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Freitag, 14. Oktober 1921.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 467. ♦ 69. Jahrgang.
Um Oberschlesten.
Weitere Besprechungen in Berlin
B*. Berlin. 18. Oft (Eig. Drabtbericht.) Die politische Lase wird in parlamentarischen und Regierungskreisen als durchaus ernst und kritisch bezeichnet. Die Regierung bat sich ibre Entscheidung, betr. die Frage des Rücktritts. noch Vorbehalten. Sie will diese Entscheidung nicht eher treffen, ehe nicht eine tatsächliche Kundgebung vorhanden ist. die eine Klärung der Frage einer eventl. Neubildung des Kabinetts ermöglicht.
a Br. Berlin. 13. Oft. (Eis. Drabtbericht) Wie die ..93. 3." meldet, fanden beute vormittag Besprechungen zwischen dem Reichskanzler und den Partei- f L b r«r n statt. Diese Besprechungen dürften sich um die Einberufung des Reichstages gedreht haben. In unterrichteten parlamentarischen Kreisen wird damit gerechnet. daß der Reichstag bereits am Montag, und zwar zum 20. oder 21. Oktober einberufen wird. Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages wird jedenfalls noch vor dem Zusammentritt des Parlamentes sich mit der Entscheidung über die oberschlekische Frage zu befassen haben. Es wird damit gerechnet, daß der Ausschuß am Samstag oder Montag, jedenfalls aber noch vor der offiziellen Veröffentlichung der Entscheidung des Völkerbundsrates zuiammen- treten wird. In dieser Sitzung des Auswärtigen Ausschusses werden die politischen Parteien des Reichstages ibre Haltung in der Frage der oberschlesischen Entscheidung festlegen.
Die Enteuteauffassungen über die Art der Veröffentlichung.
D. Paris. 13. Oft. (Eig. Drabtbericht.) Wie der „Petit Parisien erfahrt, hat die. französische Regierung der englischen Regierung am 6. Oktober mitgeteilt. daß eine Tagung des Ober ft en Rates nutzlos wäre und daß es am einfachsten wäre, die Botschafterkonferenz zu beauftragen, die über Oberschlesten gefällte Entscheidung i n Kraft treten zu lassen. In London aber steht man auf dem Standpunkt, dyß man zunächst die Lösungdes Völkerbundes kennen lernen müßte. Wie bereits gestern bekannt gegeben wurde, denkt man in London nicht an di« Einberufung des Obersten Rates. Di« französische Regierung wünscht die sofortige Durchführung des Völker- bundssvruches durch den Obersten Rat. Die englische Regierung würde prinzipielle Einwände gegen dies« Absicht nicht erbeben, fordert aber, daß man ihr Zeit lasse.
Der Pariser Berichterstatter der „Eazetta del Povolo" will dabin informiert sein, daß Briand in Rom und London die Forderung erhoben habe, die ganze Angelegenheit, um die Lösung zu beschleunigen, der Botschafterkonfe- r e n 3 5 u übertragen. Italien habe sich mit diesem Vorschlag einverstanden erklärt. Man erwarte jetzt nur noch die Antwort der englischen Regierung, die beute noch eintresfen soll. Falls auch die englische Antwort günstig lautet, io könnte der Genfer Beschluß bezüglich Ober- lÄlestens sofort veröffentlicht werden.
Die Stimmung in Warschau.
D. Warschau, 13. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Während die hiesige Presse die Lösung der oberschlesischen Frage als restlose Entscheidung betrachtet, inS> die hiesigen diplomatischen Kreise etwas weniger i ch e r und halten jedenfalls mit ihrer Ansicht zurück, bis der Oberste Rat sein letztes Wort gesprochen haben wird.
. Englische Presssstimmen.
