. Durck da- Schreibender D e u t I a>« n Volksvartei an den Reichspräsidenten Tmb die letzten Hoffnungen auf die Bildung einer Koalition von Stresemann bis Scheidemann als geichetteri anzusehen. Man versucht nunmebr. auf dem. Boden der alten Koalition eine Kabinettsbildung vorzuneümen. Im Laufe des heutigen Vorm-ttags empfing der Reims - Präsident Vertreter der Sozialdemokraten, der Demokraten und des Zentrums. Während der Zeit des Empfanges der Parteiführer wurden die Fraktionssitzungen zeitweise unterbrochen. Das Zentrum steht nach wie vor verärgert und verstimmt beiseite. während dis S o z t a l o e m t r a t e n eine vollkommen abwarrende Haltung einnehmen. -Jn oer demokratischen Partei versucht man. in langen Fraktionssitzungen ein Einvernehmen herbeizufubren. ttin Teil der Mitglieder dürfte heute den Rücktritt des Kabinetts Wirtb als einen Fehler ansehen. Die Fraktionen.tagen über die Miltagsstunden bin. da man hofft wenigstens im La ui e des heutigen Nachmittags noch das Kabinett unter Dach und Fach zu bringen. ^
Br. Berlin, 25. Oft. (Eig. Drabtbericht.) In dem Schreiben, in welchem die Deutsche Volksvartei dem Reichspräsidenten ihren Standpunkt. mitgeteut bat. heißt es, dem Vernehmen nach, dah die Rechtsver- Währung gegen die Entscheidung der Entente allem nicht genüge und daß zu befürchten sei. daß für den Fall der Anwendung von Zwangsmahn ahmen durch die Entente eine auf dieser Grundlage gebildete Koalition sich schliehlich doch dem Z w a n g e f ü g e n müsse. Insbesondere liehe der Standpunkt der sozialdemokratischen Partei dies befürchten. Infolgedessen müsse die Deutsche Volkspartei die Beteiligung an der Regierungsbildung ablehnen.
Das Wiesbadener Abkommen.
Dz. London. 25. Okt. Der Pariser Berichterstatter der Westminster Gazette" schreibt zu dem Wiesbadener Abkommen. die Reparationen seien keine Fragen mehr zwilchen Frankreich und Deutschland allein, sondern zwischen Deutschland und den Alliierten. Frankreich Sötte England und Belgien nicht mit vollendeten Tatsachen kommen sollen. Dies sei die Ansicht der maßgebenden Per- vnlichketten. die sich nicht der Tatsache verschlossen, dah das rllüerte Land, das zuerst ungetrennt bezahlt werde, wohl )as einzige sei. das etwas erhalten werde Dies all^ bereute. dah trotz der allgemeinen Empfehlung die Reoa- rationskommisiion das Wiesbadener Abkommen fast sicher für einige Zeit verschieben werde.. (Es mulTenJBStß« sckaften geschaffen werden, und zwar ,n Eestalt ähnlicher Nbkommen zwilchen den anderen Alliierten und Deutschland. Angesichts der Wasbingtoner Konferenz lebe es daher so aus. als ob das Wiesbadener Abkommen bis Januar verschoben werde, wo der Bankrott Deutschland» all seinen Gläubigern Her vor Augen treten werde.
Die liberwachung der deutschen Ein- und Ausfuhr.
Sr. Berlin. 25. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Die ..Bast. Ztg." meldet: Zu den Koblenzer Verhandlungen über, die Einrichtung einer Kontrollorganifa ti o n zur Überwachung der Ein- und Ausfuhr ist der deutschen Behöide. di« die Verhandlungen zu fuhren bat. ein Entwurf der interalliierten Rbeinlandkommission inoffiziell zugegangen. der. so weit es sich bis jetzt überleben loht .^r Handhabung des deutfck>en Außenhandelsdienstes erhebliche Komplikationen und Erschwerungen bereitet. Rach dem Entwurf ist auherdem die Kontrollorimnesatum or -gerüstet worden, sich die Möglichkeit der Erteiluna der Einfuhrgenehmigung zu erzwingen, andererseits di« N,Mt- crteilung als Verletzung des Versailler Vertrages ausgelegt würde.
Aus dem englischen Unterhaus.
