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Samstag. 24. September 1921.

■ Abend-Ausgabe.

Nr 434. * 69. Jahrgang.

Die Neubildung der Regierung.

^ Br. Berlin. 24. Sept. (Eig. Drahtbericht.) - Die «tage Ser llmbildi.ug der Kabinette im Reich und in Preugen scheint nunmehr der Lösung entgegenzu- xehen. Die Verhandlungen zwischen den Parteien werden allerdings laum von Sonntag ihren Anfang nehmen können. Neuerdings scheint man aber mit der Möglichkeit zu rechnen, daß zuerst einmal das preußische Kabinett rekonstruiert wird, während im Reich die Angelegenheit noch eine Zeit­lang aufgcschoben werden soll. Wahrscheinlich wird bereits in her nächsten Woche das gesamte preußische Kabinett seinen Rücktritt erklären. Irgendwelche Ver­handlungen über die Umbildung des Reichskabinetts haben noch nicht stattgefunden. Auch die Personen­frage ist noch nicht berührt worden. Das eine steht ,sst, daß der Reichskanzler Dr. W i r t h, hinter den sich die Sozialdeniokratie gestellt hat, die Umbildung des neuen Kabinetts in die Hand nehmen will. Der Posten des Außenministers dürfte kaum neu besetzt werden Dagegen scheint es, als ob man der Deutschen Volkspartei das Reichsfinanzministerium anbieten und sie ersuchen wird, einen Minister ohne Portefeuille zu stellen.

W.T.-B. Berlin. 23. Sept. Rach der „Voss. Ztg." erklärte der Vorsitzende der preußischen Zentrumsfrak- tion Po rsch, daß auch in Preußen nur der Weg der mittleren Basis unter Ausscheidung der extremen Rechten und der extremen Linken gangbar sei. Am nächsten Mittwoch werden nach ausdrücklicher Einver­ständniserklärung Stegerwalds im Reichstag Verhandlungen über die Neubildung der preußischen Regierung stattfinden und das Zentrum werde dabei rückhaltlos auf dem Boden der Verfassung stehen. Die Umbildung der Regierung im Reich werde vermutlich nach der geglückten preußischen Regierungsbildung fol­gen. Diese Umbildung werde auch vom Reichskanzler gewünscht. Die gegen Wirth unternommenen Versuche, ihm die Verantwortlichkeit für die Annahme des Ulti­matums zuzuschieben, müßten zurückgewiesen werden.

W. T.-R. Berlin, 23. Sept. In „Ser Deutsche" wendet sich Stegerw.ald „in eigener Sache" gegen die Artikel des Abgeordneten Zoos in der „Germania" „Die Verantwortung Stegerwalds". Er sagt u. a.: In den letzten vierzehn Tagen fanden zwischen dem Reichskanzler und mir mehrere sehr eingehende Besprechungen statt, die sich sowohl durch Freimut wie durch Freundschaft auszeichneten. Als gestern morgen von Paris Depeschen einliefen, wonach Wirth dort als erledigt und ich als der kommende Mann hingestellt wurde, erklärte ich sowohl Herrn Wirth wie auch eini­gen Pressevertretern gegenüber sofort, daß Deutschland gegenwärtig einen Kanzlerwechsel aus vielen Gründen nicht vertragen könne, auch deshalb nicht, weil eine Anzahl rechts gerichteter Zeitungen den Kampf gegen Wirth zu durchsichtig führen. Es darf zu alledem, was in den letzten Wochen geschah, 'nicht auch noch der falsche Anschein erweckt werden', daß eine kleine Kruppe rechts gerichteter Kreise in Deutsch­land die Kraft besäße, den Reichskanzler zu stürzen. So steht die Partie nicht Zch kämpfe, nachdem der rnebiheitssozialhemokratische Parteitag die hauptsäch­lichsten Hindernisse für eine breite Mitte mit einem starken Arbeiterflügel beseitigte, für Wirth.

Widerstand der Deutschen Bolkspartei gegen Wirth.

Br. Berlin, 24. Sept (Eig. Drahtbericht.) Der erweiterte geschäftsführende Ausschuß der Deutschen Volkspartei in Berlin hat festgestellt, daß der E i n- tritt der Deutschen Volkspartei in ein Reichskabinett, an dessen Spitze Dr. Wirth steht, nie und nim­mer in Betracht kommen rönne.

Br. Berlin, 24. Sept. (Eig. Drahtbericht.) In t>er „Täglichen Rundschau" wird in einem langen Artikel der Kamvf gegen den Reichskanzler Dr. Wirth fort­gesetzt. Man wirft dem Reichskanzler Indiskre­tion vor, da er zunächst noch vertrauliche Besprechun­gen über eine eventuelle Erweiterung der Regierungs­koalition zu früh der Presse mit geteilt and dadurch die ganze Aktion von vornherein gefährdet habe. ___"

Bor der Einigung zwischen Bayern, und Reich.

