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Verlag Langgasie 21

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Donnerstag» 1. September 1921.

Erzberger und Ludendorff.

Von L. Lluidde.

Daß die Demokratie des neuen Deutschland m:t Erzberger ihre stärkste Energie verloren hat, wird zu­gestehen müssen, auch wer es als eine Art von Armuts­zeugnis empfindet, daß nach der Revolution ruckt nt Ict Demokratischen Partei, sondern un Zentrum die führende Persönlichkeit der bürgerlichen Linken und der heute allein möglichen bürgerlich-sozialistischen Verständigung erstanden ist. .

Die Erkenntnis, daß mit Erzberger einer der weni-

aen Männer'von überragenden Führerqualitaten auf

der Seite der Demokraten beseitigt wurde, war sicher auch den Führern der Reaktion nicht fremd und war eines der Motive, weshalb sie diesen Mann mit ihrem fanatischen Haß verfolgten. Aber man wurde die Mörder überschätzen und andererseits vielen von denen, die in DeutMand Erzberger so glühend haßten, un­recht tun, uünn man die Tat und die ihr zugrunde liegende Geistesverwirrung auf das Motiv zuruck- siihren wollv. die Demokratie, um der Reaktion ihre Arbeit zu erleichtern, ihres fähigsten und energischsten Führers zu berauben. , , . ^ _.. .

Bei vielen — vielleicht auch bet den Mördern hat aufrichtige Entrüstung über die Enthüllungen des 'rzberaer-Helsferich-Prozesjes mitgespielt. Ich habe . denen gehört, die schon sehr früh die Meinung ver- 7 ten haben, daß Erzberger nach den Ergebnissen dieses -rozesies im Interesse der Demokratie für einige Zeit von der politischen Bühne abtreten müsse. Aber es muß doch auf der anderen Seite gesagt werden, dag di« Inkorrektheiten, die ihm damals nachgewiesen wurden, in der gehässigsten und skrupellosesten Weise übertrie­ben worden sind, und daß wir sehr froh sein dürsten, wenn das alte kaiserliche Deutschland und die Krei>e, die die Erzberger-Iagd betrieben, keiner schlimmeren Korruption, keines schlimmeren Mißbrauchs öffentlichen Einflusses zrr Förderung privater Interessen schuldig wären, als damals dem verhaßten Erzberger nachge­wiesen wurden. Nur war man im alten kaiserlichen Deutschland in diesen Dingen, wenn es sich nicht um direkte Bestechlichkeit handelte, sehr duldsam. Hat doch Bismarck in offener Reichstagssitzung ganz ohne scheu gestanden, dcß er die „Klinke der Gesetzgebung , dir in seiner Hand war, benutzte, um sein persönliches Inter­esse wahrzun-hmen. War es doch offenes Geheimnis, daß die Anwendung der Steuergesetze an der Scheu vor einem Konflikt mit dem mächtigsten Manne des Reiches eine Grenze fand. Erzählt man doch ohne irgendeine Entrüstung, »aß ein Mann von den hohen moralischen Eigenschaften eines Moltke seine Freifahrt als Reichs- tagsabgeordneter für Dienstreisen benutzte, die ihm aus Etatsmitteln entschädigt wurden. Bon den günstigungen privater Interessen durch den polltrscy herrschenden Einfluß der regierenden Schichten ganz zu schweigen! Man war sehr lar in diesen Dingen im tugendhaften kaiserlichen Deutschland. Die Republik muß strenger sein und auf unbedingte Sauberkeit hal­ten. Das aclt auch gegenüber Erzberger.

Aber daß man aus seinen mehr unbedachten als überlegten Verfehlungen Kapitalverbrechen machte, das ist nur dadurch zu erklären, daß die leitenden Personen, die Drahtzieter des Eeqenspiels. in ihm den führenden . Kopf, die stärkste Energie der Demokratie treffen woll­ten und nock aanz besonders daraus, daß sie in ihm den Mann hißten, der die Rücksichtslosigkeit besaß, bcn oroßen Besitz nicht nur den mobilen, sondern auch den immobilen, so zu den Lasten der Gesamtheit heran ziehen zu rmllen, wie es unsere furchtbare Lage er­forderte. . ,, , „

Ich bin bereit, ohne weiteres denen recht zu geben, die behaupten, daß die Erzbergerschen Finanzplane un­überlegte, diettantische. zum Teil unausfuhrbare Ein­zelheiten. a»q solche von schwerwiegender Bedeutung, in sich enthiilten. Das kann aber nicht hindern, mit dem demokratischen Führer Friedrich P " Ye r anzucr- kennen daß es ein großes Verdienst ^^o" Erzberg-r war. die har e Notwendigkeit einer alle früheren S' - stellungen ükersteigenden Besteuerung des Besitzes er­griffen und die Aufgabe mit einer Energie, die nur ihm zur Verfügung stand, angepackt zu o 0 "®”-

