Verlag gonggaffe 21
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Dienstage 26. Juli 1921.
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Wsnd-Ausgave.
Nr. 342. «> 69. Jahrgang.
VTTJB'S
Die Entente im Zinsdilemma.
Geldmarkt, Goldwarkkredrte irnd Reparationsbonds.
Die Geldslüssigkeit am internationalen Geldmarkt, die sich seit einigen Monaten bemerkbar macht, hat in der letzten Zeit weiter zugenommen. Das hat seinen markantesten Ausdruck in der Herabsetzung der Diskontsätze her Bank von England und der amerikanisch.m Fäleral-Reserve-Bank gefunden. Beide Institute haben die offiziellen Bankwerte auf 5y z Prozent ermähnt und eröffnen damit für die Wiederbelebung des internationalen Eefchäftslebens günstige Aussichten. Die Verbilligung der Kredite — im englischen Frei oerkehr beträgt der Zinssatz jetzt sogar nur noch etwa 4,19 Prozent — wird auch mit der Zeit eine Ermäßigung der Warenpreise herbeiführen und so weiterhin die Kauftätigkeit verstärken.
Die Diskontheraibsetzung in England ist aber nicht allein eine Folge der Eeldslüssigkeit, sie ist auch mit veranlaßt worden durch den Druck des Staats, der für seine jetzt zur Ausgabe gelangenden Schatzanweisungen einen günstigen Markt schaffen will, ergeben diese doch eine Verzinsung von annähernd 6 Prozent und erscheinen daher angesichts der Zinssätze des allgemeinen Marktes als gute Kapitalanlagen.
Diese ganze Situation ist für uns vor allem beachtenswert bei der Beurteilung der jetzt von verschiedensten Seiten uns zur Verfügung gestellten Goldmarkkredite. Nicht Holland allem, auch England und Amerika beteiligen sich dabei. Für die Bereitwilligkeit, uns Anleihen zu gewähren, ist sicher nicht nur das Vertrauen in unsere Zahlungsfähigkeit mahgebend; das ist nur eine, allerdings- wichtige, Voraussetzung. Die ausländischen Finanzleute würden uns sicher kein Geld leihen, wenn sie dabei nicht e i n sehr gutes Geschäft machen. Es ist bedauerlich, daß die Reichsbank ihre Mitteilungen über den Abschluß der Kreditgeschäfte nicht ergänzt hat durch An- gaben über die Amortisationszeiten und den von uns zu bezahlenden Zinsfuß. Man muß aber anneh neu, daß er sehr hoch sein wird, wofür wir einen Anhalt daran haben, daß Frankreich kürzlich eine Anleihe in Amerika nur bei einem Satze von 7 Prozent und bedeutendem Disagio untsrbringen konnte. Wir werden wahrscheinlich noch mehr zahlen müssen, und darin dürft« bei der oben skizzierten Flüssigkeit am internationalen Geldmarkt ein bedeutender, wenn nicht entscheidender Anreiz liegen, uns Geld zu leihen.
Wir werden also für die Verzinsung der Gold- Inarkkredite bedeutende Summen aufbringen muffen, die unsere Zahlungsbilanz aufs ungünstigste be e i n f l u s s e n und damit einer Mark- befferung entgegenstehen. Die Entwicklung des Markkurses in den letzten Wochen hat auch alle bei Abschluß der Kreditgeschäfte gehegten Hoffnungen zuschanden gemacht. Unser Geld ist so wertlos wie seit langem nicht, ein Beweis dafür, daß die Meinung des Auslandes über die Einwirkung der Anleiheoperationen auf unsere Finanzlage viel pessimistischer ist als bei uns. Man ist sich dort klar darüber, daß auf diesem Wege keine entscheidende Besserung zu erreichen ist. Tatsächlich ist sa auch nur die Ablösung einer drängenden Schuld durch eine langfristige eingetreten: dafür dürfte letztere aber viel schwerere Verzinsungslasten bringen. Denn bekanntlich sollen die für unsere Reparationsverpflichtungen auszugebenden Bonds nur 5 Prozent erbringen. die wir zu zahlen haben. Es ist nun eine vor «l«m für die Entente wichtige Frage, wie diese fünfprozentige nReparationsbonds ab- zusetzen sind. Bei der geschilderten Lage ist die Möglichkeit, größere Beträge davon in den Verkehr zu bringen, füglich zu verneinen. Wenn England für seine Anleihen 6 Prozent, Frankreich gar 7 Prozent bezahlt, wie kann man erwarten, daß vre ausländischen Kapitalisten ihr Geld in einer fünfprozentigen Rente vnlegen werden! Dabei ist noch zu beachten, daß cs sich um Summen handelt, die weit über die Aufnahmefähigkeit des internationalen Geldmarktes hinausgehen. Sollen doch zunächst nicht weniger als 50 Milliarden Eoldnrark ausgegeben werden! Wird inan nicht vorziehen, Deutschland Kredite zu bedeutend Höheren Sätzen zu gewähren, die ja ebenso sicher sind Die di« Reparationsbonds?! Damit Dürfte sich de: seltsame Zustand Herausstellen, daß die Ententestaatm die deutschen fünfprozentigen Schuldverschreibungen in ihrem Besitz behalten müssen, um ihren Kapitalbedarf vt weit höheren Sätzen durch eigene Anleihen zu decken.
