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Freitag. 22. Juli 1921.
Adend-Ausgabe.
Nr. 336. «> 69. Jahrgang.
Ae ItWMii I» Me» Wm.
Bon Dr. Richard Bahr (Berlin).
Za dem Jubiläumssommer vm 1913, der für die deutsche Bücherproduktion ewig ein Cchmerzensjahr bleiben wird, ließ Fürst Bülow zum ersten Male seine „Deutsche Politik" erscheinen. Gustav v. Schmoller hat das Buch den Meisterwerken des Staatsschrifttums beigesellt. Gar so überschwenglich wird man ftch nicht zu äußern brauchen. Schon damals hatte man nicht gerade die Empfindung, daß das Niegesagte hier offenbar würde, daß man gewissermaßen barhäuptig, ^uur mit dem Hut in der Hand, dem Verfasser nahen vMfe. Und als ein paar Jcchre später, inmitten des Weltkrieges, Bernhard von Bülow die Schrift zum zweitenmal auflegte, mit einigen Änderungen, die die verwandelten Zeitläufte geboten, war man am Ende noch etwas mehr ernüchtert. Diese „Deutsche Politik" war ja nie objektive Geschichte gewesen und war auch kein Memoirenwerk im hergebrachten Sinne. Sie war für Zeitgenossen und Nachfahren eine Rechtfertigungsschrift und was an ihr am meisten anzog, war vielleicht die Kunst der Darstellung und die Kultur der Sprache, die den geborenen Schriftsteller ksnnzeichneten.
Aber dieser mehr persönliche Reiz, der vielfach doch auch aus der Aktualität stammte, war im Kriegsjahr 1916 rm Verblassen. Das Blockexperiment, die Sozialdemokratie als Zentralproblem innerdeutscher Politik, die Methoden, in Friedensläuften das deutsche Volk zu regieren — das alles schien, da die Entscheidung über Sein oder Nichtsein näher zog. uns fern gerückt. Zn den Fragen auswärtiger Politik aber war schon die erste Auflage dürftig gewesen und die zweite war es, Wenngleich Anlaß und Zwang für manche Rücksicht indischen fortfielen, nicht minder. Nur die apologetische Absicht trat scharf hervor. Der Wunsch aufzuzeigen, daß des vierten Kanzlers Berechnungen und die Wege seiner Politik sich als richtig erwiesen und er keine Schuld trüge an dem blutigen Wahnwitz, in dem die Völker nun einander zerfleischten. Diesem Bernhard v. Bülow mochte wohl damals schon die Ahnung aufdämmern, daß man eines Tages ihn selber verantwortlich machen könnte. Das Buch freilich atmete starke Siegeszuversicht und in der Einleitung wurden gar, was ich nie ganz begriffen habe, in anideutenden Strichen gewisse Kriegsziele umrisien. Aber wenn mit den Fürsten unter vier Augen sprach, fand man. doch, daß ihn, wie alle ernsthaften Patrioten, bisiveilen bange Zweifel an dem glücklichen Gelingen quälten. Die Ahnung bat den Menschenbeobachter und Menschenkenner denn auch nicht betrogen. Kaum war der Zusammenbruch da, so wies man auf Bülow als den eigentlichen Urheber, der in jahrelanger Mißregierung, nach innen wie nach außen, dem Unheil den Weg be- rcitct hätte. Was, so lange noch ein Hoffnungsfunke zu glimmen schien, man weislich im Busen bewahrt hatte, ward nun in ein System gebracht und in die Welt hinausgeschrieu. Der also Beschuldigte aber hat seither öffentlich nicht mehr geantwortet. Oder doch nur einmal: damals, als er nach dem Erscheinen von Bethmann Hollwegs „Betrachtungen zum Weltkrieg" in einem Brief an den Leiter des „Hamburger Fremdenblatts" die Darstellung seines Nachfolgers über die Vorgeschichte der Katastrophe ablehnte und auf dessen Fatalitätstheorie, die gewohnte Freundlichkeit der Sitten verleugnend, das zornig harte Wort des Ersten Napoleon an wandte: „La ta tätlich l’excuse des maladroits et des incapables.“
