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Sonntag, 31. Juli 1921.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 351. s 69. JMrsang.

Ai Des is Asses WMMls.

Von Dr. Richard Bahr.

Ms ein hoher Siebenziger ist der Graf Artur Posudowsky etwa vor Jahresfrist — wie es scheint endgültig — aus dem politischen Leben geschieden. Zur Nationalversammlung hatte er sich noch wählen lassen. Zum ersten ordentlichen Reichstag der Republik nicht mehr. Es ist damals lebhaft geleugnet worden, aber es wird doch wohl so gewesen sein: er patzte, obschon er seit seiner Wiederkehr in die parlamentarische Arena ihr sich 'zugesellt halte, je länger je weniger in die konservative und ihre Rechtsnachfolgerin, die Deutsch­nationale Partei, hinein. Im Grunde hatte er wohl nie in sie hineingehört. In sie nicht: freilich auch kaum in eine andere der bestehenden Gruppen. Immer war er eine Nummer für sich geblieben. „Auch einer" im Bischerschen Sinne.

Er hatte die kritischen Jahre, da die weltumspan­nenden Veränderungen in Verkehr und Absatzwirtschast den deutschen Landbau mit ungeminderter Kraft trafen, zunächst als Landrat in Raioitsch, dann als Landcs- direktor der Provinz Posen, in ländlichen oder doch vorzugsweise ländlichen Verhältnissen verlebt. Aus ihnen brachte er, als der Kaiser 1893 den Unbekannten an die Spitze des Reichsschatzamtes rief, die Über­zeugung mit, der in der einen oder anderen Form wir wohl alle huldigen: daß die Landbaubevolkerung der „unersetzliche Vorratsbehälter für den Menschenbedarf aller übrigen Stände" ist, und daß schon das allge­meine Interesse der Gesellschaft erheischt, sie nach Mög- ichkeit vor dauernder Schwächung zu bewahren. Aus olchen Anschauungen heraus prägte er noch als Reichs- chatzjekretär dos viel zitierte Wort: die neuen Han- »elsverträge dürften keine Abschriften der alten sein. Und als er dann vier Jahre später ins Reichsamt des Innern übersiedelte, nahm er mit einer Fülle organi­satorischer Vorarbeiten den festen Willen mit, zu seinem Teil daran zu wirken, daß durch einen von der Gesamtheit noch immer zu tragenden Zoll die Stotz- kraft der internationalen Konkurrenz für die deutsche Landwirtschaft . gelindert werde. Des Grafen Posa-dowsky Protektionismus also entsprang einer das Ganze und alle feine Teile mit gleicher Liebe urn- spannenden Staatsgesinnung. Schon daraus ergibt sich, daß zwischen ihm und dem, was man damals so Agrariertum hieß, eine Welt klaffen mutzte. Das harte ihm zwar anfangs zugejubelt, und es mag wohl sein, datz er selbst zu Beginn nicht so gar weit von den kon­servativ-agrarischen Hürden gestanden batte. Er war als Nachfolger des allzu jovialen Bötticher ins innere Ctaatsfekretariat berufen worden, um der Sozialdenio- kratie einmal tüchtig aufzutrnmpfen, und in den hoben Zeiten des Stummkurses war er zunächst diese Straße treulich fürbatz gezogen. Aber dann batte er — viel­leicht unter der Einwirkung eines Begebnisies, das d-n feinfühligen, im tiefsten Wesen sozialen Mann inner­lich erschüttern mutzte — seinen Tag von Damaskus er­lebt. Seither war er schrittweis ein anderer geworden. Einst hatte er die Eewerkvereine schlankweg „Richts- als-Streikvereme" genannt. Seit er unermüdlich studierend, nachprüfend und ohne Zaudern dann sich selbst korrigierend in jene Welt sich versenkt hatte, in der der Arbeitsvertrag das ganze Dasein erfüllt, war diese frisch zuareisende Zuversichtlichkeit von ihm ge­wichen. Jetzt pflegte er wohl dem vertrauten Besucher zu bekennen: Nur ganz Derbohrte könnten des naiven Glaubens leben, die Sozialdemokratie sei lediglich eine Erfindung fanatischer oder geldgieriger Agitatoren. Um so mebr erschien es ihm leine patriotische und staatsmännisch« Pflicht, ihr durch stete nimmermüde soziale Resormarbeit nach Möglichkeit den Boden abzn- graben. Als das Wort von der vollen Kompottschüssel kolportiert wurde, -das Posadowsky für die apokryphe Ausstreuuna scharfmacherischer Talente hielt, meinte er bitter: Welch eine Torheit! Ebensogut könnte man eines Tages den Fanerlöschdienst ststieren. Mit all dem erwarb er sich freilich nur spärliche Freundschaft. Es zeigte sich hier wieder, daß, wer irgendwie zwischen den Barteien seine Stellung sucht, in Deutschland leicht vogesfrei wird.