Die englisch-französische Meinungs- verschlsde heit.
v. Paris. 26. Juli. (Gig. Drahtbericht.) Die Veriebml' gen zwischen Paris und London stnd feit gestern entschieden versöhnlicher geworden. Frankreich ist besonders entgegenkommend, falls einstimmig das Datum der Konferenz des Obersten Rates auf den 4. Aug u st festgcsctzr würde Hingegen besteht Frankreich auf der Ent- fendung neuer Truppen nach Oberfchlesien. Was die Einberufung der Sachverständigenkonferenz anbelangt. so ist es noch unbestimmt, ob Frankreich auch in Vielem Punkt nachgeben wird oder ob England feinerfeits die Sachverständigen ernennt. Man weift hier darauf hin. dah die Sachverständigen sehr wohl bis zum 4. August mit den Arbeiten fertig werden und dadurch die Aufgabe des Obersten Rates wesentlich erleichtern konnten.
Dz. Paris, 26. Juli. Der diplomatische Mitarbeiter der Havasagentur glaubt zu wissen, dah nach gegen Abend verspätet aus London eingcgangencn Nachrichten C u r z 0 n im Verlaufe einer Unterredung mit dem französischen Botschafter am Nachmittag namens feiner Regierung grundsätzlich seine Zustimmung aussprach zur Berufung des Oberster Rates für den 4. August und zur vorläufigen Prüfung des oberfchlestfchen Problems durch ein« Sachverständ'genkommiffion unter ner Bedingung. daß die Rcgierungsoberhäupter sich zur festgesetzten Zeit rcisammelu. wie auch das Ergebnis der Arbeiten der Cuchverstöndisen ausfallen möge. Dagegen soll der britische Außenminister seinen Widerspruch gegen die Entsendung von Verstärkungen nach Oberschlesien in aller Form aufrechterhalten baden, indem er neben anderen Beweisgründen verstcherte. dah diese Mahn ah me das mit so vieler Mübe im Abstimmungsgebiet hergestellte 'stleichgew'cht stören würde, dah sie außerdem einen entschieden deutschfeindlichen Stempel tragen würde, dah ste in Deutschland den Eindruck Hervorrufen würde, dah die Entscheidung für Deuüchland ungünstig ausfallen werde und dah schließlich Frankreich am Rhein genügend Truppen zur Hand habe, um Deutschland zur Vernunft zu bringen, wenn es versuchen scvtc, sich der Durchführung des Entscheidungssvruches der Berbandsrnächte über Oberschlesien zu widersetzen.
Di« Havasmeldnng fügt hinzu, da die Entsendung von Verstärkungen noch vor jeder Entscheidung bisher in Frankreich als unentbehrlich angesehen worden sei. so bestehe gib noch über diesen letzteren Punkt eine Meinungsverschiedenheit zwischen der englischen und der französtschen Reg::rung.
Dz. Paris, 26. Juli. Havas gibt unter Vorbehalt ein Telegramm aus Berlin wieder, in dem behauptet wird, die deutsche Regierung kenne bereits den Wortlaut der englischen Antwort auf die von Dr. R 0 s e n an den französtschen Botschafter gerichtete Frage. Weiter bemerkt Havas. der englische Botschafter habe den Brief des Dr. Rosen schon gekannt, noch ehe derselbe an dc>n französtschen Botschafter abgegangen sei. Anf jeden Fall sei es gewiß, dah die englische Regierung die deutsche Antwort vor ihrer Aushändigung an den Botschafter Laurent bereits gekannt habe.
Dz. London. 26. Juli Lord Cu rzon batte gestern nachmittag mit dem deutschen und dem französischen Botschafter llnterredungen.
Der Zusammentritt des Obersten Rates.
Dz. Paris. 25. Juli. Der ..Temps" schreibt in seinem Leitartikel. die französische Regierung sei damit einverstanden dob der Oberste Rat am 4. August zusammentrete. um die obersch,', stich« Frage zu prüfen.
