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Dienstag, 27. September 1921.

Abend-Ausgabe.

Nr. 438. A 69. Jahrgang.

Der Valutasturz.

In der vergangenen Woche hat sich der Ma r I f u t s nuf die Nachricht, daß die deutsche Industrie durch eine Kreditbeschaffung größeren Stils im Ausland dem Reich ber der Deckung der Reparationspflichten zu Hilfe kom- men wolle, eine Kleinigkeit bessern können. Aber die Besserung war nur vorübergehend. Der Dollar hat sich inzwischen dem Stand von 120 M. genähert, und die übrigen fremden Währungen bewegten sich entsprechend. Die Valutapessimisten scheinen vorderhand noch recht zu behalten.

Friedens

pari

27. Jan.

18. April

18. Ma>

15. Sept

19. Sept

26. Sept

Holland . . .

168.74

1853

2167.50

2086

3145

3175

3610

Schwel., . . .

81.

877.50

1 82.50

1043

189 2Vf

1715

1933

Paris.

81.

400.50

44 .25

493

767Vf

711

806

Brüssel ....

81

418.50

461

493

759

702

792

London .. .

20.43

213

245.15

282.25

406Vt

371

420

Italien ....

81.

210

292

32U

471

i25

465

Kadel N gort

.4.20

55.25

12.25

57.85

110.87 V-

8»V«

113.35

In der Tat stehen, wie jedermann ohne weiteres ein sieht, jenem industriellen Kreditplan solch erhebliche Schwierigkeiten im Wege, daß die guten Absichten der Industrie allein, sozusagen stimmungsmätzig, dem Markkurs nicht aufzuhelfen vermögen. Das sollten sich auch die Behörden sagen, die immer wieder den Ver­such machen, durch Beeinflussung der Stimmung für die deutsche Mark etwas zu erreichen. So ließ man z. B. auch bei der Verlängerung eines kleinen Teils der von der Reichsbank durch Vermittlung der Firma Mendels­sohn-Amsterdam beschafften Kredite erklären, die Ver­handlungen hätten sich im Nahmen von Besprechungen bewegt,die einen weiteren Rückgang des Marklurfes verhindern sollten" Als ob diese verhältnismäßig recht unerheblichen Kredite für sich allein den Niedergang der Mark aufhalten könnten!

In Wirklichkeit liegen die Dinge doch so, daß heute im wesentlichen der Markkurs nur in geringerem Maß von politischen oder sonstigen Stimmungsfaktoren ab­hängt. Auch spekulative Machenschaften sind bei weitem nicht so entscheidend, wie ein großer Teil des Publikums glauben möchte. Die Devisenspekulation, die aus dem Rückgang der deutschen Währung leichte Gewinne ziehen möchte, ist gewiß alles andere als eine erfreulich? Begleiterscheinung des Valutasturzes. Aber sie ist doch nur eine Begleiterscheinung, und es wäre irrig, ihr eine maßgeblichere Rolle zuschreiben zu wollen, als sie besitzt. Und ebenso irrig wäre es, sich etwa von einer Bekämpfung der Spekulation eine wirk­same Hilfe gegen unser Valutaelend zu versprechen. Vielmehr muß immer wieder getagt werden, daß der wichtigste Grund der fortschreitenden Markverschlschte- rung in der ungeheuerlichen Zunahme der Infla­tion, der andauernden Schaffung zusätzlicher künst­licher Kaufkraft zu suchen ist. Nicht bloß die gewaltige Mehrung der Zahlungsmittel (Banknoten usw.) kommt dabei in Betracht, sondern auch die im Betrag von mehr als 200 Milliarden Mark ausgegebenen Schatz­anweisungen.

Diese ganz und gar übertriebene, wenn auch von den Umständen erzwungene Inanspruchnahme des Schatzanweifungskredits durch die Reichsfinanzverwal­tung, also die Deckung von Ausgaben sozusagen wirt­schaftlich mißbräuchlicher Ausnutzung der Staatsautori­tät. ist eine der schlimmsten Quellen unserer unheil­vollen Währungslage.