Die Rechte grollte: in seiner einseitigen Arbeiter- verliebtbect vernachlässige der Graf den Kern des staatserbaltenden Volks: die Linke, selbst die bürger­liche, schalt ihn nicht selten einen ausgewachsenen Reak­tionär. Als ihm die höchste preußische Dekoration wurde, erklärte ein rheinischer Großindustrieller, den nun auch schon die Erde deckt: Gestern hat der erste Sozialdemokrat den Schwarzen Adler bekommen. Und da er im Sommer 1607, auf nicht eben sehr reinliche Abt, aus dem Amt gescheucht wurde, schrieben, non rin paar Aufrechten abgesehen, nahezu alle Blätter ihm unfreundliche Abgangszeugnisse.

Gras Posadowsky ist damals nicht ohne Bitternis geschieden. Dennoch, möchte ich fast meinen, hat er an irgend eine Form der Wiederkunft geglaubt. Wie jeder tüchtige Mann, der eine Lebensarbeit zu vertei­digen hat, ist er seines Wertes sich bewußt gewesen und es mag wotst sein, datz er im stillen gehofft hat, auch seine Zeit könnte nochmals kommen. Früher oder später der Ruf an ihn ergehen, an erster und, nach dem Staarsrecht des Bismarckischen Reiches, an allein verantworilicher Stelle die Geschicke der Deutschen zu leiten. Indes, die Jahre kamen und gingen und der Ruf blieb aus. So stellte sich Eraf Posadowsky von neuem in Reih und Glied. Erst als Hospitant der Rechten, dann, nach dem Zusammenbruch, der sie ihm notwendig näherrücken mutzte, als ihr eingeschriebener Fraltionsgenosie. Auch als Parlamentarier hat Graf Posadowsky eine Reihe ausgezeichneter Reden gehal­ten. Reden von weiten historischen Perspektiven und tief gesättigt mit der Bildung der Nation. Die waren nicht aus Zeitungsaufsützen und Lescfrüchten zu- sammengestückelt, sollten auch nicht dazu bestimmt sein, „draußen im Lande" die Lauen zu festigen, die Zwei­felnden zu umwerben und die Gegner schlecht zu machen. Sondern sie waren die Schöpfungen einer eigengerich- teteir, abgeschlossenen, doch unablässig an sich arbeiten­den Persönlichkeit, die die parlamentarische Rede als das ihr kongeniale Ausdrucksmittel meisterte. Trotz­dem fehlte ihnen die rechte Wirkung, Beim Hospitan­ten. weil er eben nur „Auch einer" war und man in den Parlamenten heute wie ehedem das Wort. nicht wägt, sondern die Stimmen zählt, die dahinter stehen. Später, weil er als Sprecher der deutschnationalon Fraktion nicht selten Gewalt sich antun muhte oder, vielleicht häufiger noch, man ihm Gewalt antat.

Seit Graf Posadowsky wieder in seiner Raumburger Zurückgezogenheit haust, hat er eine Anzahl Aufsätze, die in den Schicksalsjahrcn von 1915 bis 1920 da und dort erschienen waren, in einem Sammelband unter dem Titel „Weltwende" der deutschen Öffentlichkeit unterbreitet. Kein politisches Testament, mehr noch ein Art Schwanengefang. Vor allem aber — wir und recht arm an ihnen — Meisterstücke deutscher politischer Prosa. Und daneben die Äußerungen eines sorgenden Patrioten, der unabhängig von fremden Lehrmeinun­gen und unbekümmert non dem Beifall von Freund oder Feind, mannhaft und uneigennützig immer noch den eigenen Weg sich bahnt. In diesem Bande, der allerlei Nachdenkliches über die populäre Sehnsucht nach dem „starken Mann" enthält, siiw über die „Pflichten der Deutschnationalen Volkspartei" folgende Sätze zu lesen:

„Bei der Parteizersplitterung unseres Volkes ist es leider fast nie möglich, eine klare grundsätzliche Politik durchzuführen, wie sie der alte englische Par­lamentarismus bei leinen zwei großen Parteien durchzuführen vermochte, und wie sie die englische Parteiregierung, wie die politische Entwicklung des letzten Jahrzehnts gezeigt hat, noch heute ohne wesentlichen Widerspruch zu führen vermag. Wenn unser Volk durch ein langes politisches Leben in höherem Matze politisiert sein wird, mag es vielleicht auch uns gegeben fein, eine grundsätzlich festere Poli­tik zu verwirklichen. Zurzeit ist aber jede Partei, wenn wir einen nicht geradezu zerrüttenden fortge­setzten Wechsel der Regierung herbeiführen wollen, dazu gezwungen, selbst unliebsame Regierungsbildun­gen zu stützen. Eine Partei, die sich dieser Rot der Tatsachen nicht fügen will, mutz über eine Volks­mehrbeit verfügen, die zur Herstellung einer anderen Rsgierungsform gewillt ist: solange diese Voraus­

setzung fehlt, ist der rücksichtslose Kampf gegen jede Regierung, die den eigenen Parteimiffasiungen wider­spricht, mehr Wahlpolitik als Staatspolitik."

Und mm begreift man wohl, warum, auch wenn er ein Jüngling an Jahren gewesen wäre, Graf Posadowsky im vorigen Sommer nicht mehr wieder­gewählt werden durfte.

Eine Anfrage des Abgeordneten van den Kcrkchoff.

Br. Essen, 30. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Der Reichs- tagsabacrrdnete van den Kerkhoss bat folgende An­frage an die Regierung gerichtet:

Mit Bezug au? das holländische Kreditab­kommen frage ich hierdurch an. ob es zutreffend ist. dah

1. wir gehalten sind sechs Monate lang monatlich eine gröbere Menge Steinkohlen zum Weltmarkt­preis von Holland zurückzunehmen. die Holland früher von uns zum Inlandoreis bezogen bat.

2. ob wir der holländilchenRegieruna etwa sechs Monate lang eine gröbere Menge Steinkohlen geliefert haben, als wir vertragsgemäß zu liefern batten?

Ferner, stimmt es. daß ein neuer Handelsver­trag mit Italien abgeschlossen worden ist? Ist die Mitteilung eine« Reaierungsvertreters richtig, dab dieser Havdelsvlrtiag banntsächlich aus politischen Gesichtspunkten unier bewußter Außerachtlassung unserer wirtichaitlichen Belange abgeschlosien worden Ift?

Die französische Antwort an England.

v. Paris. 30 Juli. (Eis. Drahtbericht.) Briand batle. une der ..Petit Parisien milteilt, nach dem rwriten Minrsterrat am Quai dOrlay eine neue und sehr wich­tige Besprechung mit dem englischen Botschafter ^oro S a r d i n g e, Im Verlaufe dieser Unterredung hat Briam, den Botschafter davon unterrichtet, dab im Verlaufe des heutigen Vcimittags eine lange R-ote abgefaßt wero;. In der die sra";idche Regierung die britische Note P u n i t für Punkt beantworten werde.. Diese Note wihd verschie­denen Iirtümern und auch gewissen bedauerlichen onter- rretationen ein Ende machen. Briand unterbreitete dem Botichaster eine Einigungsformel. die dieser gestern nach London übermittelte und von der zu hofien ist. dag Ne als Basis für eine vollständige Einigung die Billigung der britischen Regierung finden werde.

Der italienische Standpunkt bezüglich der Truppen- Verstärkungen.

v. Rom. 30. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Der Parla­mentsausschuß für auswärtige Angelegenheiten bat heute in vertraulicher Sitzung den Außenminister und den italienischen Kommissar General de Marino über Oüericbl eilen an­gehört. Der General beantwortete, die an, ihn gerichteten Fragen an Hand der Karten und wirtschaftlichen Statistiken. Der Außenminister setzte die Direktiven seine r P o - l i t i k auseinander und erklärte, Italien habe rein realistische Ziele. Er habe sich der französischen Forderung neue Trup­pen nach Oberschjesien zu entsend >n. nicht au 3 ei Mosten, um so mehr, als die sranzastichm Truppen in Oberschlesien be­reits in größerer Anzahl seien, als die englischen und italie­nischen Truppen zusammengenommen.

Der polnische. Außenminister für einen Ausgleich der deutsch-polnischen Gegensätze.

