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Donnerstag, 15. September 1921.
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11435-11437.
Abend-Ausgabe.
Nr 418. «> 69. Jahrgang.
ST.WS
Rechtsbolschewikische Mörder.
Die näheren Umstände, unter denen die Ermordung Erzbergers erfolgte, ließen kaum einen Zweifel darüber bestehen, daß die Motive der ruchlosen Tat politischen Ursprungs waren, und es war auch gar nicht fraglich, welche politische Richtung für die Tat verantwortlich zu machen war. Die bekannte Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze der Republik ist zwar gegen alle Feinde der jungen Demokratie gerichtet und vermeidet eine einseitige Stellungnahme. Ferner ist z.B. die Beschränkung der Pressefreiheit nicht nur gegen rechts, sondern in einer ganzen Anzahl von Fällen auch gegen Organe der äußersten Linken angewandt worden, aber Mitglieder der Neichsregierung haben auf Befragen doch deutlich darauf hingewiesen, daß die Verordnung nach den Umständen ihrer Entstehung sich hauptsächlich gegen rechts richten solle. Die rechtsradikalen Kreise lärmten und tobten über diese „Klassenherrschaft", weil ihnen die Möglichkeit zur ungestörten Fortführung ihrer Hetze gegen die Republik und die Regierung Wirth beschnitten wurde. Teils machten sie kaum ein Hehl aus ihrer Billigung der feigen Ermordung Erzbergers, teils wiesen sie es weit von sich, mit dieser Tat überhaupt in Verbindung gebracht zu werden, und eins der ultra- nationalen Organe meinte noch am Tage vor der Feststellung der Mörder, die Mordtat „rieche nach Trotzky". Nunmehr aber ist es gelungen, wenigstens die Personen sestzustellen, welche die Tat verübt haben, und was bei diesen Nachforschungen bis jetzt schon ermittelt worden ist, ist mehr als ausreichend, um dem deutschen Volke zu zeigen, was für eine Sorte von Menschen es ist, die sich selbst als Beglücker des Volkes anpreisen und die Männer der gegenwärtigen und früheren Regierungen der Republik als „Schädlinge" und „Reichsverderber" hinstellten.
Die beiden Mörder, deren wahre Namen jetzt als Kaufmann Schulz und Student Ti Hessen sestge- stellt wurden, sind frühere Offiziere der Brigade Ehrhardt, die sich bekanntlich ihrer Auflösung lange und hartnäckig widersetzte und in hervorragender Weise am Kapp-Putsch beteiligt war. Daraus geht klar hervor, welcher Cesinnungsrichtung sie angehören, worüber ja auch die engen Freundschaftsbeziehungen zu einer Berliner Familie Aufschluß geben, in der sämtliche Familienangehörige, auch die unmündigen Kinder, Mitglieder der Deutschnationalen Volkspartei sind. Trotzky- Eeruch tragen die Mörder also nicht an sich, vielmehr gehören sie dem Kreise der Rechtsbolschewiken an, der sich gegenwärtig als ungleich gefährlicher erweist, als das zusammengeschmolzene Häuflein der Linksbolschewiken.
Diese Rechtsbolschewiken triefen in ihren Reden von Nationalismus, dabei ist aber der wahre Hintergrund und das eigentliche Motiv ihres Tun und Treibens nur die Sorge um ihren Geldsack. „Erzberger trägt die Schuld am Reichsnotopfer", das war die Antwort, die der Berliner Freund der Mörder gab, als die Richter ihn fragten, was er über den „Schädling Erzberger" denn eigentlich wisse. Erzbergers Steuerpolitik und feine Steuergesetze waren es, die dieWut jener Patrioten erregten. Von Erzdergers außerordentlicher Arbeitsenergie fürchteten sie weitere Gefahren in dieser Richtung. deshalb mutzte er beseitigt werden.
Auch die Linksbolschewiken haben Erzberger nicht geliebt, sie sehen in ihm den Vater des zehnprozentigen Steuerabzugs und eine Stütze des kapitalistischen Systems. Auch die Linksbolschewiken vertreten ihre Wünsche und Forderungen nicht immer in sehr höflichen Formen und haben sich in erregten Zeiten bei Putschen und Plünderungen scheußliche Morde zuschulden kommen lassen, aber eine so sorgfältig vorbereitete kaltblütig ausgesührte Abschlachtung eines Wehrlosen, wie sie die Ermordung Erzbergers darstellt, ist den Rechtsbolschewiken Vorbehalten geblieben. Und was das schlimmste ist: es handelt sich nicht nur um die Tat eines einzelnen, vielleicht krankhaft veranlagten Mannes, sondern zahlreiche Gesinnungsgenossen der Mörder billigen heimlich deren feige Tat,"und allem Anschein nach war sogar eine größere Anzahl Personen in den ganzen Mordplan ein- geweiht.