Eine bloße Geldreform durch Abstempelung oder dergleichen würde hier gar nichts helfen. Es nützt nicht viel, die vorhandenen Papiergeldmassen plötzlich zu verringern, solange keine Maßnahmen ergriffen werden, das zwischen den Ausgaben und Einnahmen de? Reichs nach wie vor bestehende beispiellose Mißver­hältnis im Wege der Finanzreform gründlich zu bessern. Finden wir den Finanzpolitiker, der diese Aufgabe löst, der sie lösen kann über alle Widerstünde hinweg? Wir brauchen ja, wenn anders wir zu einer Gesundung kommen wollen, nicht allein die Einsicht der Entente, daß die Wiedergutmachung in ein richtiges Verhältnis zu unserer Leistungsfähigkeit komme. Wir brauchen auch ein riesiges Maß von Opferwilligkeit im Innern bei allen Volksgenossen. Doch da hapert es noch stark, und fast überall, wohin man blickt, feiert der krasseste Egoismus Triumphe. Das ist menschlich er­klärlich. aber nicht nur moralisch, sondern begreiflicher­weise auch finanzwirtschaftlich unhaltbar, und wenn keine Umkehr kommt, muß man an dem Gelingen der Sanierung verzweifeln. Vorläufig sieht man jedenfalls nur allenthalben das Bestreben, neuen Steuerdruck nach Kräften abzuwehrcn und schon vorhandene Steuern auf anders Schultern tunlichst abzuwälzen, ganz zu schwei­gen von der unverkennbar noch immer mächtig fort­dauernden Steuerflucht!

Besprechungen der parlamentarischen Führer mit dem Reichskanzler.

Br. Berlin. 27. Sept. (Stg. Drabtbericht.) Der heu­tigen Rei chsta gs s itz u n g gingen gestern Besprechungen der parlamentarischen Führer mit dem Reichskanzler voraus. Wenn dabei auch über die notwendige Verbreiterung der bisherigen Regiernnnskoalition im einzelnen gesprochen wurde, so batten oiese Besprechungen doch nicht diesen ausgesprochenen Zweck. Vielmehr bandelte es sich darum, die Parteiführer zu unterrichten. Aus diesem Grunde fand am frühen Vormittag eine Sitzung des Interfraktio­nellen Ausschusses statt, in b»r der Kanzler und der Wieder­aufbauminister Dr. R a t b e -i r u allerlei Mitteilungen mach­ten. Der letztere berichtete über seine Wiesbadener Verhand­lungen mit Loucheur. übrigens wurden in gleicher Weise nacheinander die Führer der Oppositionsparteien empfangen, wobei gleichzeitig Deutschnationalc und Volksvarteiler mit dem Kanzler sprachen. Am Nachmittag fand eine besondere Unterredung des Reichskanzlers Dr. W i r t b mit dem Abg. Streiemann statt Im übrigen haben die ganzen Ver­handlungen sich naturgemäß auch um das Arbeitsvro- grammdesReichstages gedrebt. Der Kanzler unter­richtete sich von den Absichten der einzelnen Parteien und er­teilte seinerseits allerlei Informationen. Jedenfalls ist an- zunsbmen. da» sich nunmehr auch die Deutsche Volksvartei mit dem Verbleiben Wirtbs als Kanzler abgefunden bat. Die Modalitäten ibrrs Eintritts in die Regierung dürften sich aus dem Arbeitsprogmmm oer bisherigen Regierungs- loalition ergeben. Bekanntlich bestand innerhalb der jetzigen Regierungskoalinon noch kein Beschluß über den Umfang und die Zweckmäßigkeit der einzelnen Steuern, die im Nahmen der Erfüllungsvolitlk zu ichaffen sind Aber es ist eine ge­bieterische Notwendigkeit, darüber vollkommene Klarlnüt zu erlangen, ebe man an die Erweiterung der Regierung beran- gebt. Es darf daher erwartet werden, dasi man erst ein sach­liches Programm antstellt. ebe man das Kabinett umbildet. Auch dann wird es noch allerlei Schwierigkeiten geben. Kün­digt doch Graf Westarp schon beute der Regierung die schärfste Opposition an. auch wenn die Volksvartei an ibr reilnimmt. Es kann allerdings erwartet werden, dasi die Deutsche Volksvartei wie alle verantwortnngsbewubten Kreise sich an die deutschnationale Opposition um jeden Preis nicht kebren werden.

Über die Aussichten der Kabinettsumbildung äuhert sich derVorwärts" nicht gerade sehr boffnungsroll. Das Blatt schreibt: Ob eine Derbreiiecung der Koalition zu­stande kommt, ist noch ganz ungewi h. Auf Intrigen gegen Wirth lassen wir uns nicht ein. Eine Verbreiterung der Koalition kommt nur dann in Betracht, wenn das Kabinett Wirth dadurch gestärkt und nicht geschwächt wird.