vz. London, 13. Okt (Drahtbericht.) „Daily Cbronicle" mireibt-. Die englische Regierung und alle anderen vom Obersten Rat vertretenen Regierungen seien verpflichtet, die Entscheidung des Völkerbundsrates in der oberschlesischen »rage anzunehmen. — „New Herald" weist darauf hin. daß sowohl Kattowitz als auch Königshütte. die den Polen Mewiesen werden sollen, bei der, Abstimmung «ine Mehrbeit zugunsten Deutschlands aufwiesen. Das Blatt bezeichnet die Entscheidung des Völkerbundes als eine v e r hängnisvolle. Für Oberl'cklesten selbst sei die Losung des Völkerbundes die schlimmste, die gefunden werden werden konnte und die nur zu einem neuen Konflikt. Verwicklungen. Streitigkeiten und sehr wahrscheinlich zu nnem neuen Krieg führen werden. Die Wirkung aus Deullchland werde katastrophal sein. Die Teilung Ober- imlestens werde mit einem Schlag alle hoffnungsvollen Aussichten auf ein freundschaftliches Zusammenwirken zwi- ichen,Deutschland und den Alliierten zerstören. — Laut
oatly Telegraph" besteht nicht der geringste Zwei-
rsstchten auf ein freundschaftliches Zusammenwirken zwirn Deuts.. ' '
xOatly Telegraf ...___ ___
fei, daß die britische Regierung die Entscheidung des Völkerbundes aus vollem Herzen annimmt, wie der deutsche Botschafter in London wohl wissen müsse. Außerdem hätten $ die Ententeregierungen im voraus verpflichtet, die Emv- blur.grn des Bülkerbnndes als entleibenden Schiedsspruch an,unehmen. — Rach dem „Daily Telegraph" hält man es Kr sehr notwendig, eine baldige Konferenz des Obersten Rates einzuberufen, um den Vorschlag 7*5 Völkerbundsrates formell zu ratifizieren und den vermiedenen Körverschaften. die mit der Durchführung der Anordnungen des Obersten Rates betraut werden, die
«otigen Anweisungen zu geben. .
Dz. London, 18. Oft „Daily News" weisen in einem Leitartikel darauf hin. daß der Erfolg des Bolker- — oundsvlanes letzten Endes davon abhängig ser. daß r Men und Deutschland die Notwendigkeit ihrer Mitwirkung einsäben. Die Vorstellungen, die. wie vermutet. von seiten Deutschlands sowohl in London als auch aris gemacht worden seien, um die Annahme der Bor- d«S Völkerbundes zu «xhindttll. be»eichnet ..Datli»
News als höchst unschicklich. Deutschland sei verpflichtet. die Entscheidung der Mächte bezüglich Ober- ' fiens anzunehmen, und es lieg« in seinem eigenen Inste. sein Bestes zu tun. um den Plan, wie er auch sei. zu fordern. — „Daily Telegraph" beglückwünscht in seinem Leitartikel die vier Delegierten der nichtinteressierten Mächte zu der geschäftsmäßigen Schnelligkeit, mit der sie die wichtige Aufgabe. die ihnen übertragen war. erledigt hätten. Das Blatt schreibt, dieser maßgebende und unparteiische Spruch müsse das Ende eines gefährlichen Streites bedeuten, der noch vor wenigen Wochen den Frieden Europas bedrohte. Das Blatt fährt fort, der Bericht des Völkerbundes werde rn Polen mit größerer Befriedigung ausgenommen werden als in Deutschland. Die Polen gingen dabei sehr gut aus und erhielten ein sehr beträchtliches Stück des reichen Industriegebietes. Die britische, die französische und die italienische Regierung müßten jetzt noch erwägen, wie die Lösung am besten zur Durchführung gebracht werden könnte und welche Schritte getan werden müßten, um jedem Widerstand, der stch etwa ergeben könnte, zu begegnen. Hier beständen gewiss« Schwierigkeiten, denn es gebe in Deutschland Gruppen und Personen, die wütend über die Polen gemachten Zugeständnisse seien und ihr Bestes tun würden, um sie zunichte zu machen. Es gebe auch unter den Polen Ertremisten. die mit dem den Polen zugewiesenen Anteil unzufrieden sein würden. — „Daily Telegraph" schreibt, man müsse alle diese Kundgebungen ignorieren und wenn möglich unterdrücken.
Die Weltwirtschaftskrise.
