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Samstag, 3. September 1021. _ M0rgeN-AUSgSbL_N^M^0DIahr?ang^
Der Krieg im Burgenland.
Seit dem Inkrafttreten des Vertrages von St. Germain, also seit dem 16. Juli 1920 hat Deutsch- Österreich Anspruch auf das Burgenland (Deutsch-Westungarn). Seit dem Inkrafttreten des Vertrages von Trianon im vorigen Monat August 1921 ist Ungarn verpflichtet, das Burgenland herauszugeben. Jetzt schreiben wir schon September und noch ist die Wiener Regierung nicht, im Besitze der Verwaltung des neuen Landerwerbs. Vor Oedenburg knattern die Flinten eines frisch-fröhlichen Krieges zwischen den ehemaligen Schwesterländern Österreich, und Ungarn. Die Lage ist wie in Oberschlesien, nur mit verwechselten Rollen. Oberschlesien ist deutsch, aber die Polen wollen es losreisten. Westungarn ist österreichisch, aber die Ungarn wollen es nicht herausgeben. Die Ungarn haben auch ihren Korfanty. Er heißt Hejas und steht als Oberleutnant an der Spitze der „erwachenden Ungarn". Vor deren grimmigen Drohungen mutzte der künftige österreichische Landesverweser Dr. Davy flüchten. Wie weit der Aufstand der „Erwachenden" von den maßgebenden Stellen in Budapest gebilligt und unterstützt wird, ist genau so leicht zu erkennen und genau so schwer nachzuweisen, wie die Schuld Warschaus an den oberschlesischen Aufständen.
Die ungarische Negierung arbeitet mit zwei diplomatischen Echachzügen, um dem Krieg der Insurgenten ein rechtliches Mäntelchen umzuhängen. Sie behauptet, noch ein Faustpfandrecht wegen einer Milliarden- forderung an Wien zu haben, und sie erklärt, im Burgenlande beständen zwei Zonen: die eine, die größere sei militärisch von Ungarn geräumt. In der zweiten Zone müßten Gendarmerie und Zollwache noch bleiben, eben wegen der Geldschuld. Also eine Art „Sanktion" von Budapester Gnaden. Die deutsch-österreichische Regierung bestreitet diese Winkelzüge natürlich ganz energisch Aber die Terrortruppen der Rebellen- kommandanten Prozay, Ofztenburg und Hejas lassen sich in ihrer Heldenpose nicht beirren. Das Ganze böte einen wirkungsvollen Stoff zu einer Operette, wenn nicht die Roheit der ungarischen Banden an das oberschlesikche Vorbild erinnerte, wenn nicht scharf und zwar von seiten der Ungarn mit Dum-Dum- Eeschossen gefeuert würde.
Bundeskanzler Schober hat getan, was er konnte. Er zählte die Häupter seiner verfügbaren österreichischen Zwerg-Armee und erkannte, daß er nicht die Machtmittel besitzt, um die Ungarn zur Vernunft zu bringen. Deshalb wandte er sich mit einem Protest um Hilfe an die kleine und an die große Entente. Der Appell an die kleine Entente stützt sich auf eine Erklärung des Dr. Bene cs, des geistigen Urhebers der „Kleinen", daß die Einhaltung des ungarischen Friedensvertrages für die verbrüderten Länder Tschechien, Jugoslawien und Rumänien einen Programmpunkt bilde. Bis die Mitglieder der kleinen Entente bei ihren ewigen Eifersüchteleien über die Hilfe an Deutsch-Österreich einig sind, wird wohl noch viel Master die Donau hinunterfließen. Auch die Haltung der großen Entente ist unklar. Es ist in Wien aufgefallen. daß die Warnungen der Vertreter Österreichs, die in Westungarn die Übergabe des Landes vorbereitet batten, bei der Interalliierten Kommistion in den Wind geschlagen wurden. Es hat ferner unangenehm berührt, daß der Entente-Ausschuß im Burgenland den ungarischen Militärs, die in Eendarmen-Uniform gesteckt wurden, den Aufentbalt in Oedenburg solange gestattet haben, bis olücklich ihr Feuergefecht mit den anrückenden Deutsch-Österreichern losging. Und der einzige lichte Punkt in dieser Angelegenheit war. daß eine Anzahl von Ententeoffizieren an die Spitze der kleinen österreichischen Abteilungen traten, um den „erwachenden Ungarn" zu zeigen, daß sie unter Umständen mit der Entente anbinden, wenn sie schießen. Die 250 000 Deutschen des Burgenlandes erwarten, daß die Entente Ungarn mit Entschiedenheit den Standpunkt klarwocbt und es eventuell zur Erfüllung seiner Vertragspflichten zwingt. Der Auswärtige Ausschuß des österreichischen Nationalrates ist bereit, nach vollzogen-r Räumung des Burgenlandes durch die Ungarn w!t Budapest zu verhandeln, vielleicht es auch zu einer Volksabstimmung kommen zu lasten. Ab°r kann man es den Eroßdeutschen libelnebmen, wenn sie jebt erklären, daß jener mebr als friedliche Beschluß durch den Rechtsbruch Ungarns hinfällig geworden ist?
