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Freitag, 8. Juli 1921.
Abend-Ausgabe.
Nr. 312. ♦ 69. Jahrgang.
Reichstagsferien.
Der Reichstag ist am Donnerstag in längere Sommerfemen gegangen. Er wird im September nur auf wenige Tage wieder zurückkehren. um die bis dahin fertigen Steuergesetze der Reichsregierung in erster Lesung zu beraten und sie den Steuerausschüssen zur weiteren Bearbeitung zu überweisen. Von dieser kurzen Ferienunterbrechung abgesehen, wird die Sommerpause bis in den Oktober hinein dauern. Voraussetzung dabei ist natürlich, daß nicht inner- oder außenpolitische Zwischenfälle neue unvorhergesehene Sitzungen nötig machen. Die Sommertagung war reich an Arbeit und noch reicher an Verantwortlichkeit der Volksboten. Die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung des Ultimatums war der Höhepunkt dieser Tagung. Die Kämpfe um das Für und Wider zittern heute noch im Volke und im Reichstag selbst nach. Bis in die letzten Tage hinein ist von den einen behauptet worden, die Erfüllung der eingogangenen Verpflichtungen sei ganz unmöglich, während die anderen erklären, daß mindestens für 2 Jahre den unmenschlichen Forderungen Genüge geschehen könne. Solange sich die Urteile noch so schroff gegenüberstehen, ist es zwecklos, das Für und Wider noch einmal rückschauend zu beleuchten. Nur das eine läßt sich heute schon feststellen, daß der nächste Erfolg der Annahme des Ultimatums eine Entspannung der auswärtigen Lage gebracht hat, wie sie selbst Optimisten nicht erwartet haben. Wenn die Richtigkeit politischer Entscheidungen nur nach dem Erfolg beurteilt wird, so war also bis zu den Sommer- fsvien die Reichstagsentscheidung vom 10. Mai richtig.
Allerdings vorerst nur bis zu den Sommerferien. Denn in den kommenden Monaten kann sich erst zeigen, ob die Worte vom Fair plav und von „Derständi- gungs- und Versöhnungspolitik", die in London und Paris gefallen sind, mehr als Worte waren. Die Entscheidung über Oberschlesien und die Aufhebung der Sanktionen steht noch bevor. Unter dem Druck dieser kommenden Entscheidungen sind die Abgeordneten in die Ferien gefahren.
' Niemand wird ihnen bestreiten wollen, daß sie äußerst fleißig.gearbeitet haben. Eine Fülle von Gesetzen ist wiederum verabschiedet öder doch vorberaten worden, so daß dem einfachen Staatsbürger die Übersicht gar nicht mehr möglich war. Im Reichstag bedeutete diese Tatsache ein angestrengtes Arbeiten in den Ausschüssen, in den Fraktionszimmern und im Plenum, wie es vom Parlamentarismus des neuen Deutschlands untrennbar zu fein scheint. An Wirklichkeit kommt aber ein gut Teil Hast und Arbeitsüberlastung daher, daß es immer noch nicht gelungen ist, eine enge Fühlungnahme zwischen Regierung und Parlament herzustellen, die eine Arbeitsteilung auf lange Sicht und eine planmäßige Vorbereitung ermöglichte. Dringende Erfordernisse der inneren Politik und ablaufende Fristen in der auswärtigen Politik verlangten immer wieder stürmisch Unterbrechung der laufenden Arbeit und plötzliche Eesetzmacherei zu ganz bestimmten Zwecken. Der Ausschuß der Regierungsparteien hat zwar versucht, etwas Ordnung in den Är- beitsplan zu bringen, aber sowohl er wie der Rsichs- tagspräsident Loebe waren häufig außerstande, dem unregelmäßigen Laus der Dinge Einhalt p tun.
Ein gut Teil Schuld trugen freilich auch die Abgeordneten selbst. Trotz aller eindringlichen Mahnungen konnte die Vielrederei nicht eingedämmt werden, und immer wieder litten fachliche Auseinandersetzungen unter breitem parteipolitischem Gezänk. In der abgelaufenen Session ist es zum erstenmal zu Tätlichkeiten im Reichstagssitzungssaal gekommen, ein Tiefstand des parlamentarischen Lebens, der überaus bedauerlich bleibt. Wenn aber die Oppositionsparteien diesen Umstand ausnützen, um den Parlamentarismus herabzusetzen, so haben sie dazu nicht das mindeste Recht. Denn gerade die Opposition, sowohl auf der äußersten Rechten wie auf der äußersten Linken, hat es durch Häufung von Interpellationen, Hervorhebung parteipolitischer Gegensätze, leidenschaftliche Zwischenrufe und anderes Gezänk verschuldet, daß so manche Reichstagssitzung unfruchtbar verlief. Es war häufig so. als ob nicht kühler Verstand, sondern leidenschaftliche Erregung den Ausschlag gäbe.