Dz. London. 24. Olt. (Samns.) Im Unterbau? fragte der Abgeordnete Kennwortbn an. ob die Wirkung der oberschlesischen Entscheidung aus die deutschen Entscha- digungszablungen aevrüft worden sei und ob die Absicht besiehe, die Entschädigungsfraa« nach dem Soruch des Völkerbundes wieder aufzunebmen. Der Finanzminisier antwortete mit Rein. Das Ultimatum sei von der deutschen Regierung angenommen worden und dadurch sei der Revarationsbetrag festgesetzt worden, ohne irgendwelcher Vereinbarungen über die Entscheidung hinsichtlich Oberschlesicns Erwähnung zu tun. Eine andere Anfrage beantwortete der Finanzminisier dabin. dah er die Absicht habe, den Abgeordneten einen amtlichen Bericht über das zwischen Lou ckeu r und Ra tbenau in Wiesbaden Unterzeichnete Abkommen zu liefern.
Annahme der Genfer Entscheidung durch Polen.
0. Warschau. 25. Olt. (Eig. Drabtbericht.) In der letzten Ministerratssitzung wurde d«r Tert einer Rot« fett« gelegt^lie vom oolnischen Gesandten in Paris Zamoislt dem Minisiorvräsidenten B r i a n d überreicht werden soll und in der Polen die Annahme der Entscheidung des Obersten Rates ausivricht.
Polnische Tendenzmeldungen über Oberschlesien.
Dz. Berlin, 24. Okt. Von ausländischen Nachrichten- Agenturen werden in Paris und London Meldunyen verbreitet, dah nach Berichten aus Veuthen deutsche militärische Organisationen mit der systematischen Zerstörung des Industriematerials in Oberfchlesien. der Eiien» bahnbrücken und der sonstigen Kunstbauten der Eisenbahn begonnen haben. Derartige Nachrichten sind völlig frei erfunden und »eigen nur allzu deutlich v o l n i! ch * Tendenzen.
Die preußischen Finanzen.
Dz. Berlin, 25. Okt. Im Haushaltsaus schütz des vreubischen Landtags erklärte Finanzminister Samisch u. a.: Gegen den Haushaltsvoranschlag für 1920 werde vor« aussichll-ch mit den ordentlickien Einnahmen und Ausgaben mit einer Gesamtoerbesserung von 384.5 Millionen Mark gerechnet werden können, und zwar bei den Forsten. Bergverwaltvng und der allgemeinen Finanzoerwaltung. Dieser-Verbesserung stehe eine Verschlechterung von 1186,5 Millionen Mark gegenüber. Es werde mit ernem mutmaßlichen Fehlbetrag von 802 Millionen Mark gerechnet werden müssen, der sich auf insgesamt 2795,2 Millionen Mark erhöben werde, falls die im Haushalt eingestellte Ersatzerstaitung in Höhe von 1993.2 Millionen Mark bis zum Iahresschluh nicht eingehen sollte. E» könne mit Sicherheit daraus gerechnet werden, dah die Aufkommen an Einkommens- und Körverschaftssteuern für 1920 wesentlich höher sein würden als bisher angenommen worden sei. Das Aufkommen werde rumd lü'A Milliarden Marl betragen. Über die voraussichtliche Entwicklung der Ein, rahmen >n Preußen im Rechnungsjahr 1921 könnten auch nur schätzungsweise Ziffern angegeben werden. Der Anteil Preuhens (nach Abzug des Gemeindeanteils) an Erträgen der R e i ch s st e u e r n werde gegenüber dem Voranschlag ein Mehr von 2226.9 Millionen erbringen. Trotzdech ergebe sich ein Fehlbetrag. Die Betriebsverwaltung werde nennenswerte Mehreinnahmen gegenüber dem Voranschlag nicht erbringen. Mit Sicherheit sei auf erheblich« Laushaltsüberschrritungen bei den Staatsve^> walluNgen zu rechnen, was mit dem immer mehr sinkender» Geldwert zusammenhänae. Um ohne einen Fehlbetrag ab- ickliehen zu können, mühten für 1921 noch 991.3 Millionen neue Sreuern bereitgestellt werden. Für die Deckung dieses Defizits sei ein E ru n dst e u e ren twurf ausge- arbeitrt worden, der bereits seit Mitte September dem Staatsrat zur Begutachtung vorliege. Die angestrebt« Trennung der Betriebs- und Hoheitsverwaltungen sei bisher nicht möglich gewesen: auch werde ste für 1922 nicht eriolgeit können. Verhältnismäßig günstig entwickelt habe sich da» Kassenstatut des vreuhiichen Staates. Für die Ablieserung von Betriebsmitteln der Eisenbahn an das Reich seien 8 Millionen Mark vereinnahmt worden. Zum Schluh kenn« zeichnete der Minister noch den Einfluß der Ententemah- nahmen auf die ganze Finanzwirtschaft. Gerade di» Arbeitslosigkeit in den bocbvalutarischen Landern zeige, wohin der wirtschaftliche Wahnsinn geführt bab«. Man müsse sich klar machen, daß der Ausverkauf Deutschlands zum erheblichen Teil auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung nicht nur Deutschlands, sondern der ganzen Welt gebe. _
Die Überführung der Leiche des bayerischen Exkönig, verschoben.