d*. Wien. 2. Sevt. Die öfterreickiische Regierung entsandte um den biski-r beseht gehaltenen Teil Westungarns für alle Fälle halten zu können. Reichswehr zur Verstärk un aber Gendarmerie. Die ungarischen Aufständischen räumen, wie man annimmt. Oedenburg nicht freiwillig, sondern geben möglicherweise sogar im südlichen Burgenlande aiiemw neuen die steierische Grenze vor
Der Rüstungsausschuß des Bölkerbundes.
WTB. Gens, 1. Segt. Im Rüstungsausschuß des Völkerbundes. der morgen tagen wird, ist ein Abänderungsantrag zu dem Pakte von der französtlchen Regierung e,n- gcgangen. der folgenden Wortlaut bat' Es soll eine ständige Kommistion eingesetzt werden die dem Rat Vorschläge zu machen hat über die Ausführung der in Artikel 1, und 8 cnibaltenen Vorschriften Die Kommistion soll in der von den einzelnen Regierungen angenommenen Form und in dem von ihnen festgesetzten Zeitpunkt alle oieststellungen prüfen. die der Rat für nützl'.h hält neben den bereits gesondert in den verschiedenen Friedensverträgen festgesetzten Bedingungen über Heer-. Flotte- und Luftschiff- fahrtsfragen. Diese Kommission wird außerdem beauftragt. dem Rat über militärische Fragen und Lummn- und Flottenfragen einen Rat zu erteilen und vor allem ein gemeinsames Vor geben zu erwägen und zu prüfen, was der Rat laut Artikel 16 den Mitgliedern des Vülkerbundsrates einvleblen könnte. In wichtigen Fällen wird die Kommistion vom Rate aufgesordert. die Mab- nabmen für sofortige Bedürfnisse anzuempfeblen.
Ein Übereinkommen in der ?)ap-Frage.
Dz. London. 2. Seot. Wie die ..Times" aus New-Pork berichtet, verlautet von feiten des javanischen auswärtigen Amts, daß ein Übereinkommen in der Bao- Frage zwilchen ven Vereinigten Staaten und Ja van ..wahrscheinlich erzielt werden wird". Amerika solle die Kontrolle über das Bap-Enam-Kabei einschließlich des Kabelendes auk der Insel Pap erhalten. Die Vereinigten Staaten erkennen das javanische Mandat über die Insel an Die Kontrolle des Kabels von Vav nach der holländischen Insel Menado soll durch ein Übereinkommen zwischen Iavan und Holland geregelt werden.
Die Entscheidung über die Hafen- und Wasserwege Danzigs.
Dz. Danzig, 1. Sevt. Das volnifche Ministerium für Außeres bat durch ein« Rote vom 26. August beim Ober- knmw.lffar des Völkerbundes einen Appell eingereicht gegen die Entscheidung des Präsidenten des Ausfchustes für Hafen- und Wasterwege Danzig vom 5. August 1921. wonach die ..lebende Weichsel" als ein Wasserweg anzulehen lei. wie er in der Danzig-polnischen Konvention vom 9. November 1920 genannt ist. Der Oberkommistnr bat diesen Avvell am 21. August zur Geaenäußeruna dem Senat der freien Stadt Danzig ,--geben lasten Die Erklärung des Senats ging dem Oberkommillar bereits bente zu. so daß mit einer baldigen Entscheidung des Oberkommistars auch in dieser für die freie Stadt Danzig so bedeutungsvollen Frage zu rechnen ist.
Geplante Erhöhung der Elsenbahntarife.
Br. Berlin. 2 Sevt. (Eig Drabtbrricht.) Die Mehrkosten die der Eisenbahvvervaltung entstehen werden durch die Erhöhung der Teruerungszulogen für die Eisenbahnbediensteten ab 1. August und durch die voraussichtliche Teuerung der Betriebsmaterialien (Koblen >>sw.l. sollen nach einem Beschlüsse des Reichskabinetts durch eine Erhöhung der Personen- und Gütertarile um 80 v. H wieder eingebrackt werden. Enisnrechende Vorlagen werden zunächst in der zuständigen Tarifkommistion der deutschen Eifenbahnvcrwaltuna und dem Perkehrsbeirat durchberaten werden. D-e Erhöhungen sollen, wie gemeldet wird, sobald als möglich voraussichtlich ab 1 Dezember, fiir den Personenverkehr in Kraft treten. Die erhöhten Tarife werden rechtzeitig vor dem Inkrafttreten veröffentlicht.