Darin ist übrigens der Reichstag nur ein Spiegelbild der politischen Bewegung im Lande. Auch unter dm Wählern spielt die leidenschaftliche Erregung ein« viel bedeutsamere Rolle als die abwägende Einsicht. Die Kundgebung des aus Oberschlesien zurückkehrenden Selbstschutzes im Breslauer Hauptbcchnhofsgebäude und die Demonstrationen am Schluß des Prozesses Stenger vor dem Leipziger'Reichsgericht haben erst in dm letzten Tagen wieder bezeugt, rote hemmmngslos
sich weite Teile des deutschen Volkes ihrm politischen Gefühlen hingeben, ohne Rücksicht auf die schwerwiegenden Folgen, die dieses Verhalten auf die innere und äußere Politik haben muß. Denn den Franzosen werden auf diese Weise immer neue Vorwände ge- lrefert, um die Sanktionen aufrechtzuerhalten und die Entscheidung über Oberschlesien hinauszuzögern. Soll es im Volk und unter den Abgeordneten in Zukunft besser werden, so muß politische Überlegung an die Stelle aufgeregter Leidenschaft treten und das Gefühl rm Zaum gehaltm werden. Mögen die Sommerserien dazu mithelfen!
Die letzte Sitzung.
Berlin, 7. Juli. (ffig. Drabtbericht.) Die letzte Sitzung
^kierven der Privatnotenbanken (Verbot des Goldankaufs) und das lettisch-russische Ergänzungsabkommen über Heimsendung der beiderseitigen Kriegsgefangenen und der Zivil- mtermerten wurden in zweiter und dritter Lesung ohne Er- orterung erledigt. Es folgte die zweite Beratung des Ge- ntwurfes. der die Bekanntmachung des Bundesrates vom 18. August, 1917 über Errichtung von Betriebsverbanden in der Binnenschiffahrt aufbebt und be- itrmmt. daß durch Entscheidung der Mehrheit der Stimmberechtigten Kleinschrffahrtsverbände als Zwangsorgani- lalronen errichtet werden können. Es gelang dem Unabhängigen Dr. Cohn dadurch, daß er Widerspruch gegen die 3. Vesung erhob, das Zustandekommen des Gesetzes noch vor den tlrerren zu verhindern. Bei der dritten Lesung des Eeietzent- Wurfes über anderweitige Festsetzung der Leistungen und der Beitrage in der Invalidenversicherung haben die Unabhängigen erneut eine Anzahl Anträge eingebracht, und der Unabhängige Karsten begründete diese. Selbstverständlich wurde der Gesetzentwurf in der Form der zwei- len Leiung unter Ablehnung der Anträge angenommen. Ähnliches spielte sich bei der dritten Lesung des Gesetzes über W och e n de ih i l f« n und Wochenfürsorge ab. wo die Unabhängigen dasselbe Spiel wiederholten, und eine Rede de: Frau Agnes (Unab.) brachte weibliche Abgeordnete fast aller Parteien auf die Rednertribüne. Die Abstimmung über dieses Gesetz wurde aufgehoben, bis die Anträge der Unabhängigen gedruckt vorliegen. Dann erledigte der Reichstag schriftliche Anträge und lehnte die Strafverfolgung des Kommunisten S ö l I e i n wegen Vergehens Se«en 8 ,130 des Strafgesetzbuches und des deutsch nationalen Abg Korner wegen Beleidigung ab.
