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Mittwoch, 20. Juli 1921.

Morgen-Ausgabe »* *. 331.»s*. 3«^««*.

Memels Forderungen.

Im Gegensatz zu dem in Nr. 323 des Wiesb. Tagblatts vom 15. Juli erschienenen Artikel ..Ver­lorenes Land von Dr. Hans Westenberger wird in den folgenden, uns von einem sehr guten Kenner der memelländischen Verhältnisse .zugebenden Ausfüh­rungen versucht, oie Realpolitik der Memeler zu verteidigen.

Dieser Tage hat die Memeler Stadtverordnetenver­sammlung eine Entschließung angenommen und dem Oberkommissar mit der Bitte um Befürwortung bei der Botschasterkonferenz unterbreitet, daß die über­wiegende Mehrheit der memelländischen Bevölkerung den Wunsch hegt, das memelländische Volkstum in einem selbständigen Staatsgebilde zu erhalten. Damit ist der Wunsch zur Schaffung eines Freistaates Memel nach dem Vorbild Danzigs, der schon wiederholt, so non der Handelskammer und den Gewerkschaften, erhoben worden ist, noch einmal von der berufenen Vertretung der Memeler Bevölkerung zum Ausdruck gebracht worden.

Der Friedensvcrtvag sieht bekanntlich nur vor, daß Deutschland auf alle Rechte und Ansprüche auf das Memelgebiet verzichtet und legt das Schicksal dieses kleinen Landes mit seinen noch nicht einmal 150 0110 Einwohnern in die Hand der alliierten und assoziierten Mächte. Diese haben über das Schicksal Memels bis heute noch keine Entscheidung getroffen und vorerst steht das Gebiet, aus dem so ein „territoire de Memel“ geworden ist, unter französischer Verwaltung und ist von französischen Truppen besetzt. Die Litauer haben es von der deutschen Niederlage an bis zmn heutigen Tage nicht an Bemühungen fehlen lasten, um das Memelgebiet mit dem trefflichen natürlichen Hafen Memel zu erhalten. Sie haben eine großzügige Propaganda ins Werk gesetzt und sie sind bei diesen Bemühungen auch keineswegs davor zurückgeschreckt, der Wahrheit Gewalt anzutun und die Tatsachen auf den Kopf zu stellen, ebenso wenig wie man auf einen wirt­schaftlichen Druck Verzicht leistete

Die Lage der Bevölkerung des Memelgebietes war unter solchen Umständen nicht leicht. Völlig klar war man sich von Anfang an darüber, daß ein Anschluß an das wesensfremde Litauen mit seiner niedrigeren Kul­tur nicht in Frage kommen konnte. Das Memelland ist deutsch und fühlt deutsch und wenn es irgend eines Beweises dafür bedurft hätte, so hat ihn die Elternbeftagung gebracht, die auf großlitauisches Be­treiben hin von der Besatzungsmacht in den Schulen angeordnet wurde und die für die litauische Propaganda das niederschmetternde Ergebnis brachte, daß nur von 1.8 Prozent aller Schüler litauischer Lese- und Schreiü- unterricht gewünscht wurde. Vom Mutterlands Deutsch­land riß der Friedensvertrag das Memelgebiet und man hat sich sehr zeitig in Memel darüber informieren können, daß an eine Revision dieser Bestimmungen des Versailler Vertrages nicht zu denken 'sei. Interesse für das Memelgebiet zeigte nun auch noch Polen, dem natürlich ein solcher Zugang zum Meer willkommen sein mußte, zumal ja sein Bestreben dahin geht, sich Litauen als Föderatrvstaat anzugliedern. Mit der gleichen Energie wie den Anschluß an Litauen aber lehnt man im Memelgebiet auch ein Aufgehen im pol­nischen Staat ab. Wollte man in Memel Realpilirik treiben, so blieb überhaupt nur ein Ausweg: Der F r e i st a a t. Ganz unverständlich ist es. wie man in Deutschland den Memelläudern daraus einen Vorwurf machen konnte, und es ist im höchsten Grade bedauerlich, daß ein so angesehenes Blatt, wie die „Königsberger Hartungsche Zeitung“ gegen die Verfechter des Frei­staatgedankens eine längere Pressekampagne führen zu müssen glaubte, die alleMngs mit einer Niederlage des Königsberger Blattes endete. Ebenso unverständ­lich ist es, wenn jetzt die „Deutsche Tageszeitung“ wie- Syr meint d"v Memmlländern den guten Rat geben zu müssen, sich schleunigst mit Litauen 'auszusöhnen. um so die polnischen Pläne zu durchkreuzen. Ungeschickter kann kein Mensch operieren und die „Deutsche Tages­zeitung“ hat sich bereits einmal von dem führenden Organ im Memellande, dem „Memeler Dampfboot“, sagen lassen müssen, daß sie Memel an Litauen ver­schachern wolle. Anders und besser kann auch kaum die litauische Propaganda arbeiten, als es hier das Blatt tut. das sonst die nationale Gesinnung für sich allein reklamiert. Schön früher hat einmal der Deutsch- Litauische Heimatbund, der alle Volksklassen des Memel­landes umfaßt, auf derartige Preßangriffe geantwor­tet, Memel wolle nicht in dem kulturfremden litauischen Ctaatswesen aufgehen, und „da uns die Rückkehr zum alten Vaterlande verschlossen ist, wollen wir ein selb­ständiges Staatswesen bilden“.

