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Dienstags 4. Oktober 1921.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 449. ♦ 69. Jahrgang.

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Die neue Irland-Konferenz.

Am 11. Oktober wird in London eine neue Irland- Konferenz stattfinden. Die britische Regierung schickt ihre ersten Leute dazu, Lloyd George, Churchill, Lord Birkenhead, Sir Hamar Ereenwood und den Kriegs- minifter. Von irischer Seite kommt natürlich de Valera, wenn er annimmt. Die Londoner Konferenz tritt an die Stelle der abgesagten Zusammenkunft von Jnver- netz. Lloyd George hat, objektiv betrachtet, jetzt wie­der Oberwasser. In seinem letzten Schreiben an de Valera hat er es sehr geschickt begründet, warum er nicht nach der Mündung (keltisch: inver) des Flusses Netz kommen will, nämlich weil es so aussehen könnte, als gebe die britische Regierung ihre Zustimmung zu den Forderungen de Valeras. Trotzdem will Lloyd George« keine weitere Korrespondenz, wie er schreibt, sondern eine Konferenz, und es ist zweifellos ein diplomatischer Sieg, wenn er die Sinnfeiner an den Verhandlungstisch mit dem Erzfeind Old England Mingt.

Ist man einmal beisammen, so wächst die Verant­wortung. Keine Partei wird dann so leicht die Ver­handlungen zum Scheitern bringen. Die Absage der Konferenz von Invernetz hatte in Irland wie eins Bombe eingeschlagen, und ein paar Tage lang sah es aus, als habe de Valera nicht mehr das ganze irische Volk hinter sich. England, ist in seinen Angeboten an die Grenze des Möglichen gegangen. Es will den Iren einen Grad der Selbständigkeit geben, der ihre Insel den Dominions gleichstellt. Mehr kann Irland wohl nicht erreichen. Daneben verschwindet, dah ihm eine eigene Flotte versagt wird. Es hat das Recht, eine eigene Territorialarmee zu bilden. In der Zoll­freiheit englischer Waren könnte man allerdings eine starke Benachteiligung Irlands gegenüber den Domi­nions erblicken. Sie fällt aber nicht entscheidend in die Wagschale. An der Übernahme eines Teils der englischen Staatsschuld ist in den sechs Bedingungen Lloyd Georges festgehalten, ebenso an der Beteili­gung an den Rüstungsaufgaben Englands, wobei aber offen geblieben ist, ob Irland da wirklich mehr leisten toll, als die Dominions nach den Ergebnissen der letz­ten Reichskonferenz es tun werden.

Jedenfalls sollen Ulsters Selbstbestimmungsrechte unangefochten bleiben. Trotz dieser Einschränkungen ist das englische Programm groß, ja großartig genug, und man wurde in Irland hier und dort stutzig, als de Valera auf alle englischen Fragen nur ein irisches Rein erwiderte. Was England Irland angeboten hat, stellt vielleicht den höchsten und glänzendsten Grad staatsmännischen Opportunismus dar, der sich erreichen läßt. Man kann überhaupt nicht mehr Vernunft ent­wickeln. Aber die Freiheitsforderung Irlands hat nichts mit Vernunft zu tun. Sie entstammt Kräften, die in der Geschichte der Völker immer wieder von praktischen Erwägungen oder gewaltsamen Einwirkun­gen gefesselt oder erdrückt scheinen und sich gerade da­durch verstärkt immer wieder an die Oberfläche ringen.

Lloyd George fehlt vielleicht nicht die Empfindung dafür. Er sagte im Unterhaus: „Ich hoffe, daß die

