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Donnerstag, 21. Juli 1921.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 333. » 69. Jahrgang.

Amerika und Deutschland.

Ein dankbares Thema für eine Doktorarbsit, viel­leicht auch für eine Preisfrage, wäre, festzustellen, als was die politischen Beziehungen zwischen Amerika uild Deutschland zu bezeichnen sind, nachdem zwar die ame­rikanische Friedensresolution den Kriegszustand in reich­lich verschwommenen Worten für beendet erklärt, aber andererseits auch noch kein Schritt von der amerikani­schen Regierung unternommen wurde, um nun die Proklamation des Friedenszustandes herbeizuführen. Jedenfalls steht heute nur soviel fest, daß noch geraume Zeit vergehen wird, bis endlich auch ein Friedensver­trag zwischen Amerika und Deutschland znstande- gekommen sein wird, und es bleibt auch die Frage offen, ob der Entwurf des Staatssekretärs H u g h e s, d. h. der Vertrag von Versailles mit den amerikanischen Vorbehalten die Grundlage für die Verhandlungen bil­den oder ob noch eine andere Plattform gefunden wer­den wird.

Die amerikanischen Wirtschaftler verlieren nicht so­viel Zeit wie die Politiker. Amerikanische Missionen und führende Persönlichkeiten des amerikanischen Wirt­schaftslebens bereisen gerade in diesen Tagen Deutsch­land, um sich genau über die wirtschaftliche Lage der jungen Republik zu informieren, und der deutsche Außenminister Dr. Rosen hat letzthin, wie wir be­richtet haben, Vertreter der amerikanischen Zentral­handelskammern empfangen. Es ist sehr begreiflich, daß man in Amerika ein starkes Interesse an dom deutschen und darüber hinaus an dem mitteleuropäi­schen Markt hat, betrug doch die deutsche Einfuhr aus Amerika im Jahre 1913 nicht weniger als 1711,2 Mil­lionen Mark, gleich 15,9 Prozent der gesamten deut­schen Einfuhr. Man hat in den Vereinigten Staaten um so mehr Anlatz, das Interesse dem deutschen Markt zuzuwenden, als auch der Siegerftaat Amerika nicht von wirtschaftlichen Krisen verschont geblieben ist. Wie tief die Wirkungen dieser Krise find, dafür hat erst un­längst die „Chicago Tribüne" einige recht interessante Ziffern angegeben. Diese gewaltige amerikanische Wirtschaftskrise — zu ihrer Kennzeichnung sei nur an­geführt, datz es in den Vereinigten Staaten zurzeit nicht weniger als 4 Millionen Arbeitslose gibt — ist im wesentlichen eine Folge der durch den Krieg herbei­geführten Überindustrialisierung Amerikas und nicht zuletzt der durch den Versailler Vertrag herbeigeführten Störung des weltwirtschaftlichen Gleichgewichts. Im Kriege wurden die Vereinigten Staaten der Lieferant der Entente mit ihren ungeheuren Bedürfnissen, sowohl an Kriegsgerät wie auch an Mitteln zur Versorgung der Bevölkerung. Der Wert der Produktion der Ver­einigten Staaten hob sich von 24,2 Milliarden Dollar im Jahre 1914 auf 62.6 Milliarden Doller im Jahce 1919. Jetzt aber fehlt die Abflutzmöglichkeit für die so ungeheuer gesteigerte Produktion. Hindernd steht dem Warenabsatz mm vor allem auch die Valutaschwäche der besiegten Länder wie auch der neuentstandenen ost­europäischen Länder gegenüber: denn für die amerika­nischen Absatzmöglichkeiten reicht Deutschland natürlich bei weitem nicht aus. Die mit Rußland geführten Ver­handlungen zeigen denn auch, wie sehr Amerika be­müht ist, sich neue Auslandsmärkte zu erschließen.

Run haben sich aber auch für uns die Dinge geg-n früher stark verschoben. Deutschland ist ein armes Laad, das überdies noch der Entente tributpflichtig ist, ge­worden und es kann sich besonders bei dem Stand der deutschen Valuta nicht mehr den Luxus einer umfang­reichen Einfuhr von Fertigfabrikaten erlauben. Wir sind vielmehr darauf angewiesen, in erster Linie Fer­tigfabrikate, in denen Rutsche Arbeit steckt, cruszu- führen, wenn überhaupt die deutsche Wirtschaft gefun­den soll. Leider stoßen wir hierbei schon auf recht be­trächtliche Schwierigkeiten. Etwas anders liegen die Dinge für die Einfuhr von Rohstoffen. Aber auch hier sind die Schwierigkeiten gar nicht zu unterschätzen. Ein­mal ist es die Frage der Bezahlung und zum anderen darf man nicht außer Betracht lasten, daß auch die deutsche Industrie infolge der noch immer anhaltenden Wirtschaftskrise nur zu einem Teil beschäftigt ist.