Br. Berlin. 27. Sept. (Eig. Drabtbericht.) über den eventuellen Eintritt der Deutschen Volksvartei in die Regierung erfährt derB. L.-A. : Die Deutsche Volks­partei bat in Heidelberg ibre prinzipielle Bereitwillig­keit zu einer Koalition aus breiterer Basis erklärt. Ein Ausschuß von mehreren Mitgliedern ist eingesetzt worden, um die Voraussetzungen zu prüfen, unter denen eine Mit­wirkung der Deutschen Volksvartei bei der Regierungs­bildung möglich wäre. So weit wir unterrichtet sind, schreibt der ,.V. L.-A.". werden die Voraussetzungen der Deutschen Volksvartei in der Forderung der Aufstellung eines sachlichen Programms zur Lösung der aktuellen Fragen namentlich auf finanziellem Gebiet bestehen. Man siebt in Kreisen der Deutschen Volksvartei die f i n a nz i e I le Lage des Reiches als ausierordentlich ernst und gefährdet an und dürfte fick' nur ;u einer Mitarbeit bereit- kinden, wenn energisch« Mittel angewendet werden, um das Elend der Reichsfinanzen zu beseitigen.

Die Steuerfragen.

Br. Berlin, 27. Sept. (Eig. Drahtbericht.) Die demokratische Reichstagsfraktion hielt am gestrigen Montag ihre erste Sitzung nach den Sommerferien ab. Es wurden zunächst geschäftliche Angelegenheiten er­ledigt und dann eine grundsätzliche Beratung der Steuerfragen begonnen. Wie man hört, sind außer den bereits bekannten kleineren Steuervorlagen (Kohlensteuer und Körperschaftssteuer) die anderen noch nicht von der Rcichsregierung fertiggestellt. Der Reichsrat hat zunächst den Standpunkt vertreten, erst dann die einzelnen Steuern zu beraten, wenn sie sämt­lich bei ibm eingegangen seien, nachträglich aber hat er sich entschlossen, sie auch einzeln zu beraten, wie sie ihm von der Reichsregierung unterbreitet werden. Es wird Sache des Ältesten-Ausfchuffes des Reichs­tages fein, der am heutigen Dienstagvormittag Zu­sammentritt. sich darüber schlüssig zu machen, ob er gleichfalls die Steuern einzeln beraten will oder ob er erst das gesamte Steuerbukett abzuwarten aedenkt. ehe er Stellung dazu nimmt. Von dieser Entscheidung wird es abbängen. ob die Steuerberatungen überhaupt in den nächsten Tagen schon beginnen oder noch auf längere Zeit hinausgeschoben werden.

Die Landwirtschaft und die Aktion der Industrie für die Reparationen.

W.T.-B. Berlin. 26. Sevt. Heute trafen auf Einladung des Reichskanzlers die führenden Vertreter der deut­schen Landwirtschaft und landlwirtschaftlichen Erosiorganl- sotionen in der Reichskanzlei zusammen, um die Möglichkeit einer U n t e r st ü tz u n g der von Industrie und Banken ge­planten Aktion für die Revarationsveryflichtungen zu er­örtern. D^e Erörterung hatte den Charakter einer Vor­besprechung und wird fortgesetzt werden, nachdem sich die Vertreter der Landwirtschaft mit ihren Organisationen ins Benehmen gesetzt haben. * \

Die Einigung mit Bayern.

Br. Berlin, 27. Sevt ((Eig. Drabtbericht.) In der bayerischen Frage bat. wie wir hören, der Besuch des reuen bayerischen Ministerpräsidenten Grafen Lerchen» feld zu einer vollen Übereinstimmung zwischen dem Reichskanzler, der Reichsregierung und ibm geführt Graf Lerchenseld ist mit ein-r vollen Verständigung nach Bayern zurückgekebrt: bas Ergebnis seiner Berliner Ver­handlungen wird er dem bayerischen Landtag am Mittwoch oder Donnerstag dieser Wöbe oorlegen. Bei der Stellung, die sich Graf Lerchenfeld sofort bei allen Parteien errungen bat. ist anzunebmen. dasi der bayerische Landtag keine Schwierigkeiten mehr machen wird. Unter diesen Um­ständen wäre es aber gewiß bedenklich, wollte der Reichstag vor der Entscheidung des bayerischen Landtages den gefähr­lichen Verbandlungsitoff bereits am Mittwoch anläsilich der Erklärungen des Reichskanzlers und der Beantwortung von Interpellationen aufnebmen. Vermutlich werden desbalb die Interpellationen, die stck auf ben Konflikt zwischen dem Reich und Bayern beziehen, erst Ende der Woche verhandelt werden.

