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Sonntag. 11. September 1921.
Das Reich und Bayern.
Dan A. Erkelenz. M. d. R.
Der immer wieder aufslackernde Streik zwischen dem Reich und Bayern hat zwei Ursachen. Der erst« ist partikularischrr, wenn man will, föderativer Natur. Wir leben in einem Zeitalter, das mit eherner Gewalt Volk und Volks.stämme zusammenzwingt, auch gegen ihren Willen. Und zwar drängt die Gewalt der Tatsachen die Stämme in den größtmöglichen Staatenverband. Das ist die Entwickelung vom Bundesstaat zum Reich, von der Stammesgewalt zur Reichsgervalr. Unter dem Drucke dieser geschichtlichen Strömung sind die deutschen Staaten zum Reich zusammengewachsen. Durch diesen Druck ist es gekommen, daß das Reich nach dem Fortfall der einzelstaatlichcn Monarchien noch fester steht als vorher, und dag es nicht zerfallen kann, wenn wir es nicht etwa in blinder Wut selbst zerschlagen. Das Reich wächst auch immer fester zusammen Es hat in Österreich, in Oberschlesien, in Ostpreußen moralische Eroberungen gemacht trotz oder wegen des ungeheuren Kampfes ums Dasein, den es zu führen hat. Redet nicht vom Zerfall des Reiches! Zn einer Zeit, wo in ganz Österreich unter dem schwarzrotgoldenen Banner die gewaltige Volksbewegung zum Reiche strebt, kann eine schwarzweißrote Republik oder Monarchie München stch nicht vom Reiche trennen. Redet aber auch nicht von der Trennung Frankens von Bayern! Wir bleiben alle zusammen.
Der bayerische Bolksstamm neigt stärker als andere zu einer konservativen Beharrlichkeit. Das bringt die Landwirtschaft mit sich und die Berge, die in ihrer ewigen Unveränderlichkeit auf das bayerische Voll herabsehen. Die geschichtliche Entwickelung schreitet aber unaufhaltsam vorwärts und kann, wie Naumann einmal gesagt hat, nicht warten, bis der letzte Bauer im Bayerischen Wald sich mit ihr ausgesöhnt hat. Er folgt dem flüchtigen Rade der Zeit etwas widerwillig. Daraus sollte man ihm keinen Vorwurf machen. Diese Eigenart mag uns gelegentlich unbequem fein, wird aber dem gesunden Reichsgedanken nicht schaden. Sie kann ihm nicht schaderk, wenn der Reichsgedanke nicht künstlich' und fälschlich in einen schematisierenden Berliner Zentralismus umgebogen wird. Der bayerische Konservatismus macht aber auch nicht selten den Eindruck, als wolle er etwas Neues bloß darum nicht, well es neu ist. Mir war es immer ein eigenartiges Gefühl, wenn ich in München sah, daß die Schutzleute mit der preußischen Pickelhaube dastanden. Die preußische Pickelhaube galt in Bayern nach 1876 als das Symbol preußischer Herrschsucht. Heute, nach fünfzig Jahren, ist die Pickelhaube in Preußen verschwunden und feiert ihre Wiederaufstehung in Bayern! Solche Beispiele gibt es mehr in der bayerischen Geschichte. Nirgendwo war ursprünglich die Gegnerschaft gegen die deutsche Flotte so groß als in Bayern; aber zwanzig Jahre später saßen nirgendwo so viele Flottenschwärmer als um den Starnberger See herum. Und als die U-Boots- phantasten 1916 im Norden wenig Anklang fanden, gingen sie nach Süden und rebellierten München. Wenn Bayern sich einmal eine Reihe von Jahren an Republik und Demokartie oemöhnt hat, werden sie dort ihre «ärmsten Verfechter finden.
Man sollte in diesen Tagen laut aussprechen, daß das bayerische Volk ganz überwiegend reichstreu ist. Die Droschke voll Worthelden, die mit dem Abfall Bayern vom Reiche spielen, soll man nicht ernst nehmen. Etwas anderes ist allerdigs ernster. Cs hat in Bayern feit jeher eine Reihe von Meinungsmachern gegeben, die die im Volke leise zitternden Stimmungen und Verstimmungen zu arger Glut gegen das Reich entfacht haben. Früber wurden der preußische Junker, der preußische Militarismus u. a. als Schreckgespenst an die Wand gemalt, heute der Bolschewismus, die Kriegsgesellschaften, Berlin! Aber die politische Verantwortungslosigkeit dieser Gesellen war früher und heute die gleiche. Wenn freilich jedes Volk die Presse hat, die es verdient, dann sind auch die ehrlich reichstreuen Bayern nickt ganz schuldlos an dieser Mache. Wir können und wollen gegen sie vom Norden aus nichts tun. Wir würden nur oft klüger handeln, wenn wir von dem Geschreibsel des „Miesbacher Anzeigers" weniger Notiz .nähmen. Der Schmeißfliegen-Journalismus, der sich in gewissen Berliner Winkelblättern fein Geld durch Schlüpfrigkeit verdient, verdient stch's in München mit politischem Geschimpfe.