Sind dabei und überhaupt in Erzbergers onentl cher Tätigkeit, cuch aus verantwortungsvollen Post n. Handlungen und Äußerungen nachzuweisen, die n ch ohne Grund als leichtfertig zu tadeln.waren, so mar diese Leichtfertigkeit die Kehrseite der glanzenden Eigenschaften, die ihn neben seiner Energie am her- vorragendsten charakterisierten: einer geradezu c , . lichen Raschh.it der Auffassung auf aßen »ebtettn, der Fähigkeit sich rasch zu entschl'eßen und mit einem unverwüstliche Optimismus Auzugreifen. wo ander, entweder ausi>rstande waren, das Problem m ,einer Einfachheit z» erfasien oder vor l°uter gewisi h l Erwägungen zu keinem Handeln gelangen konnren.

Moraen-Ausgabe.

Aber all das erklärt vielleicht bei den Leitenden und.Wissenden, aber nicht bei den Massen die weite Kreise beherrschende Leidenschaftlichkeit des Hasses gegen Erzberger. Das Entscheidende war etwas am dcres. Seine Gegner hatten es verstanden, einem großen Teil des deutschen Volkes den Glauben beizu­bringen, Erzberger fei der Mann des Waffenstillstandes vom 11. November 1918, das heißt derienige. der für die Bedingungen dieses Waffenstillstandes verantwor sich fei, in seinem Leichtsinn, vom Feinde getauscht wenn nicht noch schlimmer, von ihm gekauft, je also verantwortlich, daß unser „nicht besiegtes Heer die Waffen niederlegen mußte: er verantwortlich für all das Elend, das uns infolge des Waffenstill­standes getroffen hat.

Diese Lüge hat einen großen Teil des deutschen Volkes beherrscht, trotz der offen zutage liegenden Be­weise. daß hier eine beispiellos freche Verleumdung ihr Spiel getrieben hat und die Wahrheit ganz andere Leute belastet. Ich habe viele sonst durchaus zurech­nungsfähige Menschen getroffen, die trt diesem Punkte wild fanatisch, unbelehrbar waren. Erzberger Hai in der Tat büßen müssen, was Ludendorff gesündigt hat!

Für jeden, de" sich ein ruhiges Urteil und den Wil­len zur Gerechtigkeit bewahrt hat, sollte ja der Hin­weis genügen, daß Ludendorff, dessen Kriegsziele leder- zeit ein absolutes Hindernis für, den Abschluß eines erträglichen Friedens waren, Abschluß eines stillstandcs „binnen 48 Stunden' gefordert hat, da sonst eine militärische Katastrophe zu furchten sei und daß alsdann die furchtbaren Bedingungen des Wassen­stillstandes Vorlagen, Hindenburg zwar gewünscht hat, man möge gewisse Änderungen dieser Bedingungen durchzusetzen versuchen, daß er aber vor die Frage. „Annehmen oder ablehnen? ‘ gestellt, erklärte, auger- stensalls müßten auch die ungünstigsten Bedingungen angenommen werden. Für diesen WaliensUustund tragen also die militärischen Führer. Ludendorff m erster Linie, die Verantwortung. Einer beispiellos ge- ! wisienlcsen Agitation ist es gelungen, die Verantwor- tunq Erzberger aufzuwälzen und damit den Hatz vieler gutgläubiger Volksgenossen zur Siedehitze zu steigern. Es ist ja ein sympathischer Zug in unserem militäri­schen Zusammenbruch und in der Revolution, daß das deutsche Volk nicht über „Verrat" geschricn und die Köpfe der geschlagenen Generale gefordert hat, daß scheinungen wie der Prozeß Ba-aine bei uns- keine Rach- folae gefunden haben. Aber bah dieses deutsche ^olk nun seine geschlagenen Generale zu nationalen Helden erhebt und datz ein Ludendorff. der. wenn irgend ein einzelner, als verantwortlich für unser Unglück ange- seben werden muß. wieder wagen kann, zum deutschen Volk als Führer in eine bessere Zukunft zu sprechen, daß heute Tausende denen, die als Kriegsverbrecher — im politischen, nicht strafrechtlichen Sinne des Wortes — politisch geächtet sein müßten den Helfferich, Ludendorff und Eenosien — zusubeln und E-zbergec, den starken Mann einer demokratischen Politik, die uns allein Rettung bringen kann, mit ihrem Haß und ihrem Fluch verfolgt haben —, daß aus dieser Ge,tn- nilna heraus die Mordtat bat erwachsen können, das ist ein geradezu trostloses Zevaflis für d>e politische Hntctfe des bcutfcf)cn 93clfes füT seine öeichtgläubiZ- feit gegenüber den handgreiflichsten Lügen.

