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Dienstags 12. Juli 1921.

Abend-Ausgabe.

Nr. 318. ♦ 69. Jahrgang.

Weder Krieg noch Frieden.

Merkwürdig spät hat der Draht den Wortlaut der amerikanischen Fviedensresolution nach Deutschland übermittelt. Lieft man diese Friedensentschließnng mit ihren verschachtelten Sätzen, so wird man zu der Er­kenntnis kommen müssen, daß man in Amerika die Be- lurdigung des Kriegszustandes keineswegs um unserer schönen Augen oder um der Menschlichkeit willen her­beigeführt hat, sondern aus reinen Zweckmäßigkeits- gründen. War doch auch für die Ablehnung des Ver­trages von Versailles in Amerika nicht etwa die Er­kenntnis maßgebend, daß die Behandlung, die er Deutschland widerfahren läßt, ungerecht sei, sondern es gaben auch hier Rücksichten der amerikanischen Jnnen- und Außenpolitik den Ausschlag. Zn lesbares und verständliches Deutsch übertragen, besagen die Satz­ungeheuer der amerikanischen Friedensresolution vor allem, daß Amerika sich die Wahrnehmung aller Rechte oorbehält, die es aus Kriegs- und Friedensverträgsn abzuleiten für gut befindet. Das deutsche Eigentum behält Amerika solange ein, bis seine Ansprüche erfüllt sind. Ja, es werden nicht einmal die Verkehrsvor­schriften aufgehoben, die bislang gegen die Deutschen in Amerika bestanden halben. Jede Erleichterung be­darf eines neuen Kongreßbeschlusses. Schon daraus wird man ersehen können, daß sur Deutschland kein Grund besteht, die Dinge durch die rosenrote Brille zu betrachten. '

Überdies ist die Lage auch mkgenblickkich so. daß zwar durch die amerikanische Friedensentschließung, nachdem sie durch Präsident Hardi-ng unterzeichnst wor­den ist, der Kriegszustand zwischen Amerika und Deutschland beendet ist, daß aber andererseits bislang nichts geschehen ist, um einen regulären Friedens­zustand herbeizuführen. Präsident Harding hat cs Unterlasten, die Friedensresolution zu proklamieren und er hat auch offenbar nichts unternommen, um sie den amtlichen deutschen Stellen zur Kenntnis zu bringen, zur Herbeiführung einer ähnlichen öffentlichen oder amtlichen Verlautbarung. Es kommt nun alles dar­auf an, wie die Umsetzung in die Praxis erfolgen wird. Im Bereich der Möglichkeiten läge einmal der Abschluß eines Handelsvertrages mit Deutschland, andererseits könnte man den Friedensvertrag von Versailles über­nehmen oder aber man könnte auch über einen neuen Friedensvertrag verhandeln. So weit sich die Dinge jetzt übersehen lasten, scheint man einen Weg einzu­schlagen, der die beiden letztgenannten Möglichkeiten oerbindet, da man nämlich den Versailler Vertrag mit den verschiedensten ..amerikanischen Vorbehalten" zu­grunde legen wird. Der amerikanische Staatssekretär Hughes hat eine entsprechende „Bearbeitung" des Ver­sailler Vertrages vorgenommen, die — zur Charakte­ristik sei das angeführt — in amtlichen Pariser Krei­sen durchaus befriedigt hat. Es ist nach der Haltung der öffentlichen Meinung in Amerika selbstverständlich, daß der vom Völkerbund handelnde Teil des Friedens­oertrages sich nicht in dem Entwurf von Hughes fin­det. Im wesentlichen aber behält der Entwurf doch die für Deutschland wichtigsten Bestimmungen des Ver­sailler Vertrages bei, so die Artikel über den Prozeß gegen den Exkaiser und die anderen Kriegsbeschuldig­ten sowie sämtliche Bestimmungen über die Repara­tionen. Präsident Harding soll diesem Entwurf durch­aus wohl gesonnen sein, wenn er ihn auch nicht dem Senat vorlegen will, bevor er sich nicht der Zustimmung der verschiedenen republikanischen Gruppen versichert hat.

