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Die russische Hungerkatastrophe.
Ohne Zweifel steht Rußland, das ein begeisterter Kommunist den „ungeheuren Nahrungskessel Europa," nannte, am Vorabend einer ungeheuren Katastrophe, wenn es sich nicht schon mitten in dieser- Katastrophe befindet. Die langanhaltende Trockenheit hat in den fruchtbarsten Gouvernements Sowjet-Rußlands zu einer vollständigen Mißernte geführt. Sommer- und Winterkorn, Kartoffeln und Wiesengras, alles ist verdorrt. Man nennt die ungeheure Zahl von 25 Millionen Menschen, die vom Hungertode bedroht sind und die nun die weiten Gebiete der Mißernte verlassen, um sich in rat- und «aeUosen Schwärmen in das übrige Land zu verstreuei^^as schon ohnehin seine Bewohner kaum zu ernähren vermag. Auch die amtlichen Sowjetberichte sprechen jetzt von der ungeheuren Gefahr und selbst die kommunistische „Rote Fahne", die sonst auf Grund der Propaganda berichte Moskaus da^ Sowjetparadies in den rosigsten Farben schildert, kann' nicht mehr an der Tatsache der Hungerkatastrophe vorbei und wirft sogar in Fettdruck schon die bange Frage auf, ob die Hungerkatastrophe „die rusiischen Derhältniste so erschüttern werde, daß damit der Bestand der Sowjetmacht gefährdet ist."
Gewiß hat Rußland auch schon in Friedenszeitm häufig genug unter Mißernten zu leiden gehabt. Aber selbst unter dem zaristischen Regime war es doch immer möglich einen gewissen Ausgleich zwischen den Gebieten mit guter Ernte und den von der Mißernte betroffenen Gebieten zu schaffen. Dank der Mißwirtschaft des Bolschewismus ist ein solcher Versuch heute hoffnungslos. Das Transportwesen liegt, wenn es überhaupt Lebensmittel zu transportieren gäbe, völlig danieder. Es fehlt an betriebsfähigen Lokomotiven und Wagen und selbst wenn diese vorhanden sind, so macht die Heizmittelkrise einen geordneten Betrieb zur Unmöglichkeit. Aber mis welchen Gebieten wollte auch die Cowjetregierung Nahrungsmittel herausholen? Es ist ia gerade di- Kornkammer Rußlands, die von der Mißernte betroffen ist. Nun hat man in rusiischen Blättern davon gesprochen, aus Sibirien Getreide herbeizuholen. Auch hier kann aber mit einem Erfolg nicht gerechnet werden, da gerade an der sibirischen Bahn immer wieder neue Erhebungen gegen die Sowjets nattfinden. Im übrigen bat der'russische Bauer die Anbaufläche derart eingeschränkt. daß das Erträgnis sinnes Landes kaum für ifm allein ausreicht. Der -entnfdK Ctlctf?, Vt ßn der Steife £>et ©etreib-eenteig* mmci, die natürlich zu einer Minderung der Anbaü- nachen fuhren m„ßte. die Naturalsteuer setzt, kam zu svat. um noch Wirkungen für dies Erntefabr zeitigen zu können. Ja, in weiten Gebieten Rußlands ist dieser Erlast beute noch unbekannt. Wie sich denn überhaupt stlbst die Frage erbebt, ob der ganze Umbruch i« cet Wirtschaftspolitik Lenins nicht etwa nur einen Ber- Zweiflimasschvitt darstellt. der mit der Spitzmarks „zu spat gekennzeichnet werden müßte.
Aus eigener Kraft können die Sowjets die drohende Katastrophe, deren Ernst man in Moskau keineswegs verkennt, nicht überwinden, wenn auch die Sowjetpresse letzt von allerlei Hilfsaktionen der Moskauer Regierung zu berichten weiß. Wir kennen derartige großsprecherische Ankündigungen zur Genüge, um zu willen, daß sie sich zwar auf d-m Papier sehr schön machen, aber nie in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Eine ähnliche bittere Erfahruna hat ia auch ein deutscher Außenminister machen müssen, als er einst im Parlament von d-r „Aufbauwirtschaft" des Bolschewismus sprach.. S-lbst der ..Roten Fabne" kommen Zweifel über die Wirksamkeit der anaekündigten Maßnabmen. va ist es denn b-areiflich, daß man sich in Rußland nneip-r einmal bilf-suchend an das Ausland wendet. Ter Patriarch von Moskau schickte einen Notruf an den Erzbischof von Eant-rburn und Marim Gorki sandte dairch die Permittelung Gerbart Hauptmanns einen Apv-ll hinaus . An alle ebrlichen Menschen", dem Lande Tolst-is und Dostojewskis in stinen schwarzen Tagen ?u helfen durch Brot und Medikamente.