Dz. London. 26 Juli. Reuter zufolge liege der englischen Regierung daran, dah der O b e r ft e R a t e t w a a m 2 7. Juli züsammentrete. Sie fei aber durchaus bereit, einen Aufschub von wenigen Tagen zuzugesteben. damit B r i a n d fick darauf einrichten könne, halte jedoch nichtsdestoweniger ihre Ansicht aufrecht, dah die Verschiebung der Zusammenkunft bis Erde August jede Aussicht auf eine erfolgreiche Entscheidung in der oberschlesischen Frage nehme.
Dr. London. 26. Juli. . Evening Standard" zufolge wird Llovd George seinen Urlaub nicht, wie ursprünglich geplant, in der Schweiz, sondern in England verbringen.
Die englischen Sachverständigen.
Dr. Paris, 26. Juli. Wie Havas meldet, erfahren die Zeitungen aus London, dah die engliiche Regierung dem Ersuchen der französischen Regierung entsprechend ihre Sachverständigen ernannt habe. Es seien dies Sir Cecil Huret, Herr Tngton und Maior Clark.
Die englischen Truppen in Oberschlefien.
Dr. London. 26. Juli. Im Unterhaus wurde von Regierungsieite mitgsteilt, die gegenwärtige Stärke der britllcben Truppen in Oberschlesien betrage 44 0 0 Mann: die Franzosen hätten dort eine stärkere und die Italiener ein« schwächere T-upvenmacht. Die genaue Zahl der letzteren könne nicht mitgeteilt werden. Lloyd George teilte N'it, er bolle in der Lage zu sein, am Donnerstag eine E r - klär uns über die Lage in Oberschlesien ab- gcbeu zu können.
Die Ablehnung der französifchen Truppentransporte.
W. T.-B. Berlin, 25. Juli. Wie die Blätter Mitteilen, stützt sich die deutsche Regierung bei der Ablehnung des französischen Ersuchens um Durchführung von T r u v v e n - Iransporten durch Deutschland auf § 2 des Artikels 88 des Versailler Vertrages, der besagt: Die Zone der Volksabstimmung wird unverzüglich einem interalliierten Ausschuh von vier Mitgliedern unterstellt, die von den Vereinigten Staaten von Amerika. Frankreich, dem britischen Reich und Italien ernannt werden, und sie wird von Truvven der alliierten und assoziierten Mächte besetzt. Die deutsche Regierung verpflichtet sich, die Retörderung dieser Truppen nach Oberichlesicn zu erleichtern. Weiter kommt als Rechtsgrundlage der Artikel 875 in Betracht, worin es heißt: Deutschland bat den Deförderungsweisungeu einer i m Namen der alliierten und assoziierten Mächte bandelnden Behörde nachzukommen.,
Bor dsm vierten Polenaufstand.
Dz. Berlin, 26. Juli. Wie die Blätter aus Oberfchlesien melden, ist infolge des Zusammenstoßes zwischen bpipen Eisenbahnern und polnischen Insurgenten, die bei D z irv kowitz den D-Zug Breslau-Ratibor beschosten batten, in den Rybniker Gruben der Generalstreik erklärt worden. Im Kreise Rybnik sammeln sich große «charen polnischer Insurgenten. Große Waffentransvorte aus, dem Kreise Rybnik in die Grenzdörfer des Kreises Ratibor werden von allen Seiten gemeldet und bestätigt. In Nen- b e r u m wurden drei Panzerautos mit 16.5-Zentimeter-Ge- sch.ützen von den Franzosen für die Polen ausgerüstet. D:e Blätter erblicken in allen diesen Vorkommnissen Anzeichen für das unmittelbare Vevorstehen eines vierten Polen- aufstandes.
iv. T.-B. Berlin. 25. Juli. Über die polnischen Vorbereitungen zu einem neuen Aufstand in Oberfchlesien berichtet die „D. Allg. Ztg/' aus Kattowitz. dah die Polen eine F r e i b c i t ? c.t m c e für ObersÄlesien unter dem Generaloberst Tvnschewski bildeten. Das Hauptquartier der Armee befindet sich in Czenst 0 chau. In Sosnowrce sind die überleitungsstellen. Regelmäßige Verbindungen bestehen zwischen Czenstoohau und dem früheren polnischen Hauptquartier in Echoppinitz.
Der polnische Terror.
W.T.-B. Eleiwitz, 25. Juli. Die Vertreter d§r sber- schlesischrn Bergwerke und Hütten sandten nachstehendes Telegramm an die Interalliierte Kommission: „Die Leiter sämtlicher oberschlesischen Berg- und Hüttenwerke wellen darauf hm, dah trotz der Liauidiernng des Aulltandes noch immer mehrere tausend B e a m t e und Arbeiter durch den auf den Werken und Bahnbösen herrschenden Terror verhindert werden, ihrer Beschäftigung naHtzu gehen. Die Verwaltuwosn bitten dringend, zur Beseitiauna des Terrors auf den Werken und Babnbofen die erforderlichen Sicherungen anzuordnen.