Alle., dies könnte aber nicht immer wieder zu Krisen zwischen Bauern und dem Reich führen, wenn nicht die politische Reaktion in Bayern es verstanden hätte, sich in der und um die Regierung festzufetzxn. Bayern Ist das einzig« Land, in dem die Deutschnationalen an der Regierung beteiligt sind. Sie arbeiten dort mit» aller Rücksichtslosigkeit auf die Wieder- saouuuul« dar Macht ha Reiche bin und nutzen daher
Morgen-Ausgabe.
alle föderalistifch-partikularistischen Stimmungen im bayerischen Volke für ihre reaktionären Zwecke aus. Da die große bayerische Presse zu mindestens fünfzig Prozent mit deutschnationalem Eelde aus der Schwerindustrie arbeitet, so tutet der ganze Chorus npch deutschnationalem Takt. Nur die Reichsregierung schlecht machen, nur ihre Arbeit stören, nur das bayerische Volk gegen die Reichsrepublik verhetzen um jeden Preis! Mag das rheinisch-westfälische Industriegebiet auch besetzt werden, mag Oberschlesien verloren gehen, mag der Dollar hundert oder mehr Mark kosten: diese Reichsregierung mutz Niederlage auf Niederlage erleiden und darf keinen Erfolg haben! Es ist eine der größten Ironien der Weltgeschichte, daß in dem Lande, das dereinst so heftig gegen den deutschen Junker gewettert hat und das nicht zum Reich wollte, weil es ein Junkerreich fei, heute der preußische Junker seine letzte Rettung unter schlauer Benutzung des bayerischen Pärtikularismus sucht.
Der bayerische Ministerpräsident, Herr v. Kahr, gestützt von bayerischem Monarchismus, steht ganz offenkundig auf der Seite dieser preußischen Clique. Die Bayerische Volkspartei wagt es nicht, sich von ihm zu trennen, aus Furcht, der Berliner Presse oder auch der Sozialdemokratie damit eine Freude zu bereiten. So wird Herr v. Kahr wohl, weiter regieren, und die kleinen Metternichs in seiner Umgebung werden sich weiterhin unbeliebt machen, ohne zu ahnen, wie viel ihr großer Vorgänger vor hundert Jahren der Medererstehung deutscher Kraft geschadet hat.
Das einzig Erfreuliche in den Auseinandersetzungen dieser l^age war die rückhaltlose Einsetzung der bayerischen Demokraten für den Reichsgedanken. Die bayerische Demokratie Hai das Kreuz auf sich genommen, in der jetzigen bayerischen Regierungskoalition durch ihre Mitarbeit die allerschwersten Fehler der deutschnatio- nalen Desperados zu verhindern. Eine undankbare Aufgabe! Reichsregierung und Regierungsparteien halfen ihr, indem sie keine Demütigung oder Rechtsminderung, sondern ehrliche Verständigung mit einem freien Bayern suchen.
Die Beratungen der Parteien in München. •
Di. München, 10. Sept. (Drahtbericht!) Wie die Blätter beri.^ ten, werden im Laufe des heutigen Vormittags die Koalttionsp arteten zusammentreten, um über die Lage zu beraten. Di« Sozialdemokraten und die Unabhängigen hatten sich bereits gestern in einer Fraktionssitzung zusammengefunden. Nach den Fraktianssttzungen dürften die Führer der Koalition eine Sitzung abhalten, so daß für die nächste Tagung des ständigen Ausschusses des Landtages eine Basis beschlossen sein dürfte.
Nach den „Münch. N. N." dauerte der gestrige Ministerrat bis Mitternacht. Soviel bisher bekannt ist, hat sich Ministerpräsident v. Kahr dafür eingesetzt, daß die Rechte Bayerns gewahrt werden. Das Blatt bemerkt, die Länge der Verhandlungen spreche dafür, daß im Zusammenhang mit den schwebenden Fragen die außenpolitische Lage beraten worden sei. Eine amtliche Mitteilung über das Ergebnis der Beratung werde vor der Sitzung der Koalitions- Parteien kaum zu erwarten sein.
Die auswärtige Pvlitik de» Reiches.