Es gehört schon eine kaum zu überbietende stumpfsinnige Rohheit dazu, wenn sich solchen Hilferufen gegenüber der nationalistische „Berliner Lokal-Anzeiger" -u demSatz „ersteigt' „Wir haben nichts zu geben, aber bätten wir. so dürften wir nicht geben!" Gewiß findet stch Deutschland in einer ungemein schwierigen Lage, denn, was soll der tun, der selber hilflos ist? Eine H^rgab« 0£m größeren Mengen von Nahrungsmitteln käme bei dem eigenen Mangel für Deutschland natür- u.ch nicht in Frage. Wohl aber ist daran zu denken, ur« Not und das Elend des russischen Volkes durch die Prellung von Ärzten und die Sendung von Arznei- — denn zur Hungersnot kommt noch das Wüten der Cholera, bis zum 25. Juni waren 6000
Cholerafälle registriert — zu erleichtern. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß sich das deutsche Volk an einer internationalen Hilfsaktion zugunsten der Russen nach Kräften beteiligen würde. Das gegebene Organ für solche Hilfeleistung ist natürlich das Rote Kreuz.
Man mag dem Bolschewismus noch so feindlich gegenuberstehen. vor einer so ungeheuren Menschheits- katastrophe schweigen alle politischen Bedenken. Aber abgesehen davon, mutz man sich auch fragen, ob wir irgendein Interesse daran haben können, daß durch den bturz der jetzigen Herrscher eine völlige Anarchie in Rußland eintritt. Der Bolschewismus macht gerade lefzt so bedeutende Wandlungen durch und seine Hüter werfen eine Heilslebre nach der anderen über Bord, daß wohl eine gewisse Aussicht auf eine allmähliche Gesundung besteht. Darüber hinaus wird es immer unsere Hoffnung bleiben müssen, dereinst wieder mit unseren russischen Brüdern zusammenarbeiten zu können, denn Rußland bleibt auch bei aller bolschewikischen Misiberrschaft doch ein Land-voll ungeahnter Zukunftsmöglichkeiten, dessen Zukunft zugleich die Zukunft Europas ist! \
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Br. Berlin, 23. Juli. (Ctg. Drabtbsrirbl.) Wir er- fabren, daß rn Berlin der Vorfitzerche der jüdischen Vereinigung in Nutzland, Dr. Kreinin. eingetroffen ist. Er berrcktet, datz der Hunger in Rußland di« Massen rum Wahnsinn treibe und datz sich die Verzweiflungsausbrüche besonl^rs gegen die Juden richten. Nach einem Telegramm
Eskalier „Jswestna" ist die Cholera in Rußland >m H-rvchreiten brgriiien. Sie wütet besonders im Rostower und Wilnaer Departement, in Worones» und in Diel.
Eine Hilfsaktion für Rußland.
Dz. Berlin. 23 Juli. Die schwere wirtschaftsiche Lage des ruiTw,eti Volkes erfuhr durch die einer Srohen Anzahl von Douverncments drohende Mi her nie eine starke Verschal funp die eine Reihe von erschütternden Hilfecufen an js Auxsand vcranlatzte. Auch nach Deutschland drangen solche H-lierufe. von denen der an einen bekannten deutschen T cht-r gerichtete dieser Tage in der Prelle veröffentlicht v urde Diese Hilferufe werden auch hier nicht unge- bort pcrballen Wie in anderen Ländern sind auch in Deutschland Bestrebungen im Gange, um eine schnell- und großzügige Hilfsaktion zu veranstalten Auch die Re'.chsregierung wird der Aktion jede mögliche Unterstützung und Forderung gewähren.
Br. Berlin. 23. Juli. (Eig. DrahtSericht.) Zu der Hilfsaktion für Sowietrutzland erfahren wir von zuständiger Stelle, daß der Schritt Marim Gorkis im Einverständnis mit der russischen Negierung erfolgt ist. Gorki wird In der nächsten Ze-'t in Berlin eintreffen. Deutschland wird sich an einer internationalen Hilfsaktion nach dem Matze seiner Kräfte beteiligen. In erster Linie k-mmt bieriüi icdoch das Rote Kreuz in Betracht, das seine Organisation in den Dienst stellt und durch Berrillt-Nung non Medikamenten der grötzten Rot steuern soll. Es ist natürlich nicht daran zu denken, datz Deutschland dem russischen Belke, mit Lebensmitteln zu Hilfe kommt. In Moskau hat stch ein Hilfskomitee gebildet, das ans allen politischen Parteien zusammengesetzt ist. Die Vorbereitungen für neitere Maßnahmen llnd im Gonge. Mit d-n in Frage kommenden russischen Kreisen wurde bereits Fühlung genommen. Gerhart Sauptmann wird den Hilferuf Marim Gorkis persönlich beantworten. Weitere Maßnahmen sollen persönlich mit Gorki getroffen werden.