Dz. London, 13. Oft (Drahtbericht) In der gestrigen Sitzung des Kongresses für die wirtschaftliche Wiederherstellung und den Weltfrieden erklärte der englische Finanzsachverständige E. P a i st. es sei ein
Fehler, zu glauben, daß die Krise im Handel im Äbnehmen begriffen sei. Im nächsten Jahre um diese Zeit werde die Zahl' der Arbeitslosen oas Doppelte wie
augenblicklich betragen. Die Regierung unternehme keine wirksamen Schritte, um der Not zu steuern. Weitere zehn Millionen Menschen würden zugrunde geben, wenn sie ihrem Schicksal überlasten würden. Wenn Amerika Europa weiter darben laste, würde ein sehr beträchtlicher Teil des amerikanischen Volkes ebenfalls sugrunde gehen muffen. Die Lage, die beute in Rußland herrsche, werde bald in ganz Europa verbreitet sein. Det deutsche Delegierte Ernst Kahn erklärte, die sog. Wohlfahrt Deutschlands sei ein Trugschluß. Der Kongreß nahm eine Entschließung an. in der der Niedergang der Industrie und die Arbeitslosigkeit in vielen Ländern u. a. auf die künstliche Beschränkung des Handels, die Abrüstungsauf- gaben und die übertriebenen Revarationsforderungen zu- rückgeführt werden. Die Regierungen nnd der Völkerbund werden ausgefordert di« Produktionskraft der Länder wie- derbeizustellen und die Herstellung von Handel und Industrie zum Hauptteil ihrer Politik zu machen, zu welchem Zweck eine internationale Anleihe unter dem Kura- torium des Völkerbundes aufzubringen sei.
Lord Ereys Rückkehr zur Politik.
Dz. London. 13. Okt. Lord Robert Cecil hat an den Obersten Ellis ein Schreiben gerichtet, in dem er unter Bezugnahme auf Lord Breys letzte Angriffe gegen die augenblickliche Koalitionsregierung fragt, ob nicht Lord Grey der richtige Mann dafür wäre, an der Spitze einer neuen Regierung zu stehen. Lord Robert Cecil erklärte, er sei bereit, mit Grey dabei zusammenzuwirken. Die Lage im Innern und nach außen sei «sehr kritisch und seiner Ansicht nach bestehe wenig Aussicht dafür, daß die augenblickliche Regierung die Lage mit Erfolg beheben werde. Alle Personen, die so dächten wie er — welcher Partei sie auch angehörten — müßten sich zusammentun, um eine Regierung zu wählen, die die Sicherheit nach Innen biete und dem Ausland einflöße.
Dz. London, 13. Okt. Lord Stet) erklärte in einer Rede zugunsten des Völkerbundes, wenn keine Körperschaft wie der Völkerbund bestanden hätte, so wisse er nicht, welcher Ausweg in der oberschlesischen Frage hätte gefunden werden können. Wenn der Völkerbund die oberschlesische Frage regele, so wäre das ein sehr großer Triumph für die Entente. Selbst wenn er sie nicht regele, so würde er einen sehr großen Dienst dadurch erweisen, daß er die britische und die französische Regierung aus einem kritischen Augenblick in ihren Beziehungen herausgehaben habe.
Freilassung der türkischen Gefangenen auf Malta.
_. Dz. Paris. 12. Okt. Havas meldet aus Konstantinopel: Tie in Malta beiindlickien türkischen Gefangenen sind sämtlich von der britischen Regierung in Freiheit gesetzt worben und in Konstantinopel angekommen.
Klara Zetkin.
Br. Rom. 13. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Klara JetUn, die an dem italienischen Sozialistenkongreß teil- nimmt, hat, wie bei dem französischen Kommunistenkongreß m Toul. auch Italien ohne Paßvisum erreicht Damit die Nachricht von ihrer Anwesenheit von den Journalisten nicht iwrzeltlg verbreitet werde, hatte man die Journalisten trotz ihres lebhaften Widerstandes zwei Stunden lang eingesperrt.
Br Rom. 13. Okt. (Eig. Drabtbericht.) Klara Zeckin hat auf dem Sozialistenkongreß nickt den Beifall gesunden. den sie erwartet hatte. Trete betonte ihr gegenüber. sie hatte nicht die Sachkenntnis, über italienische Dinge zu sprechen. Jiolien könne sich nicht den Linus einer Revolution Ulfen. .
Der neue Kurs in Bayern.