Der Gesetzentwurf über die Heranziehung von Frauen zu Schössen und Geschworenen.
Br. Berlin. 2. Sevt. Der vom R e i ch s r a t. wie be- kannt abaelebnte Entwurf eines Gesetzes Uber die Heranziehung der Frauen zum Schöffen- und Geschworenenamt ist nunmehr von der Regierung dem Reichstag vorgelegt worden. Rach der Eef-Kesvoriaae sollen Frauen zu Schössen und Geschworenen gewählt werden unter Vorbehalt des Rechts, diese Berufung ablcbnen zu können.
Der Belagerungszustand in Eroß-Strehlitz und Cleiwitz ausgehoben.
Dz. Veutben, 1. Sevt. Der Belagerungszustand im Kieste Eroß-Etreblitz sowie im Stadt- und Landkreis E l e i w i tz ist aufgehoben worden.
Die Verfolgung der Mörder Erzbergers.
Br. Karlsruhe. 2. Sevt. (Eig. Drahtbericht) Wie der ..Badische Anzeiger" meldet, traf in B a s e l ein Untersuchungsrichter des Landgerichts Offenburg ein. Um eine Spur der Mörder Erzbergers in der Schweiz zu verfolgen. Rach dem Blatte liegen Anhaltspunkte dafür vor daß die Mörder oder ihre MitbcNer mit dem D-Zug aus Offenburg in Baiel angeDmmcn sind und Pässe vorgezeigt haben, die ihnen den Weg in die Schweiz geöffnet baden
Br. Karlsruhe. 2. Sevt. (Eig. Drahtbericht.) Aus einer neuen Bekanntmachung der Öffenburger Staatsanwaltschaft gebt hervor, daß die beiden Mörder Erzbergers von 21. August bis zum Mordtag:. Freitag, den 26. August im Gasthaus ..Zum Hirschen" in Ovoenau unter dem offenbar falschen Namen Franz Ri e I e. Srndio aus Düsteldorl und Knut Bergen Stud. vbil. aus Jena gewohnt haben und abends mi. Fahrkarten 4. Klasse von Ovoenau nach Offenburg abger-ist sind Die beiden Täter sollen zwischen 25 und 30 Ialne alt sein.
Abgeordneter Diez außer Lebensgefahr.
Dz. Radolfzell, 2. Seat. Der Reichskanzler besuchte gestern den Abg. Diez, der bei dem Attentat aus Erzberger einen Schuß durch den Oberarm und durch die Lunoe crbaltrn batte. Das Befinden des Ab«. Diez ist den Umständen nach befriedigend. Er ist außer Lebensgefahr.
Der Reichskanzler über die Folgen des Attentats.
Dz. Stuttgart. 1. Sevt. Der Reichskanzler empfing auf der Fahrt von Stuttgart nach Biberach einen Vertreter der württembergischen Zentrumskorrespondenz und erklärte auf dessen Frage, welche politischen Folgen die Ermordung Erzbergers voraussichtlich noch auslosen wurden, u. a.: Wenn man die Wirkungen reichlich abschatzen wolle, müsse man sich die in der letzten Woche steigende Erregung des arbeitenden Volkes wegen der sinnlosen Angriffe von rechts gegen die Republik und die staatliche Autorität vor Augen halten, llberlriebene Kundgebungen chauvinistischer Kreise hätten außen- und innenpolitisches Unheil ange- ricktet. Im Augenblick, wo wir außenpolitisch das demokratische Selbstbestimmungsrecht forderten, kompromittiere man die Politik des Reiches. Man müßte geradezu meinen, gewisse Kreise härten Freude daran, unsere Augenvolltik m eine neue Atmosphäre des Hasses und Argwohnes ,u stürzen. In diele Atmosphäre hinein komme die Nachricht vom Morde an Erzberger. die das ganze Volk in Bewegung brachte. Die ungeheure Erregung des demokratischen arbeitenden Volkes könnte schlimme Wirkungen auslösen. Es sei zu wenig gesagt, wenn er bemerke, da» Reich sei in Gefahr: nein, der Staat und seine Ordnung. sie könnten durch die Politik von rechts, die den Riäffendruck von links auslöse, in Gefahr gebracht werden. Er erinnere daran, daß vorgestern die Mehrb e r ts- sozial isten und Unabhängigen be, ihm vorstelli, geworden seien, um auf die dem Reiche und der demokratischen Republik drohenden Gefahren aufmerksam zu machen. Der Mord an Erzberger führte die sozialistischen Parteien einander näher. Vielleicht sei dies gewissen Elementen leckt willkommen, um. wie man glaube, damit die Bürgerlichen nach rechts zu zielen. Das fei aber ein gewaltiger Irrtum. Er babe in Frankfurt „rieben wie das christlich denkende Voll der Arbeit sich dem Morde gegenüber ein- stellte. Man falle sich zur rechten Zeit darüber klar lern, wie der Versuch, die Republik in Not zu stürzen, von der ge- lamten deutschen Arbeiterwelt beantwortet wurde Die Reichsregieruna erkenne in den Maßnahmen des gestrigen Tages nur ihre Pflicht, indem sie größeren Gefahren vor-
Drohbriefe gegen Scheidemann.