Nun hat «in anderer statt feiner die Rechtfertigurrgs- schrist geschrieben, für die man angesichts der neuen und gehäuften Angriffe in der Umgebung des Fürsten em Bedürfnis empfinden konnte: Herr Dr. Wilhelm' Spickernagel, der -rm Alsterverlag in Hamburg einen schmächtigen, noch dazu mit allerhand Brief- und Nktenmaterial versehenen Band hat erscheinen lassen. Dieses Buch aber ist ein Fehlschlag. Was es beweisen will, läßt sich nämlich einstweilen gar nicht erweisen. So lange die Archiv« nicht ausnahmslos sich öffneten, wird auf eine bündige und schlechthin schlüssig« Art überhaupt nicht darzutun sein, ob wir unter der Kanzlerschaft des Fürsten Bülow gegen England eine richtige und unter Bethmann gegenRußland eine falsche Politik getrieben haben. Am wenigsten ist solcher Nachweis mit den Forschungsmethoden des Herrn Spicker- uagel zu erbring-n. Der arbeitet nach dem hergebrachten Schema der Doktordissertation. Nimmt sich ein paar Schriftsteller her, die Ihn verdrossen, bald den Freiherrn von Eckhardtstein, bald den Tübinger Historiker Joanne? Haller und sucht sie durch Zitate aus anderen Schriftstellern zu erschlagen. Wo das alles dann noch nicht ausreicht. stellt zur rechten Zeit das Sentiment sich ein. Bündnis oder auch nur ein« ehrliche Verftän- «tsmig mit England, erklärt Herr Svickernaüel. wäre
nicht möglich gewesen, weil dem die Volksstunmung jenseits des Finals sich widersetzt hätte. Von Rußland aber versichMd dieser profunde Kenner der östlichen Welt und iWk Probleme, daß Panslawismus und Neo- slcmvismus nur ohnmächtige Ünbeträchtlichkoiten bedeutet hätten neben dem russischen Hof und der nach »ne vor uns wohlgeneigten russischen Gesellschaft: »Fürst
Bülow erhielt nach der bosnischen Krisis von Ka-iler Nikolaus den Andreasorden mit Brillanten, den außer :hm kein anderer europäischer Staatsmann trug und bei seinem Scheiden ließ ihm der Zar durch den Minister des Äußern Jswolski fein lebhaftes Bedauern über seinen Rücktritt aussprechen." Ausgerechnet durch Herrn Jswolski, wäre man versucht auszurufen. Für Herrn Dr. Spickernagel ist die Bewegung in der gesamten slawischen Welt, diese unheimliche Rührigkeit, die zumal die letzten 1 y 2 Jahrzehnte vor dem Krieg erfüllte und bald in Petersburg und Prag, bald in Moskau, Belgrad und Laibach über Schlachtpläne brütet, offenbar ein Buch mit sieben Siegeln. Wem aber diese Dinge verschlossen blieben, der sollte sich füglich heute nicht mehr über die Schuld am Kriege vernehmen lassen, von dem nur eines sicher ist, daß in Deutschland niemand ihn gewollt hat.
Wie Bülows „Deutsche Politik" kein Geschichts- und kein Memoirenwerk ist, so ist auch die Arbeit von Wilhelm Spickernagel kein« rechtschaffene Biographie und keine nachschafsende Eharakterstudie. Ein einziges hübsches Wort stieß mir in dem Buch auf: Spickernagel nennt Bülow einen politischen Grandseigneur, der Zeit seines Lebens die für einen Staatsmann wichtige Kavalierperspektive besessen hätte. Das trifft so ziemlich ins Schwarze. Fürst Bülow ist immer noch, auch heute, einer der graziösesten Geister unter den lebenden Deutschen. Und darum verdiente er's nachgerade, daß eine ihm wesensverwandte Feder diesen lebhaften und zierlichen Geist einer Zeit nah« brächte, die zwar nicht die Lebhaftigkeit, wohl aber alle Grazie verlor!
Die Wirkung der Eisenbahnpreis- erhöhung.