Dz. Berlin. 10. Seist Die ..Tägliche Rundschau" schrieb in ibrer Morgenausgabe vom 9.'September' Der Reichskanzler hielt durck besondere Missionen seiner, Bertrauens- lcute für London und Moskau eine eigene auswärtige Politik für nöiig. In dies-m Zusammenhang wird von Herrn Schlesinger gekrochen, de" einer der Vertrauensmänner des Reichskanzlers gewesen >«i. Da, Blatt erklärt es habe erst dieser Tage vor einer stir östliche Angelegenheiten sehr kompetenten und beachteten Persönlichkeit den Dank dafür ourgesvrocken erhalten, das- -s auf vchlesinser hingewiesen
6l5Äe &lcriU wird »on der beteiligten zuständigen Stelle erklärt: Es ist unrichtig, daß in der Kanzlei Mirtb eine ciaene auswärtige Politik für notwendig gehalten wird. Die auswärtige Politik desReickes wird vom gesamtenKabinett getragen das in allen entscheidenden tragen einmütig hinter den Maßnahmen des An-wiirtiaen Amts steht Es ist unrichtig. daß Herr Schlesinger Vertrauensmann des Reichskanzlers sei Soweit Scklestnaer in m,t den Interessen des Reiches zusammenhängenden Angelegenheiten tätig war geschah dies im Aufträge und im Einverständnis mit dem Auswärtigen Amt. Ferner ist es unrichtig daß. soweit bsamtete Persönlichkeiten in Fraae kommen- der Redaktion der ^Täglichen Rundschau" der Da-k für ihren Hinweis auf «ckle- s'nger ausgesprochen worden sei Es ist bedauerlich daß durch solche unrichtige, tendenziöse Nachrichten wie sie hier berichtigt «erden, die auswärtige Politik des Reiches immer wieder erschwert und geschädigt wird.
«erurteilung «egen Beleidigung des Reichspräsidenten W. T.-B. Stendal. 10 Sept. Die hiesige Strafkammer verurteilte den Geschäftsführer des alldeut chen Verbandes. Rudolf Zeidler (Berlin' der am 5. Avril in einer osfqnt- Itchen Versammlung herabsetzende und beleidigende Ausdrucke über den Reichspräsidenten gebrauchte, wegen osfentlicker Beleidigung »u einem Monat Gefängnis
Nr. 411. » 69. Jahrgang.
Ein deutsches Memorandum an den Völkerbund?
D. Paris, 10. Sept. (Erg. Drahtbericht.) Die Pariser Presse fahrt fort, sich in besorgter Weise mit der d e u t - scheu.Finanzlage zu befallen, «t« sie in dem stetigen S i n k e'n der deutschen Mark zum Ausdruck kommt. Nach einer Meldung des „Journal soll Jbie deutsche Regierung di« Absicht haben, dem Völkerbund ein Memorandum zugeben zu lassen, das ein« ausführliche Darlegung des Balutavroblems enthält und »n dem Ergebnis kommt, daß eine dauernde Besserung des Markkurses so lange unmöglich ist. wie Deutschland gezwungen sei, die im Londoner Ultimatum vorgeschriebenen Ber- vflichtungen zu erfüllen.
Die Besprechungen Dvumers in Land««.
Dz. London. 10. Sept. (Drahtbericht.) Havas meldet über die geftrise Zusammenkunft Harnes m t t D o « m e r, daß ein« endgültige Lösung nicht zu erwarten gewesen sei und auch nicht erzielt wurde. Es hatten auch nicht die geringsten Formalitäten ohne eine Zusammenarbeit mit den übrigen Alliierten fcstgelegt »erden können. Herne und Dcumer hätten sich daher darauf beschrankt, einen Weg vorzubereiten und verschiedene Losungen rnv Auge gefaßt. Das Ergebnis der Besprechungen «erde no» vör der Abreise Briandr nach den Vereinigten Staaten bekannt werden. England stutz« sich, wie sich aus den Be- spreäumgen ergehen habe, auf den Friedensvertrag. wahrend Frankreich sich nach den Zahlungsbedingungen des Londoner Abkommens richten «olle. Beide Standpunkte seren nun zu berücksichtigen und die Schwierigkeit liege dann, daß die m London iestselegte Zahlungsart ein« Abänderung des Ver-
^"^Nach^der zweiten Zusammenkunft am späten Nachmittag gab Robert Sorne nach Havas folgende Mitteilung an die Presie ausi Doumer habe heut« mit dem englischen «chah- minister eine Besprechung gehabt, in deren Berlavf alle Fragen in herzlicksiter Freundschaft, die sich aus dem Pariser Finanzabkommen ergeben, durcbseivrochen würben.