Die folgenden vier Punkte der Tagesordnung wurden gemeinsam behandelt. Es waren dies die Gesetzentwürfe über den Ersatz der durch die Abtretung deutscher Reichsgebiete entstandenen Schäden (Verdrängungsschädengesetz 1. der Gesetzentwurf über den Ersatz von Kriegsschäden in den ehemaligen deutschen Schutzgebieten (Kolonialschadengesetz), den Gesetzentwurfs über den Ersatz von Kriegsschäden im Ausland (Auslandsschadengesetz) uiü> der Gesetzentwurf über dre Versah ung und das Verfahren der Behörden zur Festsetzung von Entschädigungen und Vergütungen für Schäden aus Anlaß des Krieges und des FriedensMusses (EnMä- dlgungsordnung). Der Abg. Riedmüller (Soz.) gab erne Erklärung ab. daß die Parteien den Gesetzentwürfen zustimmen werden. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß diese Gesetze segensreich wirken mögen. Die Unabhängigen um> Kommunisten wußten auch nicht viel gegen die Gesetze zu sagen und in der Endabstimmung wurden sie in zweiter und dritter Lesung angenommen. Bei dieser Abstimmung kam es zu einem Hammelsprung. denn es stellte sich heraus, daß das Saus wider alles Erwarten nicht beschlußfähig ist. die dann vorgenommene Abstimmung über dasWochende i hi l f ege setz ergab ebenfalls in dritter Lesung die Annahme des Gesetzes. Nachdem der Entwurf eines Gesetzes über lws Re,chswirtschaftsgericht dem Rechtsaus- schuß überwiesen worden war. ging man zum Bericht des Ausschusses für Volkswirtschaft, betr. Anträge zur Er
kung und nach gemeinvolkswirtschaftlichen Maßnahmen. Als Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit werden vorgeschlagen Unterstützung einer großzügigen Si-delungsvolitik. Anlernling städtischer Arbeiter zu landwirtschaftlicher und gärtnerischer Arbeit, Forderung der Meliorationen. Moorkultur Förderung des Baugewerbes. Bekämpfung und Senkung der hohen Preise der Baustoffe. Förderung der Kanalbauten und überhaupt sofortige Inangriffnahme sämtlicher öffentlichen Arbeiten in weitem Umfange. Schließlich wurden die Ansschußanträge unter Ablehnung aller anderen Anträge angenommen. Die von allen Parteien eingebrachte Änderung des Diätengesetzes wurde ohne Erörterung in allen drei Lesungen angenommen. Es folgen die Ansführungsbestimmnnsen zum Besoldungsgesetz, die nach den Beschlüssen der Kommission angenommen wurden. Der Antrag aus Gleichstellung der Frauen in der Justiz, die der Ausschuß abgelehnt batte, wurde auf Vorschlag der Berichterstatterin Frau Dr. Wurm (Unab.). und nach Rücksprache mit sämtlichen Parteien von der Tagesordnung abgesetzt. Eine große Reibe von Petitionen würben ohne Aussprache nach den Anträgen der verschiedenen Ausschüsse er- lrdigt. Das auf der Tagesordnung stehende Brannt- weiinmonovolgesetz wurde auf Vorschlag deö Präsidenten von der Tagesordnung abgesetzt. Für das noch auf der Taaesordnung stehende Schulgesetz zur Ausführung des Artikel« 146 Abs. 2 der Reicktsverfassung schlug der Präsident Überweisung an den Bildungsousschuß vor. Nach kurzer Geschäftsordnuvgsdebatte wurde auch dieses Gesetz von der Taaesordnung abgesetzt. Damit war die Tagesordnung er- erschöpft.
Die Tagung fand einen würdigen Abschluß in einer Erklärung des Präsidenten Löbe. die hier wörtlich mitgeteilt sei: Der Ältestenausschuß schlägt den Wiederzusammentritt
am Dienstag, den 6. September, nachmittags 3 Uhr. zur Beratung. der SteueraÄetze vor. bittet aber, fall» die Steuer
gesetzt das nicht zugeben, den Tag ändern zn können und auch wertere Gegenstände auf die Tagesordnung setzen zu surfen, sowie den Präsidenten zu ermächtigen, auch früher den Reichstag einzuberufen, wenn außenpolitische oder muerpolitrsche Ereignisse es notwendig machen. In der Zeu der Reichstagsferien wird voraussichtlich die Ent- i che r d mt g über das Schicksal Oberschlesiens fallen. Furchtbare Leiden haben unsere Landsleute durchgemacht. Wir wünschen alle von Herzen, daß diesen Leiden em Ende gemacht wird. Wir hoffen, daß diese Entscheidung fallt auf Grund des Rechts, das die oberschlesische Abstimmung vor aller Welt dargetan hat (die Mitglieder des vauses erheben sich) und daß nach der völkerrechtlichen Selbstbestimmung der Völker Oberschlesien beim Deutschen Reiche verbleibt. Wir haben heute eine Anzahl Gesetze an- genommen. die die Wunden des Krieges heilen sollen. Wir wünschen, daß den vertriebenen, geflüchteten und ausge- wiefenen Landsleuten es möglich sein möge, sich eine neue Existenz zu gründen und daß ihre Arbeit der deutschen Volksgemeinschaft zugute kommt. Damit sind unsere Arbeiten erledigt. Ich schließe die Sitzung und wünsche Ihne» eme gute Erholung.
Das Kapitalfluchtgesetz.
V. D.-S. Berlin, 7. Juli. Am 28. Juni verabschiedete der Reichstag ein Gesetz, nach welchem sich die Geltungsdauer des Kapitalfluchtgesetzes bis zum 1. Januar 19 2 2 erstreckt. Im Artikel 2 des Gesetzes ist bestimmt, daß es mit Wirkung vom 1. Juli in Kraft tritt. Die Vorschriften des Kavitalfluchtgesetzes bleiben dadurch weiterhin in Geltung. Eine Unterbrechung in den Rechtswirkungen der Vorschriften über die Kapitalflucht ist dadurch nicht eiu» getreten.
