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Berliner Abteilung de, Wiesbadener Tagblatts: Berlin IV. 9, Bogstratze 18, Fernsprecher: Amt Zentrum 11435-U437.

Freitag. 5 . August 1921 . ÄbbNÄ-AUSgtrde. Nr 360 . ♦ 69 . Jahrgang.

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Die Pariser Konferenz.

Die Engländer scheinen Herrn Briand eine wirk­same Medizin eingegeben zu haben. Vor kurzem noch erklärte er, so ungemein urlcrubsbedürjtig zu sein, dag er die Vertagung der Konferenz für die Entscheidung über Oberschlesien um Wochen und Monate forderte, Jetzt hat er sich zur Abhaltung der Konferenz in der zweiten Augnstwoche bewegen lassen, und siehe da, er ist von einer Arbeitskraft und Verhandlungsfähigkeit, die alle Begriffe übersteigt. Daß die Vertreter det alliierten Staaten wieder einmal alle in Paris Zu­sammenkommen, hat offenbar seinen Ehrgeiz geweckt. Nun möchte er auch gleich alle Fragen, die zwischen diesen Staaten schweben, unter seinem Vorsitz ent­schieden haben, offenbar zur Erhöhung des Prestiges der französischen Diplomatie. Aus einer Konferenz, an der eigentlich nur die drei Mächte, die auch in der Oppelner Konferenz vertreten sind, teilzunehmen hätten, ist eine große Alliiertenversammlung geworden, zu der man Belgien, Rumänien, Jugoslawien, Polen, Griechenland eingeladen hat, uud, wenn sie es wünschen, auch noch weitere VasallenstaatSN der Entente zuziehen wird. Und Herr Briand wartet mit einem Riesenprogramm auf. Er will nicht bloß über Oberschlesien verhandeln, und weil es die Engländer nicht anders tun, auch iibyr die Aufhebung oder doch Einschränkung der Sanktionen. Er hat auch eine große Debatte über die Orientangelegenheit auf die Tages­ordnung gefetzt, ferner die Stellungnahme zu der Hungersnot in Rußland und dem Hilferuf der die An­erkennung der Schulden verweigernden Sowjet- rcgierung. Nicht genug damit, will er auch die Leip­ziger Kriegsverbrecherprozesse, die Frage der alliierten Kriegsschulden und eine Entscheidung über das Schick­sal Albaniens mit in die Verhandlungen hineinziehen. Jede von irgend einer Seite her gekommene Anregung zur Erweiterung des Programms hat er mit Freuden aufgegriffen, und seinem englischen Kollegen, der sich so sehr nach seiner Sommerfrische sehnt, dürfte bei der Lektüre der Einladung schwindlig geworden sein.

Man wird berechtigt sein, Herrn Vriands großen Eifer etwas verdächtig zu finden. Seine Pläne werden wohl darauf hinauslaufen, dis Entscheidung über Ober- schlesirn, die den, eigentlichen Gehalt der Konferenz ausmachen sollte, mehr zu einer Nobenangelegenhcit herabzudrücken.' das heißt, sie soll wohl nur provisorisch zur Erledigung gebracht werden. Denn wenn alle die Tinge, die aufs Tapet gebracht werden sollen, auch nur halbwegs gründlich angefaßt werden, dürfte die Konferenz für Oberschlesien nicht mehr als einen oder zwei Tage übrig haben und dennoch in zwei Wochen nur mit knapper Not fertig werden. Es ist klar, daß uns mit der provisorischen Lösung, die einfach die nicht umstrittenen Teile von Oberschlesien den Deutschen bezw. den Polen herausgäbe und die Hauptsache auf später verschöbe, nicht gedient wäre. Jede Verzögerung würde die Verwirrung an Ort und Stelle und auch die Erregung und Erbitterung in Deutschland ver­mehren. Die Beratungen der technischen Sachver­ständigen, die die Beschlußfassung der Konferenz über Oberschlesien vorbereiten sollen, scheinen die Herbei­führung einer endgültigen Entscheidung nicht zu er­leichtern.

Alles kommt also darauf an, ob Lloyd George und die übrigen englischen Vertreter die Nerven behalten werden und ihr Deutschland gegebenes Versprechen, daß ihm knir pl»v zuteil werden soll, einhalten. Die Engländer müsien sich sehr steifnackig zeigen, wenn sie die Lösung durchsetzen wollen, die sie für gerecht ansehn. Man hat alsg gewichtigen Grund, vom deutschen Standpunkt aus nicht ohne Bangen dem Verlauf der Konferenz entgegenzusehen. Leider wird man ja so- Ü,ar für den günstigsten Fall nicht damit rechnen können, daß jene Gerechtigkeit, auf die wir Anspruch haben, uns zuteil werde. Ein schwarzer Tag wird der Tag der Entscheidung für uns wahrscheinlich in jedem Falle sein. Dennoch müsien wir fordern, daß dieser Tag der Entscheidung nicht länger hinausgeschoben werde, damit dem politisch, wirtschaftlich und finanziell unerträglichen Zustand, in den uns die Ungewißheit über diese lebenswichtigste Frage versetzt hat, einmal ein Ende gemacht werde!