Bb. Kassel, 1. Sept. Bei der gestrigen Protestver« sammlung gab Landtagsabgeordneter Hauskirch u a bekannt, daß eine große Anzahl Drohbriefe, die in unflätiger beschimpfender Form abgefaßt sind, an den Oberbürgermeister Scheidemann täglich eingehen. Scheidemann'befindet sich augenblicklich in Bad Kiffirt» aen. Sowohl nach Kassel wie nach dort sind diese Droh- bricse und teilweise offenen Karten gerichtet. An einem einzigen Tage gingen 79 Briefe aus den verschiedensten Teilen des Landes ein, in welchem ausgesprochen wird, Scheidemann werde da» gleiche Ende finden, das Erzberger gefunden habe. Die Versammlung verurteilte scharf ein derartiges Volks- vergiftendes Treiben, da es offen zum Bürgerkrieg führen muß.
Dz. Berlin, 1. Sept. Ein Vertreter des „B. T." hatte eine Unterredung mit dem Vizekanzler Bauer, welcher ausführte, ihm scheine bei der gestrigen De m o n- st r a t i o n von besonderer Wichtigkeit die Haltung der unabhängigen Sozialdemokratie, welche ihre Entwicklung zum demokratischen Standpunkt in erfreu, sicher Weise zum Ausdruck gebracht habe. Das gesamte werktätige Volk stehe auf dem Boden der demokratischen Repubuk. Bei seinem (Bauers) Aufenthalt in K i > s i n g e n seien er und Scheidemann während der Spaziergänge am Brunnen andauernd der Gegenstand wüstester und unflätigster Beschimpfungen von deutsch nationaler Seite gewesen. Über die Ermordung Erzbergers batten zahlreiche Leute ihre Befriedigung ausgesprochen. Es fei für die Reichsregie- rung notwendig gewesen, den Schürern dieses politischen Hasses energisch entgegenzutreten, um blutige Er- eignisie in Deutschland zu verhindern.
Der Belagerungszustand in Bayern.
Dr. Berlin. 2. Sevt. Zu der Blättermeldung. daß wegen der Aushebung des Belagerungszustandes in Bayern zurzeit schon Verhandlungen zwilchen der Reichsregierung und der bayerischen Regierung stattiänden, erfährt die „D. Allg. Ztg." von zuständiger Seite, daß bisher in Berlin von dcrariigen Verhandlungen noch nichts bekannt sei. Jedenfalls fei die Nachricht u n z u t r e sä e n d. daß der Reichsoräsident die Aushebung des Belagerungszustandes in Bayern beabsichtige. — Dem .23. T." zufolge sei anzunebmen, daß unmittelbar nach der beute früh erfolgenden Rückkehr des Reichskanzlers die Beratungen über diele Frage ausgenommen werden würden. Den Anlaß dazu biete die Sitzung des logenannten Überwachungsausschusses des Reichstags, der von seinem Präsidenten, dem lozialistiichen Mebrbeitsnbgeordneten Meerkeld. für beute einberufcn worden ist mit du Tagesordnung „Der Ausnahmezustand in Bayern.
Zwischenfälle in Heidelberg.
Dz. Heidelberg. 2. Sevt. B>i den gestrigen Kundgebungen kam es zu einigen Zwischenfällen. Vor dem Gefängnis das zurzeit kein: volitismen Gefangenen, wohl aber Schwerverbrecher wie Sickert, beherbergt, verlangte die Menge die Freilassung der Gefangenen. Starke Sickerbeitsvolizeirosten hielten die Gänge und Türen be» Arbeiterführern gelang es. die Menge zu beiuüiscn.