Vernunft in Irland die Oberhand gewinnt — ja, daß sie selbst über die Logik siegte." In seiner paradoxen keltischen Art hat er damit anaedeutet, daß es stärkere Dinge gibt als Vernunft. Tatsächlich steht jetzt Großes auf dem Spiele. Die lllsterleute rechnen bereits oa- Mit, datz die Londoner Konferenz nicht zustande kommt oder, wenn sie tagt, plötzlich aufliegt. Sie haben, wie es heißt, bereits 10 000 Freiwillige angeworben, um gegen Sinnfein zu kämpfen. Damit ist der zurzeit noch herrschende Waffenstillstand gefährdet. Seine Kündi­gung würde ein Wiederaufflammen des furchtbaren Bürgerkrieges in Irland bedeuten. Der Verzweif­lungskampf, der sich da entwickeln würde, gliche einem Brand in unmittelbarer Nähe eines Munitionsarsenals. Das Arsenal ist Nordamerika. Dort hat die iri­sche Unabhängigkeitsbewegung ihre Wurzeln. Wenn es in Irland brennt, fo mutz der Brand sich über den Atlantik fortpflanzen. Schon während des noch bis vor kurzem geführten Guerillakrieges der Iren konnte man fortwährend aufflammende gefährliche Feuer­herde in der Union beobachten, deren Löschung den leitenden Staatsbehörden immer nur mit Mühe ge­lang. ehe sie zu peinlichen diplomatischen Schritten führten — die öffentlichen Ovationen für de Valera, Mrs. Mac Swiney und die übrigen hervorragenden Sinnfeiner, die Brandreden des Kardinals Mannix und andere Zwischenfälle. Wieviel größer und gefähr­licher aber würde die Erregung jenseits des Atlantik erst werden, wenn es sich um die endgültige, totale Unterdrückung des Irenvolkes mit Feuer und Schwert indeln sollte! Fahrt dahin dann, alle Abrüstungs-, .Konferenz«!

zu derlei Zwecken wäre dann in den Vereinigten Staa­ten der Boden sicher zu heiß. Däher die hohe inter­nationale Bedeutung der irischen Krise. Die Geschicke der Welt hängen, wie man steht, von einer friedlichen Lösung des irischen Problems durch die Konferenz des 11. Oktober ab!

Die deutschen Zahlungen und Lieferungen.

Dz. Paris, 1. Okt. Zu der Mitteilung des Garan­tiekomitees, daß der am 15. November fällige Betrag der deutschen Ausfuhräbgabe bereits durch deutsche Gegenleistungen ausgeglichen sei ünd Deutschland am genannten Tage keine Zahlungen zu. leisten habe, schreibt der „Temps", die am 15. November fällige Summe der Ausfuhrabgabe für das Vierteljahr vom

1. Mai bis 30. Juli werde vorläufig auf 310 Millionen Eoldmark geschätzt. In dem gleichen Zeitraum hätten die deutschen Sachlieferungen, namentlich diejenigen an Frankreich (Kohle. Kohlenderivate. Farbstoffe, pharmazeutische Produkte, Wiederaufbaumaterial usw.) einen Wert von 151 Millionen Eoldmark gehabt. Die Lieferungen vom 1. August bis 1. November würden mindestens ebenso hoch geschätzt. Infolgedessen sei der am 15. November von seiten Deutschlands fällige Be­trag gedeckt. .

Die Überwachung der deutschen Ein- und Ausfuhr im Westen.

W. T.-B. Paris, 1. Okt. Wie die Havas-Agentur aus Koblenz meldet, werden bei den Verhandlun­gen über die Organisierung des Kontrollausjchusses über die Einfuhrgenehmigung die alliierten Länder durch folgende Delegierten vertreten sein: Frank­

reich durch Major Canteros, England durch Willis, Amerika durch Kingstown, Italien durch del Abadessa und Belgien durch Oberst Mathies. Offiziöse Besprechungen unter den alliierten Delegier­ten werden unverzüglich beginnen. Man glaubt, datz diese erst Estde nächster Woche sich mit den deutschen Delegierten zusammenfindert werden.

Rückgabe des Dorfes Losheim an Deutschland.

W. T.-B. Berlin. 3. Okt Im Verlaufe der Festlegung ver neuen deutsch-belgischen Grenze wurde be­kanntlich das zum Kreise Malmedv gebörige Dorf L o s b e i m entsprechend dem einstimmigen Wunsche seiner Bewohner durch Beschlutz der Grenzkvmmission Deutschland wieder zu- gesvrocken. Die Übernahme des Dorfes in deutsche Verwal­tung fand am 1. Oktober in Gegenwart des deutschen Krenz- kommissars und eines Vertreters des Regierungspräsidenten von Aachen statt. Die Übernahme war von ergreifenden Kundgebungen der Bewohner begleitet.

Die Geheimorganisation „Oberland".

