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Mittwoch, 3. August 1921.

Morgen-Ausgabe

Nr. 355. ♦ 69. Jlrhr^auc;.

Deutschland und Holland in der

WeltWirtjchasL.

Der Umstand, daß die letzten großen Kredite, die das Reich zur Einlösung der am 31. August fälligen Reichs- schatzwechsel ausgenommen hat, aus Holland stammen, hat aufs neue bewiesen, wie eng die wirtschaftlichen Geschicke Deutschlands und Hollands miteinander ver­knüpft sind. Die Gewährung von Darlehen — zunächst 150 Millionen Eoldmark, dann nochmals 50 Millionen — zur Erfüllung der deutschen Reparationspflicht ist nur begreiflich, wenn man die wirtschaftlichen Interessen der beiden Länder von eine" höheren Warte aus be­trachtet. Denn ein reines Berbrauchsdarlshen — und die Hingabe von Geld zum Schuldenbezahlen ist zweifelos ein Verbrauchsdarlehen — gilt weder im privaten noch im öffentlichen Leben als sehr solide. Aber Deutsch­land ist das Hinterland Hollands, der Lieferant non Kohle, Holz, Eisen u. a. m. und daher ein Faktor ersten Ranges in der holländischen Wirtschaft. In Holla id sieht man selbst in den Kreisen, die gefühlsmäßig gegen Deutschland nicht sehr freundlich gesinnt sind, mit wachsender Sorge aus die Politik der Auspowerung und Entgliederung Deutschlands.

Holland teilt das Schicksal der valutastarken Länder. Sein teures Geld kann zwar überall in der Welt kaufen, aber da es an Rohstoffen und Nahrungsmitteln nicht mangelt, empfinden die Holländer das nicht als be­sonderen Vorteil. Dagegen ist den Holländern die Aus­fuhr erschwert, da sie im Vergleich mit den valuta- schwachen Nachbarvölkern mit viel zu hohen Produk­tionskosten arbeiten.

Ein Grund, der früher geeignet war, dis politischen und wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands und Hollands inniger zu gestalten, war die Gleichheit der

E ntereffen im fernen Osten. Deutschland hatte wie ollaiü, lediglich ein Interesse an der Belastung des Status quo und an der wirtschaftlichen Gleichberechti­gung. Heute ist Deutschland vom fernen Osten ver­drängt und hat im Rate der dort entscheidenden Mächte keine Stimme. Das hat Holland sehr zu seinem Schaden bereits zu spüren bekommen.

Holland ist in den großen Slkri-eg hineingezogen, der zwischen mächtigen internationalen Jnteressenten- gruppen tobt. Die malaischen Inseln, insonderheit Java und Sumatra, sind das ölreichste Gebiet im fernen Osten, abgesehen vielleicht von dem noch sehr wenig er­schlossenen China. Im weiten Abstande folgen dann Japan und Britisch-Indien. Die bei weitem größte holländische Ölproduzentin, die Königliche Petroleum- Gesellschaft, hat sich schon vor dem Kriege mit dem mäch­tigen britischen Shell-Konzern zusammengeschloffen und Einfluß in der russischen, rumänischen und mexikanischen Erdölindustrie gewonnen. Jetzt hat Amerika in einer auffallend energisch gehaltenen Rote für seine Petro- leum-Intereffenten in dem reichen OshamLi-Gebiet auf Sumatra „Eleichberrchtigling" gefordert. In der Praxis würde das darauf hinauslausen, daß dem übermächtigen amerikanischen Öltrust, der Rockeftllerschen Standard Oil Company, die Türen geöffnet werden. Bei den heftigen Kämpfen der Weltmächte um den bevorzugten Brennstoff der Zukunft kann es Holland nicht gleich­gültig sein, wo das in der Motorenindustrie an hoher Stelle stehende Deutschland seinen Heizölbedars deckt.

Als schiffahrttreibendes Volk leiden die Holländer in hohem Maße unter dem niedrigen Stande der Frachten. Die Frachteinnahmen decken schon seit Monaten nicht mebr die Unkosten. Der von Anfang April bis Anfang Juli dauernde britische Bergarbeiterstreik hat der holländischen Schiffahrt nicht nur die Bunkerkohle ver­teuert und gesperrt, sondern ihr auch den wichtigsten Artikel für die Verfrachtungen nach dem Osten ge­nommen. So mußten und mästen dauernd holländische Schiffe mit Ballast beladen die Reise nach Indien an- treten. Die Deutschland im Versailler Vertrag aufer- legte Verpflichtung, sährlich 300 000 Tonnen Schiffs­raum zu bauen und an die Verbandländer abzuliefern. bedeutet auch für Holland schweren Schaden. Die Melt- tonnage. die heute bei weitem den Bedarf übersteigt, wird dadurch sinnlos weiter vermehrt und entwertet. Daß auch Holland zu den großen Schiffahrtsvölkern ge­hört. zeigt di« letzte Llydsche Statistik. Die holländische Handelsflotte betrug im Jahre 1914 nur 1,5 Millionen, 1921 aber 2.2 Millionen Tonnen.