Erfreulicherweise sind die Aussichten für die Frei- ttaatanhänger heute nicht ungünstig. Der vor kurzem

angenommene Etat des Memelgebietes hat den Nach­weis erbracht, daß finanziell bereits heute die Existenz eines Freistaates Memel gesichert ist. Der Etat ist um einiges günstiger als der des Freistaates Danzig. Einer solchen Beweisführung scheint man sich auch an anderen Stellen nicht verschließen zu können. „La Libre Parole“ hat unlängst erklärt, daß das Memelgebiet alle Aussicht habe, Freistaat zu werden, und daß dieser Wunsch der Bevölkerung berechtigt sei. Zn ähnlichem Sinne sprach sich sogar auch ein polnisches Blattlaus, das halbamtliche Warschauer Organ des Ministerpräsi­denten Witos, „Przeglad Weiczorny“. In einen: sehr ausführlichen Arftkel über die Memelftage betonte das polnische Blatt, die Memeler seien nie Litauer gewesen, sondern sie seien Deutsche, aber nicht so dumm wie die Hurrapatrioten von Danzig, d. h. die Rückkehr zu Deutschland zu betreiben. Memel müsse Freistaat wer­den, und das fei recht gut möglich, nachdem der letzte Staatshaushalt des Memelgebietes eine vollständige Balance aufweise. Zn engem wirtschaftlichen Zu­sammenhangs mit Polen könne Memel eine ungeahnte und ungeheure ökonomische Entwickelung erleben und ein internationaler Welthafen weiden. Diese sehr stark betonten wirtschaftlichen Znteressen Polens an Memel lassen natürlich eine Mahnung zur Vorsicht ge­raten erscheinen. Der neue Freistaat würde hier, zu­mal ja inrmer die Aussicht besteht, daß seine Grenzen mit denen Polens einmal zusammenstoßen, ein wach­sames Auge haben nriissen. Andererseits darf man aber auch nicht übersehen, daß tatsächlich die memel- ländische Holzindustrie schon im Frieden mehr als % ihres Holzes aus den jetzt polnisch-weißruthenffchen Ge­bieten bezog, und daß nicht nur auf seiten Memels ein Bedürfnis nach dem Holz, sondern auch auf seiten Polens ein Bedürfnis nach dem Absatz großer Holz­mengen für das Auslaß auf dem einzig möglichen und wirtschaftlichen Weg, dem Memelstrom, vorliegt. Eine Tatsache, die selbst von einem litauischen Blatt, der „Litauischen Rundschau“, anerkannt wird.

In den polnisch-litauischen Verhandlungen über Wilna, die unter dem Vorsitz Hymans in Brüssel, stattfanden, ist denn auch diese Frage und damit die Memelfrage gestreift worden und Hymans hat cmge- deutet, daß man den Alliierten nahelegen müsse, nun auch über das Schicksal Memels zu entscheiden. Dem­gegenüber fordern die Memelländer — und die Ent­schließung der Memeler Stadtverordnetenversammlung bringt das nochmals zum Ausdruck —, daß die Vot- schasterkonferenz nicht ohne Vertreter des Memel- gsbictes gehört zu haben, über das Schicksal Memels entscheiden soll, und daß ferner Vertreter des Landes zu allen solchen Verhandlungen zugezogen werden sollen. Das sind Forderungen, die im Zeitalter des Selbstbeftimmungsrechtes eigentlich selbstverständlich sind.