Dz Berlin, 26. Juli. Die Blätter melden weitere Angriffe der Insurgenten auf-die Ortschaften im nördlichen Oberfchlesien. So wurde gestern K 0 s v 0 I n tz im Krelle Rosenberg überfallen .Die Polen steckim dabei eine Müble in Bran d.
Beratungen des Reichskabinetts.
Dz. Berlin. 26. Juli. Wie der „Vorwärts" erfahrt, fand gestern eine Kabfnettssttzung statt, die sich mit dem Problem des Friedensschlusses mit Amerika sowie mit der oberschlesischen Frage beschäftigte.
Wichtige Sitzungen der Reparationskommission.
Dz Paris. 25. Juli. Die Reparationskommis k i 0 n wird sich am Donnerstag und Freitag in zwei wichtigen Satzungen u. a. mit folgenden Fragen beschäftigen: 1. Abschätzung des Wertes der von Deutschland an die Alliierten ausgeliefertcn Handelsschiffe- lind endgültige Verteilung dieser Schisse. 2. Auslegung einer Anzahl von Bestimmungen des Londoner Zahlungsstatuts. 3 Prüfung des Berichts des E a r a n t i e k 0 m i t e e s über feine Verhandlungen mit der deutschen Regierung in Berlln.
Gegen die Sanktionen.
\V.T.-B. Pirmasens, 25. Juli. Der Stadtrat von Pirmasens bat in einer Entichliehung. an die Reichsregierung die dringende Bitte gerichtet, in ihren Bestrebungen auf Aufhebung der Sanktionen nicht zu erlahmen. sondern unermüdlich bei den Ententeregierungen darauf hinzi'wirken, daß die Sanktionen in ihrem ganzen llmfnng zurückgenon.lmen werden. Bei einer Fortdauer der Sanktionen würde nichts den Niedergang der Pirmwenser Schubindnstrie und damit des gesamten Wirtschaftslebens von Plimastns aufzuhalten vermögen. Eine nie dasewesene Arbeitslosigkeit wülÄe die Folge fein.
Die „Düsseldorfer Zeitung" auf 3 Monate verboten.
Bb. Düsseldorf. 25. Juli. Die ..Düsseldorfer Zeitung" die erst seit einigen Tagen wieder erscheinen konnte, ist ictzi von der sinnzösischen Besatzungsbehörde erneut, uns zwar für drei Monate na boten worden. Gründe für dieses Verbot sind nicht angegeben worden.
„Nie wieder Krieg!"
Bb. Berlin, 26. Juli. Wie die sozialdeimckrallschen Zeitungen mttteilen. finden unter der Devise „Nie wieder Krieg!" am nächsten Sonntag, den 31. Juli, vormittags 11 llhr, in ganz Deutschland anläßlich der Wiederkehr der Tages des Kriegsausbruches große Friedens- Meetings statt. An diesem Tage werden die Masten bei Kriegsgegner aller Richtungen für Weltfrieden und Völkerversöhnung und gegen Imperialismus und Militarismus demonstrieren. Gleichzeitig werden auch di« verwandten Organisation en des Auslandes lo die englische unabhängige Arbeiterpartei im Verein mit den Pazisistenverbänden in mehr als taufend Kundgebungen aus den Plan treten. Ähnliche Nachrichten liegen aus den Vereinigten Staaten und Frankreich vor.
Die deutschen Verluste im Weltkrieg.
Br. Berlin. 26. Juli. (Eia. Drahtbericht.) Die bis- herigen amtlichen Feststellungen über die Verluste im Weltkrieg haben ergeben: Landheer Preuhen: 1 397326 Tot« und 3 281873 Verwundete: Bayern: 168 718 Tote und
434 035 Verwundete: Sachsen: 123708 Tote und 307600 Verwundete: W ü r t t e m b e r a: 74 227 Tot« und 191065 Verwundete, zusammen 1763 979 Tote und 4 214 379 Verwundete. Dazu kommt di« Marine mit 34 256 Toten und 31085 Verwundeten, die S ch u tz t r u p p e mit 1133 Toten und 1210 Verwundeten, macht ju'ammen 1 799 368 Tot« und 4 246374 Verwundete. Diese Zahlen sind noch nstht endgültig, da die Feststellungen der Verluste noch nicht ohgelchlossen sind. Die Zahl der Verwundeten ist in Wi'klichkcit geringer, da auf viele mehrere Verwundnnqen entfallen. Die Labt der 33e tnti fiten wird auf 200OOQ «schärt.