Br. Berlin, 24. Sept. sEig. Drahtbericht.) Wie an zuständiger amtlicher Stelle verlautet, hofft man zu einer Verständigung zwischen dem Reich und Bayern ^>hne Sieger und Besiegte^ zu kommen.

Die Sitzung des Überwachungsausschusses abgesagt.

vr. Berlin. 21. Sevt. Da die zwischen der Rcicbsregie- ning und dem Grasen Lerchenteld beute in Berlin statt­findenden Besprechungen im Lause des heutigen Tages kaum zum Abschluß kommen werden, ist die für b-ute ange- UiLto fcjhunn des Itberwachuaasausläullles abaelaat worden.

Aufdeckung von Geheimbünden durch den badischen Staatspräsidenten.

Br. Karlsruhe, 24. Sevt. (Eig. Drabtbericht.) In der Freitagsitzung des badischen Landtags machte Staatsvran- dent Trunk aufsehenerregende Mitteilungen über das Be­stehen von politischen Geheimbünden und beren Statuten, die in Verfolgung der Mörder Erzbergers von der Staats­anwaltschaft aufgefunden wurden, und stellte fest, dab der ' Mörder Tillessen einer Kölner Zentrumssamilie ange­höre, seiner Schwester aber geschrieben habe, sie solle ferner­hin deutschnational wählen. Tie Statuten der Eeheim- organisätion haben folgenden Wortlaut:

Die Ziele unserer Partei ergeben sich aus der Lage.

a) Geistiges. Weiterpflege und Verbreitung des nationalen Gedankens. Bekämpfung alles Antinationalen und Internationalen, des Judentums der Sozialdeniokratie und der lrnksradikalcn Parteien. Bekämpfung der anti nationalen Weimarer Verfassung ttt Wort und Schrift. Aufklärung weiter Kreise über diese Verfassung. Propagierung für eine in Deutschland allern mögliche Verfassung auf föderativer Grundlage.

b) Materielles. Sammlung von entschlossenen nationalen Männern zum Zweck, die vollständige Revv- lutionierung Deutschlands zu verhindern.. Bei groben inneren Unruhen deren völlige Niederwerfung zu erzwingen und durch Einsetzen einer nationalen Regierung die Wieder­kehr der heutigen Verhältnisse unmöglich zu machen. , Die durch den Versailler Vertrag angestrebte Entmannung und Entwaffnung unmöglich zu machen und dem Dolle seine Wehrmacht und seine Bewaffnung so weit wie möglich zu erhalten.

Weiter beißt es u. a.: Die Organisation ist eine Gc- heimorganisation. Sie verpflichtet die Mitglieder unter­einander. ein Schutz- und Trutzbündnis zu schließen. wodurch jeder Angehörige der Organisation der weitgehendsten Hilfe aller anderen Mitglieder sicher sein kann.

Die Verpflichtungsformel lautet:

Ich erkläre ehrcnwörtlfch. daß ich deutscher Abstam­mung bin. Ich verpflichte mich ehrenwörtlich durch Hand­schlag, mich den Satzungen zu unterwerfen und nach ihnen zu handeln. Ich gelobe dem obersten Leiter der Organi­sation und seinen Vorschriften unbedingten Gehorsam zu leisten und über alle Angelegenheiten der Organisation das strengste Stillschweigen zu bewahren, auch nacht etwaigem Austritt. '

Staatspräsident Trunk fügte hinzu, dab die beiden Mörder Erzbergers böser Organi'ation angehörten. ebenso K i l l i n g e r und Müller.: Diese beiden sitzen in badi­scher Untersuchungshast wegen Verstoßes gegen 8 139 des Reichsstrafgesetzbnches (Begünstigung) Killinger ist der­jenige. der den Mörder Schulz, der am 9. Sevt. nach München kam. abends samt Gepäck in der Wohnung abholte und weg­brachte. .

Alsdann wurde mit den Stimmen des Zentrums, der Demokraten und der Sozialdemokraten ein Antrag ange­nommen. in welchem der Regierung das volle Ver­trauen für ihre Maßnahmen, die zur Aufdeckung der Ge- heimorganisotion geführt haben, ausgesprochen wird.