Die Kabelfrage im Sffllen Ozean, die auf der Washingtoner Konferenz im kommenden November eine Nolle spielen dürfte, interessiert Holland natürlich auch nicht wenia Um die ebemals deutschen Kabel, die auf der in letzter Zeit viel genannten Insel Pap ihren Knotenpunkt haben, zanken sich Amerikaner und Japaner. England hat den Japanern die Insel als einen Teil der Siegesbcute überlasten, aber Amerika, das bekanntlich den Versailler Vertrag für sich nicht

als bindend ansieht, will sich mit dieser Entscheidung nicht zufrieden geben. Holland hat wie Deutschland ein dringendes Interesse daran, daß die Kabel inter­nationalisiert werden und nicht in den politischen und wirtschaftlichen Spezialdienst eines der großen pazifischen Rivalen übergehen.

Wenn Deutschland sich aus seiner wirtschaftlich trau­rigen Lage wieder herausarbeiten will, ist es auf dis Zusammenarbeit mit dem an den Rheinmündungen wohnenden gewerbefleißigen holländischen Volke ange­wiesen. Aber zwischen beiden Völkern besteht durchaus nicht etwa eine einseitige Bindung, die meist nur von geringer Dauer zu sein pflegt. Ohne deutsche Kohle, deutsche Eisenprodukte und Ehemikalien kann auch Holland nicht leben. Die Erzeugniste der holländischen Kolonien, über deren wirtschaftliche Lage dem Volks- raad günstige Berichte vorliegen, werden für Deutsch­land nach dem Verluste der eigenen Kolonien erhöhte Bedeutung gewinnen. Unter den großen Wirtschafts- völkern der Erde, zu denen trotz des Versailler Ver­trages und Londoner Reparationsprogramms Deutsch­land immer noch gehört, ist keines, das Holland den Besitz und das Gedeihen der reichen indischen tznseln so aufrichtig gönnt wie Deutschland. Als über die Ge­währung des letzten 60-Millionen-Kredits durch dis Amsterdamer Bank Mendelsohn u. Co. berichtet wurde, fügte der „Amtliche deutsche Bericht" hinzu, daß übe: weitere Kredite ähnlicher Art aussichtsreiche Verhand­lungen schweben. Der enge finanzielle Anschluß, den Holland damit an Deutschland vollzieht, ist im Grunde nur die Folge der Tatsache, daß die beiden nicht durch frühere Kriegsgegnerschaft entfremdeten Völker wirt­schaftlich Zusammenarbeiten wollen und — müssen!

Das Schicksal des Kabinetts Wirth.

IXt. Hamburg, 2. Aug. Die neue „Hamburger Ztg." veröffentlicht eine Zuschrift, in der von führender Par­lamentsseite zu der Frage des Rücktritts des Kabinetts Wirth Stellung genommen wird. Unter Berufung auf die bekannten Äußerungen des Reichskanzlers und des Reichsjustizministers Dr. Schiffer stellt die Zuschrift fest, daß sich das Mini- sterium vollständig klar sei über die Notwendigkeit des Rücktritts, falls es in der o b e r s ch l e s i s ch e n Frage und in der Angelegenheit der Sanktionen leinen Erfolg erziele. Es wird hinzugefügt, das Parlament teil« in seiner übergroßen Mehrheit den Standpunkt der Regierung, und werde nichts tun, uni die Konsequenzen hintanznhalten, die die Regierung selbst zu ziehen entschlossen sei. Wörtlich heißt es dann: Don der Entscheidung über Oberschlesien und die Sank­tionen hängt also das Schicksal des Kabinetts Wirth, das Schicksal Deutschlands und darüber hinaus das Schicksal eines großen Teiles der Welt ab. Diese Ent­scheidung würde eine vernichtende Wirkung aber nicht bloß ausüben, wenn sie zu ungunsten Deutschlands und der Gerechtigkeit erginge, sondern auch, wenn sie ganz oder zu einem wesentlichen Teil hinausgezögert würde.