Eine Silbergeld-Konferenz der Staaten mit Franken- Währung.
D. Paris, 10. Swt. (Eia. Drahtbericht.) Man glaubt hier zu willen, daß eine Konferen, über das Silbergeld der Staaten mit Frankenwäbrun« auf D e r lansen der Zchwei' nächstens in Paris stattfinden wird. Die Gründe hier,« sollen die folgenden sein: Auf Grund des vertrase». der seinerzeit zwischen Besten. Frankreich. Italien. Griechenland und der Sck'weiz abgeschlollen wurde, konnten die Z-lberstücke dieser Länder innerhalb ihrer Grenzen fortzirkulieren. Sie waren ohne Auonabme an den oifentlichen ballen zulällia. Die Hausse de» Silbermrtalls auf der einen Seit« und auf der anderen Seite dt« Entwertrin, d«« fran- zöllschen Franken gegenüber dem Schweizer Franken baden die Anfrechterbaltun, dieser Verträge in ihrer »rtmittven Form vollkommen unmöglich gemacht.
Beendi-nng der Arbeite« de» «»HnnnKM Unterausschusses.
Br. Berlin, i 10. Sept. (Eig. Drahtbericht.) Der vom Wohnungsausichuß des Reichstags j«r Begutachtung d«r Vorschläge Über di« .künftige Orsanifation de« Mietwob- nungsweien» und Beschaffung der Mittel zum bau eingesetzt«, au» Reichstassmitgliebern und Sa digen bestehende Unterausschuß bat seine «rbetten »«rläuslg beendet. Die Mehrheit beschloß, dem Ausschuß ,u empfehlen, daß der Vorschlag de» Stadtrats t> o f m an n< Leipzig Über die Begründung von Wohnunssgenosienschaften m : »er* waltuna der vorhandenen Wohnungen he» ge««rh«inSiki»ea Hausbesitzes näher geprüft werden soll. P^eitergebende Barschläse d»s Allgemeinen Deutschen Gewerkschaitedundes fanden aus praktischen Bedenren kein« Mehrbest. Die Beratungen über die Organisation der »««I« 1 = bewirtschaftung sollen demnäM f«>rta«feiit werte«. Zur AufbrinM-n« der Mittel für die «fitere Yinanzierun» der Bautätigkeit soll dem Dusschnß eine SrhSbun, der Wobnungsabgabe unter der, Vorau.ietzun« werden, daß gleichzeitig Lepruft wirt inwieweit auch aus der Baustoffprodukttsn Mittel für diesen Ztzoeck slüssts gemacht «erden sollen.
Die steuerlich« Erfassung der Sachwerte.
Dz Berliu. 10. Gept. Die Frage der steuerlichen Er- kallun« der Sachwerte wird.in vertraulicher Be tun a der Ressort, weitersefiibrt Das Reichskabiuett al
vertraulicher Bera-
. „„ „ wcl ....t Dar Reickskabiuett als
solche« bat fick noch nickt erneut m\t dieser Seite der Steuer- sraa« besaßt und noch keinerlei Entlcheidun, «- In sozialdemokratilcken Kreisen herrscht die Ansch««- daß eine Beratung der Struervsrlagen. insbesondere
dürste, ebe nickt Goldwerte em-
trafien
der anderen" Befstzsteüern. nickt möglich sein die grundsätzliche Frage der Erfassung der Ickieden sei.
Die Kriessieschuldigtenprazess«.
-W.T.-B. Berlin. 9. Sept. In der Prelle tauchen immer wieder Nachrichten auf, daß die Reichsregienln, in den log^ nannten Kriegsheschulviatenprozessen den Oberreicksamvalt anwies, möglichst schwere Strafen zu beantragen und die Angeklagten zu opfern, um der Entente den, «ten Willen der deutschen Regierung ,u beweisen. Es wirt «uiffl behauptet, daß das Auswärtige Amt kur, vor dem Beginn der Verhandlungen in Leipzig den Oberreicksanwalt ver- anlaßte. von der in Aussscht genommenen Darlegung über die völkerrechtliche Zulässirlkeit des Unterseebootkr^go» Abstand zu nehmen. An diesen Nachrichten ist in wahres Wort. Bezüglich des letzten Punktes, ergibt sich die, !»,„ daraus, daß der Oberreicksanwalt in dem Plädoyer im Prozelle gegen den Kapitänleutnant Neumann wegen der Versenkung des Lazarettschiffes Llandovery E-stle eingehend die Frag« nach der Rechtsmäß-el»" *«, Befehls. Lazarettschiff» zu torpedieren, erörtert»
