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Donnerstag. 22. September 1921. 2BOt(g01t : SlUÖp&^ Nr. 429. ♦ 69. Jahrstang.
Valutaniedergang und KonjunkLuraufschwung.
Mit jedem Tage tritt die geschäftliche Belebung in Deutschland, die in erster und letzter Linie, eine Folge der Verschlechterung des Markkurses ist, deutlicher hervor. Den wenigen Zweigen, die im Juni und Juli die Schrittmacher der wirtschaftlichen Erholung waren, sind rasch weitere gefolgt, und heute sind wir so weit, daß die neue Konjunktur fast im ganzen Bereich der deutschen Wirtschaft wieder flott angekurbelt ist. Man bezeichnet diese Wandlung nicht selten als Sche, inkonjunktur. - Das wäre nicht unzutresfend, wenn man dabei an den inflatorischen Untergrund, den eine rapide Entwertung erleidenden Papierschein dächte. Doch auch draußen auf dem. Weltmarkt und sogar in hochvalutarischen Ländern wie Großbritannien treten da und dort Merkmale einer wiedererwachenden Betriebsamkeit hervor, von denen man freilich noch nicht zuverlässig behaupten kann, ob sie schon als erste Anzeichen der endgültigen Überwindung der internationalen Wirtschaftskrise anzuspreckien sind. Im übrigen ist zu sagen, daß die Realität der von der deutschen Inflationshausse rus- gehenden Wirkungen sehr deutlich zu spüren ist. Born kapitalstarken Börsianer bis zum kleinen Bauernknecht, ' vom Industriekönig bis zur Beamtenwitwe machen sie sich geltend. Und sie sind erklärlicherweise von sehr vielfältiger und zwiespältiger Natur. Auf der einen Seite zunehmende Erschwerung der Lebenshedingungen für die breite Masse der Konsumenten — ein beklagens-. wertes Hoherhängen des Brotkorbs, das für n.anchs, denen die Verhältnisse keinen Spielraum in ihren Erwerbsgelegenheiten mehr gewähren, geradezu Existenzvernichtung bedeuten kann. Allein dem steht wieder eine merklich verbesserte Lage der Produktion?- s p h ä r e und damit auch des Arbeitsmarktes, Regsamkeit in Handel und Wandel gegenüber, und Hand in Hand damit geht das Emporschrauben der Preise, der Gewinne aus dem Inland und stellenweise aus der Ausfuhr, ferner aber auch — mit oder ohne störenden Zwiespalt, — das allmähliche Aufwärtsgehen der Lohnsätze. Eine andere Begleiterscheinüng ist das mengenmäßige Zurückbleiben des Angebots hinter der Nachfrage,, die Verknappung der Warenvorräte auf der ganzen Linie. '
Diese Verknappung ist kennzeichnend für den Eharokter der Konjunktur. Mit einem Male liegen die Dinge so, daß weder Produzenten noch Grossisten sich dem'plötzlich eingetretcnen Warenhunger gewachsen zeigen. Hatte sich im vorigen Jahr bei stockendem Geschäft in Industrie und Handel wieder mehr Neigung offenbart, bei der Kundschaft durch Reisende oder Vertreter persönlich werben zu lassen, hatte man zugleich auch von der nur im Zeichen härtesten Warenmangels durchgesetzten Schärfe der Lieferungs- und Zahlungsbedingungen einiges abgebaur, so ist gegenwärtig sest- zustellen, daß der Anbieter wieder allenthalben die Oberhand ^at und daß auch abgelegene Zentren der Warenerzeugung von Kauflustigen wieder bereitwillig aufgesucht werden. Denn es fehlt vor allem an sogenannter prompter oder „greifbarer" Ware. Bei T e x t i l e r ze u g n i s s e n z. B. herrscht in den Lagern des Einzelhandels völlige Ebbe, die Baumwollwebereien sind bis zum Ende des Jahres ausverkauft, und schon hat man begonnen, für das erste oder gar das zweite Vierteljahr des nächsten Jahres Aufträge zu erteilen. Am E i s e n m a r kt ein ähnliches Bild, das erkennen läßt, wie viel Schwierigkeiten sich der Unterbringung neuer Aufträge entgegenstellen. Nur so >st es erklärlich, daß letzthin verschiedentlich lothringische und belgische Werke von deutschen Auftraggebern stärker zu Hilfe genommen wurden.
Die Umstände im einzelnen genau zu ermitteln, die die Knappheit auf den Warenmärkten so sehr beschleunigt haben, ist natürlich eine Unmöglichkeit. Es treffen da in seltsamer Mischung Angst vor weiterer Teuerung und Verknappung, SpekulaXions- I ü st e r n h e i t. teilweise auch schieberhafte Machenschaften berufsfremder Elemente mit wirklichem Bedarf zusammen, und zwar in einer Weise, die wohl zur Überschätzung dieses Bedarfs verleitet und die auch mitunter Preistreibereien über das wirtschaftlich gerechtfertigte Maß hinaus Vorschub leistet.