Diese Leute bilden einen gefährlichen Feind, den die Republik in ihrem Schoße birgt, denn neue schwere Opker werden von deutschen Volk gefordert, harte Eingriffe in jede gefüllte Kasse und in jeden noch nicht entwerteten Besitz sind unvermeidlich. Schon aber hat eine Hetze gegen die geplanten neuen Vermögenssteuern eingesetzt^ die selbst die gegen das Reichsnotopfer noch an Heftigkeit übertrifft. Die sachliche Kritik eines Steuer- aefetzes soll und muß jedermann unbenommen bleiben. Abe" persönliche Verdächtigungen der Mitarbeiter an den Gesetzen und Hetz- und Schmähartikel gegen Demokratie und Republik, die doch wahrlich an dem gewaltigen Zusammenbruch Deutschlands auf Nordfrankreichs Schlachtfeldern unschuldig sind.
liche Aufreizung zum Mord, wie sie in rechtsradikalen Blättern nicht einmal, sondern dauernd getrieben worden ist, muß mit allen Mitteln unterdrückt werden. Das ist die Republik sich selbst schuldig, wenn sie sich ein Recht und überhaupt die Möglichkeiten zum Weiterbestehen sichern will. Vor allem muß aus strenge Durchführung der Verordnung des Reichspräsidenten gesehen werden, und ganz besonders scharf müssen Verstöße gegen die Verordnung zum Schutze der persönlichen Ehre und des Lebens von Anhängern und Führern der demokratischen Republik geahndet werden. Jeder Staatsbürger, der an dein Schutz der Republik und ihrer Vertreter gegenüber den Mord- und Umsturzplänen der Reaktionäre mithelfen will, muß es jetzt als seine Aufgabe erkennen, sich mit allen Kräften hinter die Regierung zu stellen und sie in ihrem Kampf zu unterstützen, damit der „Schutz der Republik" nicht bloß der Inhalt einer Verordnung bleibt, sondern im ganzen Reiche eine selbstverständliche Tatsache wird!
D!e Verfolgung der Mörder Erzbergers.
W. T.-B. Karlsruhe. 14. S;ot. Zur Verfolgung der Mörder Erzbergers meldet die . Karlsruher Zeitung", dab der zuständige Ostenburger Staatsanwalt Burger und der Ge- neralltaatsanwalt Schlimm gemeinsam mit der w ü r t - tembergischen Polizei und im engen Benebmen mit den bayerischen Justiz- und Polizeibebörden wertvolle Resultate erzielten. Es bat stch berausgestellt. dab die beiden Mörder mit einer groben Organisation zusammen- bänsen. Während der eine von ihnen schon vor einiger Zeit aus München verschwunden ist. ist der andere. Schulz, erst in den letzten Tagen mit Unterstützung eines seiner Helfershelfer. eines gewesenen Majors, entkommen. Dieser Maior und fünf andere verdächtige Personen stnd inzwischen verhaftet worden. Die Staatsanwaltschaft Offenburg wird die Öffentlichkeit über die weitere Entwicklung der Dinge vnterrichen. soweit sich dies mit der Strafverfolgung «nd der Untersuchung vereinbaren lätzt.
Schulz und Tillessen.
W. T.-B. Berlin. 14. Sept. Der ..Lokalanzeiger" berichtet über das Vorleben von Schulz und T i l l e f f e n. beide seien ein Jahr lang vom Mai 1929 bis 1921 von der Groben landwirtschaftlichen Zentralgenosienschaft in Regensburg zur Erlernung eines neuen Berufes als bezablte Volonäre ausgenommen gewesen. Dr. Hei m. Generaldirektor der Regensburger Genossenschaft, erklärt, dab in dem Betrieb der Regensburger Zentralgenossenschaft doppelt soviel Schwerbeschädigte beschäfigt worden seien, als es das Gesetz verlangt, und zwar ohne Anseben der Konfession und der Partei. Schulz und T i I l e s s e n haben dort vollkommen zurückgezogen gelebt und werden als bescheiden und zurückhaltend geschildert. Heinrich Schulz ist der Sobn eines verstorbenen Arztes und hat in einer Maschinenfabrik in Saatfeld gelernt. Er ist 1914 als Kriegsfreiwilliger eingetreten, wurde zweimal verwundet und zum Reserveoffizier befördert. Er war Komvaniefübrer und Bataillonsadiutant. Nach dem Kriege war er kaufmännisch tätig, bis er sich Ende Avril 1919 lei der Sturmlomvanie der zweiten Marinebrigade meldete. Bei dieser hat er an den Kämpfen in München und Oberschlesien teilgenommen Heinrich T i l l e s s e n ist der Sobn des verstorbenen Generalleutnants a. D. Karl Tillessen. Er wurde 1912 Seekadett, bat während des Krieges als Oberleutnant auf verschiedenen Kriegsschiffen Dienst getan. Er war in Scava Flow interniert. Von Juli 1919 bis Januar 1929 war er in englischer Kriegsgefangenschaft. Von März 1920 ab war n bei der zweiten Marinebrigade.