Br. München. 3. Okt. (Eig. Drahtbericht.j Die sozialdemokratische „Münchener Post" veröffentlicht in einem Umfang von fast 5 Spalten Enthüllungen über die in München bestehende Organisation „Rerchsfahne Oberland", die auch nach Oberschlesien Beziehungen unterhält. Der Hauptorganisator von „Oberland" und von der Nachrichtenzentrale München ist der ge­suchte Hauptmann v. Kessel, dessen jetziger Name Kiefer lautet. Er wohnt in Eraeflfing bei München und verfügt über außerordentlich grotze Geldmittel. Es besteht eine eigene Spionageabteilung gegen das feind­liche Ausland, eine Einbrecherabteilung, eine Ab­teilung zur Überwachung Unzuverlässiger in den eigenen Reihen und eine Spionageabteilung gegen politische Gegner. Der Leiter de-r o berschlefi­sch e n A b t e i! u n g ist Oberleutnant Rail. Eine M o r d st e l l e soll tatsächlich existieren, und zwar unter der Führung des Hauptmanns Österreicher. Die Verbindung mit der Münchener Polizeidirektion wird aufrechterhalten durch einen Herrn Weil, der früher bei der grünen Polizei war. Zahlreiche Wege des „Oberland" führen nach dem Zimmer 117 im Mün­chener Polize Präsidium. Dort ist die politische Polizei. Leiter der Auslandsspionage ist der Oberleutnant P o n g r a tz. Die Mordkommission besteht in Ober­schlesien unter der Bezeichnung Wurfkommando. Im Gegensatz zur Münchener Organisation verfügt die Zentrale Breslau über sehr große Geldmittel. Vor einigen Tagen wurde Hauptmann v. Kessel in Eraeflfing verhaftet und der Münchener Polizei­direktion ausgeliefert. Kessel ist auch im Polizei­direktionsgebäude untergebracht. Non nach Breslau übergeführt werden. Von des „Oberland" sollte versucht werden,

Transport nach Oberschlesien gewalffam In Oberschlesien wurden reiche standrechtliche

da sollte er den Beamten ihn auf dem zu befreien, vom „Oberland" zahl- Erschietzungen vor­

genommen. Die Waffendepots / der Organisation sind der „Münchener Post" bekannt. Die Sturmtruppe der Nationalsozialisten arbeitet zusammen mit den Zeit- sreiwilligenkompagnien 4 und 13 Sämtliche Ange­hörige der Sturmtruppen sind mit Gummiknüppeln, »um araken Teil auch mit Pistolen «womit«*,

Demokratischer Parteitag für Hessen- Nassau.

Ld. Kassel, 3. Okt. Hier fand der demokratische Partei­tag für Hessen-Nassau statt. Den Samstag füllten Verhand­lungen über die kommende politische Arbeit aus. Den Auf­takt hierzu gab ein mit lebhaftem Beifall aufgenommener, sehr eingehender Vortrag von Dr. Schwarte aus Weil- burg a. d. L. Er ging von der Frage aus. wie endlich der Weg aus der Weltisolierung für uns gefunden werden konnte. Das Entscheidende bleibe, dah wir uns selbst nicht aufgeben, dah wir einen Weg vor uns wissen, dah wir glauben wollen und durch diesen Glauben und Willen siegen.

Darauf trat eine Aussprache ein. deren Ergebnis in der folgenden, einstimmig angenommenen Entschliebung »u- sammengefaht wurde: )

Der hessen-nassauüche Parteitag der Deutschen demo­kratischen Partei erwartet von den demokratischen Fraktio­nen im Reichstag und im vreuhischen Landtag sowie vom Parteivoistand. datz sie bei der bevorstehenden Regie­rungsumbildung im Reich und in Preutzen den un­bedingten Willen zur Verteidigung der Repu­blik und ihrer Verfassung bei allen Beteiligten als grundsätzliche Voraussetzung ansehen. Insbesondere muß endlich mit der Sabotage der Republik durch wesent­liche Teile der höheren Beamtenschaft rücksschtslos aufge­räumt werden: vor allem dringlich ist das auf dem Ge­biete der llnterrichtsverwaltung. Deshalb dürfen jeden­falls Innenministerium und Kultusministerium inPreutzen nur mit Persönlichkeiten besetzt werden, di« für ein be­schleunigtes Tenpo in der Demokratisierung der Verwal­tung in ihrem Willen und ihrer Befähigung Gewähr bieten. Der Parteitag begrübt es. datz die demokratische Reichstagsfraktion entschlossen ist. im Reiche an der Füh­rung und der Politik des Kanzlers Dr. W i r t h unbe­dingt festzubalten. Der Parteitag erwartet, dah unsere Nertreter in der neuen Regierungskoalition mit aller Energie eine gründlich« Ordnung unserer Finanzen unter sozialen Gesichtspunkten und ohne Vorurteil eine Sonderheranziehung der Sachwerte prüfen, wenn diese Matznabme die Rettung Deutschlands herbei- fuhren kann. Der Parteitag erblickt in der Sicherung der republikanischen Verfassung und in der Demokratisierung der Verwaltung die unerläbliche Voraussetzung jeder künftigen Koalitionspolitik.