Nach alledem kann man kaum auf das baldige Zu­standekommen eines amerikanisch-deutschen Friedens rechnen, wenn auch der Kriegszustand beendet ist. Die Verhandlungen mit Deutschland, nicht minder aber auch die mit den Alliierten, werden naturgemäß nicht von heute auf morgen durchgeführt werden können, wo­bei auch noch immer die Eigenwilligkeit des amerika­nischen Sengte in Rechnung zu setzen ist. Ob unter diesen Umständen die von verschiedenen Blättern so oft erörterte Frage der Besetzung des Botschafterpostens in Dashington schon sobald spruchreif werden wird — zu­letzt riet man auf einen bekannten hervorragenden süd­deutschen Volkswirtschaftler (Luso Berntano?) — ist elso recht zweifelhaft. Die amerikanische Regierung scheint ihren bisherigen Geschäftsträger Dresel in Berlin belasten zu wollen und somit würde auch die deutsche Regierung nur einen Geschäftsträger oder Reichs- konrmistar nach Washington entsenden können. Die gouzeFrwge scheint uns trotz desRaums, sden verschiedene «lütter ihr immer widmen, doch eineAngelegenheit zwei­ten Ranges, die völlig zurücktritt, solange die Grund­lage. in welcher Form der Friedeuszustand zwischen Deutschland und Amerika wieder hergestellt wird, nicht schieden ist. . „

Auch wirtschaftlich sollte man nicht zu große Hoff­nungen auf den deutsch-amerikanischen Frieden setzen. Gewiß wird sich eine Reihe von privaten Geschäften jetzt leichter abwickeln, schwerlich aber wird die Kredit­gewährung über die private Finanzierung von Lebens­mitteln und Rohstofflieferungen hinausgehen. Nach dem Urteil aller Sachkenner ist nicht mit der Unter­bringung großer Valutaanleihen in Amerika zu rech­nen. Auch für den Warenexport darf vorerst nicht allzu viel erhofft werden. Der amerikanische Markt ist im Augenblick jedenfalls nicht besonders aufnahme­fähig durch die wirtschaftliche Krise, die zu einer Über­füllung aller Läger mit Fertigfabrikaten geführt hat. Wenn man natürlich auch alle Kräfte zur Besterung und Ausgestaltung der wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder einsetzen muß, so wäre es doch verhäng­nisvoll, wieder einmal alle Hoffnungen auf Amerika zu setzen. Deutschland ist auf sich allein angewiesen, es darf nur auf eins vertrauen, nur auf eins bauen: Auf die eigene Kraft!

Keine Zurückziehung der amerikanischen Truppen.

_ Bz. Washington, 12. Juli. Harms meldet: Im

Widerspruch zu den auswärts verbreiteten Gerüchten hat die Regierung der Vereinigten Staaten keinen Befehl zur Zurückziehung der amerikanischen Be­satzungstruppen am Rhein ertasten. .

Cuno lehnt den Washingtoner Botschafterposten ab.

Br. Hamburg, 12. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Ein Berliner Blatt hatte gemeldet, daß mit der Ernennung des Generaldirektors der Hamburg-Amerika-Linie, Ge­heimrat Cuno, zum Botschafter in Washington zu rechnen sei. Wie das „Hamburger Fremdenblatt" da­zu erfährt, ist es richtig, daß die Regierung mit Ge- heimvat Cuno über die Übernahme des Botschafter­postens in Washington verhandelt hat. Cuno hat aber auf die unüberwindlichen Schwierig­keiten hingewiesen, die aus dem Verlassen feines hiesigen Wirkungskreises entstehen würden.

Hardings Bemühungen zur Einschränkung der Rüstungen.

Uz. Paris, 11. Juli. (Havas.) Der Geschäftsträger der Vereinigten Staaten Norman Whitehouse stattete heute vormittag dem Außenministerium einen Besuch ab. In Abwesenheit Briands, der in der Kammer zurückgehalten war, wurde er von dem Ab­teilungsdirektor der politischen Abteilung Poretti della Rocca empfangen. Der Geschäftsträger wollte Fühlung nehmen über die Aufnahme der kürzlich er­gangenen Einladung des Präsidenten Harding z u einer Konferenz der alliierten und assoziierten Mächte in Washington zwecks Beratung der Frage der E i n f ch r ä n k u n g d e r R ü st u n g e n, der Frage des Stillen Ozeans und des fernen Ostens. Poretti della Rocca teilte diesen Schritt dem Ministerpräsidenten sofort nach dessen Rückkehr aus der Kammersitzung mit.

Ein neuer Teilungsplan für Ober- fchle^ien?

D. Paris. 12 Juli. (Eig. Drahtbericht.) Die ..Eurove Rouvelle veröffentlicht einen Teilungsvlan für Ober­schlesien. der von den Alliierten bereits angenommen sein soll und der sich in seinen wesentlichen Erundzügen der Sforza-Linie nähert. Danach soll Deutschland die zehn nörd­lichen und westlichen Kreise mit insgesamt 478 000 Ein­wohnern. ferner die Kreise Grob - Strelitz und Tar- n o w i tz mit 138 000 Einwohnern und Gleiwitz und Hindenburg mit 120 000 Einwohnern erhalten, während vie Kreise Be u t b e n. K a t t ow i tz. Königshütte Pleß und R y b ni k mit insgesamt 477 000 Einwohnern an Polen fallen sollen.