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Dz. Pbris. 4. Aug. Havas meldet: Sämtliche Zeitun­gen billigen den Borlchlog Vriands. aul die Tagesordnung US Obersten Rates auch die Frage der Versorgung Hußlands zu setzen. Sie betonen deber den rein humani- '?>en Charakter dieser Mohnahme und' beben hervor, dah e>s> lolchrr Schritt ketnessalls zu einer mittelbaren oder un- Uttclbaren Anerkennung der Räteregierung werde führen linnen. Cie fordern gleichzeitig. daß es den russischen Volks- 'vmmisiaren unmöglich gemacht werden niüsse. die ihnen zu- Kven.den Lebensmittel ihrem eigentlichen Zweck zu ent- «rhen und nur zugunsten der Kommunisten zu verwenden.

Oberschlesiens Schicksal schon entschieden?

D. Paris, 5. Aug. (©iß. Drahtbericht) Das englische Autzenamt veröffentlicht eine Erklärung, die als Erwiderung auf die, Bremer Rede des Reichskanzlers aufgefaht werden muh. Die Veröffentlichung des Foreign Office hält dem Satz des Reichskanzlers in dem ganz Oberichlefien für Deutschland ceanivrucht wurde, die Erllarung entgegen, dah bereits end­gültige Verfügungen getroffen worden seien über das Schick- >ai des größten Teiles von Oberschlesien, und dah nur noch die im Zentrum liegenden Gebiete in Frage kommen könnten, in denen die Ergebnisse zur Hälfte deutsch und zur Hälfte polnisch gewesen seien. Obwohl nun diese Erklärung der en»- nschen Regierung besagt, dah zwischen den Ententestaaten bereits abgemacht sei. dah vornehmlich deutsche Gebiete in Oberschlesien Deutschland zugeteilt und dah hauptsächlich polnische Gebiete Polen zugeteil» würden und auf der Parlier Konferenz nur noch über die Zugehörigkeit des Mittelge- bletes. in welchem die Crgebnisie weder für Polen noch für Deutschland eine überwieg-nde Mehrheit aufzuweisen batten, zu verhandeln Und zu beschliegen sei. siebt diese Erklärung ras englischen Auhenamtes dach im Widerspruch mit dem von den Franzosen wiederholt und hartnäckig kundgegebenen Widerstand gegen eine solche Löiung. Die Franzosen haben wiederholt erklärt, dah ste mit einer Zuweiiung der mehr­heitlich deutschen Gebiete an Deutschland nicht einverstanden >eien. und dah die dlohc Zuweisung von mehrheitlich pol­nischen Gebieten an Polen ungenügend sei. ganz abgesehen ron der Möglichkeit, dah von dem übrig gebliebenen Gebiet die Polen wiederum die Hälfte oder einen gewissen Teil zu- gewieien erhalten könnten. Ein zweiter Widerspruch ist ent­halten in einer Erklärung, die gestern der italienische Außen- ininister della Torretta in der Kammerkommission für Auswärtiges aogegeben hat della Torretta hat erklärt, dah er über die oberschlckische Frage keine neuen Mitteilungen machen könne.

Keine Einigung der Sachverständigen.

W. T.-B. Paris. 4. 2Iup Der „Temps" stellt in seinem heutigen Leitartikel fest, dah die alliierten Sachver­ständigen, die den Auftrag haben, die Teilung Schlesiens vorzubereiten, bis jetzt, wie öffentlich bekannt sei, n o ch zu keiner Einigung gekommen seien. Die Meinungs­verschiedenheiten bliebm grob Das Blatt meint, an den Vorschlägen der frarzösischen Sachverständigen liege es nicht, dah die Meinungsverschiedenheiten iortbestündcn. Frankreich bade nichr die vorgefaßte Absicht, Polen zu begünstigen, wie dehauvtct werde. Aber es habe die Pflicht und den Willen, sich keiner Ungerechtigkeit anzuschliehen.

Dz. Paris, 5. Aug. (Drahtbericht.) Pertinar bestätigt im „Echo de Paris" wiederum, dah der Sachverstän- digenausichuh in der oberschlesischen Frage noch zu keincn, Ergebnis, gekommen sei Im Gegenteil, es scheine, dah die englische Regierung das Industriegebiet nicht teilen wolle. Notwendigerweise ständen sich so die französische und englische Regierung gegenüber.