Das Rennwettgesetz.
tö.D.-R. Berlin, 7. Juli. Der Entwurf eines neuen Rennwettgefetzes. das staatlich konzessionierte Buchmacher vorsieht, ist dem Reichswirtschaftsrat zur Begutachtung vorgelegt worden. Der Entwurf bestimmt, daß eine Erlaubnis zum Buchmachen von der Landesbebörde eingeholt werden muß. Das Gesetz enthält Bestimmungen über die Ausgestaltung des Wettscheins. Sind die Wettscheine und das Wettbuch in Ordnung, so wird die Wette einklagbar. Wilde Buchmacher werden mit Gefängnis bis zu zwei Jahren und einer Geldstrafe bis zu 100 000 Mark bestraft. Wer bei wilden Buchmachern wettet, kann zu einer Geldstrafe bis zu 10 000 Mark bestraft werden. Das gewerbsmäßige Verbreiten von Tios (Voraussagen) wird mit einer Geldstrafe bis zu 10 000 Mark belegt. Buchmacher» wetten unterliegen einer zehnvrozentigen Steuer.
Zur Förderung der Leibesübungen.
Br. (Berlin, 8. Juli. (Eig. Drabtbericht.) Im Bittschriftenausschuß des Reichstages wurde gestern eine Eingabe des Reichsausschusses zur Förderung der Leibesübungen verbandest. Cs wird darin ein Neichsgefetz zur Regelung der Svielvlatzfrage gefordert. Als Inhalt des Gesetzes wünscht man, daß in iedem größeren Orte solche Spielplätze hergestellt werden und daß für diesen Zweck 30 Millionen Mark vom Reiche erstmalig zur Verfügung gestellt werden. ferner, daß eine systematische Ausübung des Sportes stattzufinden hat und zu diesem Zwecke für Ausbildung der Lehrer und sonstigen Personen 10 Millionen zur Verfügung gestellt werden. Der Ausschuß erkannte die Wichtigkeit dieser Bestrebungen an. war aber, da der Haushalt bereits verabschiedet war. nicht in der Lage. Mittel einzustellen und beschloß deshalb, die Eingabe der Regierung als Material zu überweisen.
Der Reichsrat.
^ v--. Berlin, 8. Juli. Der R e»ch s r a t hat gegen die Beschlüsse des Reichstages über di« Gesetzentwürfe, betr. den Abbau der Kriegsgesellschaften, betr. Übergang der Wasserstraßen auf das Reich, betr. Neuregelung der Fernsprechgebühren und betr. die Abänderung des Versicherungsgesetzes für Angestellte keinen Einspruch erhoben. — Dem Nachtragsetat stimmte der Reichsrat nach den Beschlüssen des Reichstages zu.
Die Abstimmung über den Streik der Berliner städtischen Arbeiter.
„ Bttttn, 8. Juli. Das Gesanrteraebnis der Urabstimmung über einen Sympathiestreik der städtischen Arbeiter Berlins zur Unterstützung der ausständigen Gutsarbeiter hat 30 786 Stimmen für und 10 353 Stimmen gegen den Streik ergeben. Die Funktionäre der städtischen Arbeiter nabmen gestern abend nach mehrstündiger Debatte folgende Entschließung an: Der Streik der städtischen Arbeiter ist hiermit für F r e i t a g. d e n 8. I u l i. erklärt: er tritt aber erst in Kraft, wenn das Ergebnis der Verhandlungen der Stadtverordnetenverfammung bekannt wird. Sollten di« Gutsarl>eiter mit den Bedingungen, die der Magistrat stellt, einverstanden sein, so werden die übrigen städtischen Arbeiter nicht in den Streik treten, sollten die Gutsarbeiter nicht mit den Bedingungen einverstanden sein, so würde die sofort gebildete Streikleitung der Gas- Wasser- und Elektrisitcitsarbeiter alle weiteren Maßnahmen erarei- fen. Die drei fozialtstöchen Fraktionen der Stadtverord- nstenversammung einigten sich gestern abend auf den Antrag. daß den ausständigen städtischen Gutsarbeitern eine lOprozentige Lohnzulage gewährt und das Mitbest i m m ungs re cht gewahrt werden tolle. Die Per- treier der Geiverkschaften stimmten zu und wollen für die Wiederaufnahme der Arbeit eintreten. Der von dem Beschluß der sozialdemokratischen Fraktionen in Kenntnis ge- setzte O b e r b u r g « r m e i st e r hat für beute eine außer- Sitz»», d»s Magistrat» eiirberulen.