Die Pariser Reparationsverhandlungen

Dz. Paris, 12. Juli. (Havas.) Die deutschen und die französischen Sachverständigen traten gestern nachmittag 3 Uhr unter dem Vorsitz Loucheurs zusammen. Süssen» beimer brachte die Antwort der Berliner Re­gierung aus die französischen Vorschläge betr. der Repa­rationen und insbesondere der Lieferungszeiten der einzel­nen auf die deutsche Schuld während eines bestimmten Zeit­raumes zu verrechnenden Leistungen zur Kenntnis. Die Modalitäten der Ausführung dieses Programms der Zah­lungen in natura werden im Laufe der Besprechungen, die Zwischen den beiderseitigen Sachverständigen fortgesetzt werden und einen günstigen Verlaus zu nehmen scheinen, festgestellt. Diese Besprechungen begannen gestern sofort nach Schluß der Vollsitzung, die bis o'A 116 1 dauerte.

Rach einer weiteren Havas-Meldung nahmen an der Sitzung, in der E u g g e n h e i m e r die Instruktionen des deutschen Wiedemusbauministers mitteilte, auf deutscher Seite noch Unterstaatssekretär Bergmann, ferner der Vorsitzende der deutschen Kriegslastenkommission Mayer, sowie zwei wettere Sachverständige teil, unter den franzö­sischen Sachverständigen befanden sich S e y d o u x. Inn» nerv, Cheysson und Petsch. Die deutschen Sachver­ständigen sollen nach Havas den Wunsch der Berliner Re­gierung zuni Ausdruck gebracht haben, rasch zu einer Rege­lung der Frage der Lieferungen in natura zu kommen. Lcucheur habe erklärt, daß er diesen Standpunkt teile, daß aber die neuen Vorschläge, die Rathenau nach Paris habe übeibringen lasten, erst in ihrer Tragweite geprüft werden müßten, durch die Sachverständigen, die sich darin teilen, und direkt mit den deutschen Sachverständigen über bestimmte Thematas sich in Verbindung setzen würden.

Eine Vollversammlung wird voraussichtlich am Mittwoch vormittag stattfinden. und es ist nach Havas wahrscheinlich, daß man alsdann in der Lage sein wird, die bei diesen Be­sprechungen erzielten Evgebniste zu werten.

Übergabe der Schuldverschreibungen über 12 Milliarden Goldmark an den Reparationsansschuß.

Dz. Berlin, 12. Juli. Gemäß Artikel 2a des Zahlungs- vlanes des Reyarationsausschusses vom 5. Mai ist Deutsch­land verpilichtet, dem Ausschuß bis zum 1. August Schuld­verschreibungen über 12 Milliarden Eoldmark als Ersatz für die Schuldverschreibungen auszubändigen, welche auf Grund des 8 12o Anlage 2 Teil VIII des Friedensvertrages von Versailles bereits übergeben sind oder noch übergeben werden müssen. In Erfüllung dieser Verpflichtung wurde dem Repamtionsausschuß zum 1. Juli durch die Kriegs­lastenkommission eine Schuld everschreibung über­geben. deren wichtigste Bestimmungen sind:

Das Deutsche Reich schuldet dem Inhaber dieser Schuld­verschreibung 12 Milliarden Mark in Gold in dem ain 1. 1. 1914 gesetzlich bestimmt gewesenen Gewicht und Fein­gehalt. Diese Schuldverschreibung wird in Mark in Gold vom 1. Mai ab mit 5 Prozent ihres gesamten Nennbetrages verzinst und ab 1. Mai jährlich mit 1 Prczent der durch Tilgvng ersparten Zinsen durch Rückzahlung zum Nennwert getilgt. Unbeschadet der Bestimmungen 248 und 251 des Vertrages von Versailles haften für die Schuldverschrei­bung der gesamte Besitz und alle Einnahme­quellen des Deutschen Reiches und der deutschen Staaten an erster Stelle. Insbesondere ist der Zins- und Tilgungs­dienst durch die jährlich von Deutschland gemäß Art. 4 des Zahlungsplanes zu bewirkenden Zahlungen sichergestellt.