Wir können nur das eine hoffem daß die Mordtat die Gewitzen aufrüttelt und der Wahrheit den Weg babnen hilft, der Wahrheit, die da sagt, daß für das Elend unserer Tage nicht Revolution und Demokratie, sondern der Krieg und die Männer des alten Regimes verantwortlich sind, nicht Erzberger, sondern Ludendorff!

Nr. 393. ♦ 69. Jahrgang.

Die Trauerfeier in Biberach.

Br. Biberach. 31. Äug. (Eig. Drabiboricht.) Reichs- f ml« Dr Wirtb ind Reichstagsvrasldent Lobe nnd mit dE B-A n-r Nacht,ug in Stuttgart eingetrosien und mit cimm Sonderzug. in dem di- Mitglieder der wurttem- bergischen Regierung fuhren, nach Biberach weitergefahren Reichsvostminister Giesberts ist bereits gesterninBibei-ack angekommen. Heute früh mnden von 7 Ubr ab m der Stadtriarrkirche Mesien statt und um «> Ubr em feierliches Reamem. Bei der Ankunft des Reichskanzlers am Babnbof wurde er vom Stadtickultbeih von Biberach im Namen der Stadt begrübt. Auch der Bruder des Abgeord­neten Erzberger wurde dem Reichskanzler rwrgestellt. -t tc Gattin Erzbergers ist bereits gestern in Biberach eing^ trösten. Der Reichskanzler wird von Biberach aus nicht nach Berlin zurückkehren, sondern zunächst .ach Radolfzell fahren um dem verwundeten Abgeordneten D-ez e,nen Be- iuck abzustatten. In Biberach ist d,e wurttemb-rasiche Landessraktion des Zentrums vollständig vertreten. Don den 'Württemberg.,ckcn Regier,ingsmitglikdern .^d an­wesend Minister des Innern Graf und JustizMimster Botz, beides Zentrumsleute.

Lie Tagesordnung für die Völtcrdunds- versammlung.

W.T.-B. Eens, 30. Aua. Die vorläufige Tagesordnung der am 5. September zusammenttetenden Votlei- bundsversammlung sieht die der

Berichte der Ausschüsse vor dre auf Grund der Anträge der ersten Völkerdundsoersammlun« von 1920 emacMt moicen waren und die der Rat in diesem Jahr der Versammtung zu unterbreiten hat. Dazu geboren die Berichte über v.e Abänderung des Volterbundspakles. des Arnreis Rüstungsbeschränkung. Blockade, technische Organilaston dei für Wohlfahrt Hygiene und humanitäre Fragen Organ.sanon des Sekretariats urck des '"ternltw- nalen Arbeitsamtes, geistige Arbeit, dre Verte luns Ausgaben, Aufstellung des Sansbal s für E usw^ Be sonderes Interesse durfte der Bericht über den inter nationalen Gerichtshof, d.e Ratiflkation oes r>ro tokolls und die Wahl der Richter nervorrns-n fur me be^ reits 90 Vorschläge von verschiedenen Staaten Eliegem ^n das Ausgabengebiet der Dersammlung gehört auck die Wab!

Ur vier nichtständigen Mitglieder des Bolkerbundes, d.e neuer blüülen. ^ilnnd, ^.lfnuen, T.eli

iTtnA** Ä .in '

betr Art. 6 § 3 (Verwendung des P^wnals ves weire tariats) ein holländischer Antrag auf Regelung der inter. i'gtionalen Statistik. Verschiedene nationale, Streitigkeltm

imb Gbilc angewandt wi"d. Nach diesem Ärtlkes kann d,e

Versammlung ihre M.tglieder ausfordern Vertrage ^eu ,u oriifen die unanwendbar geworden und oder ven -rrieoen geiährden können. Cbile fordert d iß der bolwische Antrag nicht uns die Tagesordnung gesetzt wird. Äckanten w'" M"!ck'iüss« des Dö'kerbvndsrates vom 2-r. I'-'Ni d. I. über den Konflikt zwischen Albanien. und Eriechenland

ur.d Iugollawien andererse'tv vor dre ^ersamm.u..

Großgrundbesitzer und Putschisten.