W. T.-B. Berlin, 21 Juli. Amtlich Eine aus Düsseldorf datierte Nachricht der ..Zeit am Mittag" spricht von dem stark wachsenden Defizit bei den Eisenbahnen und lieht als Ursache dafür und kür die ständig znrnckgehen- den Leistungen der Eisenbahn die letzten Tariferhöhungen an. Die Nachricht ist n n z u t r e f f e n d. Es ist davon auszngehen. dah die im Dezember 1930 d'.ircb"^ fuhrte Reform des Tarisstistems und die am 1. Avril 1921 in Kraft getretenen Tariferhöhungen die Enterfrachten um annähernd 70 Prozeit gesteigert naben. Nach der Tariferhöhung sind die Einnahmen ins dem Güterverkehr im Avril jedoch nicht nur in diesem Umfange, sondern sogar um 80 Prozent gegen den gleichen Monat des Vorjahres g e - st i e g e n. Das bedeutet, hesoaoecs in Anbetracht der zahlreichen. im Hinblick auf die kommende Frachterböhung im März vorgenommenen Vorwegbeförderungen eine Steigerung des Verkehrs um etwa 10 Prozent. Der Monat Mai weist demgegenüber eine Steigerung der Verkebrsein- nabme um nur 51 Prozent auf. also in Wirklichkeit einen Verkehrsrückgang von annähernd 20 Prozent gegenüber dem des Vorjahres. Dieser Rückgang ist. soweit die bisher vorliegenden Meldungen erkennen lassen, auch im Juni noch l icht ausgeglichen. Die Grü:rds für das Nachlassen des Verkehrs sind in erster Linie neben der aUgemeinen Kon- junkturschwäckung in dem Ausfall des oberschlesischen Verkehrs und in den ständig fühlbarer werdenden Wirkungen der Sanktionen am Rhein zu suchen. Stark beeinfluht werden dir Verkehrsleistungen und infolgedessen die Einnahme auch durch den Fortfall der ll b e r - schichten im Ruhr revier.
Im Personenverkehr stiegen die Einnahmen nicht nur um das Mah der am 1. Juni ourchgeführten Tariferhöhungen. sondern weit darüber hinaus. Die Entwicklung des Reiseverkehrs ist zurzeit durchaus zufriedenstellend.
Im Haushaltsvoranschlag ist der Fehlbetrag der Eisenbahnen für 1921 auf etwa 0^ Milliarden geschätzt. Die inzwischen durchgeführte Erhöhung der Koblenvreise mutz ihn rm eine Anzahl von Hunderten von Millionen erhoben. Eine bestimmte Auh-rung über das finanzielle Ergebnis des Hausbaltjabres aozugebcn. i!t jedoch im übrigen letzt, nachdem erst drei Monate desselben verflossen sind, kein Sachverständiger imstande. Das Ergebnis wird von der Gestaltung ker politischen und wirksllxrftlichen Verhältnisse entscheidend leeinfluht. Jedenfalls ist aber bestimmt zu erwarten, dah per Fehlbetrag de; Jahres 192t ganz wesentlich hinter dem von 1829 zurütbleiben wird, ein Ergebnis, das in erster.Linie auch auf die Tariferhöhungen zu- rückrusübreu ist.
Erzberger.
W. T.-B. Berlin. 21. Juli. Die „München-Augsburger Abendzeitung" veröffentlicht eine auch in Berliner Zeitungen übergegangene Nachricht, daß der Reichstagsabgeordnete Erzberger vom Reichskanzler beauftragt worden sei, einen ausführlichen Plan für die bevorstehende Steuergesetzgebung auszuarbeiten und daß ihm zu diesem Zweck zwölf Sachverständige unterstellt worden seien. Diese Meldung ist völlig aus der Luft gegriffen. Es wird festgestellt, daß der Abgeordnete Erzberger von der Regierung keinerlei Auftrag zur Mitarbeit an der Steuergesetzgebung erhalten hat und daß mit ihm wegen eines solchen Auftrages niemals verhandelt wurde. ,
Der Streit ums Datum.
Die Verstimmung der letzten Tage zwischen Paris und London über die Behandlung der oberschlestschen Frage nimmt zu. Die englische Regierung besteht auf baldigster Entscheidung und will den Obersten Rat zum 28. Juli einberufen wissen. Hartnäckig lehnt Briand das ab. Die englische Note hat er postwendend mit der erneuten Forderung von Truppenverstärkungen uiro Einsetzung eines Sachverständigenausschusses beantwortet. Natürlich würden sowohl die angeforderten neuen Truppen wie der verlangte Sachverständigenaussch iß Tage und Wochen, vielleicht Monate brauchen, um die ihnen zugewiesenen Aufgaben in Oberschlesien erst zu erfüllen, ehe der Oberste Rat die endgültige Entschei- dustg treffen könnte.
Alle Berichte aus Oberschlesien stimmen in der Betonung der Gefahr eines neuen Polenputsches überein. Aber auch England kennt diese Gefahr. Die englische Politik drängt daher auf Beschleunigung der Entickrel- dung, weil sie „eine ernstliche Bedrohung des Weltfriedens" aus der gegenwärtigen Spannung befürchtet. Wahrscheinlich ist sie aber auch bestrebt, die oberschlesische Frage möglichst schnell aus der Welt zu fchaffm, um sich den großen Aufgaben ungehinderter widmen zu können, dis im nahen urü) fernen Orient auf die Tagesordnung gekommen sind. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß Lloyd George die Spannung zwischen London und Paris wegen Oberschlesien so schnell wie möglich beseitigen möchte, um in seiner Orientpolitit wieder mehr Verständiguygsmöglichkeiten mit Frankreich zu baben. Jedenfalls ist aus dem Drängen Englands auf Entscheidung noch keineswegs zu schließen, daß diese Entscheidung sicher günstig für Deutschland aussallen wird!