Als Sicherbeit für diese Zahlungen bestimmt die deutsche Regierung an erster Stelle:

a) die Erträgnisse aller deutschen See- und Land­zölle, insbesondere aller Aus- und Einfuhrabgaben,

d) die Erträgnisse aus der Abgabe von 25 Pro­zent auf den Wert der gesamten deutschen Ausfuhr, die nicht bereits einer anderweitig auferlegten gleichen oder höheren Abgabe unterworfen sind,

o) die Erträgnisse derjenigen direkten oder indirekten Steuern oder irgend welcher sonstiger Fonds, die von der deutschen Regierung vorgeschlagen und von dem gemäß Art. 6 des Zahlungsplanes gebildeten. Earanttekomitee in Ergänzung oder als Ersatz für die oben unter a und b ge­nannten Fonds angenommen werden.

Die Schuldverschreibung ist setzt und künftig befreit von allen deutschen Steuern und Lasten aller Art. Das Deutsche Reich wird auf Verlangen des Inhabers und des Revara- tionsausschusses im Austausch gegen diese Schuldverschrei­bung kostenlos mit Zinsschein ausgestattete Teilschuld­verschreibungen von gleichem Nennwert (abzüglich etwa schon getilgter Beträge ausgeben. Die Form, der Inhalt, der Betrag, der Zahlungsort und die Währung, in welcher die Zahlungen zu erfolgen haben, werden vom Re- paratiensausschuß bestimmt.

Weitere Terrorakte der Polen.

Dz. Berlin. 12. Juli. Aus allen Kreisen Oberschlesiens, namentlich des Industriegebiet;s. werden den Blättern zu­folge wieder zahlreiche Terrorakte gemeldet. — Die deutschen Flüchtlinge kehren mit ihren Familien zu Hunderten in die Städte Beuthen. Gleiwitz und Kattowitz zurück. Da die meisten Orte noch ohne interalliierte Be­setzung sind, sind Mißhandlungen. Verschleppungen und Be­drohungen Deutscher an der Tagesordnung. Bei N e u h o f im Kreise Ratibor fand ein Gefecht polnischer Insurgenten mit Ortswehr statt, wobei fünf Polen erschossen wurden.

Blättermeldungen aus Danzig zufolge verüben die in Posen eingetroffenen polnischen Insurgenten aus Oberschle- sien Gewalttätigkeiten gegen die deutsche und die jüdische Bevölkerung. In Jarotschin wur­den eine Anzahl Familien zur Fluchc gezwungen.

Gespannte Lage in Oppeln.

Dz. Oppeln. 12. Juli. Die Lage in Ovveln ist ge­spannt. Polnische Avo-Beamte. die zurückgekehrt sind, ge­rieten in Konflikt mit deutschen Flüchtlingen. Bei einer Razzia aus nachts herumtreibendr Frauen, die von der Apo abgebalten wurde, erhielten zwei grauen und ein Franzose aus der Flucht Verletzungen durch Schüsse. Die Franzosen ziehe v Verstärkungen betau. Der Sekretär Kortant« m Ovveln wurde »von Uvdckamrten deläiüst.

Stillegungen «ich Betriebseinschränkungen im Bezirk Düsseldorf.

Dz. Berlin, 12. Juli. Blättermeldungen aus Bochum zufolge wurden infolge der Entente-Zwangsmaßnabmen am Rbein bis Ende Mai bei der Düsseldorfer Regierung bereits 62 Stillegungen u. Betriebseinfchränkungen gemeldet: in der Zeit vom 1. Mai bis 24. Juni folgte die Stillegung bezw. Betriebseinschränknng von wetteren 27 Be­trieben. Von 500 000 Arbeitern im Düsseldorfer Bezirk waren etwa 200 000 mit verkürzter Arbeitszeit beschäftigt. In verschiedenen Industrien sind Betriebsrückgänge bis zu 66 Prozent zu verzeichnen.

Der Jahrestag der ostprenßikchen Abstimmung.

Br. Berlin 12. Juli. (Eigener Drnhtbericht.) Anläß­lich des Jabrestags der ost- und westvreußischen Abftiminung fand bier eine große Versammlung statt. In einer Entschließung wurde für das Memelgebiet die politische Selbständigkeit aus Grund einer Volksbefragung, fer- m t ein ungeteiltes Obenan fiten gefordert.

Dz. Maricnburg. 1t. Juli. Unter Beteiligung der ge­samten Bevölkerung des Abstimmungsgebtetes fand hier ein glänzend verlaufener Gedenktag der siegreichen Abstim­mung vom 11. Jnlt vorigen Jahres statt, an der auch dort

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