W. T.-B. München. 26. Sept. Amtlich wird mitgeteilt: Das Ergebnis der zwischen der bayerischen Staatsregierung und der Rcichsregierung gepflogenen Verhandlungen über den Erlasi der Reicksregiecung vom 29. August und über die Aufhebung des Ausnahmezustandes in Bayern wird am Oienstagnachmittag der Gegenstand von Beratungen im Verfassungsausfchusi des Landtags sein. Um der verfassungsmäßigen Entscheidung des Landtages nicht vor­zugreifen. wurde bisher von der Veröffentlichung des Wort­lautes der Abmachungen Abstand genommen. Bedauerlicher­weise wurde, da durch «ine Indiskretion eine unrichtig« Ver­öffentlichung der Abmachungen erfolgte, der Eindruck erweckt, als ob nach den letzt getroffene.: V rreinbarungen der Reichs- Minister des Innern selbständig Verfügungen erlassen könne, und daß den Landesbihorden das Recht der Beschwerde an den Reichsratsausschuh zustehe. Das ist falsch. Es wurde im Gegenteil tatsächlich vereinbart, dasi die Landeszentral­behörde allein das Reckt,um Erlab von Ver­boten bat. Dem Reichsminister des Innern ist lediglich das Reckt eingeräumt an >ie Landeszentralbebörde das Er­suchen um Erlab von Verbot:n und Beschlagnahmen zu rich­ten. Wenn die Landes,e.rtralbeb-irde glaubt, einem solchen Ersuchen nickt Folge leisten zu können, so tritt eine schieds­richterliche Entscheidung der förderativen Instanz, des Reichsratsausschusses ein.

Die neue Wiesbadener Minifterzufammeikkunft.

D. Paris, 27. Sept. (Eig .Drahtbericht.) Wie von zuständiger Stelle erklärt wird, wird die neue Be» fprechung zwischen Loucheur und Rathenau in Wies­baden erst zwischendem 5. und 8. Oktober statt­finden.

Zur Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen.

v. London. 27. Sevt. (Eig. Drabtbericht.) Reuter teM offiziös folgendes mit. Ja Deutschland scheint den Er­klärungen bezüglich der Bilonng einer interallier- ten Organisation zur Wahrung der Artikel 264 bi« 267 des Friedensvertrages eine irrtümlich« Aus­legung gegeben worden ,u sein. Diese Organisation soll bekanntlich verhindern, dah zum Schaden alliierter Staats­angehöriger irgend welche Unterscheidungen gemacht werden, da über di« allgemeine Frage der Schaffung einer solchen Organisation stmab der Entscheidung des Obersten Rates wie über dieFrage der Aufhebung der wirtschaftlichen Sank­tionen die Mächte sich in voller Übereinstimmung befinden. Die Annahme der Entscheidung des Obersten Rates seitens Deutschlands ist unveriwndlich und in diesem Falle wird die Aushebung der wirtschaftlichen Sanktionen die Folg, davon sein.

Die Ablieferung der Rheinschiffe.

Dz. Berlin. 26. Sept Wie der ..Lokalanzeiger" aus Essen meldet, umfaßt die jetzt oeröffentlickte Liste der an Frankreich auf Grund des Friedensvertrages abzulicfernden siheinschiffe 133 Kahne und 60 Schleppboote. Di» hälfte der abzulieiernden Sckirfe fahrt bereits für Rechnung r.nn fünf Npiiarrickteten französischen Reedereiaelelllckastem

DieGefahr" eines neuen deutschen Heeres.

Dz. London. 27. Sept. Der Berliner Berichterstatter derTimes" meldet, derTimes"-Artikel über die Gefahr emes neuen deutschen Heeres habe in den alliierten militäri«

K en Kressen in Berlin grobe Aufmerksamkeit erregt. Er jedoch ein offenes Geheimnis, daß innerhalb der inter­alliierten Kontrollkommission zwei verschiedene An- sichten vorherrschten. Die offizielle britische Ansicht scheine die zu sein, daß Deutschland kein maskiertes Heer von 860 66!) Mann habe und daß. wenn Deutschland ein solches Heer be­sähe. dies daher kommen würde, weil die Bedingungen de» Friedensvertrages so dehnbar seien, dab den Deutschen die» ermöglicht werde. Der Berichterstatter derTimes" schreibt, nom französischen Standpunkt aus gesehen sei e» zu begrüben, dab die Gefahr eines neuen deutschen Heere«, nie sie von derTimes" gestern enthüllt worden sei. allg» mein gewürdigt werde.

Eine internationale Konferenz für Geldfragen.

Dz. London, 27. Sevt. Das starke Fallen der Mark a, der gestrigen Börse finoet In der Presse besondere Beachtung. Daily Mail" meldet, daß eine internationale Konteren« für Geldfragen, die von demVerband gesunder Währun­gen" organisiert worden ist. anfangs Dezember in London stattfinden wird, um ein Programm der Maßnahmen zu entwerfen, die notwendig sind, um die Währungen der ver­schiedenen Länder und den Eoldkredit wiederherzustellen. An oer Konferenz nehmen u. a. teil: Earl Beauchamvs. Sir Fclir Sbrster, Sir Huad Bell. Sir George» Dqjjh ynfc SU £LJDL-.Sie»enIen.