Selbstmord des früheren bayerischen Berkehrsministers Frauendorfer.
Br. München, 23. Juli. (Eig. Drahtbevicht.) Der frühere Derkehrsminister und Staatssekretär von Frauendorfer hat sich heute vormittag in Geiselgasteig beiMünchen auf einer Bank erschossen. Gegen Frauendorfer war ein Gerichtsverfahren wegen des Verdachtes der Münzfälschung eingeleitet worden. Herr v. Frauendvrfer war seit vielen Jahren im öffentlichen Leben Bayerns an hervorragender Stelle tätig. Dis 1912 war er als erster bayerischer Derkebrsminister Mitglied des Ministeriums Podewils. Während des Krieges hatte er die Direktion der Münchener Straßenbahnen ehrenhalber übernommen Bei Ausbruch der Revolution trat er sofort als unvolitischer Fachminister in das Kabinett Eisner ein. Rack dem Übergang der bayerischen Eisenbahnen auf das R»ich trat er als Staatssekretär an die Spitze der Zweigstelle Bauern des Reichsverkehrs- ministeriums in München. Diesen Posten bekleidete er unter Zurückziebung eines aus Gesundheitsrücksichten einmal gestellten Rücktrittsaesiilbes bis vor zwei Monaten. Inzwischen mar das G-r'"ckit von einer Münzfälschung (es soll sich um die Fälschung antiker Münzen bandeln) laut geworden und gestern wurde bekannt, daß ein Gerichtsverfahren gegen Frauendorfer eingeleitet sei.
Keine neue Tariferhöhung bei der Eisenbahn.
Br. Berlin, 23. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Zu den neuerdings wieder austauchenden Gerüchten über bevorstehend« Tariferhöhungen bei der Eisenbahn wird amtlich ststgestillt. datz beim Reichsverkehrsministerium die Erhöhung der Tarife ton Personen- oder Güterverkehr nicht erwogen wird.
England gegen die deutsch-französischen Verhandlungen.
9k Varis. 23. Juli (Eig. DrabtLerick.t.) Der ..Temvs" imreibt. Die französischen und deutschen Sachverständigen haben m letzter Zeit unter Leitung van Mut ins und A a t b e n a u an der Ausarbeitung eines Planes für die r or> 10 n ? n iv Form von Warenlieferungen gear- Acan^ erinnert sich daran, wie scbr England' uns tmpfoblen bat. Deutschland zu ermutigen, in Waren zu zahlen und einen Teil in den besetzten Gebieten abzusetzen. Wer run ^n .Daily Telegraph" liest, der gewinnt den Eindruck, da« England die Tagung des Obersten Rates dazu l«nutzen will, die franzosi-ch deutschen Verhandlungen ?. u . m orfl eitcrn ? u hsinaen. unter dem Vorwand, datz dieses Abkommen eine Priorität für die zerstörten Gebiete ^urde. Dieier Eindruck mutz >o schnell wie möglich verschwinden. Die Engländer können nicht gleichzeitig Frankreich vorwerfen den Streit in Deutschland verewigen zu lallen und andererseits Frankreich bindern, sich in freundschaftlicher Weise mit Deutschland zu verständigen.