Der Landtag besprach ferner die d e u t s ch n a t i o n a l e F n t e r v e l > a t i o n über das Verbot der ..Süddeutschen Zeitung", das Verbot der Regimentsfeiern und über die Äusschreitungen im Anschluß an die sozialistische Demon­stration in Heidelberg nach der Ermordung Erzberaers. Staatssekretär Trunk verteidigte zunächst in ruhiger Weise die Stellungnahme der badischen Negierung. Plötzlich ab<r wurde er von einer starken Erregung erfaßt und be­tonte, daß es nicht nur links, sondern auch rechts Vollche- miken gebe, wobei er mit der Faust auf den Tisch schlug. Die Deutschnationalen antworteten mit Worten, wie: ..Sie llnverkchämter!" und anderen Ausdrücken gegen die Regie­rungsbank. In dem entstehenden Tumult fielen dann auch noch Ausdrücke, wie: „Vaterlandsverräter!", - „Schieber:"

usw. Erst nach längerer Zeit trat wieder Ruhe ein.

Die Karlsruher Enthüllungen.

Br. Berlin, 24. Sept. (Eig. Drahtbericht.) In einem Artikel ..K'ärung und Verständigung" betont die „Ger­mania" bezüglich der Karlsruber Enthüllungen über eine Gebeimorganisation. daß die Reichsregierung nach Ausweis der Karlsruher Enthüllungen die Lage richtig gesehen hat. Daraus aber ergibt stch von selbst die Schlußfolgerung auf die Wichtigkeit der von ibr ergriffenen Maßnahmen. Damit ist in einem wesentlichen Punkt die Streitfrage mit Banern zu einer bedeutsamen Klärung gelangt. Das Blatt lvrichr weiterhin die Hoffnung aus. daß die neue bayerische Regierung den drohenden Ge­fahren. die vorhanden waren und beute noch fortdauern mögen, angemessen -Rechnung tragen wird. Der Artikel schließt: Wenn jetzt die Zeit benutzt wird, und wir sind fest dqvon überzeugt, daß das geschieht, das Verhältnis des Reiches zu Bayern befriedigend zu stellen, dann wird der Wirrwarr der letzten Wochen eine Enifode bleiben, dis wenigstens den richtigen Abschluß gefunden bat.

Die Mörder ErzSergers.

Dz. Stuttgart, 23. Sept. Nach Mitteilung des Vor­standes des württembergifchen Landesvolizei- a m t e s haben die württembergischen Polizeibehörden wesentlich dazu beigetragen, um die. Personen der Mörder Erzbergers zu ermitteln. Sie wohnten vom 21. bis 26. Aug. unter den Namen Riese und Berge! im „Hirschen" zu Ovpenau. Man fand dort nachträglich einen Zettel mit Angaben, die einen Zusammenhang mit dem Morde nahe­legten und auf Schulz-Hamburg verwiesen. Am 19. Aug. hatten die Täter in UI m. vom 14- bis 17. Aug. unter ih«m richtigen Namen Tilleffen und Schulz in Stuttgart ge­wohnt. Nach dem Morde hielten ste sich längere Zeit in München auf. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatten Schulz und Tillessen Mitwisser und Begünstiger. Es handelt stch dabei um einen kleinen Kreis von Personen, die die Unter­gruppe eines gcbeimen Bundes bilden, der aus dem Milieu o-es Antisemitismus und des Nationalbolschöwismus er­wachsen ist, und bei dem - frühere Angehörige der Brigade LbrLardt erheblich beteiligt sind.

Die Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen.

Dz: London. 24. Sept. Der diplomatisch« Berichter­statter des „Daily Telegraph" schreibt: London. Paris und Rom scheinen endlich ein vorläufiges überein- kommen in der Frage der Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen am Rhein erzielt zu haben. Dieses Überein­kommen werde die Gestalt einer Mitterlung an die deutsche Regierung tragen, dab sie die von den Alliierten eingesetzte Sonderkommission zur Überwachung der eeut'chen Ein- und Ausfuhr anuehmen müsse. Alle etwaigen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Alliierten bezüglich der genauen Aufgabe dieser Kommission sollen demnach zwischen den Alliierten selbst geregelt werden. Die Ansicht der italienischen Regierung in dieser Frage sei der in amt­lichen Londoner Kreisen vorherrschenden sehr verwandt. Rom lege den vor kurzem gefaßten Beschluß, eine beson­dere Überwachungskommission einzusetzen, in genau dem­selben Sinne aus wie London, nämlich als Maßnahme zur Durchführung der Artikel 264 bis 267 des Versailler Ver­trages. Die italienischen Staatsmänner seien ebenso wie - die britischen für eine baldige Aufhebung der wirtschaft­lichen Sanktionen und gegen die künstlichen Wirtschafts­schranken zwischen einzelnen Teilen Deutschlands. Die italienische Regierung habe auch vorgeschlogen. daß die Kommission nicht der Rheinlandkommistion unterstellt wer­den solle und dab das Personal der Kommistion. was den Rang betreffe, niedrig, und was die Zahl betreffe, gering sein solle damit die Kosten dieser Kommission auf ein Min­destmaß beschränkt würden.