Die Wiederaufbauverhandlungen.

v. Baris. 2. Aug. (Eig. Drabtbrrickt.) Dem ..Petit Paristen" zufolge bat im Laufe der letzten Woche ein franzö­sischer Finanzsachverständiger Tannery. die endgültig ver­einigte Redaktion der Slbmachungen Dr. Ratbenaus und Löuchcurs über den Mederau'ban nach Berlin gebracht. Es scheint, daß nach den ersten Besvrechungen. die Tannery in Berlin mit den deutschen Erverten batte, die deutsche Re­gierung nur in Einzelbeiten Abänderungen wünscht. Es sei jedoch trotzdem unwahrscheinlich, daß deiinitive Unterschriften bald ausgetauscht werden können, da beiderseits Hem­mungen einserreten seien, um Zeit zu gewinnen, und mit Frankreich vorerst übe: Oberschlesien sich aussorechen zu kön­nen. Es sei sogar da» Gerücht im Gange, daß Ratbenau in den letzten Tagen veriucht habe, eine neue Beivrechung mit Louckeur herbeizuführen. und zwar noch vor dem Zu­sammentritt der Enicntekonfrren.,.

Die amerikanische Handelsdelegation in Paris.

Dz. Paris. 2. Aug. (Dcabtberickt.) Die amerikanische Handelsdelegation, die sich vor einiger Zeit in Berlin zu Verhandlungen aushielt. bat nunmehr, wie die ..Chieago Tri­büne" mitteilt, auch in Paris ihre Besvrechungen begonnen. Im Laufe des gestrigen Tages hatten die Amerikaner Unterredungen mit dem Wiederaufbauminister Louckeur. dem Finanzminister Doumer sowie mit Tardieu und dem ehemaligen französischen Handels­minister Elementei. Heute sollen sie vom Ministervräst- denten Briand empfangen werden und eine Zusammenkunft mit dem früheren Ministerpräsidenten P a i n l e v e haben.

Zur Tagung des Oberste» Rates.

Dz. Paris. 2. Au«. (Drnbtbericht.) Wie „Petit Vari- sien" mitteilte. lind zur Tagung des Obersten Rates durch Briand fünf Staaten eingeladen worden, und zwar Italien, England, Amerika. Japan und Belgien. 5 Punkte stehen auf der Tagesordnung, an erster Stelle die Frage der

Clitfenbun« — .....—

Stelle das

len^und^enolich die Ernährung Rußlands. Rack dem Blatt

werden die Arbeiten de« Obersten Rates mindestens eine Woche dauern.

Zur Lösung dsr Wohnungsfrage.

Dr. Berlin, 2. Aug. (Eig. Drahtbericht.) Der Unter­ausschuß für das Wohnungswesen hat Vorschläge zur xpju ta der Wohnungs- und Eiedlungsfrage des demokratnünn Abgeordneten Mar Babr im Druck erscheinen laßen. An die Spitze seiner Ausführungen stellt Babr die Erklärung, daß Reich Länder. Kreise. Gemeinden und Wirtschastsoe- tiiebe noch weiter für eine begrenzte Zeit große Opfer als verlorenes Geld bringen müssen. „Alle werden zunächst mit dem „Wir können nicht mehr', Einspruw er­heben: allen wird ein undoulsames „Ihr mugti' entgegen, gehalten werden müssen." Niemand dürfe geschont werden, am allerwenigsten der Faule. Wer Wohnung oder Siedlung haben wolle, müsse sein eigenes Kapital und noch mehr, sernr zähe, angespannte Arbeitskraft dafür einntzen. Das erfor­derliche Kapital zerlegt Babr in vier Gruppen A. Eigen- kapital oder Arbeitsleistung des Wohnungsoauers oder Siedlers, etwa 15 Proz. bei Wohnhäusern, etwa 20 Pro;, oei Siedlungen. B. Erststellige feste Hypothek, wie oben 15 dezw. 20 Proz. C. Zweite Tilsungshvpothek. garantiert, vorn Kreise. zu beschastcn durch Psandbriese, 30 dezw. 10 Proz. D. Zuschuß als verlorenes Geld, zu trogen mit einem Drittel rom Reich, einem Drittel vom Land, einem Drittel vo:n Kreist. 40 bezw. 20 Proz. Bei Wohnhäusern wird gefordert und angenommen, daß etwa die Hälfte ohne Zuschuß herge­stellt wird, während der Ertrag bei Wohnungen 60 Proz.. bei Siedlungen 80 Proz. verzinsen und daneben die 30 üezw. 40 Proz. Pfandhiieshypotheken tilgen soll. Miete für Zu- stnußwohnungen wird festgelegt in einer Höhe, welche Ver­zinsung und Tilgung der 60 Proz. deckt. Babr stellt dann ein Arbeitsvrogramm für 5 Jahre auf. in dem eine Million Wohnungen und 400 000 Siedlungen errichtet werden sollen. Als Kapitalbedarf und Finanzbelastung für die Wohnungen beiochnet er pro Jahr 12 Milliardefi. Muszubrinaen durch e-genes Kapital des Erbauers sind davon 1.8 Milliarden, durch erststellige Hypothek Ich Milliarden, durch zweitstellige Pfandbrieidnoothrk 3.6 Milliarden, durch Zuschuß (zu Dritteln) 2,28 Milliaiden, aus eigenen Mitteln iüc Arbeit­nehmer und Privat« 2.50 Milliarden. Für die, Siedlungen errechnet er einen Bedarf von 96 Milliarden in ähnlicher Weist. Demnach hätten zuzuschießen pro Jahr für Woh­nungen und Siedlungen zusammen das Reich 2.16, Preußen 1.29 Milliarden, ein Kreis von 50 000 Seelen C400 Sied­lungen) 1,28 Millionen, eine Dorfgemeinde von,1000 Seelen (5 Wohnungen und 5 Siedlungen) 24 000 M.. eine Stadtge­meinde von 40 000 Seelen (400 Wohnungen und 112 Sied­lungen! 998 400 M.. ein Betrieb von 1000 Arbeitnehmern >20 Wohnungen) 96 001« M. oder auf einen Arbeiter 5 Jak re lang jährlich: 96 M. — etwa 4 Pf. aus jede Arbeitsstunde. Am Schluß betont B>rhr. daß somit in fünf Jahren das Wobnungselend beseitigt werde. ,die Er- werbsloien rerstbwinden und damit die Erwerbslolenunter- stützung. die Ernährung eine wesentliche Verbesserung er­fahre und die E'leichten,ng unserer Auslandszahlungen unseren Eeldwcrt stärke.