Eine Kundgebung des Neichsverbandes der deutschen Industrie.

Dz. Berlin, 5. Aug. Der Reichsverband der deutschen Industrie erläßt folgende Kund­gebung:

Ain 8. August fällt nach den Beschlüssen der Entente die Entscheidung über Oberschlesien und damit die Entscheidung über Gedeih und Verbleib dieses Landes. Oberschlesien ist nach den klaren Be­stimmungen des Versailler Vertrages das Recht der Selbstbestimmung zugesprochen worden, und es hat sich bei der in Ausführung dieses Vertrages am 20. März erfolgten Abstimmung in überwälti­gender Mehrheit für ein Verbleiben beim Deutschen Reiche entschieden. Eine Teilung Oberschlesiens widerspricht somit dem Wortlaut des von den alliierten Mächten Unter­zeichneten Vertrags. Die Forderung auf Erhaltung Oberschlesiens als wirtschaftliche und politische Einheit beruht nicht nur auf rechtlicher, landein auch auf natürlicher und wirtschaftlicher Grundlage. Ober­schlesien ist mit allen Lebensfäden mit dem deutschen Mutterlande verbunden. Bezüglich seiner Ernährung ist es von jeher auf den Bezug von Lebensmitteln aus den benachbarten deutschen Provinzen angewiesen ge­wesen, und seine industrielle Abhängigkeit von Deutsch­land ist noch stärker als die landwirtschaftliche. Die Lebensfähigkeit Oberschlesiens ist daher durch sein un­geteiltes Verbleiben bei Deutschland bedingt, und seine Loslösung würde jede Arbeit für die wirtschaftliche Wiederaufvichtung Mittel-Europas aufs äußerste er­schweren. wenn nicht völlig unmöglich machen. Es ist ein integrierender Bestandteil des deutschen Wirt­schaftskörpers. Daher würde, wie letzthin von führen­den Persönlichkeiten der oberschlesischen Industrie und auch vom Reichskanzler mehrfach betont worden ist, im Falle der Loslösung Oberschlesiens von Deutsch­land mich mit der E r f ü l l u n g der durch die An- nakstne des U l t i m a tu m s Deutschland den alliierten Mächten gegenüber auferlegten Verpflichtungen nicht mehr gerechnet werden können, da sich Deutschland nach dem Verlust von Elsaß-Lothringen mebr als bisher ebenso auf die oberschlesische Kohlenpraduktion stützen ebenso auf die oberschlesische Kahlenprodution stützen muß. Der Reichsverband der deutschen Industrie ver­langt mit allem Nachdruck, daß Oberschlesien mit Rück­sicht auf den unlösbaren technischen Zusammenhang des Industriegebietes ungeteilt beim Deut­schen Reiche verbleibt

Lloyd Georges oberschlesischs Politik.

ri 5. Aug. Wie „Daily Telegraph" berichtet.

M die Politik knziigl'.ck Oberlch lefiens, für die L l o y o ® e 2 e >n der bevorstehenden Pariser Konferenz des Obersten Rates e'ntreten wird, von der Konferenz der llremrermm'ster des brit-scken Reiches gebilligt worden.

erstenmal seit der Friedenskonferenz wird daher die vntuche'Politik auf einer Kenlerenz der Alliierten nicht nur Großbritannien allein, sondern das gesamte britische Ä V t vertreten. — In einer in Earnarvon gehaltenen Rede druckte Lloyd George die Hoffnung auf ein Ein­vernehmen bei der Konferenz des Obersten Rates aus.

Dz. Paris. 4. Aug. (Haoas.) Briand empfing beute nachmittag den deutschen Geschäftsträger in Paris und den französischen Botichaft-'e in Berlin. Laurent, und stattete sodann dem neuen Nuntius Ceretti. der am Samstag dem Präsidenten der Republik in Rambouillet sein Be- gLaublgungsschreiben überreichen wird, einen Gegenbesuch ab.

Die Forderungen der ehemaligen polnischen Auf­ständischen.

P z - Berlin, 5. Ana Das in Berlin erscheinende polnische Blatt ..Dziennil Berlinski" meldet aus B e u t b e n : Im

Hinblick auf die nabe Sitzung des Obersten Rates veröffent- l'cht der Verband ehemaliger polnischer Auf­ständischer eine Reihe von Forderungen.

^ Darin beißt es u. a.' Lloyd George hat in Irland wohl stow nicht die Lehre erhalten, daß nationale wirtschaftliche Bestrebungen nicht durch Bajonette entschieden werden kön­nen. Wir wollen glauben, daß die Vertreter von Frankreich. Italien und Amerika d-m britischen Projekt nicht beistim- men. Wir erklären, daß wir die Vergewaltigung unserer Forderungen durch den Obersten Rat für eine Kampf­ansage ansehen. Die Gewalt wird gegen eine einbeitlicbe Front stoben. Die Bajonette fürchten wir nicht.