. „ P . 7 ?- 2uli. (Erg. Drahtbericht.) ..Journal in-
dustrrelle berichtet über eine Unterhaltung mit einer hohen Persönlichkeit, die über den Stand der Verkebrsver- Handlungen mit Deutschland in der Rcvarationsfragr vollkommen unterrichtet ist. Das Blatt schreibt über die Unterredung u. o.: Das Gerücht von der Bestellung von 500 Lokomotiven und 25 000 Eisenbahnwaggons ist nach dieser Erklärung darauf zurückzuführen, datz die französisckie Regierung bereit ist. statt der noch zurückzuliefernden 30 000 Eisenbabnwaggons neues, in Deutschland erbau res Material von französischem Typ, insgesamt etwa 6000 Eisenbahn- wasen anzrinebmen. Bindende Abmachungen über Deutschlands Lieferungen für den Wiederaufbau llnd noch nicht 0 ?.rroffen. Die deutschen Lieferungen sollen aus die ver- wusteten Gebiete beschränkt bleiben, damit der französischev Industrie ihre normalen Absatzmärkte nicht entzogen werden Der Gewährsmann des ..Journal industrielle" hebt in der weiteren Unterredung hervor, datz die englische Regierung entschlossen sei. die Wiedergutmachung durch d-"llche Lnfnungen anzunehmen. Di« Londoner Konferenz will mit den deuijchen Lieferungen ihre Kolonien und die neuen Mandatsgebiete ausstatten. Ein grotzer Teil der deutschen Erzeugnisse soll nach Mesopotamien geschickt werden. Die fra'izclliche Rr»iierung wird sich vorausllchtlich diesem Vorgehen onschlictzen. Frankreich würde dadurch stin Programm zur Ausstattung seines Kolonialreiches schneller verwirklichen als es sonst bei der ungünstigen F'nanzlag« möglich wäre. Die französische Industrie braucht sich deshalb nicht zu beunrubiaen. weil die Erschließung des Kolanialreiches die Entscheidung beschleunige, ob das Kolonial- und Schutzgebiet ernste Kunden der französischen Industrie werden können.
Einstellung der Ablieferung von Milchkühen.
Br. Berlin. 23. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Die Ab- liestning non Mitchkühen an die Entente ist vorläusig e i n g e st e l l t worden, da die Entente im Interesse der Volksernäbrung sich zunächst mit tragenden Kühen und Fersen begnügen will.
Das Telegramm der Interalliierten Kommission.
Dz. Paris. 23. Juli. v ((Eia. Drabtbericht) Wie der Scridoner Berichterstatter des „Petit Parillsn" berichtet, habe man llck: in England gefragt, ob der englische Text des bekannten Telegramms der interalliierten Kommission in Ovveln ülureinstimme mit dem französischen Text und ob nicht vielleicht ein Übersetzungsfehler vorliege. Diese Skrupel hätten die englische Regierung veranlaßt, eine Rückfrage nach Ovveln zu veranlassen. Die Antwort an? die franzölliche Rote werde wohl deshalb erst erfolgen. wenn eine Aufklärung erfolgt fei. Der Be- richtwfiatter glaubt allen Gnind zu der Annahme zu habe« datz. w>mn das Foreign Office und der Quai d'Orsay genügend über die Lage in Oberschsellen aufgeklärt seien, die britische Regierung trotzdem -an ihrem Standnunkt einer raschen Erledigung der oberschl-ssschen Frage festbalte und die Berechtigung der französischen Forderung nach Entsendung von Verstärkungen anerkennen werde.
Helgoland.
Br. Berlin. 23. Juli. (Eig. Drabtbericht.) Wie ver- loutet. stll die britische Admiralität der englischen Regierung eine Denkschrift bezüglich per Wiedergewinnung Helgolands für die britische Flotte eingereicht haben. Die Denkschrift umfotzt den Plan einer großzügigen maritimen Einkreisung Deutschlands. Dieser Tage traf im Zusammenhang mit diesen Plänen der Chefingenieur der hiitischen Admiralität in Helgoland ein der die Insel während eines dreitägigen Aufenthaltes bestchtigte. Wie weiter lnerzu verlautet, wird d-r englische Delegierte des Völkerbundes Fisber in der Sevtemberlltzung des Völkerbunds- rotes einen Antrag einbriagen. der bezweckt. Helgolnnd der Oberhoheit des deutschen Reiches zu entziehen.
Wie wir hierzu erfahren, ist an amtlicher deutscher Stelle ron den oben gemeldeten Tatsachen nichts bekannt, überdies wird die Meldung als höchst unglaubwürdig bezeichnet.
Englisch als Diplomatensprache.
D Paris, 23. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Di« englische Svrache wird wahrscheinlich die offizielle Sprache auf der Washingtoner Konferenz werden. Die 'amerikanische Regierung und besonders der Autzenminister Hughes legen den größten Wert darauf und wrdersetzen sich der Möglichkeit. datz die Verhandlungen wie in Dersailles in zwei Sprachen geführt werden. Dieser Umstand ist von grijLter Bedeuiung, denn er hat ,zur Folge, datz nur Leute in Betracht kommen,, di« die englische Svrache beherrschen. B r i a n d wurde von vornherein in Wegfall kommen. Denn stlbll mit Dolmetschern wäre er aegenüber einem Llosd George zu lehr beeintrackstigt.