Solchen Ausartungen gegenüber ist ein warnender Hinweis gewiß nicht überflüssig. Die Erfahrungen der Nachkriegszeit bieten genug Beispiele dafür — man betrachte nur das Textilgewerbe —, mit welch schweren Verlusten leichtfertige Verkennung der obwaltenden Eefabren und namentlich ein spekulatives Verschwistsrn von Warenhandel mit Valutageschäften oft gebüßt werden mußte. Die Unberechenbarkeit vieler in normalen Zelten ziemlich zuverlässig zu beurteilender
Dinge, die Unmöglichkeit eines Disponierens auf längere Fristen, die erhebliche Mehrung der geschäftlichen Wagnisse im allgemeinen — das alles sollte Handel und Gewerbe zur Vorsicht und zur Heranziehung aller Behelfe mahnen, die geeignet sind, das Risiko zu mindern. An Überraschungen ist die Zeit merkwürdig reich, und gar mancher hat es schon zu seinem Schaden erlebt. Welche Millionenverluste erleiden beispielsweise jene elsässischen Textilhäuser, die sich unterfingen, die Markbeträge aus ihren deutschen Warenlieferungen „durchzuhalten" in der Hoffnung auf 'eine Valuta- ünderung zugunsten der Mark' Jetzt, da das Gegenreil eingetreten und der Franken auf etwa 7V 2 M. gestiegen ist, müssen solche Waghalsigkeiten betrübliche Folgen zeitigen.
Man muß ohnehin bedenken, daß, wie auch immer die weitere Entwicklung gehen möge, gewisse Sorgen unausbleiblich sind. Bei einer-Markbesserung würde unzweifelhaft viel Geld an Lagervorräten verloren gehen. Aber selbst bei fortschreitender Entwertung der Mark könnten die Bäume der Konjunktur nicht in den Himmel wachsen aus dem einfachen Grunde, weil immer zahlreicheren Derbraucherschichten durch die Überteuerung der Waren der finanzielle Atem aus- aeben müßte, also der „Käuferstreik" wieder einen Strich durch die — prioatwirtschastlich gesprochen — schönsten Erwartungen der Kaufmannschaft machen würde. Man könnte dem entgegenhalten, daß mit jeder weiteren Verschlechterung des Markkurses auch die Eeschäftsmöglichkeiten der Warenausfuhr sich mehren. Indes darf man nicht vergessen, daß die Aufnahmefähigkeit des Auslandes für unsere Erzeugnisse gegenwärtig noch unter der in den meisten Ländern lange vorherrschend gewesenen gedrückten Wirtschaftslage leidet, daß draußen in der Krisenzeit mancherlei Vorratsansammlungen stattgefunden haben, die dort auf den Markt drücken, daß aber auch die Zollgesetzgebung einer ganzen Anzahl Staaten uns den Absatz in der Fremde immer mehr erschwert. Wir werden versuchen müssen, im Verhandlungswege einiges von den Schwierigkeiten dieser Art abzubauen. Daß uns das gelinge, darauf dürfen wir immerhin einige Hoffnung setzen. Denn der Weltmarkt kann — das haben die Kriegsjahre gezeigt — deutsche Arbeit nicht so leicht entbebren. Umgekehrt ist es. freilich auch eine Selbstverständlichkeit, daß ein 65-Millionen-Vo!k mit einer solch gigantischen Industrieausrüstung wie Deutschland unbedingt oerkümmern müßte, wenn ihm kein starker Absatz auf den ausländischen Märkten möglich bliebe.
Deutschlands künstlicher Wohlstand.
Dz. Paris. 20. Sevt. (Ha-ms.) Der ..Ebieago Tribüne" wird aus New Bork gemeldet: 'Der Delkswirtschaktler i'"d Finanzmann John Moddn erNä'te bei seiner Rückkehr non einer Enrnnarei'e er bnbe vollstöndiars Vertra"<>n in den wietstboitllkben Wiederaufbau Frankreichs, dessen Kredit fick, lanesam bessere. Es werde schliesslich alle finanziellen Ecbmjeriekeiten. wie gross sie auch kein mimen. überwinden. Betrett? Deutschlands erklärte Moddn. sein kü nktI i er Wohlstand. der onf der Geldinflalion berube, fiißr-e es direkt zu einer Katastrophe. Die Preise "nd Löbne würden in Deutschland bald eine der- ur 1 i"e kiebe erreichen, dost es nickst m-br mit dem Ausland in Wettbewerb treten könne. Dann werde der Zusammenbruch erfolgen.