In letzter Zeit tauchen nun Nachrichten auf, nach denen mit der Gewährung größerer amerikanischer Kredite zu rechnen ist. Es braucht wohl kaum betont zu werden, daß Deutschland solche Kredite nicht aus selbstloser Nächstenliebe, sondern aus sehr egoistischen Gründen zur Verfügung gestellt werden, aber man darf die Tatsache doch wohl als ein Zeichen dafür ansehen, daß Deutschland wieder den Anschluß an den Welt- bandel gewinnt und daß man das Vertrauen zu. uns nicht verloren hat. Wie weit es sich hierbei um laufende Robstoffkredite, die für die amerikanische Wirtschaft wichtige Absatzmöglichkeiten schaffen könnten, und wie weit es sich um Reparationskredite handelt, läßt, sich

vorerst freilich noch nicht genau sagen. So erfreulich natürlich eine solche Kreditgewährung in Deutschland empfunden werden würde, so darf sie doch auf der an­deren Seite nicht zu einer Vogel-Strauß-Politik führen. Mit Krediten kann — das scheint man einigen allzu optimistischen Seelen immer wieder predigen zu müssen — die Reparation nicht erfüllt werden; denn der Kredit bedeutet doch letzten Endes nichts anderes, als daß der Zeitpunkt für die Aufbringung der finanziellen Leistun­gen verschoben wird. Die Leistung ist mit dem Kredit nicht erledigt, sondern sie wird größer, da nun auch noch die Zinsen auszubringen sind. Diese Zinsen aber können nicht gering sein, denn der Geldgeber verleiht sein Geld auch nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern auch er will natürlich ein Geschäft machen.

Trotzdem wird man es natürlich mit Freuden be­grüßen, daß Deutschland wieder als kreditfähig be­trachtet wird. Aber man soll nicht verkennen, daß wir auf unsere eigene Kraft angewiesen bleiben, von un­seren Verpflichtungen wird uns nichts geschenkt und nichts erlasten. Den Besuch der amerikanischen Wirt­schaftler in Deutschland und Mitteleuropa aber darf man doch wohl als einen Beweis dafür ansehen, daß drüben das Verständnis wächst dafür, daß Amerika und Europa durch ein gemeinsames Band verbunden find, das man zwar vorübergehend wohl übersehen, niemals aber völlig ignorieren kann. Die Weltmärkte bilden nun einmal ein Ganzes, und man kann wohl, wie Keynes einmal ausfuhrte, Rastegemeinschcrsten leugnen, aber nicht die wirtschaftliche Gemeinschaft l

Amerika und die deutschen Reparations­schuldverschreibungen.

Dz. Paris. 19. Juli. Saoas meldet aus Washington: Senator L o d g e lieb in die amtlichen Dokumente des Kon­gresses einen Brief aufnehm-n. o.n Präsident Wilson im Lktober 1920 an Lloyd George richtete und in dem es beiht. die Vereinigten Staaten könnten den Vorschlag die englische Schuld bei Amerika zu annullieren oder auszu- tausckcn nicht in Betracht ziehen. Allem Anschein nach sei der Brief Wilsons die Antwort auf den Brief Llond Georges, der in der vorigen Wöbe in oer Finanzkommission des Se­nats mitgeteilt worden fei. Im Laufe der an diese Mit­teilung sich anschliehenden Debatte fragte der demokratische Senator R e e d. ob es noch andere derartige Korresponden­zen gebe, oder ob Verhandlungen über die Annahme der deutschenRevarationsschuldverschreibungen durch die amerikanische Regierung gepflogen seien. Darauf antwortete Senator Wadsworth, er erinnere sich keiner offiziellen Mitteilung über ein evtl. Abkommen zwischen England. Frankreich und den Vereinigten Staaten, demzu­folge die letzteren die deutschen Obligationen für die von Belgien bis zum Waffenstillstand entliehenen Summen in Zahlung nehmen wollten,

Amerika und die Mandate.

W. T.-B. Paris, 19. Juli. Wie der ..New Bork Serald" aus Washington meldet. erkannten die Alliierten das Recht der Vereinigten Staaten auf die M i t b e ft i m - mung in der Frage oer Mandate an. Es sollen Verhandlungen über die Mandatsfrage mit den Vereinigten Staaten ausgenommen werden. Bekanntlich bedeutet das unter anderem die Wiederaufrollung der Fragen des eng­lischen Mandats übor Mesopotamien und des java­nischen Mandats über die Insel B a v.

Gegen die Sanktionen. .