Die Masienflucht aus den Landgemeinden.

W. T.-B. Beuchen. 4. Aug. In der Stadt bat erneut ein starker rrluchtl'.igsst-om. luscnders aus den Landgemeinden F r i e d e n s h L t t e. H u b e r t u s h ü t t e und Hoben- ,inde, eingesetzt. Auch von E l e i w i tz wird ein starkes Anwachien dcs Fliichtling-stromcs gemeldet. Aus dem Kreise T a r n o w i tz mehren sich die Klagen der deutschen Bevölkerung über Übergriffe der polnischen Ortswebr.

Ein polnischer Angriff abgeschlagen^

. b^Aug. (E!g Drahtbericht.) Vorgestern griff

nne 60 brs 70 Mann starke bewaffnete polnische Bande von Tatlschau aus die Stadt lliest an. Rasch zufammengerusene Landleute und Polizei vertrieben die Angreifer.

Der Mörder des Majors Montalegre?

vb. Berlin. 4. Aug. Die interalliierte Kommisiion in Oppeln bat omrlich bekan"tgegeben:

„Im Laufe des 31. Juli haben die interalliierten Be­hörden den Bcigarbeiter Leo Jefchtm in Kreuzburg ver­haftet, Er würde von deutschen Eltern am 10. Avril 1901 in Rudau (Oberfchlesten) geboren und ist Mitglied einer Gcheimorgaiiisation in Beuthen. Leo Joschka g'bt ausdrücklich zu. am 4. Juli 1931 den Major Montaldgre ir Beutben ermordet zu haben. Aus seinem Geständnis geht auch hervor, daß er nach Verübung des Mordes,nach Breslau geflüchtet war."

Ob es sich bei dem Bcrbafteten tatsächlich um einen deutschen Staatsangehörigen handelt, muß das Gerichtsver­fahren ergeben, das jedenfalls vor dem besonderen Gericht der internN'-erten Kommisi-on in allernächster Zeit gegen Ioichko eröffnet werden und hoffentlich Licht in dieie sehr schleierhafte Affäre bringei» wird.

Reichslabinctt und Steuerprogramm.

Br. Berlin. 5. Ana. (Eia. Drahtbericht.) Das Reichs- kabinett beschäftigte sich auch in seiner gestrigen Sitzung mit dom Steuervrogramm. Da die Beratungen schwierig sind, läßt sich noch nicht sagen, wann sie abgeschlossen sein werden. Es ist jedenialls beabsichtigt eine eingehende Dar­stellung von dem Stand der Verhandlungen sobald wie mög­lich zu. veröffentlichen.

Entlastungen bei der Reichswehr.

Br. Berlin. 5. Aug. (Eig. Drahtbericht.) In Erfüllung der Londoner Entwaffnungsnot« der Ententemächte find wiederum 190 Offiziere aus der Reichswehr ent­lassen worden. Es handelt sich hierbei um die Verringe­rung der Offiziersstellen, wie st- General Rollet zwecks Einreibung der Militärverwaltungsbeamten in die erlaubte Zabl von viertausend Offizieren gefordert bat. Das Reichs- webrministerium bat bestimmt daß den auf Erunb des Ulti­matums Entlastenen iin allgemeineu noch auf drei Monats die Debübrnifse weitcrgezablt werden sollen.

Wiederwahl des badischen Staatspräsidenten. Br. Karlsruhe. 5. Auk

Drabtbericht.) In >adi!chen Landtages wurde

(Eig. ckU

gcstrigen Schlußsitzung des _,. ... . ....

Wablde s,S t a a t s v r ä s i ) en t e n vo^genommen. dessen

der

die

einjährige Amtsdauer abgelaufen ist. Einstimmig wurde Justizminister Trunk zum Staatspräsidenten wiedergewäblt und sein Stellvertreter wurde der Minister des Innern R e m m e l e. Beide nabmen die Wahl unter Beifall des öauies an.

Der L a i einstimmig

lauft sich der gelamte yebldetrag au! 187 Millionen Mark. Dce Gesamtsumme der vrdentlstb-'n Ausgaben in den Jabren 1920 und 1921 betragen IX Milliarden.

Die Neuwahlen zum badischen Landtag finden am Sonntag, den SO. Oktober 1921. statt. am

andtag bat das Finanzgcsetz für das Jabr 1921 a n ge n om m e n. Nach dem Finanzgefetz be­er gesamte Fehlbetrag auf 187 Millionen Mark