Die Bevölkerung des Memellandes will weder unter litauische noch unter polnische Herrschaft kommen, son­dern Herr im eigenen Hause bleiben und mit allen Nachbarn gute Handelsbeziehungen unterhalten. Völlige Selbständigleit ist und bleibt die Forderung der Memelländer!

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Dz. Memel. 19. Juli. Das „Memeler Dampfboot“, meldet: Die Führer sämtlicher großen Berufsgrup­pen des Memellandes übergaben dem Oberkommissar des Memelgebietes eine Entschließung mit der Bitte um Weiterleitung an die Botschafterkonferenz, in der erklärt wird, die überwiegende Mehrheit der memelländischen Bevölkerung wünsche, bas memelländi­sche Volkstum in einem selbständigen Staats- gebilde zu erhalten. Politisch wollte sie weder Litauen noch Polen zugeteilt werden, möchte aber ihre aufrichtige Bereitwilligkeit betonen, mit allen Nachbarländern Handelsverträge adzuschlietzcm. Sie sei bereit, Deutschland, Litauen, Polen und Lett­land die freie und ungehinderte Benutzung der Eisen­bahnen und Wasserstraßen und des Memeler Hafens einzuräumen. Der Oberkommissar erklärte bei Ent­gegennahme der Adresse, daß die Entscheidung allein bei der Botschafterkonferenz liege.

Ein internationaler Kongreß für Kinderfiirsorge.

Dz. Wien, 19. Juli. Heute fand hier ein von der Ge­sellschaft der Freunde eiuberufener internationaler Kongreß für Kinderfürsorge statt, zu dem die Vertreterinnen der her­vorragendsten Kinderfürsorge-Organisationen. darunter aus England, der Schweiz. Frankreich und Deutschland erschienen waren. Fr. Perlen (Deutschland) rollte den Arbeiten der oft —"- w - -- '

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internationalen Geistes lei Lader die wichtige Auigave aller Frauen.

Um Oberfchlssien.

Englands Stellung zur französischen Rote über Oberschlesien.

Dz. Paris. 19. Juli. (Drahtbericht.) Der London« Berichterstatter des „Petit Parrsten“ meldet: D« englische Regierung habe noch keine Stellung zur oberschlest- schen Note genommen. Es scheine, das Auswärtige Amt sei der Ansicht, die augenblickliche Lage rechtfertige die Ent­sendung von Verstärkungen. die die französische Negierung Vorschlag«, nicht. Ohne daß das Londoner Kabinett seinen Vorschlag zugunsten einer sofortigen Regelung der ober- schlesischen Frage aufgeben wolle, scheine es doch keineswegs die Absicht zu haben, auch nur eine Brigade Nach Ober- schlesien »u entsenden.

Der .IRatin“ glaubt, die englische Antwort über Ober­schlesien werde noch heute in Paris eintreffen. Erft dann könne man sagen, wann der Oberste Rat zusammen- treten weiche. Der „Matin“ bestätigt übrigens durch seinen Londoner Berichterstatter, die britischen Bebörden seien nicht geneigt, ihre Trnvvenmacht in Oberschlesien zu verstärken, da die Tatsachen, auf di« der französische Minister* präfchent in seiner Rote angespielt habe, nicht mit den opti­mistischen Berichten der englischen Vertreter übereiu- stimmten, die der englische Oberkommifsar in Oppeln er­halten habe.

Der diplomatische Vertreter der „Chicago Tribüne“ glaubt zu wissen, über die Entsendung einer vollen fran­zösischen Division zur Verstärkung des französischen Kon­tingents m Obrrfchlesien solle erst durch einen Kabriretts- beichluß entschieden werden. Man erfahre indesien. Frank­reich werde auf alle Fälle seine Truvven in Oberschlesien verstärken, ganz einerlei, ob die englAchen und italienischen Truppen auch Verstärkungen erhalten würden oder nicht.

Baumwolliesernngeu für Deutschland.