Neue Verhaftungen in München.
Du. München, 15. Sept. Bis gestern abend sind in der Erzberger-Sache im ganzen zehn Personen verhaftet worden, und zwar neun in München und eine auf der Fahrt yon Augsburg nach München. Gegen die sämtlichen zehn' Fest«enommenen ist Haftbefehl erlasien worden. Auber den bereits gestern gemeldeten Namen von sieben Personen befinden sich noch in Haft die Studenten Ulrich Klintz?ch. Wilhelm Bollinger und Karl Ciebel. Sämtliche Verhafteten werden demnächst nach Offenburg verbracht werden, um dort dem Untersuchungsrichter vorgeführt zu werden.
Die Mitteilung, dah von aubcrbayerischer Polizei bei Dr. Heim Haussuchung abgehalten worden sei. um ibu in die Angelegenheit bineinzuziehen. ist. wie die badische Staatsanwaltschaft mitteilt, völlig aus der Luft gegriffen. Die Haussuchung galt nicht Dr. Heim, sondern Schulz und T i l I e s s e n. die in Regensburg bei Dr. Heim studierten. Es wurde lediglich das Zimmer durchsucht, in dem beide gewohnt batten. Daß Bollinger dem Schulz zur Flucht ver- holfen bat. ist dadurch erwiesen, dab er ihn im Auto zur Bahn brachte.
Bei den Haussuchungen ist auch «in Revolver gefunden worden. Gestern abend traf bei der Generalstaatsanwaltschaft ein Schreiben aus Italien ein. das in italienischer Sprache die kurze Mitteilung enthielt: „Halten uns in Mailand auf." Der Brief trägt keine Unterschrift. Es muß erst untersucht werden, ob es sich dabei um eine Mystifikation handelt.
Selbstgestellung eines angeblichen Leutnants.
Dr. Berlin, 15. Sept. Über die Selbftgestellung eines angeblichen Leutnants Kurt Hutter in Potsdam, der behauptet, einer der Mörder Erzbergers zu sein, wird berichtet. dah der in Saft Genommene den Namen Hutter wahrscheinlich zu Unrecht führt. Auch sei es unwahrscheinlich. dah er früher Offizier gewesen sei. Wahrscheinlich sei die Annahme, dah es sich um einen dem Handwerkerstand an- gehörigen Mann handelt, der offenbar Beweggründe habe, den Verdacht auf sich zu lenken. Die Beschreibung, die von den Mardern ErrüeraiM?««vMH., Mt toudtam nüdt.asi Hutter, ■'
Keine Rückkehr Kahrs.
Br. München. 15. Sept. (Eig. Drahtbericht.) Unter der Überschrift: „Bruch der Bayerischen Volksvartei mit Herrn von Kahr, eine Wendung" berichtet die „Münchener Zeitung'. dab die Rekonstruktion des Kabinetts Kabr vorläufig aufgegeben fei. Vor nächster Woche sei schwerlich an ein neues Kabinett zu denken.
Dü. Berlin, 15. Sept. Die Bayerische Volksvartei hat gestern zwei Fraktionssitzungen abgehalten. Rach dem Ergebnis der Beratungen kann schon jetzt mit Bestimmtheit darauf gerechnet werden, dah die Bayerische Volksvartei an o. Kahr mit dem Ersuchen, auf seinem Posten zu verbleiben, nicht mehr berantreten wird. , Da auch die D e m o k r a t e n sich an einem neuen Kabinett Kabr nicht mehr beteiligen würden, sei also schon jetzt mit Sicherheit zu sagen, dah die Rückkehr v. Kabrs zur Regierung nicht mehr erwartet werden könne.
Kahr und Held.