Dabei wurde der Hoffnung Ausdruck gegeben, datz in beschleunigter Weise die Demokratisierung vollzogen werde und di« demokratische Fraktion des Reichstags und Land­tags ?ür di« Anerkennung der schwarz-rot-goldenen Flagge geschlossen eintreten. Frau Dr. Ohr (Frankfurt) berichtete über die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft demokratischer Frauen in Hessen-Nassau und Waldeck. Dr. R o ch o l l (Kassel) begründete die Notwendigkeit, auch in die Rechtsprechung demokratischen Geist einziehen zu lassen.

Der Sonntag brachte lebhafte Kulturdebatten, die Professor D. Rade (Marburg) durch einen Vortrqs „Demokratie und Kirche" einleitete. Landtagsah- geordneter Schulrat K i m v e l (Kassel) sprach über den ..Kampf um die Schule". Der Redner wünscht ein Reichsschulaesetz ohne Beugung und Biegung der Verfassung. Ohne die Ernenernng der Volksbildung werde der Auf- und Ausbau unseres Volkslebens nicht gelingen. Lehrer Mart (Sassenbrim) verbreitete stch über die ..Landschule im Plane des Einheitsfchulaedankens". Rach lebhafter Debatte wurde der folgenden Resolution zugesnmmt:

1. Die Gemeinschaftsschule ist die normale deutsche Volksschule. Sie ist als Regelschule zweifelsfrei festzuleaen und tritt mit Erlah des Gesetzes für alle Schul­gemeinden in Wirksamkeit.

2. Die GemeinschaftssMle ist im Reichsschulgesetz nach den ausaefübrten Grundsätzen in ihrem inneren Wesen deutlich zu charakterisieren. Sie muh als Fortsetzung der bisherigen Simultanschule in Erscheinung treten.

3. Sonderschulen (Bekenntnisschulen und bekennt- nissreie Schulen) sind nur auf besonderen Antrag der Er- ziehungsberechtigten in den Grenzen der Verfassung zu- zulassen.

4. Der Einbeitsfch ulgedanke hat den Sonder- • schulwünschen immer insoweit vorzugehen, daß die Son­derschulen das Schulwesen der Gemeinde nickt zersplittern und seinen Aufbau und seine Leistungsfähigkeit nicht be­einträchtigen dürfen.

5. Die n a f f a u i f ch e S i m u l t a n s ch u l e ist für alle Zeiten in ihrer Existenz unantastbar.

Ferner wurde einstimmig bejchlossen. auf der nächsten Tagung Schul- und Kulturfraaen. insbesondere auch das höhere Schulwesen, in ausgedehnterem Matze zu behandeln. Damit schloß der Parteitag.

Pletz und Rybntt.

Dz. Breslau, 1. Okt. Der Leiter des geographischen Institutes an. der Universität Breslau, korrespondie­rendes Mitglied der Geographischen Gesellschaft in Oxford, Key. Rea.-Rat Prof. Dr. Wilhelm Bolz, Uetz im Verlag Markus ein auf wissenschaftlicher Grundlage beruhendes Kartenwerk über die kulturelle Stellung der so hart umstrittenen Kreise Pletz und Nybnik in Oberschlesien erscheinen. Der Professor weist nach, datz Pletz und Rybnik nach ihrer ganzen Be­bauung und wirtschaftlichen Entwickelung gegenüber der slowakischen und galizischen Nachbarschaft bedeu­tend günstigere Lebensverhältnisse besitzen, die sich in . wesentlich geringerer Kindersterblichkeit und höherem Geburtenüberschuß äußern. Überall, wo sich Leben und Entwickelung zeige, sei diese Entwickelung deutsch. Auch die politische Entwickelung zeige ein bedeutsames Anwachsen der deuffchen Orientierung. Der Verfasser schließt den begleitenden Text mit den Worten, daß die oberschlesische Frage überhaupt keine nationale, sondern eine kulturelle und eine Verkehrs» iraa« fei.