Häusern für eine Million Dollar Vaumwollge- schäfte abgeschlossen worden seien. Es handle sich dabei um den ersten Schritt eines außerordentlichen Baumwoll- krediSystems, durch welches die Baumwollzentrak« sin Europa von England nach Amerika verlegt werde. Dis jetzt batten englische Banken den deutschen Textilfirmea ausgiebige Kredite gewährt. Di« meisten Banken seien auch beute wieder dazu bereit, allein das Schwanken des Mark- kurses sei so stark, daß die deutschen Käufer von den in Bremen liegenden Vorräten nur geringe Quantitäten kauften und bar bezahlten. Der frühere amerikanische Schatzmiuifter B » r l e t o u stellte dann ein Kreditschema aus mit einer Gewinnverteilung »wischen amerikanischen Händlern und deutschen Fabrikanten. Der dentsche Käufer erhält 39 Tage bis 6 Monate Zahlungsfrist und soll dort kaufen können, wo der amerikanische Markt am günstigsten ist. Das jetzt abgeschlossene Geschäft kommt als Typus für künftige Verträge in Betracht. Die DarmstäÄer. Bank, die durch ihre Vermittlung das Geschäft finanzieren wird, kann in Mark oder in Dollar zahlen. Diese Bestimmung ist auf die großen Dollarkäufe der deutschen Regierung zurückzu- führen, die eine Stockung ans den Devisenmarkt zur Folge hatte. _

Ein Gegner der sozialistischen Einigung.

Br. Krefeld, 19. Juli. «Ein. Drahtbericht.) Daß noch nicht alle Blütenträume der Mehrheitsfozialdemokraterr hin- stchtlich der sozialistischen Einigung der Reife nahe stnd, be­weist eine unabhängige Versammlung in Kre­feld. in der kein geringerer als der Abg. Erisvien jeden Zusammenschluß der Unabhängigen und Mehrheitssozialtsten schroff ablehnte. Bisher sei darüber nicht verhandelt wor­den. und auch in Zukunft würden solch« Bestrebungen ganz ausstchtlos sein. Rechtssozialisten, wie Bauer und Grad- n a u e r. seien reaktionärer als Wirth. Vielleicht fordert nunmehr der „Vorwärts" den Kopf Crispiens. wie die ^Freiheit neulich die Köpfe von Haine. Noske, AÜWlst Müller und anderer gefordert hat.

Nach berühmten Rüstern.

Be. Karlsruhe, 19. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Vor der hiesigen Strafkammer fand dieser Tage ein Aufruhr - vrozeb statt. Dabei kam es zu einem Zwischenfall.

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munistisch« und sozialistische Ideen, wobei einer den Polt- zeibeamten ein „Pfui!" zurief und seine Mitangeklagten zu einem Hoch auf das Proletariat aufforderte, was diese auch sofort besorgten. Ein Zuhörer, der sich daran beteiligte, wurde von den Sicherheitrmannschaften abgeführt, drehte sich aber in der Tür noch einmal um und brachte ein Hoch aus die Weltrevolution aus. in das wiederum die Ange­klagten einfielen. Einer von ihnen wurde dafür in eine Ordnungsstrafe von drei Tagen Haft genommen. Hölz macht also offenbar Schul«, was recht angenehme Ausblicke für die Zukunft eröffnet. Es ist höchste Zeit, daß diesem Unfug energisch gesteuert wird.

Verhaftung eines Kommunistenführers in Stuttgart.

Bd. Stuttgart. 18. Juli. Gestern wurde hier der ans Halle a. d. S. von der Reichsregierung ausgewiesene öster­reichisch« Kommunist Dr. Stern, der sich unter dem falschen Namen Berger in Stuttgart aufhielt, samt seiner Frau verhastet. Dr. Stern sollte die Redaktion des Stuttgarter Kommunistenblattes übernehmen. Seine Fvam wurde inzwischen wieder freigelassen. Wegen der Verhak tung kündigen die Kommunisten auf morgen abend große Prote st Versammlungen an.

Landarbeiterstreik im Kreise Greifswald.

W. T.-B. Stettin, 18. Juli. Auf fünf Gütern des Kreises Grei^wald ist seit Freitag der Landarbeiterstreik im Gange. Di« Ernte ist dadurch gefährdet. Ern Besitzer ist am FreitciL-

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