Br. München, 15. Sept. (Eig. Drahtbericht.) In der Mittwoch-Sitzung des ständigen Landesausschusses trat der Vorsitzende der Bayerischen Volkspartei Held den Behauptungen entgegen, daß er den Ministerpräsidenten gestürzt habe. Er sei mit Herrn v. Kahr in allen größeren Fragen durchaus einig gegangen. Er wies auch die Behauptung zurück, daß er den Ministerpräsidenten gestürzt habe, um dessen Nachfolger zu werden. Er habe nach der Revolution schon mehrere Male Gelegenheit gehabt, Minister zu werden, habe es aber grundsätzlich jedesmal abgelehnt. — Der sozialdemokratische Abgeordnete Timm sprach seine Überzeugung dahin aus, daß Held bei den letzten Entscheidungen aus rein sachlichen Gründen gehandelt habe und erklärte, solche Angriffe seien bedauerlich und beschämend und zudem bezeichnend für den Tiefstand unseres politischen Kampfes. Nach weiteren Bemerkungen wurde in die Tagesordnung eingetreten.
Zusammentritt des bayerischen Landtags am 21. September.
Br. München. 15. 6«vt. (Eig. Drahtbericht.) Der bayerische Landtag wird beute vom Ältestenausschuh wahrscheinlich auf den 21. September einberufen werden.
Eine preußisch-bayerische Einheitsfront?
Dü. München, 15. Sept. Die „München-Augsburger Zeitung" will, wie sie sagt, von ganz zuverlässiger Seile aus Berlin gehört haben, dah die vreuhifche Regierung durch den Ministerpräsidenten Stegerwald die von der bayerischen Regierung und vom bayerischen Landtag formulierte Forderung auf Änderung der Verordnung des Reichspräsidenten vom 29. August aufs wärmste unterstütze, so dah Preuhen und Bayern in der Frage der Verordnung eine Einheitsfront bildeten.
Abgelehnte Haftentlassung.
Bk München. 14. Sevt. In der heutigen Sitzung des Ständigen Landtagsausschusses wurde ein Antrag der Unabhängigen auf Freilassung des Abg. Fischer bebanoelt. der wegen sein-: Münchener R-de. in der er eine Loslösung Frankens von Bauern angekündigt batte, verbaftet wurde. Den Ausschuh beschäftigte die Frage, ob Fischer als Ersatzmitglied des Ständigen Ausschusses auch zu einer Zeit, wo der Landtag nicht versammelt sei. Anspruch auf den Schutz der Immunität erbeben könne. Die Mehrheit des Ausschusses verneinte auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung dil Frage und lehnte die Haftentlassung ab.
Eine rechts-radikale Geheimorgauisation.
Bk Berlin. 14. Sept. Nach Mitteilungen, die der „B. Z." zugeben, ist es gelungen, in der Person des bekannten antisemitischen Privatdozenten Arnold Rüge aus Heidelberg den Leiter einer geheimen Nachrichtenzentrale festzunebmen. die im Dienste radikal-reaktionärer Kreise von Sckiloh Vielau bei Reihe aus ihre Tätigkeit entfaltete. Neben Rüge, der falsche Ausweise unter dem Namen eines Gebeimrats Berger besah, sind eine Anzahl anderer Mitglieder dieser Organisation verhaftet worden. Es handelt sich bet dieser Nachrichenzentrale um Organisationen der Arbeitsgemeinschaft Rohbach imd ähnlicher Einrichtungen, die sich nach Auflösung des Selbstschutzes zusammengetan baben und unter Aufwendung erheblicher Geldmittel eine dunkle Tätigkeit entfalteten. In der Zentrale auf Sckloh Vielau sollen Offiziere und monarchistische Politiker verkehrt und sogar einen eigenen Kurierdien st München-Verlin-Ostvreuhen unterbalten herben. Auch bei den Versuchen. Erzbergers Mörder zu fassen, sind Leute verhaftet worden, bei denen man Papiere dieser Nachrichtenorganisation vorfand. Gerüchtweise verlautete, dah die Organisationen dieser Art ..I a g d k o m m a n d o s unterhielten. um die Feinde der nationalen Sache zu beseitigen.
Neue Zeituugsverbote.
Dü. Berlin, 15. Sept. Durch Verordnung des Reichsministers des Innern sind oie in Berlin erscheinende „Rote Fahne" vom 15. bis 17. September und das in Gotha erscheinende ..Gothaer Volksblatt" vom 15. bis 22. Scvtember — beide auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten vom 22. Asausi — verboten worden.
HirschfelÄ verbüßt seine Freiheitsstrafe.
Dü. Berlin, 14. Sevt. Der frühere Fälmrich v. Hirsch-, seid befindet sich nicht in Freiheit, sondern verbüht seit dem 10. September weiter seine im Februar über ihn