Man schreibt uns aus München:
Überhitzt ist die Atmosphäre in Bayern immer noch. So rasch kühlen sich jahrelang geschürte Gluten nicht ab. Aber man spürt doch deutlich eine wohltuende Dämpfung und sieht hoffnungsvolle Auswege, wo früher Katastrophen drohten. Man versteht doch jetzt wieder auch als Angehöriger eines anderen Bundesstaates die bayerische politische Sprache, die uns in der jüngsten Vergangenheit so oft unlösbare Rätsel ausgegeben hatte. Der neue Ministerpräsident ist geeignet, im Reiche Vertrauen zu erwecken, ohne sich die bayerischen Gemüter zu entfremden. Er ist ein fein- gebildeter Kopf von freundlicher Menschlichkeit. Seine schlichten Derkehrsformen lassen nur die echte Vornehmheit seines Wesens desto reiner hervortreten. Daß er vor seiner Ministerpräsidentschaft längere Zeit in Berlin und dann in Hessen-Darmstadt — also angesichts der französischen Besetzung — war, hat seine Einsicht in die Lebensnotwendigkeiten des Reiches, aber auch in die Begrenztheit der politischen Möglichkeiten sicherlich gefördert. Nun hat Bayern durch die Ausschiffung seiner nationalistischen Extremisten eine Regierung, mit der auch Berlin und die anderen deutschen Bundesstaaten sich verstehen können. Stehen die Sozialisten noch außerhalb, so üben sie doch wohlwollende Neutralität, und bei der besonderen Struktur Bayerns wird man sich damit wohl Genüge sein lassen. In einer öffentlichen Versammlung sprach der demokratische Minister Hamm das Gefühl der Erleichterung über die eingetretene Entspannung aus und fand damit nur den Widerspruch der Deutschnationalen, der sich durch Zwischenrufe selbst mehr diskreditierte als empfahl. In einer vorwiegend von Sozialisten besuchten Versammlung sprach der seitherige hessische Unterrichtsminister Dr. Strecker für die republikanische Staatsform ganz im Sinne der Koalitionspolitik. Auch hat es einen guten Eindruck gemacht, daß sich Gras Lerchenfeld anläßlich einer Streikverhandlung persönlich mit der Arbeiterschaft ins Benehmen setzte. Er hat ja auch in Darmstadt lange genug mit einem sozialisttschenStaatspräsidenten zusammen gearbeitet, um zu wissen, daß man auch in dieser Partei wertvolle positive Kräfte für die republikanische Staatsführung findet. Allmählich wird sich dieser gesetztere Geist ja dann wohl auch in der bayerischen Presse durchsetzen.
Wie gefährlich bisher die bayerische Politik eigentlich war, wie ungemein verhängnisvoll sie sich (im Auslande namentlich) gegen das deutsche Volk aus- beuten ließ, das ist noch nicht allen Münchenern zum Bewußtsein gekommen. In keiner Stadt sind so wie hier die militärischen Feste nach der alten Schablone aufgezogen worden und Haben dann ein verwundertes Echo und zugleich unendlich viel Mißtrauen namentlich in Genf oder Paris erweckt. Dis Münchener Feier zum Gedenken der Gefallenen des Weltkrieges trug immerhin einen wesentlich anderen Charaktet und es wäre wohl zu wünschen, daß die parteipolitischen Nebenabsichten immer gründlicher von all solchen Veranstaltungen ferngehalten würden. Die schwarzen Trauerfahnen hingen melancholisch in den goldenen. Herbstsonntag hinein, und mit dem Rot des Abendhimmels gab es die Farben der deutschen Republik — wie ein großes Symbol, daß sich schließlich in diesem jahrtausendalten Zeichen doch noch einmal alle Deutschen, einschließlich der Bayern, zusammenfinden werden.
Das Ergebnis der Rheinzollgrenze
Br. Köln, 13. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Nach der „Cologne-Post", dem englischen Etappenblatt, ist durch die Rheinzollgrenze ein Betrag von ungefähr 1,5 M i l- liarden Mark erzielt worden, der auf Wiederguü machungskonto gutgeschrieben werden soll.
Der neue Dezernent für das Auslandsdeutschtum.
Dz. Berlin, 12. Okt. Ministerialrat Dr. Heilbron. der frühere Leiter der Presteabteilung der Reichsregierung, ist mit der Führung der Geschäfte der Abteilung 9 (Auslandsdeutschtum) des Auswärtigen Amtes betraut worden.
Denkmäler aus den Kolonien.
,. w - T v B - Berlin. 13. Okt. Unter dem Vorsitz des Staatssekretärs Dr. Müller im Reichsministerium für den Wiederaufbau bat stch ein Komitee zur Aufstellung voit Denkmälern aus den Kolonien'gebildet, dem dis ehemaligen Gouverneure der Schutzgebiete und andere auf kolonialem Gebiet fübrcnde Persönlichkeiten angehören. Das Komitee liebt seine Aufgabe in der Wiederausstellung von Denkmälern, die aus den ehemaligen Schutzgebieten an Deutschland zurückgegcben werden. Bisher stnd aus Ostafrikä Statuen von W i ß rn a n n und Peters zurückgclangt' wegen Herausgabe weiterer Denkmäler schweben Verhandlungen. Die Kosten de» Wiederausstellung werden aus vrt« vaten Mitteln gedeckt.