Demonstrationen vor der Wiener Börse.
W. T.-B. Wien. 20. <=>rt. Gegen 12 übr mittags versammelten ssch am Böriengebände 2000 bis 2000 Personen, meist christlich-sozial- Gewerks!'iftler. um die Räumung » ndSchliessn » a der Börse zu versonnen Die Sicher- beitswache verbütete schwere Ausschrcitunoen. Eine Abordnung der Demonstranten beaab ssch zur Posiz-idirektion. wo ibr erklärt wurde, dah allen llnoesetzlichkeiten imSvekulanteü- tum entgegengetreten würde. Gestern wurden bereits 71 Winkelbändler verhaltet. Andererseits würden Vorkommnisse, wie der beutioe Versuch, gewostsam in dies Börse einzudringen. ^m Ausland einen sebr üblen Eindruck macken. Die Abordnung berubigte darauf die Volksmenge. Einige radilalere Elemente wurden von der Polizei zerstreut.
Opposition gegen den amerikanischen Friedensvertrag.
Dz. London, 21. Scvt. „Dailn Telegraph" meldet aus New Port. Berichten aus Washington zufolge entwickele sich im amerikanischen Senat eine Ovoosilion gegen den amerikani cken Friedensvertrag mit Deutschland. Die Möglichkeit, dah die republikanischen Senatoren nicht in der Lage sein würden, die notwendige Zweidrittelmehrheit zusammenzubringen, sei aber nur gering. Es würde jedoch eine ausgedehnte Debatte über alle Phasen der internationalen Lage stattfinden, die die Rali- iizierung des Friedensvertrages beträchtlich verzögern werde. Die republikanischen ..ünoersöhnlichen" widersetzten sich dem Vertrag mit der Begründung, dah er die Vereinigten Staaten in europäische Streitigkeiten hineinziehen würde. Andererseits hätten die Demokraten die Absicht, den Friedensvertrag zu bekämpfen, weil er die Vereinigten Staaten zu wenig zur Teilnahme an den euroväiichen Angelegenheiten veruflichte und weil ein SonderirieLe mit Deutlchland entehrend sei.
Die EXplosionskatastrophe bei Ludwigshafen.
wd. Ludwigshafen, 21. Sevt. (Eig. Drahtbericht) Am Oppauer Weg liegen Hunderte von verwundeten Arbeitern, die zum Teil schrecklich zugrrichtet sind und auf die überall errichteten Verbandsplätze verbracht wexdcrn Auch viele Leichen sind furchtbar entstellt. Ter Materialschaden betragt viele Millionen. Dieser Schaden tritt aber, trotz seiner Riescnhaftjgkeit. gegenüber den ungeheuren Menschenopfern in den Hintergrund. Die Mcnschcno"ker werden von der ganzen Borderpsalr getragen, da sich tsie 1 ' Arbeiter der Badischen Anilin- und Sodafabril fast ausschliesslich aus der Vordervjalz rekrutieren.
, In M a n n h e i m hat besonders das Schloss erheblich gelitten. Der Luftdruck scheint ganz unregelmässig gewirkt zu haben. Ein Haus ist schwer beschädigt, und das nebrnH anliegende fast gar nicht. Im wesentlichen aber sind Ms Verwüstungen in allen Stadtteilen gleich schwer, am schwersten jedoch besonders auf dem W a l d - Hofe »nd dem Linden Hofe sowie im Hafengebier.
In Ludwigshasen erscheinen heute keine Zeitmr- grn. Wie stark die Wucht der Explosion war. geht auch- daraus bervor. dass Transmissions- nnd Eilenteile, trotz ihrer groben Gewichte über den Rhein auf die badische Seite geworfen wurden. Viele Leute sprangen ans Angst aus den Fenstern, wodurch es ebenfalls! viele Tote und Verwundete gab. »
Ein Augenzeuge berichtet über die Katastrophe:
Ich verlieh gerade beim Schichtwechsel die Fabrik, als die Explosion erfolgte. Ich wurde zu Boden geworfen, und die Luft verfinsterte sich. Als ich wieder zur Bestimm,« kam. kroch ich aus dem Boden vorwärts, da ich nicht sehen« konnte. Allmählich wurde es uvieder hell nnd ich erkannte, dah der Mittelbau brannte nnd alle übrigen Gez, bände in Trümmern lagen. Zwei Leute, die vor mir gingen, waren völlig verschwunden. Meine Kleider waren orn einer klebrigen Masse überzogen.