Br. Berlin. 30. Juli (Eig. Drahtbericht.) Der Be­richterstatter der „Posi. Ztg" in Warschau batte eine Unterredung mit dem Minister des Auswärtigen. § k i r m u n t. der wir folgendes entnehmen: Skirmunt be­tonte. er trete für einen Ausgleich der polnisch-deutschen Gegensätze ein und ebenso für einen ausgiebigen Schutz der d e u k I cl e r Minorität in Polen. Skirmunt hofft ans «in K o m v r c in i ft m der oberschlesischen Frage, welcher beide Partner befriedige. Er sagte darauf, daß das Ver­halten der pi'lni'chen Preste gegenüber Deutschland nach Ton und Inhalt rielcs zu wünschen übrig laste. Der Bericht­erstatter der ..Voss. Ztg. hebt hervor, daß Skirwunt vielleicht die besten Absichten hoben möge, daß er aber stark von den h'st.ori'ch-n Erzübelu Polens beeinflußt werde. Es iei gut, bemerkt zum Schluß die „Post. Ztg". wenn Herr Skirmunt einen starken Arm batte, nm dem palnischen Volke Ruhe zu ichaften und alle A'ucwückste zu beseitigen. Skirmunt würde sich um ganz Europa verdient machen.

Vertagung des württembergischen Landtags.

W. T.-B. Stuttgart. 30. Juli. Der württembergische Landtag bat sich gestern bis zum Herbst vertagt, nachdem zu­vor das viel limitrittene Pfarrbesoldungsgeied angenommen wurde, wobei iedoch die dazu gebärende Deckungsvorlage abgelebnt worden war. Zu der deshalb befürchteten Regierungskrise ist es nicht gekommen. Die Regierung erklärte, daß ste !m Herbst eine neue Deckungs- corlage einbringen werde. Der Beitrag des württembergischen Staats zur Neckarkanalüation mit 30 Millionen Mark yiurde angenommen.

Die Auflösung des thüringischen Landtags abgelehnt.

W. T.-B. Weimar, 29. Juli. Im thüringischen Landtag wurde ein Antrag der Unabhängigen auf so­so! tige Einstellung der Arbeiten des Landtags und auf feine Äi-flöstirg cbgclihnt. Darauf wurde ein Antrag der Rechten auf We'tcrbcratung und Verabschiedung des Beamten- befcldungsgesttzes angenommen. Entscheidend für die An­nahme war die Haltung der Demokraten, die für den Ane trag stimmten und Irmit der bisherigen Koalition den Rücken kehrtcn.

Berlin Sitz des Zentralkomitees der 3. Internationale.

Br. Eisen, 30. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Wie das ..Estimer f^-e-e Wert meldet. >oll zwecks intensiverer Be- arbe'iung Deutschlands die Leitung des Zentral-Erekutiv- komitees der 3. Internationale in allernächster Zeit nach Berlin verlegt werden. Der Zentral-Aktionsausichuß und die Parteileitung der B. K. P. D. haben bereits Anweiini'g erhalten, in das engere Zentral-Erekutivkomitee nach Berlin *( 6 Beitrcter aus Bayern und Württemberg. 8 aus Sachsen und j> 1 aus den Provinzen Mecklenburg, Pommern. West- und Ostrrcußen Ober- und Niederschlesten. Sachsen. Schle-- wig'Halstein, Hannover, Westfalen. Rbeinprovinz und Hessen- R »s i a u zu bestellen. Nach außen hin bleibt das Errkutirckemitee in Moskau. Aber auch der Aktions­rat. der die lommunistischen Sektionen Polens. Italiens, der Tlchecho-Slcwakei. Bulgariens. Frankreichs und Belgiens militärisch umschließt, kommt nach Berlin., Die Berliner Parteileitung ist in dem Moskauer Befehl veaufrcagt wo» den, zunächst für 400 Mann Unterkunft vorzuberetten.

Der russisch-deutsche Seezwischenfall.

Vf. T.-B. Kristiania. 30. Juli. Aftenposten" wird au, Kirkenaes telegraphiert' An dem, Treffen avLerbalb Mur- manik haben außer der Acllllerre auf der Insel Torostova auch russische Wachtsriiffe ieilaenommen. Man glaubt, die Rüsten leien der Ansicht gewesen, es bandle sich bei den deutschen Schiffen um Fischdamvfer. di« die Absicht batten, aus russischem Gebt,t fischen. Die Schießerei wurde in Murmansk aebört das sofort in Belagerungszu­stand erklärt wurde. Die deutschen Minenschiffe, die zuerst die Absicht batten. Murmansk anzulaufen. gingen nun in Ce«, nachdem sie die auistschen Schiffe auf die Stadt zu gejagt um» di« »lrtill-rä- Ihren Kanonen vertrieben batte».