Bb. Ludwigshasen a. Rh., 20. Juli. Der Stadtrat von LuÄwigslxtsen bat auf Antrag verschiedener Fraktionen folgende Enischliehung angenommen:

„Der Sradtrat der Arbeiterstadt Ludwigshafen erkennt an. dah di« Reichsregierung durch die pünktliche Er­füllung der uns im Londoner Ultimatum auferlegtm Verpflichtungen alles getan bat, die Aufhebung der Sanktionen zu beschleunigen. Mit um so gröberer Enttäuschung stellt er aber fest, dah alle Beweise besten Willens bis zur Stunde ohne Erfolg geblieben sind. Dabei steigt unsere wirtschaftliche Rot aufs höchste: der Zu­

sammenbruch ist kaum noch aufzuhalten. Die Industrie, deren Lager überfüllt sind, bleibt ohne Aufträge. Betriebs­stillegungen muhten bereits eriolgen, neu: stehen unmittel­bar bevor. Der reelle Handel ist durch die lähmende Ver- kebrssoerre und durch schleppende Umständlichkeiten auf Schritt und Tritt gehemmt. Dazu wird die ohnehin schon unerträgliche Wohnungsnot in Ludwigshafen durch die Notwendigkeit der Unterbringung neuer, mit dem Vollzug der Sanktionen betrauter Organe aufs äuserste gesteigert. Überdies strömen durch das neu anfgerillene Loch im Westen dauernd unnütze Waren herein, drc Kaufkraft unseres Geldes vermindernd und wichtige Zweige unserer emcnen Wirtschaft gefährdend. Die Rückwirkungen der ge­drückten wirtschaftlichen Lage auf den Gewerbestans machen sich in empfindlichster Weise bemerkbar. Arbeitslosig­keit Teuerung und Massenelend «droben unser Land'und unsere Stadt. Der Stadtrat bittet daher die Reichsregiernng dringend, auch weiterhin unermüdlich mit allen Mitteln die Aufhebung der Sanktionen betreiben zu wollen."

Wechsel der englischen Besatzungstrupp-n.

Dz Köln, 20. Juli. Wie die „Cologne Post" meldet, kündigt ein vom britischen Kriegs amt erlassener Armeebefehl einen Wechsel in den englischen Besatzungs­truppen an. Die Bataillone, die die Rheinarmee ablösen.

koickmeu von den Leimatsstandorten nach Köln.

Bildung des Neichskuratoriums für WirLschaftlichLrit.

Br. Berlin, 20. Juli. (Erg. Drahtbericht.). Ster ward» unter Beteiligung von Vertretern der Industrie, des Hand­werks, der zuständigen Reichs- und Landesbehordsn und mm Parlamentariern das bereits seit einiger Zeit angetunoigre Reichskuratori.um für Wirtschaftlichkeittn Industrie und Handwerk gebildet. Dieses Institut macht es sich zur Aufgabe, die bisher mehr oder weniger zersplitterten, auf die Hebung der Wirtschaftlichkeit der industriellen und gewerblichen Produktion gerichteten Arbei­ten znjammenzufallen und weiter auszugestalien. -ern- geniäß will es die Bestrebungen zur Steigerung oer Pro­duktion in bezug auf Qualität und. Quantität und zur Herabminderung der technisch unbegründeten Verluste an Stoff und Arbeit auf allen Gebieten des industriellen und gewerblichen Schaffens in Wissenschaft und Praxis rn- sammenfasien, gegeneinander ausgleichen und ui die Vahmn unmittelbarer Wirksamkeit leiten. Getragen vom Reich». Wirtschaftsministerium lind von der Vereinigung führen­den technisch-wissenschaftlichen .Nörverschaften. ist es b.rmen. das zu verwirklichen, was in den^Programmieren der Minister und Parteiführer, in der Tages- und Fachpresse immer wieder als fachliche Forderung unoestritten von rech^s und links aufgestellt wird. Im Hinblick am unsere heutige wirtschaftliche Lage und die in den kommenden Jahren an UNS herantretenden ungeheuren Aufgaben, u,.d Anforde rungen sollen in jedem Industrie-^, und oandwerkszwelge diese Fragen bearbeitet werden. Eine Reihe aamhafwr technisch-wissenschaftlicher Körperschaften bat sich m b«i Dienst des Reichskuratoriums gestellt.> darunterder Normen, ansschuh der deutschen Industrie, der Ausschuß kur wirtschaft­liche Fertigung, die b-triebstechni'che Abteilung beim deut­schen Verband technisch - wissenschaftlicher Vereine, die Arbeitsgemeinschaft deutscher Vetiiebsingenieure. vre

Arbeitsgemeinschaft für Technik in der Landwirtschaft Verein deutscher Ingenieure, die deutsche Gesellschaft für Metallkunde, die deutsche Gesellschaft für Bauingenieurwefen die Hauptsielle für Wärmewrrtlchaft. der..deutsch« Ausschuh sür technisches Schulwesen, die Institute für Forderung des Handwerks. __

Ein Verbot des Reichswehrministers.