Die englisch-französischen Meinungsverschiedenheiten.
Dz. Paris, 22. Juli. Die französische Note au? die englische Antwort in der oberschlestschen Frage ist gestern abend durch den französischen Botschafter in London Lord Eurzen überreicht worden. Wie dem ..Tempo" mitgeteilt wird, bat Eurzon den englischen Standpunkt auf- rechterhalten, der darin besteht, erst die obers-chlesische Frage zu regeln und erst dann, wenn möglich. Truppen zu entsenden.
Dz. Paris, 22. Juli. (Havas.) Der Londoner Berichterstatter des „Petit Paristen" meldet, dag der französisch« Botschafter in London Lord Eurzon die Antwort Briands übergeben habe, deren Inhalt bekannt ist. Die umgehende Übersendung der Antwort sei ein Beweis dafür, dah man in London wie tn Paris die o b e r s ch l e s i s ch e Frage aus der Welt schaffen wolle, und auf diesen Punkt habe auch der französische Botschafter die Aufmerksamkeit Lord Eurzons gelenkt. Trotzdem sei nicht zu erwarten, dah sich die englische Regierung der sr.rnzösischen Tbese anschliehen werde, dies um so weniger, als eine hochgestellte Persönlichkeit den Londoner Vertreter des „Petit Paristen" habe wissen lassen, dah die Berichte Sir Harald Stuarts dahin gingen, das Dringendste sei die F e st - legung einer Grenzlinie, und wenn dieser Beschluh einmal gefaht sei. werde die Ruhe wieder einkebren.
Dz. London, 21. Juli. (Preh Association.) Lord Eurzon betonte in einer Vesvrechun« mit dem französischen Botschafter am Dienstag, dah. wenn die n ä ch st e Zusammenkunft des Ober ft en Rates entsprechend Briands Vorschlag erst im Herbst erfolgen sollte, es äuherst Mvieri« sein würde, die nötigen Vorbereitungen für die Washingtoner Konferenz zu treffen.
Dz. Paris, 22. Juli. Der „Petit Paristen" weist darauf hin. dah die Depesche der alliierten Regierungskommissare in Ovveln. von der gestern die Rede war. nicht in gleicher Weise ausgelegt wird. Nach der französischen Version haben die Kommissare sowohl die Ent- endung von neuen Verstärkungen als auch eine sofortige egelung der oberschlestschen Frage verlangt. Nach der englischen Verstau baben die alliierten Kommissare verlangt, entweder sofortige Regelung der oberschlestschen Frage oder Entsendung von Verstärkungen. Der „Petit Paristen" vertritt den Standpunkt, es gebe nur ein Mittel, diesen Kontrovers zu beenden, dah die Votschafterkon- f e r e n z den Text der Depesche veröffentlicht. Das Blatt glaubt, dah man alsdann der französischen Anregung Recht geben 'werde.
Dz. London, 22. Juli. In Erwiderung auf eine Anfrage im Unterhaus sagte Llovd George, er besttze keine nähere Angaben über die den indvstriellen Werken in Ober» schstsien durch den polnischen Aufstand zuaenigten Schäden. Die Frage solle vor einem besonderen Eerichishos untersucht werden, der seinerzeit Bericht erstatten werde.
Die alliierten Kommissare für Verstärkung der Streitkräfte.
Dz. London. 21. Juli. Di« „Morning Post" meldet: I» einer Mitteilung der alliierten Kommissare a» die BotschasterkonferenÄ. wird ausgefuhrt. dah. wenn dis oberlchlestsche Frage nicht sofort, vom Obersten Rat in Aw> griff genommen werde, dre alliierten Streitkräfte in Ober» stk-lesten von 20 000 auf 60 000 erhöht werden mühte«.
Die deutsche Antwortnote.
Dz. Berlin. 22. Juli. Das R e i ch s k a b i n ett hat sich gestern mit der Antwort auf die von dem französische« Botschafter Laurent dem Reichsminister Dr. Roirn in der oberfchlesjschen Frage gemachten Eröffnungen beschäftigt.
dah die Antwortnote noch einiger tatsächlicher
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Es stebe fest. ..
Ergänzungen bedürfe. Der Zeitpunkt
der Not» steh» daher noch nicht icü.
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