Br. München, 25. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Die Überführung der Leiche des Erkönigs Ludwig von Bayern nach München muhte wegen der politischen Lage in Ungarn auf unbestimmte Zeit verschoben werden.
Die Eisenvahnerbewegung.
Dz. Mannbeim. 25. Okt. In einer vom Deutschen Eilen» babnerverband einber„fenen öffentlichen Versammlung wurde nach einem Referat über den Deutschen Eisenbabner» verband als Jnteresi"nvertretung für die Lohn- und Gehalts» emvfänaer bei der Reickseisenbabn folgende Ent» lckliehung angenommen: Die am 24. Oktober im Rosengarten stattgefundene öffentliche Versammlung des Deurschen Eisenbabnerverbandes Ortsgrupve Mannheim erklärt sich mit den im Bezirk Salle und Leiozig im .Kampfe um den Acht» stundentaa stehenden Eisenbahnern solidarisch und erwartet, daß der Hauvtvorstand in der Frage des Achtstundentages nicht nachgibt. — Die Versammlung beschäftigte sich auch mit der im Gange befindlichen Lohn- und Gehaltsbewegung der Eisenbahner, die als Folge der fortgesetzten Verschlechterung der Lebenshaltung betrachtet werden muh. Die Versammlung erwartet vom Hauvtoorständ des Eisenbabneroerbaydes unter allen Umständen, dah er die an das Berkcbrsministerium gestellten Forderungen mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln eventuell durch Anwendung des Generalstreiks, durchführt. Die im Deutschen Eisenbabnerverband organisierte» Eisenbahner von Dkannheim sind geneigt, einem an sie er» gebenden Rufe sofort zu folgen.
Der Zusammenbruch des ungarischen Abenteuers.
D. Wien, 25. Okt. (Eis. Drabtbericht.) Erkaifer Karl befindet fick nach Budavester Meldungen mit seiner Gattii» aus dem Schlosse Totis.wo er militärisch bewacht wird. Seine Bewegungsfreiheit ist aufs äußerste einge- jchränkt. Angeblich hat der Zusammenbruch seines Unternehmens auf die Abenteurer geradezu niedcrschmet» t e r n d gewirkt. Bei den Beratungen der divlomatischea Pertirtcr der Entente mit der ungarischen Regierung über das künftige Schicksal des Exkaisers und seiner Gattin sei u. a. der Plan erwogen worden, beide a»herhalb Eurovas zu internieren. — Die Verlustziffern der letzten Kämpfe zwischen Budapest und Komor« werden auf 400 Tote und 100 Verwundet« angegeben. Dock darf man diese Zabl kür übertrieben batten, zumal es si« berausgestellt hat. dah die karlistische Wehrmacht nur ung« führ 4000 Mann bettug.
Die Ordnung in Portugal wiederhergestellt.
Br. Berlin. 25. Okt. (Eia. Drabtbericht.) Die hiesig«
portugiesische Gesandtschait erhielt vom Minister der Außer« in Lissabon die telegraphische Nachricht, dah zurzeit oi> Rübe im ganzen Lande wiederbergcstellt sei. Dir
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stadt werde von republikanischen Garden bewacht. Die He« a,Ziehung anderer Truvventeile sei nicht notwendig gewesene Die Ermordung einiger Minister sei durch den Mob aelchebrip 8ur Ergreifung der Schuldigen seien alle Matznabm«» aM troffen.