Br. Berlin, 20. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Das Reichs­wehrministerium hat folgende Verfügung erlanen. Am Grund des 8 37 des Wehrgesetzes verbiete ich den Soldaten (Offizieren. Unteroffizieren und Mannschaften) dw Zuge­hörig k v i t zum Reichswirrtichaftsverband deutscher .der­zeitiger und ehemaliger Berufssoldaten und zum deutschen Ofiisiersbund. Ich halte mich zu diesem Verbot aus grund­sätzlichen Erwägungen im Jnterene von Staat und. Wehr­macht verpflichtet, weil ich in der Art der Orgamisaffm und Betätigung dieser Verbände eine E e i a h r. f u r die Disziplin, die Kameradschaft und den. inneren Zu­sammenhang der Truppe erblicke, wenn auch den Bunden selbst wie ich gern anerkennen will, die Abucht. «Bwn; störend zu wirken, ferngelegen hat. Am etwaige Harten bei dem Ausscheiden der Soldaten aus den Wohliahrtsemrich- tungen dieser Verbände zu vermeiden, ermächtige ich die Webrkreiskommandeure und Marinestationschef;... für das Ausscheiden aus den Wohlfahrtseinrichtungen Übergangs­bestimmungen zu treffen nnd eZucke. mir über die Anord­nungen bis rum IS. August d. I. Bericht zu erstatten.

KriM am sozialdemokratischen Programmentwurf.

Br. Berlin. 20. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Im „Vor­wärts" veröffentlicht der frühere Reichsminister. Reichs- trgsabgeordneter Dr. Eduard DaviÄ, einen Artikel, m dem er dem sozialdemokratischen Programmentwurf zum Teil mit Spott, zum Teil mit Keulenschlagen zu Leibe gcyt. Gegenüber der Forderung aus Bollsoziallsieruns des ge­samten Heil- und Gesundheitswesens. al,o dem Verbm icher privaten ärztlichen Praxis, fragt er. warum man denn nicht auch logifcherweise die Sozialisierung der Rechtsanwalt­schaft und noch einiger anderer freier Berufe verlange. Ganz besonders scharf gebt er mit dem Agrarprogramm ,ns Gericht, das er fast in allen seinen Einzelheiten verdammt. Die Vergesellschaftung des Grund und Bodens bedeute doch wohl die Enteignung aller landwirtschaftlichen Besitzer und Eigentümer an Wohn- und Gartengrundstücken: mit dieser allgemeinen Bergesellschaftungsphrase drücke man dem Gegner eine furchtbare Keule in die Hand. Außerdem stehe diese Forderung in unversöhnlichem Widerspruch mit dem Reichssiedelungsgesetz. das von einem rein sozialiststchen Ministerium eingebracht und einmütig von den Fraktionen gebilligt worden sei. wie mit dem Reichshermstattengesetz. Auch andere Bestimmungen widersprächen dem Reichssieoe- luiigsgesetz. Die Sozialdemckratie mühte ihre ganze, poli­tische Macht im Gegenteil zugunsten der kleinen Landwirte einsetzen sür Sicherstellung des lebensläng­lichen Nutzunsseigentuins und das Recht der Vererbung auf Kinder und nabe Verwandte. Die allmähliche llbersuhrnng des Erohgrundbesitzes in eine genossenschaftliche. Detriebs- form also die Schaffung von Landarbefteroroduktivgenossen- schaften sei reiner Papiersozialismus. und ^gehöre in die Rumoelkammer. Ebenso .verfehlt sm di« eiarderung am Bildung von Zwangsgenossenschaften rur den Verkauf land­wirtschaftlicher Produkte Das ganze Aacarprogramm Tat Bauernpolitik gegen di« Bauern. Am -chlulle schlagt David vor das Agrarorogramm m Görlitz einer Sonderkommillion zu Überweisen. Schärfer als David batte weder, ein bürger­licher noch ein kommunistischer Politiker Kritik üben können.

Österreich u«d Italien.

Dr Wien, 20. Juli. Die Politische Korresvondenz meldet' Die österreichische Regierung hatte dem Grafen de la Torretta anlahlich seiner Ernennung zum italieni­schen Minister des Auhern ein Begrühungstelegramm ge­sandt. de la Torretta sandte darauf an den Bnndeskanzl'r eine Dantdevesche. in der er diesem versichert, dah die iialle- nifche Regierung trachten werde, nach Möglichkeit oas Werk A-ber wirtschaftlichen, WieLsrauirichtLirg Österreichs zu förderii.