Dz. Paris, 24. Sept. Pertinax äußert sich im» „Echo de Paris" zu den englisch-französischen Verhandlungen über die Kontrolle der Aus- iind Einfuhr im Rheinland und die auf der letzten Tagung des Obersten Rates beschlossene Kontroll­organisation. Der zuerst von französischer Seite ver­tretene Gedanke — sagt er — scheint gewesen zu sein, daß die neue interalliierte Kommission mit Voll'.nachten versehen würde, gegen die Entschei­dungen der deutschen Zollbehörden Einspruch zu er­heben, wenn die Parteilichkeit dieser Entscheidung nach­gewiesen wäre. Englischerseits habe man es nicht für angebracht gehalten, sich einem derartigen Standpunkte anzuschließen. „Hüten wir uns, die Unabhängigkeit des Staates zu verletzen!" Als ob die Ausführung des Friedsnsvertrages mit der Unabhängigkeit des deutschen Staates vereinbar wäre! Ergebnis: Das Einspruchsrecht ist preisgegeben wor­den. Es ist nur zugestanden worden — fährt Pertinax fort —, daß die Verzollung und die Einfuhrbewilligun­gen vor der Ausführung zur Kenntnis der alliierten Kommissare gebracht werden. Selbstverständlich hat man. in Berlin diese vorherige Mitteilung bis jetzt be­kämpft.

Dz. Paris, 24. Sept, Havas meldet aus London: Das Reutersche Bureau erfährt, in Deutschland scheine eine irrtümliche Auffassung bezüglich der Er­klärung zu bestehen, die im Hinblick auf die Bildung einer interalliierten Organisation zum Schutze der Ar­tikel 264 bis 267 des Versailler* Vertrages abgegeben wurde. Bekanntlich soll diese Organisation eine unter­schiedliche Behandlung zum Nachteil interalliierten Staatsangehöriger verhindern. Da die Mächte sowohl über die Fragen der Bildung dieser Organisation als auch über die der Aufhebung der wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen vollkommen einig sind, so ist die Annahme des Beschlusses des Obersten Rates durch Deutschland natürlich unvermeidlich, und wenn sie er­folgt, wird diese zur Aufhebung der wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen führen.

Das Wiesbadener Abkommen.

W. T.-B. Paris. 23 Sevt. Wie der „Jntransigeant" meldet, wird sich die Rev.rrationskommission erst im Laufe der nächsten Woche mit dem Studium des W i e s - lodener Abkommens beschäftigen Es sei unrichtig, stigt das Blatt hinzu, zu behaupten. dab das Abkommen schon am 1. Oktober in Kraft treten würde. „L'Information" alaubt ihrerseits behaupten zu können und zwar auf Grund von Meldungen aus Berlin, das Abkommen werde erst am 15. Januar gültig Bis dahin werde dir deutsche Regierung Frankreich für 599 Millionen Goldmark Maren liefern.

Wie wir von zuständiger Seite hören, ist von einer Ver­legung des Termins und des Inkrafttretens des Wiesbadener Abkommens in Berlin nichts d staunt

• W. T.-B. Paris 23. Sept. Minister Loucheur ha^ heute in Roye vorVertcetwn desArrondissemcnts vonMont- didier die Wiederaus o aufrage beivrochen und u. a. nach dem Bericht der Haoasagentur erklärt, man" habe die Frage der Beschäftigung deutscher Arbeiter viel beivrochen. Die Deutschen selbst batten aber niemals daran aedackit. italienische Maurer und stchechiiche Zimmerleute und Schreiner kommen zu lass:". um die Fragen zu lösen, die sie ernstlich während 3 oder 4 Iabren gestellt hätten, besonders ober dann, wenn genügend Baumaterial vorhanden sei. Minister Loucheur erklärte, er verhandele mit Deutschland, ober er sei noch nicht in der Lage zu lagen ob das wichtige Abkommen ratifiziert würde, da es aewiffe Einwände der Alliierten heroorgerufen habe. Er hoffe aber, daß er die Alliierten überzeugen könne. Sicher aber lei. daß. wenn dieses Abkommen ratifiziert würde, es kein Problem der Materialien, sondern nur noch eine Frage der Ar­beiterrechte geben werde. Bei seinen Verhandlungen habe er sich von deitz Gedanken leiten lassen, ein Zahlungs­mittel zu finden und vor allen Dingen zwei Iabre für den Wiederaufbau »u geZrinuen.