Br. Berlin. 31. Aua. (Eig. Drabtbericht.s In den beuti^n

LÄe?"von rkchis'werfe'n^sin^d e^LtänÄ von S bl Ä» ÄiirMc eine sozialdemokratische Ansra-e^schilderi. Rack o.e.er A,.frage haben Ängehor,^ der rechtsstehenden Barteten rm Kre.se T r e b n t u der im Kavv-Butsch am meisten unter den Taten der Marinebrigade Erbardt gelitten bot Mitglieder der ^

sattsam bekannten ArbeÄsgemernschaft.Rostbach angeblich E Sickerung der Ernteeinbrrnoung dorthin schasten Mej- - « Angehörigen drohten den Arbeitern gegenüber, es ähnlich zu machen wie in Pommern, den Landarbeitern die SLadcl cinzchchlagen und erzählten, dost sie zur gegebenen Zelt na^ Berlin mühten, um die Regierung aerunterzuboleU'

Von landwirtschaftlicher Arbeit sei »um F^kaiundbesttier Teil Nickis zu leben gewesen, einer der. wrohgrundhesttzer habe gesagt. d«e Leute verdienten nickt emmal das Salz in der Suvve Aus der Anfrage gebt auch hervor, daß die Rohbachleute bewaffnet waren. Der Antwort des vreuh,!che» Staatsminifteriums wird man mit Spannung entgegen-

®a 9 Rennwettgesetz.

Br Berlin. 31. Aug. «Eig Drabtbericht.l^Der Reichs- f i n a n, m i n i st e.r bat bekanntlich beim N°tck^rat einen Geiebentwurf zu einem Rennwettgefetz eingebracht. der die KonzeMonierung von Bückmackern vorstebt. Aus e.ner Ant­wort. die der preuhische Minister für Landwirtschaft auf eine kleine Anfrage des Abgeordneten Riedel über dre Mihstände im Rennwettwefen eingebracht batte, ^nn man folgern, dah der Reicksgefetzentwurf nicht den Be'fall der ö tiju&ild&üTi IKcdiftutifl finbet. Cr5 neiRt ncini- lick in der Antwort Uber die.Frage ob der mm dem Herrn Reichsminister der Finanzen eingeschlagene Weg der richtige ist und über die weitere Frage ob stck der 3weck mög­licherweise auf einem andern, mehr Erfolg verlvreche.nde« Wege erreichen läßt, schweben zurzeit unter den beteiligten preuhiscken Ressorts Verhandlungen .

Die Anklage gegen den deutschen U-Bootsführrr Werner

Da. London. 31. Aug. (Reuter.) In der Strasiache gegen den Führer des Unterseebootes 55. Kapitanleutnant Werner, wegen der auf der Hohe der Scilln-Jnleln er­folgten Torpedierung des b>r.r tif che n.H o so, tal­schiffe s ..Torring ton", wobei 34 britische Seeleute umkamen, wurde beute der einzige Überlebende der ..Tor- rrngton", Kapitän Sbarken. als Zeuge vor dem Pollzei- aerickt vernommen. Die Anklage gegen Werner, der bisher von den deutschen Behörden nicht verhaftet wurde, lautet

Dz° Soitbon, 31. Aug. (Drabtbericht.) Im Prozeh wegen'der am 6. Avril 1S17,_erkolgten Torpedierung des Ho'vitall^iffcs ..Torrinaton führte der Anwalt der briti­schen Regierung aus. dah das Schiff, das von Gibraltar nach Barrv-Roade fuhr, ein Ee'chütz lediglich zu Verteidiaungs- ,wecken an Bord hatte. Der Mann am Auslug Rrttct« Rettungsboote und veränderte daber den Kurs des Sannes rin wenig damit etwaigen Überlebenden Hilfe geleistet wer­den könnte. Plötzlich bemerkte der Kapitän die Sour einer Torpedos. Ein Torpedo traf das Schiff, das beschädigt wurde aber nickt sank. Kurz darauf kam das Unterseeboot an die Oberfläcke und eröffnete sofort das Feuer auf das Hcwitalschiff „Torrington". ohne es ober weiter zu beschä­digen odcr jemand zu töten. Kapitän S b a r k e y befahl den Mannschaften, in die Rettungsboote zu geben. Daraus muhten Sbarken und die Mannfchaft-n des Rettungsbootes auf das Unterseeboot und sich dort aus Deck äusstellen. Sbarken wurde später unter Deck verbärt und beschuldigt, ein Pirat zu sein. Der Unterfeebootsoffizier bemerkte, die Mannschaften der ..Torrington" könnten selbst für sich sorgen. Die deutschen Seeleute fuhren dann in einem Rettungsboot zur Torrington". Als sie zurückkamen. bemerkte man. dah sie Vorräte batten, die aus dem zweiten Rettungsboot ge­nommen waren. Das Unterseeboot tauchte 20 Minute» unter und die auf Deck befindlichen Seeleute wurden her- untergesvült und ertranken.