Man kann es als ein Glück bezeichnen, dah die Explosion gerade beim Schichtwechiel stattfand, als die zweite Schickt noch nicht ganz einnesahren war. sonst wäre die Zahl der Todesopfer noch grosser. Nach weiteren Erz-?bl»ng>:n non Arbeitern ssnd die nach der Explosion in der Fabrik be-. kindlich n Arbeiter ganz plötzlich von einer Masscrwelle überschüttet worden, worauf sie das Werk verliehen. Dick mit dem ersten Arbeiteezuge angekommcnen Arbeiter befunden sich zur Leit der Ernlosion gerade im Bade nnd ner- Uessen. als die Ernlosion erfolgte, unbekleidet das Werk. Der zw eite Arbeiterz na wurde bei der Einfahrt schwer b «f & S b i o t. Die Gesichter vieler Verwundeter waren wie mit Grüns-a" llberiaaen. Di« Wucht der Erntgkion war io aroh. dah selbst Eisenbahnzila« ans den Geleisen geworfen wurden. An der Stelle, wo dick Ervlosson stattfand, ist
ein Trichter von 30 Meter Tiefe und 170 Meter Durchmesser
entstanden. Die Ursache der Explosion bat ssch noch nicht seitstelleu lassen, wird sich auch niemals feststellen lassen da man noch nicht einmal weih wo die erste Explosion sigtt<-»k„vde„ bat. Däilme, welche in der Umaebnng der I^ngliickost't^te standen, wurden wie weorasiert. Leichen flogen Hunderte non Metern weit nnd sind teilw'ise bbs zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Die Gefahr weiterer Ervlolionen ist ietzt beseitigt. U. a. ssnd 20 000 Tonnen Ammoniak-Sulfat in die Luft geflogen.
Zerstörungen in Mannheim.
Dz. Mannheim. 21. Sevt. (Drabtbericht.) Bei der Firma Landauer in d»r Friesenbcimer Strohe im In- dustziebasen morden zwei »rst oor kurzem bezogene Hollen durch den Luftdruck dera«'tiz beschädigt, dah sie in sich zu- sammenstürzten Drei Arbeiter wurden dabei getötet. 1-t erlitten mrbr oder minderftlbwere Verletzungen und muhten ins Krankenhaus verbracht werden. Es ist dies das zweit-' qröhere ilnalück. das in d'eiem Jahre diese Firma trifft. Der Betrieb der Fabrik muhte e i n g e st e l l t werden — B-'i der Firma Hutb gib es einen groken Gebäudeschaden Der Lagerschuppen wurde ver- »icht-'t. Sieben vertellt: Personen, von der Fabrik m'chten ins Krankenhaus geschasst werden. B-'i der Fabrik für Eisen- konstruktion Ioienb Pons in der Fricsenbeimer Strahe be- rräat der durch die Explosion veruriachte Schaden über oier- hundectlonsend Mark.
Dz. Mannheim. »1. Cevt. Rach der ..Badischen Lnndcs- zeitung" fall es sich um eine Ervlolion des Gas- keNels im Bau 18 des Werkes Ovvau noch einer anderen Version um eine Explosion von sechs Svritkeüeln des Ovvaner Svritwerkes bandeln, über die Ursache der Ervlpsion ist roch nichts zu erfahren. Die Unglücks- stätte ist in undurchdringlich',, Rauch a-chiillt. Die Auswirkungen der Erolosion babe.i sich besonders stark nach dem Waldbo? und nach Sandhof-n geltend gemacht. Auch bei Venz und B L b inger wnrde schwerer Eebäudeschaden verursacht. Diesseit« des Mannheimer Indisstriebaker-Ge- bietes wurde die Rknschineusaheik von Land n. Reinig schwer beschädigt. Auch von Rheinau und Heidelberg wird Sachschaden gemeldet. In der Innenstadt Mannheim sind bisher keine Menschenleben zu beklagen: dagegen kommen aus Ludwigshaien die brunrnhizeudsten Nachrichten. ^
Dz. Darmstadt, 21. Sevt. (Drabtbericht.) Die Erschütterung intofae der Ervlcsion in Öooau mar hier so heftig, dah in etwa 12 Geschäftsbänsern die Fensterichciben zersvrangeir und man anfangs an eine Explosion in unmittelbarer Rah« der Stadt dachte.
Dz. Frankfurt a. M.. 21. Sevt. (Drabtbericht.) Die Stadt Frankfurt a. M. hat aus Veranlassung des Oberbürgermeisters mit S'.lfe des Noten Kreuzes sofort eine Rettungsaktion in die Wege geleitet. Es sind 4 Krarkenautos mit voller Besatzung und 14 Arzte abgegangen. Weitere Hiliskräile sind mit den entsorechcndcn Mengen Verbands- und sonstigen Hilfsmitteln unterwegs.
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