Frauen als Vorstände von Innungen und Handwerks­kammern.

Nr. Berlin, 2. Aug. (Eig Drahtbericht.) Auf einen Beschluß des Reichstags nach Vorlegung eines Gesetzent- wurss. der alle in der Reichsgewerbeordnnng voroandenca Hinderniste für die volle Gleichberechtigung von Männern und Frauen bei allen berufsftändischen Vertretungskörvern und ihren Organen bestitigt. hat die Regierung geantwortet, daß Frauen zu Mitgliedern des Vorstandes und der Aus­schüsse der Innungen sowie zu Mitgliedern der Handwerks- kaminern nichtwählüar seien, da sie nicht zum SwMf-n- amt säll-g seien. Ein diesbezüglicher Gesetzentwurf. de: dies Hindernis beseitigen solle, liege dem Neicvscut vor. V-.- konntlich aber bat ihn der Reichsrat abgelehnt. Er wird aber wohl im Reichstag wiederkommen.

Zur Strafrechtsreform.

Rd. Berlin, 2. Aug. Ministerialdirektor Dr. Bumke vom Reichsjnstizministerium teilt in der ..Juristischen Wochenschrst'i" mit. daß die Landesregierungeil non der Rcichsjustizverwaltung ausgefordert worden sind, ihre Äuße­rungen über die Entwürfe zum neuen Strafgesetzbuch bis zum 1 Rorrmber d. I. einzustnden. Der preußische Justizminister bat die mit der Strafrechtsvilege und dem Strafvollzug beschäftigten Justizbeamten sowie die Rechts­anwaltschaft ersucht, ibm gutachtliche Vorschläge zur Ver­besserung der Entwürfe einzureichen.

Vor einem neuen Lohnkampf der Berliner städtischen Arbeiter.

8d. Berlin, 1. Aug. Die Betriebsräte und Funktionäre der Berliner städtischen Betriebe haben die so­fortige Kündigung des am 31. August ablaufenden Lohntarrfs beschlossen. Berlin steht also vor einem neuen L-ihokamvs der städtischen Arbeiter.

Lrneute Einigungsverhandlnngen im Aachener Stein­kohlenbergbau.

Dz. Berlin. 2. Stirn (Drahtbericht.) Unter Leitung eines Vertreters des Arbeitsmnnsteriums finden in Aachen er- leut Einigungsver fiiiB l u na en zwischen den Ar- ieitsebern und den Angest'-lltenverbanden des Steinkohle»' iergbaus statt. _

Ein Brief Kautzkys an die englische Arbeiterschaft.

W. T.-B. London. 2. Aua. In einem auf der gestern in Stratsord «l gehaltenen Jahreskonferenz des lozialdemo» kratischen Verbandes verleienen Briefe zollt Karl K a u t s k n dem Kamme gegen den Bolfaiewismus Anerkennung und er­klärt. die Einigung o e s Sozialismus sei unerläsi- Uch beionderv im gegenwärtigen Zeitpunkte, in dem di^ britiiche Aroeiterichast der Vorkäinpfer (prlLo-kiglltor) des -.nternationalen Proletariats geworden sei. Die britische Arbeiterschaft sei schon allein stark genug, um dem Jmoeria- !Ismus der derrjchendcn Staate« Widerstand »u leiste».